Vierhundert Euro. So viel hatte Simone Krüger noch übrig, als sie um Viertel nach sechs am Automaten in der Sparkassenfiliale in Bottrop den letzten Betrag auf ihr Urlaubskonto überwies. Zwölf Monate lang hatte sie jeden Cent zusammengekratzt – kein neuer Wintermantel, kein Kaffee bei Rewe to go, kein Kinoabend mit der Kollegin Petra. Alles für die eine Woche. 2.480 Euro standen jetzt auf dem Konto. Genau die Summe, die Frank und sie für die Finca auf Mallorca gebraucht hatten.
Zwei Jahre war Simone mit Frank Bösner zusammen, und dieser Trip sollte etwas beweisen. Kein Wochenendbesuch bei seiner Mutter, kein Grillabend mit seinen Kumpels aus der Werkstatt – nur sie beide, acht Tage, eine Finca mit Pool bei Cala Ratjada, Frühstück auf der Terrasse, Abendessen mit Blick auf die Bucht. Sie hatte sich die Fotos der Unterkunft so oft angesehen, dass sie jede Fliese im Kopf hatte. Frank hatte ebenfalls gespart, hatte Zusatzschichten in der Autowerkstatt seines Chefs übernommen, hatte auf das Fußballgucken in der Kneipe verzichtet. Als die Flugtickets gebucht waren, konnte Simone es kaum fassen: aus dem Traum wurde Wirklichkeit.
In der Nacht vor dem Abflug schlief sie kaum. Der Koffer stand gepackt neben der Tür, draußen bellte der Nachbarshund dreimal kurz und verstummte wieder, irgendwo im Treppenhaus roch es nach dem Kartoffelauflauf von Frau Wiesner aus dem zweiten Stock. Am Morgen fuhren sie mit dem Taxi zum Flughafen Düsseldorf, schwiegen die meiste Zeit, jeder mit seinen eigenen Gedanken. Simone starrte aus dem Fenster und dachte, dass in ein paar Stunden alles Graue hinter ihr liegen würde.
Der Check-in ging schnell. Sie gaben die Koffer auf, kamen durch die Sicherheitskontrolle, setzten sich in den Wartebereich. Ringsum saßen andere Urlauber, genauso aufgeregt, genauso müde von der Warterei. Als der Aufruf zum Boarding kam, war Simone als Erste auf den Beinen.
Im Flugzeug fanden sie ihre Plätze, Reihe siebzehn, Fensterplatz für Simone. Sie schnallte sich an, atmete tief durch – und dann hörte sie eine Stimme, die ihr durch Mark und Bein ging.
„Frankilein, mein Schatz, guck mal, wer hier ist!"
Simone drehte sich um. Im Gang stand Renate Bösner, Franks Mutter, mit einer Reisetasche von Aldi in der Hand. Neben ihr eine zweite Frau, etwa gleich alt, mit knallroten Lippen und einer Sonnenbrille auf dem Kopf.
„Mama, hallo", sagte Frank, und sein Kopf wurde rot bis zu den Ohren.
„Ach, Frankilein, du bist doch unser Wohltäter! So ein guter Junge!", zwitscherte Renate.
Die Fremde strahlte ebenfalls: „Ich bin Ingrid Pahlke, deine Mama und ich sind schon seit der Schulzeit befreundet. Danke, dass du uns nicht vergessen hast!"
Simone drehte sich langsam zu Frank. „Wovon reden die?"
Er starrte auf seine Knie. „Ich – ich wollte es dir sagen."
„Was sagen?"
„Ich habe für Mama und Ingrid auch Tickets gebucht. Und ein Zimmer in derselben Finca."
In Simone brach etwas zusammen. Er hatte Reisen gebucht. Für seine Mutter und ihre Freundin. Für ihren gemeinsamen Urlaub.
„Das ist doch ein Witz", brachte sie mühsam heraus.
Frank fing an, sich zu rechtfertigen: Mama habe gebettelt, habe gesagt, sie träume ihr ganzes Leben schon vom Meer, die Rente sei so klein, so eine Chance komme nie wieder. Er habe einfach nicht Nein sagen können.
„Und ich?", zitterte Simones Stimme. „Ich habe auch ein ganzes Jahr gespart. Für uns beide."
„Simone, wir sind doch trotzdem zusammen", sagte er. „Jetzt sind wir eben eine große Familie im Urlaub."
Renate beugte sich über den Gang: „Wir stören euch doch gar nicht! Wir sitzen da hinten, Reihe achtzehn. Fast nebenan!"
„Genau", stimmte Ingrid zu. „Junge Leute brauchen ihre Zweisamkeit. Wir kommen nur ab und zu vorbei. Na ja, und bei den Ausflügen sind wir natürlich dabei."
