Leonies 2400 Euro

Ich war zweiundzwanzig, als man die Brandt-Kinder nachts in unser Kinderheim in Görlitz brachte. Draußen roch es nach Kohle und nassem Laub, der Herbst hatte die Neiße mit Nebel zugedeckt. Leonie stand als Einzige aufrecht. Um sie herum krochen die Kleinen auf allen vieren, versteckten sich unter dem Bett, hinter dem Vorhang, einer biss die Schwester vom Jugendamt in den Finger. Die Wohnung, aus der sie kamen, hatte ich nicht gesehen. Aber der Geruch, der an den Kindern klebte, erzählte alles: kalter Rauch, saure Milch, Urin. Leonie hielt einen Topflappen in der Hand, als wäre sie mitten im Kochen abgeholt worden. Sie war dreizehn. Sie fragte nicht nach der Mutter. Sie fragte nur, ob der Herd aus ist.

Wir haben die Kinder gebadet, dreimal, mit Kernseife und Einmalhandschuhen. Der Junge, Felix, weinte, als er zum ersten Mal eine Zahnbürste sah – er hielt sie für ein Spielzeug und kaute darauf herum. Die kleine Anna schlief noch im selben Hemd ein, in dem sie gekommen war. Nur Leonie blieb wach. Sie saß am Fenster, den Rücken gerade wie ein Brett, und schaute auf die Straße. Nach drei Wochen konnte sie lächeln. Nicht viel, nur so ein Zucken im Mundwinkel, wenn sie beim Tischdienst die Teller schneller stapelte als ich.

Die Mutter tauchte erst im Dezember wieder auf. Sie stand im Flur, schwankte leicht nach links, in der Hand eine Tüte vom Netto, darin für jedes Kind ein Lolli. Sie stank nach Apfelkorn. Die Kleinen hingen an ihr wie Kletten, Felix schrie „Mama!“ und drückte sein Gesicht in ihren Mantel, der vorne von irgendetwas Braunem verklebt war. Ich wollte die Frau rausschmeißen. Aber die Kinder klammerten sich fest, als wäre sie das Einzige, was sie auf der Welt hätten. Und das Schlimmste: Sie hatten recht.

Leonie blieb in der Küche. Ich fand sie dort, den Rücken zur Tür, die Hände flach auf dem Herd. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie drehte sich nicht um. „Werde ich auch so?“, fragte sie. Ich sagte nein. Ich log nicht einmal. Ich wollte es glauben.

Zwei Jahre später, bei der Weihnachtsfeier, habe ich Leonie mein altes Ballkleid geliehen. Dunkelblau, mit einem U-Boot-Ausschnitt, den meine Mutter für unanständig hielt. Als Leonie in den Saal trat, wurde es einen Moment lang still. Nicht die Stille der leeren Kirche – eher wie vor einem Gewitter. Ihre Haare waren wie Kupferdraht, frisch gewaschen, glänzend. Die Jungen starrten. Die Direktorin, Frau Berger, ein Mensch aus mittelalten Akten und Beton, nahm mich am nächsten Morgen beiseite. Sie sprach von „provozierender Sexualisierung Minderjähriger“ und von „Konsequenzen“. Ich hätte den Mund halten sollen. Stattdessen sagte ich: „Wenn Sie nachts nicht in Ihrem Büro schlafen würden, hätten Sie gesehen, dass die Kinder nur getanzt haben.“ Das war das Ende meiner Stelle. Ich musste vor Weihnachten gehen.

Die Brandt-Kinder kamen in ein anderes Heim, nach Bautzen. Ich brachte sie zum Bus. Leonie drückte mir einen Zettel in die Hand. Darauf stand: „Du warst die Einzige, die nicht gelogen hat.“ Rechtschreibung fehlerfrei. Ich habe den Zettel bis heute.

Fünfundzwanzig Jahre später saß ich in meiner Einzimmerwohnung in Görlitz, trank Fencheltee und scrollte durch Facebook. Felix war Elektriker, verheiratet, drei Kinder. Anna arbeitete bei einem Floristen in Dresden – auf jedem Foto dieselben Sonnenblumen, als ob sie sich hinter ihnen verstecken wollte. Nur Leonie fand ich nicht. Kein Profil, kein Foto, nichts. Mein Herz machte so einen kleinen, harten Doppelschlag, wie wenn man im Dunkeln die letzte Treppenstufe verpasst.

