Vom Küchenfenster in Pieschen schaue ich auf die Elbe. Heute ist sie grau, als hätte jemand die Farbe vergessen, und unten im Hof liegt eine einsame Luftmatratze auf dem Müllplatz. In meiner Hand liegt ein Kontoauszug der Sparkasse. 4000 Euro. Verwendungszweck: Dachrinne. Empfängerin: Gisela Hauser.
Ich lese die Zeile zum dritten Mal. Dann lege ich den Auszug in die Schublade vom Nachttisch, wo er die nächsten Wochen liegt und leise arbeitet wie eine Uhr.
Moment. Ich fange zu früh an.
Die Geschichte, die ich erzählen will, beginnt im Oktober. Wir waren bei Reiners Mutter eingeladen, in ihrer Altbauwohnung in Plauen, zum dreißigsten Geburtstag seiner Schwester. Ich zog ein dunkelblaues Kleid an, das im Schrank noch nach dem Sommer roch, und Reiner stand im Flur und fummelte an seinem Hemdkragen, als wäre der Kragen schuld an allem.
„Es ist nur ein Essen“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte er.
Ich wusste es besser.
Gisela öffnete die Tür, nahm den Wein entgegen und stellte ihn in die Küche, ohne einen Blick aufs Etikett. Ihre Wohnung hat diese typischen Dresdner Stuckdecken, hohe Fenster, einen Flur, in dem es nach Bohnerwachs und einem Hauch von kaltem Rauch riecht, obwohl seit Jahren niemand mehr raucht. Im Wohnzimmer stand der Tisch für sieben Personen. Reiner, ich, seine Schwester Anne mit Mann, Tante Beate, Onkel Wolfgang. Gisela trug eine Seidenbluse und eine Kette, die bei jeder Bewegung leise klapperte.
Die erste Stunde ging. Rinderrouladen, Klöße, Rotkohl. Ich half nicht in der Küche, weil Gisela Hilfe nicht annimmt, sie lehnt sie mit einem Satz ab, der so klingt, als hätte man sie beleidigt.
Beim Nachtisch fing Tante Beate davon an, dass Familie einen Menschen zusammenhält. Gisela tunkte den Löffel in die Vanillesoße und sagte in den Raum hinein:
„Blutsverwandtschaft bleibt. Der Rest ist ersetzbar. Heute die, morgen die andere, das ist im Leben so.“
Sie sagte es nicht zu mir. Sie sagte es über meinen Kopf hinweg, mit halbgeschlossenen Augen, wie man über Wetter oder einen lästigen Mieter spricht. Am Tisch wurde es still. Onkel Wolfgang drehte seinen Ehering um den Finger, Anne fischte eine Nelke aus dem Rotkohl, Reiner saß da und schaute auf sein Wasserglas, als stünde dort eine Antwort geschrieben.
Ich faltete die Stoffserviette zweimal, legte sie neben den Teller und stand auf.
„Gisela“, sagte ich. „Ich habe Sie verstanden.“
Dann nahm ich meine Jacke vom Haken im Flur und ging. Meine Absätze auf dem Parkett, hinter mir nichts, nur das leise Klappern der Kette. Im Treppenhaus roch es nach einem fremden Essen, nach angebratenen Zwiebeln und dem Parfüm der Nachbarin, das sich mit dem Geruch von kaltem Putz mischte. Draußen regnete es leicht, die Kastanien auf dem Gehweg glänzten. Ich setzte mich ins Auto und wartete.
Reiner kam sechs Minuten später. Er startete den Wagen, legte die Hand auf den Schalthebel, fuhr los. Wir schwiegen bis zur Carolabrücke. Dann sagte er:
„Sie meint es nicht so.“
„Sag mir, was sie meint“, sagte ich.
