Der Schlüssel für die Werkstatt in Emmerich

Renate Bosch stand am Herd und rührte die Kartoffelsuppe um, als ihr Sohn Jendrik die Küche betrat und sagte, er habe jemanden mitgebracht. Sie drehte den Herd auf klein und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Im Flur stand eine Frau, die sie auf Mitte vierzig schätzte – dunkelblonde Haare, eine Lederjacke, die zu teuer aussah für den Renault vor der Tür.

„Mama, das ist Katharina."

Renate rechnete später nach: Jendrik war fünfundzwanzig. Katharina, wie sich beim Kaffee herausstellte, war einundvierzig. Sechzehn Jahre. Renate goss den Kaffee ein, ohne dass ihre Hand zitterte, aber sie verschüttete trotzdem etwas auf die Untertasse, und Katharina schob ihr wortlos eine Serviette hin, als wäre es ihre Küche.

Draußen bellte der Nachbarshund dreimal und verstummte wieder – der Köter tat das jeden Abend um diese Zeit, seit Jahren, und Renate hörte es kaum noch, aber an diesem Abend zuckte sie bei jedem Bellen zusammen.

„Katharina arbeitet in der Immobilienverwaltung", sagte Jendrik, als müsste er etwas erklären, das keiner Erklärung bedurfte. „Wir kennen uns seit acht Monaten."

Renate hatte in Emmerich am Rhein eine kleine Autowerkstatt geführt, seit ihr Mann vor elf Jahren gestorben war. Zweiundzwanzigtausend Euro hatte sie in den letzten fünf Jahren investiert, um die Hebebühne zu erneuern und einen zweiten Arbeitsplatz für Jendrik einzurichten, der bei ihr gelernt hatte und der die Werkstatt eines Tages übernehmen sollte. Das war der Plan. Ein Sohn, eine Werkstatt, eine Zukunft, die sich nicht ständig neu erfinden musste.

Katharina war geschieden, das erfuhr Renate noch am selben Abend, und hatte einen Sohn aus erster Ehe, der schon eine eigene Wohnung in Kleve hatte. „Er ist nur drei Jahre jünger als Jendrik", sagte Katharina beiläufig, während sie den Löffel in die Suppe tauchte, und Renate spürte, wie ihr die Kehle eng wurde, aber sie sagte nichts. Der Fernseher im Wohnzimmer lief noch, irgendeine Quizsendung, niemand hatte ihn ausgeschaltet, und die Stimme des Moderators drang gedämpft durch die Wand.

„Ihr wollt sicher bald zusammenziehen", sagte Renate schließlich, mehr Feststellung als Frage.

„Katharina hat schon eine Wohnung in Kleve", erwiderte Jendrik. „Ich – ich dachte, ich ziehe zu ihr."

Renate legte den Löffel hin. „Und die Werkstatt?"

„Die läuft doch weiter, Mama. Ich helf dir am Wochenende."

Das war der Moment, an dem Renate begriff, dass es nicht um eine Dame ging, die ihr Sohn nach Hause brachte. Es ging um eine Entscheidung, die längst gefallen war, ohne sie zu fragen.

In den folgenden Wochen kam Jendrik seltener zur Arbeit. Erst fiel ein Montag aus, dann ein Freitag, dann eine ganze Woche, weil Katharina mit ihm nach Mallorca fliegen wollte, „spontan, weißt du, sie hat einfach Lust drauf". Renate stand allein an der Hebebühne und wechselte Bremsscheiben bei einem Kunden, der schon zum dritten Mal anrief und fragte, wann sein Wagen fertig sei.

Der eigentliche Schlag kam im März, an einem Donnerstag, als Renate in der Post einen Brief vom Notar fand – adressiert nicht an sie, sondern an Jendrik, aber versehentlich in ihren Briefkasten gelegt, weil die Nummern in der Siedlung durcheinandergeraten waren. Sie öffnete ihn nicht sofort. Sie legte ihn auf den Küchentisch und kochte erst den Kaffee fertig, den sie angefangen hatte. Dann las sie.

Es war ein Entwurf für einen Übertragungsvertrag. Katharina hatte über ihre Kontakte in der Immobilienverwaltung einen Investor gefunden, der Interesse an dem Grundstück der Werkstatt hatte – das Areal lag günstig, direkt an der Ausfallstraße Richtung Rees, und ein Bauträger wollte dort ein kleines Gewerbezentrum errichten. Jendrik sollte, laut dem Entwurf, seinen Anteil – die Hälfte, die ihm sein Vater testamentarisch vermacht hatte – für hundertachtzigtausend Euro verkaufen. Ohne mit seiner Mutter zu sprechen. Ohne dass die Werkstatt, die andere Hälfte gehörte Renate, überhaupt weiterbestehen konnte, wenn der Investor das Grundstück in dieser Form bebauen wollte.

