Drei Kartons vor der Tür

Die Klingel riss durch die Wohnung. Vera stand in der Küche, die Hände bis zu den Handgelenken im lauwarmen Spülwasser. Aus dem Flur hörte sie Sven: „Sie ist in der Küche.“ Dann kam diese Stimme, die durch den hohen Altbauflur segelte wie eine Durchsage: „Hat sie sich wenigstens umgezogen?“

Helga trat ein, ohne anzuklopfen. Ihr fliederfarbenes Kostüm roch nach Lavendel. Sie musterte die Küchenfronten aus Eiche, dann Veras Kleid. „Ach, Vera. Du bist wirklich mutig. Bei deiner Statur so eng anliegend. Das nenne ich innere Freiheit.“

Sven stand im Türrahmen und scrollte auf dem Handy. „Mama hat dir doch nur ein Kompliment gemacht“, sagte er. „Warum suchst du schon wieder Streit? Heute ist ein schöner Abend. Verderb ihn nicht.“

Vera zog die Hände aus dem Wasser und griff nach dem Geschirrtuch. „Ich habe keinen Ton gesagt, Sven.“

„Aber du denkst ihn.“

Er verschwand im Wohnzimmer. Vera stand am Spülbecken und presste das Geschirrtuch so fest, dass Wasser aus dem Stoff tropfte.

Zwei Wochen vorher war Tante Gisela hier gewesen. Sie hatte ein Glas Spreewälder Gurken mitgebracht und auf der Arbeitsplatte abgestellt. Dann hatte sie am Küchentisch gesessen und einen Apfel geschält, während sie redete.

„Helga hat diese Wohnung nie bezahlt, weißt du das eigentlich?“, hatte Gisela gesagt und die Schale in einer langen Spirale vom Apfel gelöst. „Dein Großvater, mein Bruder Rudi, hat sie 1994 gekauft. Für deine Mutter. Nach seinem Tod ist sie an deine Mutter gegangen, und als die krank wurde, hat sie mir eine Vollmacht gegeben, weil sie Helga nicht traute. Ich habe sie all die Jahre verwaltet. Jetzt, wo du hier mit Sven wohnst, wird es Zeit, dass du das schwarz auf weiß hast.“

Sie hatte eine Mappe aus ihrer Handtasche gezogen: den Kaufvertrag von 1994, das notarielle Testament der Mutter, die Vollmacht. Und ein Schreiben vom Notar Dr. Brandt in der Kantstraße, datiert auf den 3. März, das die Übertragung der Wohnung auf Veras Namen bestätigte. Die Grundschuld war seit sechs Jahren getilgt. Die Wohnung gehörte niemandem außer ihr.

„Warum hat mir das keiner gesagt?“, hatte Vera gefragt.

„Weil Helga seit Jahren tut, als wäre es ihre Wohnung. Sie zahlt die Nebenkosten, das stimmt, aber das war immer so vereinbart, als Ausgleich dafür, dass sie hier wohnen durfte, solange du studiert hast. Jetzt bist du fertig, du arbeitest, du bist verheiratet. Es ist Zeit.“ Gisela hatte die Apfelschale in den Müll geworfen und Vera fest am Handgelenk gefasst. „Sag es niemandem, bis du bereit bist. Auch Sven nicht. Erst wenn du weißt, was du willst.“

Vera hatte die Mappe seitdem im Wäscheschrank versteckt, zwischen den Handtüchern, dritte Reihe von oben.

Jetzt, am Spülbecken, hörte sie Helgas Stimme aus dem Wohnzimmer, klar und beiläufig, als spräche sie übers Wetter: „Sven, Schatz, ich habe mit Maklerin Frau Kessler gesprochen. Die Wohnung in der Kantstraße steht zum Verkauf bereit, sobald wir wollen. 480.000 Euro, das ist ein guter Preis für die Lage. Mit dem Geld könntet ihr euch endlich etwas Eigenes suchen, ohne diese Enge hier.“

Vera ließ das Geschirrtuch auf die Ablage fallen.

„Mama, das ist doch noch nicht spruchreif“, sagte Sven, aber seine Stimme klang nicht nach Widerspruch, eher nach Verlegenheit, weil das Thema zu früh angesprochen wurde.

„Warum nicht? Es ist meine Wohnung, ich kann damit machen, was ich will. Ich habe all die Jahre die Nebenkosten getragen, die Instandhaltung, die neue Heizung 2019. Wird Zeit, dass sich das auszahlt.“

Vera trat in den Türrahmen zum Wohnzimmer. Helga saß auf dem Sofa, die Beine übereinandergeschlagen, eine Teetasse in der Hand, die sie sich offenbar selbst eingeschenkt hatte. Sven stand am Fenster und drehte sein Handy zwischen den Fingern, als könnte er es zerbrechen, wenn er nur fest genug daran arbeitete.

„Es ist nicht deine Wohnung, Helga“, sagte Vera.