Anna antwortete nach drei Tagen. „Sie lebt auf der Straße. Seit acht Jahren. Drogen, Alkohol, keine Zähne mehr.“ Dann schickte sie ein Foto aus besseren Tagen: Leonie am Hafen von Hamburg, im weißen Kleid, neben einem Mann im Anzug. Sebastian, Sohn eines Unternehmers. Hochzeit im Schlosshotel. Und dann der erste Schluck Sekt. Sie hatte vorher nie getrunken. Nach dem zweiten Glas war sie wie verwandelt. Nach dem dritten nicht mehr ansprechbar. Es war keine böse Absicht, schrieb Anna. Es war eine chemische Reaktion, als hätte jemand in ihrem Kopf einen Schalter umgelegt. Der Mann war nicht grausam. Er war nur reich genug, um sich scheiden zu lassen, ohne laut zu werden. Leonie verlor die Wohnung, den Job, die Kieferorthopädin, alles. Irgendwann unterschrieb sie eine Schenkungsurkunde für einen Herrn, der ihr einen Wintermantel versprach. Danach war sie weg.

Ich lag wach bis halb vier. Draußen fuhr die Straßenbahn, die elektronische Anzeige an der Haltestelle flackerte. In mir arbeitete es. Nicht Trauer. Nicht Wut. Eher so ein Ziehen hinter dem Brustbein, als würde da ein Haken stecken, der nach Hamburg zeigt.

Am nächsten Morgen zog ich meine Schuhe an, nahm die Sparkassenkarte aus der Blechdose im Küchenschrank und ging zum Automaten. Ich hob 2400 Euro ab. Das war die Summe, die eine private Entzugsklinik in Dresden für die ersten zwei Wochen ohne Versicherung verlangte. Ich legte das Geld in einen Briefumschlag. Dazu schrieb ich auf einen Zettel nur eine Adresse: „Keller, Blumenstraße 14, Görlitz. Ich warte.“

Hamburg ist groß, aber der Hauptbahnhof ist ein Dorf. Es dauerte fünf Tage, bis ich sie fand. Sie saß unter der Kanalbrücke, auf einem Stapel Pappkartons, eine dünne Gestalt mit grauem Haar und fehlenden Schneidezähnen. Sie trug drei Jacken übereinander, die oberste war eine orangefarbene Warnweste. Neben ihr stand ein Einkaufswagen voller Pfandflaschen. Ich blieb zwanzig Meter entfernt stehen, als wäre ich wieder zweiundzwanzig und hätte Angst vor der Frau, die nach Apfelkorn roch. Aber diesmal war es anders. Ich ging zu ihr hin. Sie sah auf. Ihre Augen waren noch immer die von damals, nur die Haut darum war wie zerknittertes Papier.

„Leonie.“ Ich sagte es ruhig.

Sie schaute an mir vorbei auf den Boden, auf meine Schuhe, wieder hoch. „Die aus Görlitz“, murmelte sie. „Die mit dem blauen Kleid.“

Mehr sagte sie nicht. Ich legte den Umschlag auf den Karton neben sie. „Für dich. Eine Freundin hat mir geholfen, die Adresse von einer Klinik zu besorgen. Da ist nur der erste Monat drin.“

Sie rührte ihn nicht an. „Ich brauche keine Klinik.“

„Ich weiß“, sagte ich. „Aber du brauchst einen Ort, an dem du duschen kannst, ohne dass dir jemand die Schuhe klaut.“

Sie schnaubte durch die Nase. Es klang fast wie ein Lachen. Dann nahm sie den Umschlag und schob ihn in die Innentasche der Warnweste. „Du bist verrückt.“

Ich blieb noch eine Stunde. Wir sprachen nicht über damals, nicht über die Mutter, nicht über Sebastian. Wir saßen da, der Verkehr rauschte über uns, und Leonie trank einen Becher Tee aus meiner Thermoskanne. Als ich aufstand, sagte sie: „Ich komme. Aber nicht wegen dem Geld.“

Ich nickte nicht. Ich sagte: „Ich weiß.“ Und ging.

Zehn Tage später klingelte es an meiner Tür. Ich hatte gerade die Fenster geputzt, stand auf der Leiter, das Putztuch noch in der Hand. Durch das Treppenhausfenster sah ich sie unten stehen. Keine Warnweste. Kein Einkaufswagen. Ein Rucksack. Sie war dünn, aber ihre Haare waren gewaschen. Sie hielt den Umschlag in der Hand, noch immer zugeklebt.

Ich machte die Tür auf. Sie legte mir den Umschlag in die Hand. „Ich habe ihn nicht gebraucht. Ich wollte nur sehen, ob du wirklich noch da bist.“

Ich nahm den Umschlag. 2400 Euro. Ich hätte das Geld zurücktragen können. Stattdessen ging ich in die Küche, holte die Blechdose aus dem Schrank und legte den Umschlag hinein. Dann machte ich Tee. Fenchel, wie immer. Leonie setzte sich an den Tisch, nahm einen Keks aus der Dose, brach ihn in zwei Hälften und schob mir die größere hin.

Draußen fuhr die Straßenbahn vorbei. Die Anzeige an der Haltestelle zeigte die Zeit. 17:44. Die Wohnung roch nach Putzmittel und nassen Blättern. Und zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren saß Leonie Brandt wieder in meiner Küche, als wäre sie nie weg gewesen.

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