Renate saß lange am Tisch, den Brief vor sich, während draußen die Straßenbahn Richtung Kleve vorbeirumpelte, wie jeden Tag um zwanzig nach vier. Sie dachte an die zweiundzwanzigtausend Euro für die Hebebühne. Sie dachte an ihren Mann, der Jendrik das Schrauben beigebracht hatte, an einem Sonntagvormittag, als der Junge gerade zwölf war und die Finger noch zu klein für den Drehmomentschlüssel.

Am Abend rief sie Jendrik nicht an. Sie rief ihren Anwalt an, Herrn Dr. Steinkamp, mit dem sie seit dem Tod ihres Mannes zu tun hatte, und bat um einen Termin für den nächsten Morgen.

„Der Vertrag ist nicht rechtskräftig, solange Sie als Miteigentümerin nicht zustimmen", erklärte Dr. Steinkamp, als sie ihm den Entwurf vorlegte. „Aber wenn Ihr Sohn seinen Anteil isoliert verkauft, können Sie faktisch nicht verhindern, dass ein fremder Investor Miteigentümer der Werkstatt wird. Das würde den Betrieb praktisch lahmlegen."

„Was kann ich tun?"

„Sie könnten ihm anbieten, seinen Anteil selbst zu kaufen. Zu einem fairen Preis. Bevor er ihn an den Investor verkauft."

Renate nickte langsam und unterschrieb noch am selben Tag eine Vollmacht, die Dr. Steinkamp beauftragte, mit dem Notar Kontakt aufzunehmen und den Verkauf an den Investor rechtlich zu blockieren, solange keine Zustimmung der Miteigentümerin vorlag.

Zwei Tage später stand Jendrik in der Küche, den Brief in der Hand, den er inzwischen selbst geöffnet hatte, mit rotem Gesicht. „Warum hast du das gemacht, Mama? Das ist mein Anteil, ich kann damit machen, was ich will!"

„Kannst du. Aber nicht so, dass die Werkstatt kaputtgeht, für die dein Vater und ich fünfzehn Jahre gearbeitet haben."

„Katharina meint, das Geld würde uns beiden helfen, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen."

„Katharina", sagte Renate ruhig, „hat einen Provisionsanteil an diesem Deal. Das steht im Entwurf, Jendrik. Fünf Prozent für die Vermittlung. Neuntausend Euro. Hast du die Seite drei überhaupt gelesen?"

Jendrik starrte auf das Papier in seiner Hand, blätterte zurück, fand die Klausel. Sein Gesicht veränderte sich, aber Renate sagte nichts mehr dazu. Sie ging zur Werkbank, nahm den Drehmomentschlüssel, den gleichen, mit dem sein Vater ihm einst das Schrauben beigebracht hatte, und legte ihn auf den Tisch zwischen sie.

„Ich verkaufe meinen Anteil nicht an einen Investor. Aber ich biete dir hundertachtzigtausend Euro für deinen Anteil, wie er im Vertrag steht. Bar, in Raten über drei Jahre, notariell festgehalten. Dann ist die Werkstatt allein meine, und du machst, was du willst mit deinem Leben und deinem Geld."

Es dauerte vier Wochen, bis der Vertrag unterschrieben wurde. Katharina war bei keiner der Verhandlungen anwesend – Jendrik brachte sie nicht mehr mit. Er zog trotzdem nach Kleve, aber die Beziehung hielt nicht bis zum Herbst; Renate erfuhr es von der Nachbarin, die Katharina in der Sparkassen-Filiale getroffen hatte, mit einem anderen Mann am Arm, deutlich jünger als Jendrik.

An dem Tag, an dem die letzte Rate überwiesen wurde, saß Renate abends allein in der Werkstatt, das Radio lief leise, irgendein Sender aus Kleve mit alten Schlagern, und sie hängte ein neues Schild über die Tür: „Autowerkstatt Bosch – Inh. R. Bosch". Jendrik kam am folgenden Montag vorbei, fragte, ob sie noch einen Mechaniker brauche, auf Stundenbasis, ohne Anteile, ohne Ansprüche. Renate überlegte kurz, dann reichte sie ihm den Schlüssel für die Werkstatttür.

Ein Jahr später erzählte ihr eine ehemalige Kollegin von Katharina, dass diese den Provisionsvertrag mit dem Investor überhaupt nie unterschrieben hatte – der Deal war schon geplatzt gewesen, bevor Jendrik überhaupt den Brief in der Hand hielt, weil der Bauträger sich für ein anderes Grundstück in Rees entschieden hatte. Katharina hatte die Sache also die ganze Zeit nur genutzt, um an das Geld aus dem Verkauf heranzukommen, ganz ohne eigenes Risiko. Renate hörte sich die Geschichte an, nickte kurz und wechselte das Thema, während sie eine Ölwanne wieder festzog.

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