Die Teetasse klapperte kurz auf der Untertasse. „Wie bitte?“

„Die Wohnung in der Kantstraße gehört mir. Mein Großvater hat sie 1994 gekauft, für meine Mutter. Nach ihrem Tod ist sie über eine Vollmacht an Tante Gisela gegangen, und im März wurde sie notariell auf meinen Namen übertragen. Ich habe den Vertrag. Ich habe das Schreiben von Notar Brandt. Du hast dort nie etwas bezahlt, was dir nicht ohnehin als Gegenleistung fürs Wohnen zustand.“

Sven drehte sich vom Fenster weg. „Vera, was redest du da.“

„Ich rede von Papieren, die seit drei Wochen im Wäscheschrank liegen, Sven. Zwischen den Handtüchern. Du hättest nur mal danach suchen müssen, wenn du dich für irgendetwas in diesem Haushalt interessiert hättest, das nicht deine Mutter betrifft.“

Helga stellte die Tasse mit einem harten Klick auf den Glastisch. „Das ist doch lächerlich. Gisela hat sich das ausgedacht, die Frau war schon immer eifersüchtig auf mich, seit—“

„Ich rufe jetzt Dr. Brandt an“, sagte Vera. „Seine Nummer steht auf dem Briefkopf. Du kannst gerne mithören, wie er dir bestätigt, dass diese Wohnung seit dem 3. März offiziell mir gehört und dass jeder Verkaufsversuch ohne meine Unterschrift null und nichtig wäre.“

Niemand sagte etwas. Draußen fuhr ein Müllwagen durch die Straße, das Scheppern der Tonnen drang gedämpft durch die Doppelfenster.

„Sven“, sagte Vera, und ihre Stimme war ruhig, fast zu ruhig, „seit zwei Jahren stellst du dich neben deine Mutter und nickst zu allem, was sie über mich sagt. Mein Gewicht, meine Kleidung, meine Kochkünste, meine Familie. Ich habe geschwiegen, weil ich dachte, es sei einfacher. Heute Abend habe ich verstanden, dass ihr beide schon eine ganze Wohnung verplant habt, ohne mich auch nur zu fragen, ob ich verkaufen will.“

„Das war nur ein Gedanke“, sagte Sven leise.

„Nein. Frau Kessler hat schon einen Preis genannt. Man ruft keine Maklerin an für einen Gedanken.“

Sie ging in den Flur, öffnete den Schrank neben der Wohnungstür und zog drei leere Kartons hervor, die dort seit dem letzten Umzug standen, zusammengefaltet und mit Klebeband verschlossen gewesen. Sie riss das Band ab, stellte die Kartons nebeneinander vor die Tür und begann, ohne ein weiteres Wort, Svens Jacken aus dem Flurschrank zu nehmen und hineinzulegen.

„Was tust du da?“, fragte Sven und kam ihr nach.

„Ich packe. Aber nicht meine Sachen.“ Sie legte seine Laufschuhe obenauf. „Du hast bis morgen früh Zeit, den Rest selbst zu holen. Ich ändere die Schlösser, sobald der Schlüsseldienst in der Bergmannstraße öffnet, um acht Uhr.“

„Vera, sei doch vernünftig, wir können reden—“

„Wir haben zwei Jahre geredet, Sven. Genauer: du und deine Mutter habt geredet, ich habe zugehört. Jetzt ist die Wohnung meine, und die Entscheidung, wer hier wohnt, ist auch meine.“

Helga stand vom Sofa auf, das fliederfarbene Kostüm plötzlich zu eng geschnitten für die Situation. „Das wirst du bereuen. Er ist dein Ehemann.“

„Er ist ein erwachsener Mann, der noch nie eine eigene Meinung gebraucht hat, solange du ihm eine geliehen hast.“ Vera schloss den dritten Karton, faltete die Klappen ineinander, ohne Klebeband, ordentlich genug, dass er trotzdem hielt. Dann stellte sie ihn neben die anderen beiden vor die Tür, sodass alle drei in einer geraden Reihe standen, bereit zum Abtransport.

Sie griff nach ihrem Handy auf der Kommode und wählte die Nummer von Dr. Brandt, die sie sich vor Wochen eingespeichert hatte. Während es klingelte, sah sie zu, wie Sven wortlos nach der Jacke griff, die obenauf lag, sie anzog und seine Mutter am Ellbogen zur Tür führte.

Bevor die Tür ins Schloss fiel, sagte Vera, mehr zu sich selbst als zu den beiden: „Dr. Brandt, guten Abend, entschuldigen Sie die späte Stunde. Ich brauche eine schriftliche Bestätigung, ausgestellt auf meinen Namen, so schnell wie möglich.“

Sie legte auf, ging zurück in die Küche und zog den Stöpsel aus dem Spülbecken. Das Wasser lief ab, träge und leise gluckernd, und sie stand da, bis auch der letzte Rest verschwunden war.

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