Er wischte den Atem von der Scheibe, wo ein blasser Fleck entstanden war. „Das ist ihre Art. Du kennst sie doch.“
„Ich kenne sie“, sagte ich. „Deshalb frage ich dich, ob du ihr gesagt hast, dass deine Frau nicht ersetzbar ist.“
Er bog in unsere Straße ein. Das Radio lief leise, der Verkehrsfunk meldete Stau auf der Waldschlößchenbrücke.
In der Wohnung stellte er die Autoschlüssel in die kleine Schale neben der Tür. Die Schale hatte seine Mutter ihm mal mitgebracht, aus dem Erzgebirge, mit einem Hirschkopf am Rand. Ich blieb im Flur stehen, die Jacke noch an.
„Ich brauche nur eine Antwort“, sagte ich. „Hast du etwas gesagt?“
„Da waren alle am Tisch“, sagte er. „Man macht doch keine Szene vor den Gästen.“
„Es war keine Szene“, sagte ich. „Ich habe die Serviette gefaltet. Eine Szene wäre gewesen, wenn ich den Rotkohl an die Stuckdecke geworfen hätte.“
Er verzog den Mund, aber nicht zum Lächeln.
„Du hast ja recht“, sagte er. „Sie war daneben. Ich sag's ihr.“
„Wann?“
„Morgen. Oder übermorgen.“
Ich zog die Jacke aus und legte sie über den Stuhl. Er sprach nicht davon, dass „morgen“ schon oft gekommen war.
Drei Tage später hörte ich ihn auf dem Balkon telefonieren. Er stand mit dem Rücken zur Tür, die Schulter ans Geländer gelehnt, das Handy am Ohr, die Stimme nicht laut, aber deutlich:
„Mama, hör zu. So redest du nicht über meine Frau. Nicht in meiner Anwesenheit. Nirgendwo.“
Pause. Vom Nachbarhof bellte ein Dackel, der am Zaun entlangrannte.
„Doch, jetzt rede ich“, sagte er. „Ich war vier Jahre still, das war der Fehler. Es reicht.“
Er hörte zu, ich sah, wie seine freie Hand das Geländer umfasste. Dann klappte er das Handy zu. Kam rein, legte es auf den Tisch. Seine Augen waren müde, sein Hemd zerknittert.
„Sie hat aufgelegt“, sagte er. „Sie nennt mich undankbar.“
„Sie ruft wieder an“, sagte ich. „In zwei Wochen. Und tut, als wäre nichts gewesen.“
„Ja“, sagte er. „So ist sie.“
Wir standen in der Küche. Ich schälte Kartoffeln, er lehnte an der Arbeitsplatte und trank Leitungswasser aus einem Glas mit abgeplatztem Rand. Draußen fiel der Regen jetzt dichter, eine Straßenbahn bimmelte unten, ein Notarzt fuhr vorbei und verlor sich Richtung Großenhain. Ich wusch die Kartoffeln und schaute zu, wie das Wasser über meine Hände lief.
Es war das erste Mal, dass er sich vor mich gestellt hat. Nicht mit dem Rücken zur Wand, sondern mit dem Gesicht zu ihr. Das merke ich mir.
Ende Februar zogen wir in die kleinere Wohnung nach Pieschen. Beim Packen fiel mir der alte Nachttisch in die Hände, den wir fast verschenkt hätten. Ich zog die Schublade heraus. Da lag der Kontoauszug, den ich im Oktober hineingelegt hatte.
4000 Euro. Verwendungszweck: Dachrinne.
Ich setzte mich auf den Boden zwischen die Umzugskartons. Der Dackel vom Nachbarn kläffte draußen. Im Rücken drückte die Heizung warme Luft gegen meine Schulter. Ich las die Zeile, las sie nochmal, dann suchte ich in den Ordner von Reiners Unterlagen, die ich für den Umzug sortiert hatte. Alter Mietvertrag, Nebenkosten 2021, Handwerkerrechnung. Für eine Dachrinne an einem Mietshaus in Hellerau.
