Lukas drückte auf den Schlüssel, und der schwarze Mercedes blinkte zweimal auf. Es war kurz vor halb acht, die Tiefgarage roch nach kaltem Beton und dem säuerlichen Duft von abgestandenem Regenwasser, das irgendwo durch eine Ritze sickerte. Auf der Motorhaube lag ein Kater. Mausgrau, mit geschlossenen Augen, die Vorderpfoten lässig unter die Brust gezogen. Als hätte jemand vergessen, ihn wegzuräumen, und als wäre die glänzende Haube eines 80.000-Euro-Autos der einzig logische Platz für ein Nickerchen.
Lukas klatschte in die Hände. Ein kurzer, scharfer Laut, der von den Wänden als hohles Echo zurückgeworfen wurde. Der Kater bewegte das rechte Ohr, mehr nicht. Dann gähnte er, zeigte eine winzige rosafarbene Zunge und ließ den Kopf wieder auf die Pfoten sinken.
In dreißig Minuten begann am anderen Ende der Stadt die Präsentation vor den Investoren. Die Unterlagen im Aktenkoffer wogen gefühlt zwanzig Kilo: Bilanzen, Marktanalysen, drei unterschriftsreife Verträge, jeder Absatz mit neonfarbenen Klebezetteln markiert. Lukas warf einen Blick auf die Uhr an der Betonwand. Die Zeiger krochen. Er spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten.
„Der ist jeden Morgen da. Seit über einer Woche.“
Felix, der Pförtner, war aus dem kleinen Glaskasten am Aufzug herübergeschlendert. Eine Thermoskanne in der Hand, die graue Uniformjacke halb offen. Er blieb neben dem Mercedes stehen, betrachtete den Kater mit dem resignierten Blick eines Mannes, der schon alles versucht hatte.
„Einmal hab ich ihn mit dem Wischmopp runtergescheucht. Nach zehn Minuten lag er wieder genau da. Nur auf Ihrem Wagen. An den BMW von der Marketingchefin geht er nicht ran. Am Audi vom Justiziar läuft er vorbei. Aber den hier…“ Felix tippte mit dem Finger auf den Kotflügel, „…den liebt er.“
Lukas zog die rechte Lederhandschuh aus, beugte sich vor. Das Fell war weich, warm von der Restwärme des Motors, die noch vom Vorabend im Metall steckte. Keine Verfilzungen, keine Flöhe, keine schmutzigen Pfoten. Ein gepflegtes Tier. Und dann sah er es: ein dünnes dunkles Band, das unter dem dichten Fell fast verschwand. Ein Halsband. Daran ein kleines Metallplättchen, matt angelaufen, etwa so groß wie eine Ein-Cent-Münze.
Er drehte es um. Buchstaben, tief eingraviert, von winzigen Kratzern überzogen. Keine Telefonnummer, kein Name. Nur eine Adresse.
Feldstraße 22, 4. Stock, Hamburg.
Lukas las die Worte dreimal. Das Blut rauschte in seinen Ohren, das Summen der Lüftung wurde zu einem fernen Dröhnen. Die Feldstraße. Das war die Wohnung seiner Mutter. Die Wohnung, in der er aufgewachsen war. Die speckige Tapete im Flur, die er als Jugendlicher zweimal neu gestrichen hatte. Die Balkontür, deren Griff man mit Draht umwickeln musste, damit sie hielt. Der Topf mit dem immer gleichen Eintopf auf dem Herd, sonntags Rinderbraten, mittwochs Königsberger Klopse.
Die Wohnung, aus der er vor drei Jahren gegangen war und in die er nie zurückgekehrt war.
Er hatte ihr damals eine Eigentumswohnung in Blankenese gekauft, mit Blick auf die Elbe, Aufzug, Fußbodenheizung, alles neu. Sie hatte sich geweigert, auch nur einen Umzugskarton anzurühren. „Ich brauche deine Almosen nicht, Lukas. Du hast vergessen, wo du herkommst.“ Er hatte geantwortet, er wisse genau, woher er komme, und dass er da nie wieder hinwolle. Dann war die Tür zugefallen, lauter als nötig.
Drei Jahre. Zweiunddreißig Monate voller Besprechungen, Bilanzen und der stillen Regel, dass man über das, was damals passiert war, nicht sprach. Nicht einmal mit sich selbst.
Der Kater öffnete langsam die Augen. Gelb, wie flüssiger Honig. Er sah Lukas direkt an, ohne Zögern, ohne Scheu. Als wüsste er, dass sein Auftrag noch nicht erledigt war.