Simone drehte sich zum Fenster. Sie hätte schreien können, aber die Kehle war so eng, dass kein Wort herauskam. Der Flug dauerte zwei Stunden vierzig. Sie schwieg die ganze Zeit. Frank versuchte mehrmals, etwas zu sagen, sie antwortete nicht. Ein Gedanke drehte sich in ihrem Kopf im Kreis: ein Jahr Träumen, Sparen, Planen – zerstört, noch bevor die Maschine überhaupt abgehoben hatte.
In der Finca stellte sich heraus, dass es zwei Zimmer gab: eines für sie und Frank, eines für Renate und Ingrid. Das war der einzige schwache Trost. Als Simone das Zimmer betrat, war alles wie auf den Fotos – Doppelbett, Balkon mit Blick auf die Pinien, ein kleines Bad mit Steinfliesen. Aber die Freude blieb aus. Sie setzte sich auf die Bettkante, Frank sagte leise: „Wir sollten reden."
„Worüber?"
„Ich sehe doch, dass du sauer bist."
„Sauer? Frank, du hast mir meinen Traum gestohlen. Unseren Traum."
Er beteuerte, er habe nichts gestohlen, sie seien doch trotzdem zusammen. Doch Simone spürte längst: Das wird kein romantischer Urlaub. Das wird ein Urlaub mit seiner Mutter und deren bester Freundin.
Kurz darauf klopfte es. Ohne auf Antwort zu warten, kam Renate herein.
„Frankilein, die Klimaanlage bei uns geht nicht! Kommst du mal gucken?"
„Sofort, Mama", warf er schuldbewusst hin und verschwand.
Simone blieb allein in dem Zimmer zurück, von dem sie ein ganzes Jahr geträumt hatte, und dachte zum ersten Mal, dass sie am liebsten nach Hause fahren würde.
Von da an lief alles genau so, wie sie es befürchtet hatte. Beim Abendessen warteten Renate und Ingrid schon am Restauranteingang. Beim Frühstück reservierten sie Plätze und winkten quer über die Terrasse: „Frankilein, hierher!" Am Pool – zusammen. Beim Spaziergang durch Cala Ratjada – zusammen. Jedes Essen, jeder Ausflug, jeder Gang zum Supermarkt – zusammen. Frank trug ihnen Kaffee, brachte Wasser, holte Ersatz, wenn Mama etwas nicht schmeckte, suchte Schatten, wenn ihr zu heiß wurde.
Am vierten Tag wollte Renate unbedingt eine Ausflugsfahrt nach Palma machen, mit Kathedralenbesichtigung und Bootstour im Hafen. Fünfundvierzig Euro pro Person. Hundertachtzig Euro für vier Leute – eine Ausgabe, mit der Simone und Frank nie gerechnet hatten. Frank versuchte kurz zu widersprechen, aber seine Mutter blieb hart: „Wir sind doch im Urlaub! Da kann man doch nicht knausern!" Ingrid legte gleich nach: „Deiner Mama tut ein bisschen Kultur auch mal gut!" Frank seufzte und gab nach. Simone fragte er gar nicht erst.
Auf dem Ausflug war es stickig, überfüllt, die Sonne brannte. Renate und Ingrid beschwerten sich ohne Unterlass – mal Durst, mal Müdigkeit, mal die Hitze. Frank lief zwischen ihnen hin und her, während Simone hinterherging und schweigend Fotos von der Kathedralenfassade machte.
Am Abend wollte die Schwiegermutter unbedingt in ein Fischrestaurant am Hafen. „Frankilein, komm, da gibt's die besten Gambas der Insel!" – „Mama, das ist teuer", versuchte er noch einmal. „Einmal im Leben darf man sich was gönnen!"
Renate bestellte Hummer, Ingrid eine Riesenplatte Meeresfrüchte. Simone nahm den günstigsten Salat. Als die Rechnung über hundertfünfzig Euro kam, wurde Frank blass, zahlte aber. Danach noch die Souvenirläden – Magnete, Teller, kleine Windmühlen aus Holz. Wieder zog Frank sein Portemonnaie.
Am Abend saß Simone auf dem Balkon und versuchte, nicht zu explodieren. Frank setzte sich vorsichtig dazu. „Bist du böse?"
„Das ist keine Wut, Frank. Das ist Enttäuschung."
Sie sagte ihm alles: dass sie keine einzige Minute allein gewesen waren, dass sie statt Romantik zu Kindermädchen für zwei erwachsene Frauen geworden waren, dass er für die beiden mehr ausgegeben hatte als für ihren eigenen Urlaub.