Dort hatte Reiners Mutter bis vor zwei Jahren gewohnt.
„Reiner“, sagte ich, als er mit einem Karton ins Zimmer kam. „Was ist das?“
Er nahm den Auszug, drehte ihn in den Händen, legte ihn auf den Nachttisch.
„Mamas Haus“, sagte er. „Die Dachrinne war undicht. Da ist Wasser in die Fassade gelaufen.“
„Viertausend Euro“, sagte ich.
„Es gab nie eine Rechnung“, sagte er. „Das war ein Gefallen von einem Bekannten vom Bau. Schwarz, bar. Ich hab's von unserem Konto genommen, als Mama im Krankenhaus war. Du warst auf Fortbildung, ich wollte dich nicht beunruhigen.“
Ich dachte an den Oktober, an seine Stimme auf dem Balkon, an „Ich war vier Jahre still, das war der Fehler.“ Jetzt wusste ich, was er meinte.
„Ich will keine Diskussion“, sagte ich. „Aber das holen wir zurück.“
„Sie braucht das Geld“, sagte er.
„Sie ist Rentnerin mit einer abbezahlten Wohnung in Plauen und einem Mietshaus in Hellerau“, sagte ich. „Ich frage sie nicht nach dem Geld. Ich hole es mir von unserem Konto zurück. Und dann soll sie entscheiden, ob die Dachrinne ihr die Sache wert ist.“
Er rieb sich den Daumen am Zeigefinger, als wollte er etwas zwischen den Fingern rollen. Draußen schob der Nachbar die Mülltonne über den Hof.
Ich setzte mich an den kleinen Küchentisch, klappte den Laptop auf, rief die Bankseite auf. Gemeinschaftskonto. 4000. Verwendungszweck: „Rückzahlung Dachrinne“. Dann klickte ich auf Senden und legte den Ausdruck neben den alten Auszug.
Als Reiner nach Hause kam, sah er die beiden Blätter liegen. Er zog die Schuhe aus, stellte sie ordentlich auf den Schuhständer, hängte die Jacke auf. Dann setzte er sich mir gegenüber an den Tisch.
„Ich habe es zurücküberwiesen“, sagte ich.
Er nickte langsam. Der Ausdruck lag zwischen uns, die Zahl stand zweimal auf dem Papier, wie eine offene Frage.
„Das war unsere Notreserve“, sagte er.
„Ich weiß“, sagte ich. „Deshalb hole ich sie ja zurück.“
Er griff nach dem Blatt, legte es wieder hin. Draußen zog ein Binnenschiff die Elbe hinauf, das Horn klang hohl durch den Nebel. Und dann sagte er einen Satz, der mir im Gedächtnis blieb, weil er so untypisch für ihn war:
„Ich bin froh, dass du es getan hast. Ich hätte es nicht gekonnt.“
Das war der Abend, an dem die Luft in der Wohnung anders war. Leichter. Als hätte jemand ein Fenster geöffnet, von dem ich gar nicht wusste, dass es existiert.
Vier Wochen später kam ein Brief von Gisela. Dünnes, graues Papier, in ihrer engen Handschrift. Drei Zeilen: Sie habe die Überweisung gesehen. Sie brauche das Geld nicht. Sie habe die Unterlagen beigelegt.
Aus dem Umschlag fielen zwei Dinge: die alte handschriftliche Notiz des Bekannten vom Bau über 4000 Euro und ein Foto. Darauf war Reiners Vater, gestorben vor elf Jahren, auf einem Dach, eine Dachrinne in der Hand. Auf der Rückseite stand: „Heinz, Juni. Die Rinne hält noch.“
Ich drehte das Foto um und legte es neben den Kontoauszug. Reiner kam dazu, nahm das Foto, strich mit dem Daumen über das Gesicht seines Vaters.
„Davon wusste ich nichts“, sagte er.
„Doch“, sagte ich. „Ein bisschen kanntest du sie ja.“