„Alles okay, Herr Wagner?“
Lukas räusperte sich. „Ich kenne die Adresse.“ Seine Stimme klang brüchig, als käme sie von weit her. Er griff in seine Manteltasche, holte das Handy hervor, öffnete den Chat mit dem Investor. Die automatische Wortvervollständigung schlug noch die üblichen Floskeln vor. Lukas ignorierte sie. Er tippte langsam, zwei Fehler, löschen, neu schreiben. „Müssen Termin verschieben. Familiäre Angelegenheit.“ Daumen auf Senden. Handy umgedreht, Display nach unten auf den Beifahrersitz gelegt.
Felix runzelte die Stirn. „Soll ich das Tier einfangen und ins Tierheim bringen?“
„Nein.“ Lukas öffnete den Aktenkoffer und zog die gesamte Präsentationsmappe heraus, legte sie achtlos auf den Sitz. Das leere, mit Leder ausgeschlagene Innere war plötzlich nicht mehr für Verträge bestimmt. Er hob den Kater behutsam mit beiden Händen an. Das Tier gab einen fragenden Laut von sich, leistete aber keinen Widerstand. Es rollte sich in der warmen Höhlung des Koffers zusammen, den Kopf auf dem Rand, die gelben Augen halb geschlossen. Ein Geschäftsmann, der seinen Platz gefunden hatte.
—
Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten, durch den dichten Hamburger Morgenverkehr, vorbei an Fassaden, die Lukas seit Jahren nur noch als Kulisse durch die getönten Scheiben wahrnahm. Regen setzte ein, die Scheibenwischer schlugen im Sekundentakt. Der Kater auf dem Beifahrersitz (er hatte ihn aus dem Koffer genommen, weil es ihm plötzlich respektlos vorkam) schnurrte unablässig, ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das sich mit dem Motorengeräusch vermischte.
Die Feldstraße hatte sich kaum verändert. Das Backsteinhaus mit dem abblätternden Putz über dem Eingang, die verbeulte Briefkastenanlage, der schiefe Fahrradständer. Im Hausflur roch es genauso wie früher: nach Bohnerwachs, einem Hauch Kohl und dem unverwechselbaren Aroma von jahrzehntelangem Kaffeekochen. Lukas stieg die Treppe hinauf, der Koffer in der linken Hand, die rechte strich über das Geländer. Dritte Stufe von oben, immer noch das vertraute Knarzen. Auf dem Absatz zwischen erstem und zweitem Stock hing ein handgesticktes Bild mit einem Alpensee, das seine Mutter vor zwanzig Jahren auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Es war die einzige Dekoration im Treppenhaus, gegen die sich der Vermieter nie durchgesetzt hatte.
Vor der Wohnungstür, 4. Stock, blieb er stehen. Braunes Dichtgummi, ein neuer Türspion, den es früher nicht gab, daneben ein winziger getrockneter Blumenkranz. Durch die dünnen Wände hörte man das gedämpfte Murmeln eines Fernsehers, die Stimme aus der „Tagesschau“, die seine Mutter jeden Abend und jeden Morgen einschaltete, egal ob sie hinsah oder nicht.
Er drückte auf die Klingel. Ein schriller Zweiklang, der im Ohr nachhallte.
Schritte. Diese kleinen, schlurfenden Schritte, die er aus tausend Nachmittagen kannte, wenn er von der Schule kam und sie vom Küchenfenster aus winkte. Dann Stille. Er hörte, wie jemand auf der anderen Seite den Atem anhielt, vielleicht durch den Spion sah, vielleicht einfach nur dastand und lauschte.
Der Riegel wurde zurückgeschoben.
Die Tür öffnete sich einen Spalt, dann ganz. Hanna Wagner stand im Rahmen, kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Sie trug eine geblümte Küchenschürze über einem weinroten Strickpullover, die Haare, früher kastanienbraun, waren jetzt vollständig grau und zu einem lockeren Knoten gebunden. In der Hand hielt sie einen Holzlöffel, von dem ein Tropfen Bratensoße auf den Boden fiel.
Sie sagte nichts. Ihre Augen wanderten von seinem Gesicht zu seinen Händen, zu dem Aktenkoffer, aus dem ein grauer Kopf herausragte. Dann glitt ein Ausdruck über ihr Gesicht, den Lukas nicht einordnen konnte – Erstaunen, Freude, und darunter eine tiefe, erschöpfte Erleichterung.
Der Kater stieß ein kurzes, vorwurfsvolles Miauen aus und streckte die Pfote aus dem Koffer, als wolle er die Wohnung schon betreten, bevor die Einladung ausgesprochen war.