„Du übertreibst", sagte er.
Da platzte Simone der Kragen.
„Ich übertreibe?! Ich habe ein Jahr lang gespart! Mir alles vom Mund abgespart! Und du bringst einfach deine Mutter und ihre Freundin mit!"
„Na ja, es sind eben meine Leute …"
„Und was bin ich für dich?"
„Meine Freundin."
„Eine Freundin, der du nicht mal gesagt hast, dass noch zwei Leute mitkommen!"
„Ich hatte Angst, du erlaubst es nicht …"
„Natürlich hätte ich das nicht erlaubt! Das sollte unser Urlaub sein!"
In diesem Moment ging die Tür auf. Renate stand im Türrahmen.
„Frank, was ist hier los? Warum schreit sie dich an?"
Simone versuchte, sich zu beherrschen, konnte es aber nicht mehr. Sie sagte, sie sei es leid, dass ihr Urlaub zu einem Bedienservice für die Schwiegermutter und deren Freundin geworden sei. Renate lief rot an.
„Frank ist mein Sohn! Er ist verpflichtet, sich um mich zu kümmern!"
„Und ich dachte, wir fliegen zu zweit", antwortete Simone. „Nicht mit dir, deiner Freundin und euren endlosen Ansprüchen."
Ein schwerer Moment hing im Raum. Frank stand da, blass, unbeweglich.
„Wer bist du eigentlich, dass du meinem Sohn vorschreibst, wie er zu leben hat?", warf Renate ihr entgegen.
„Ich bin seine Freundin."
„Nur die Freundin! Nicht mal verheiratet, und schon so viele Forderungen!"
In der Tür erschien nun auch Ingrid und mischte sich ein. Simone konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie sagte, dieser ganze Urlaub sei für sie zur Qual geworden, sie erhole sich nicht, sie ertrage nur.
„Dann ertrag's doch nicht!", fauchte die Schwiegermutter. „Geh doch und erhol dich allein!"
Simone erstarrte kurz. Dann begriff sie: Das war tatsächlich der Ausweg.
„Guter Vorschlag", sagte sie und wandte sich zu Frank. „Genau das mache ich jetzt."
„Was?", er starrte sie ratlos an.
„Den Rest vom Urlaub verbringe ich getrennt von euch."
Sie holte den Koffer und warf ihre Sachen hinein.
„Ich ziehe in ein anderes Zimmer."
„Simone, das ist doch Wahnsinn!"
„Wahnsinn ist, deine Mutter und ihre Freundin noch vier Tage zu ertragen."
Renate schnaubte verächtlich: „Dann geh doch! Ohne dich wird's uns nur besser gehen!"
Simone schloss den Koffer, nahm die Handtasche und sah Frank ein letztes Mal an. „Erhol dich mit ihr. Wenn sie dir wichtiger ist."
Sie riss die Tür auf und ging.
An der Rezeption fragte sie nach einem freien Einzelzimmer für die verbleibenden vier Nächte – es gab noch eines, mit Blick auf den Garten statt auf die Bucht, aber ohne Renate, ohne Ingrid, ohne das Klappern von Franks Kaffeetassen um sieben Uhr morgens. Sie zahlte die Differenz mit der Kreditkarte, ließ sich die Buchung als PDF an ihr Handy schicken und ging auf ihr neues Zimmer, ohne sich umzudrehen.
Die restlichen Tage verbrachte sie allein am Pool, aß, wann sie wollte, schwamm, wann sie wollte, und ließ ihr Handy meist im Zimmer liegen. Frank schrieb dreimal, sie antwortete nicht. Am letzten Abend, im Flugzeug zurück nach Düsseldorf, saß sie wieder in Reihe siebzehn – diesmal drei Reihen von Frank, Renate und Ingrid entfernt, ein Umbuchungswunsch, den die freundliche Dame am Gate ohne Aufpreis erfüllt hatte.
Zwei Wochen nach der Rückkehr saß Simone am Küchentisch in ihrer Wohnung in Bottrop, vor sich den Kontoauszug und den Mietvertrag der gemeinsamen Wohnung, in die sie mit Frank im Herbst hatte ziehen wollen. Sie rief die Vermieterin an und sagte ab. Dann loggte sie sich ins Online-Banking ein und löste das gemeinsame Reisesparkonto auf, das sie mit Frank vor einem Jahr eröffnet hatte – 340 Euro Restguthaben, die noch offen standen, überwies sie auf ihr eigenes Konto und schloss das Konto endgültig. Die Bestätigungsmail landete um 14:12 Uhr in ihrem Postfach. Frank rief an diesem Nachmittag zweimal an. Simone legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und goss sich eine Tasse Kaffee ein.