„Oskar.“ Hannas Stimme war nur ein Flüstern. Dann, lauter, mit einem Anflug von Schelte, die nicht auf den Kater, sondern auf das Schicksal zielte: „Du alter Streuner. Jeden Morgen bin ich am Fenster, jeden Morgen denk ich, heute kommt er pünktlich zurück, und du liegst Gott weiß wo. Und jetzt stehst du da, mit einem Chauffeur im Mercedes.“
Sie hob den Blick und sah Lukas fest an. Eine Sekunde lang fürchtete er, sie würde gleich die Tür wieder schließen, ihm die Vorwürfe an den Kopf werfen, die er verdiente. Aber sie trat nur einen Schritt zurück in den Flur, die eine Hand noch immer an der Tür, die andere ließ den Kochlöffel sinken.
„Tritt ein. Und zieh die Schuhe aus, der Boden ist frisch gewischt.“
Dasselbe „Schuhe aus“ wie zu seiner Kindheit, derselbe Tonfall, dasselbe leichte Kopfschütteln. Es klang nicht nach einem Befehl, sondern nach einem Friedensangebot.
Lukas bückte sich, löste die Schnürsenkel der feinen italienischen Lederhalbschuhe, stellte sie neben die abgetragenen Hausschuhe seiner Mutter auf die Fußmatte. Der Aktenkoffer stand jetzt neben ihm, der Deckel aufgeklappt, Oskar war herausgesprungen, schoss an ihm vorbei in die Küche und miaute dort, als müsse er sofort sein Frühstück einfordern.
Aus dem Inneren der Wohnung zog ein warmer Luftzug heran. Es roch nach Rinderrouladen, nach Rotkohl und dem leicht verbrannten Zwiebelansatz, der immer passierte, wenn Hanna Wagner beim Kochen das Fenster aufließ und vergaß, den Herd runterzudrehen. Auf der Anrichte stand eine angebrochene Flasche Rotwein, daneben zwei Gläser, eines davon bereits zur Hälfte gefüllt.
Hanna war in der Küche verschwunden, man hörte sie mit dem Topfdeckel klappern. Lukas folgte ihr langsam. Auf dem Tisch lag noch die gestrige Zeitung, der Wirtschaftsteil aufgeschlagen, ein Artikel über die Expansion seines Unternehmens war mit einem grünen Marker umrandet. Daneben eine Brille, die sie nur zum Lesen trug, und ein Foto von ihm als Achtjährigem auf einem kleinen bunten Fahrrad, das sie nie aus dem Rahmen genommen hatte.
Er setzte sich auf den Stuhl, auf dem er als Junge jeden Mittag seine Hausaufgaben gemacht hatte. Die Lehne knarzte noch immer auf dieselbe Art. Oskar saß bereits auf dem Fensterbrett und putzte sich genüsslich die grauen Pfoten.
„Ich hab den Termin abgesagt“, sagte Lukas, ohne dass eine Frage vorausgegangen war. Er wusste selbst nicht, warum er das als Erstes sagte.
Hanna stellte einen Teller mit zwei dampfenden Rouladen vor ihn hin, obwohl es erst halb neun war. Sie nahm selbst keinen Teller, sondern blieb am Herd stehen, den Rücken halb zugewandt, und rührte in der Soße.
„Der Kater ist vor einem halben Jahr aufgetaucht. Saß bei Regen vor der Tür, als hätte ihm jemand die Adresse aufgeschrieben. Ich dachte, du schickst ihn vor, weil du selber nicht kommen willst.“ Ein kurzes, angedeutetes Lachen, das mehr ein Ausatmen war. „Aber du wusstest ja gar nichts davon.“
Lukas schüttelte stumm den Kopf. Er griff nach der Gabel, stocherte in der Roulade, ohne zu essen. Die Worte, die er so oft allein im Auto geübt hatte, fegten eine unsichtbare Hand beiseite. Stattdessen sagte er eine Wahrheit, die ihm selbst erst jetzt bewusst wurde: „Ich wusste nicht, wie ich anrufen soll. Nach so langer Zeit. Ich dachte, es ist zu spät.“
Hanna drehte sich um. Sie trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, das Lukas von früher kannte – rot-weiß kariert, an einer Ecke ein eingebrannter brauner Fleck von einem vergessenen Topflappen. Sie legte das Tuch auf die Arbeitsplatte, kam zum Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Ihre Augen waren feucht, aber sie weinte nicht.
„Zu spät ist erst, wenn der Topf kalt ist. Und der Topf, mein Junge, der war nie kalt.“ Sie schob ihm das zweite leere Weinglas hinüber und goss aus der Flasche nach, ohne zu fragen, ob er etwas trinken wolle.
Oskar sprang vom Fensterbrett, landete weich auf dem Teppich und strich um Lukas‘ Beine. Dann rollte er sich auf den Fuß, den Lukas in Socken vor sich ausgestreckt hatte, und begann zu schnurren. Es klang wie das Echo eines Motors, der nach einer langen Irrfahrt endlich in die richtige Einfahrt eingebogen war.
