Der Tag, an dem Thomas die Wohnungstür eintrat

Ich war vierunddreißig, als ich endlich das Leben hatte, das ich mir als Kind gewünscht hatte. Ich wohnte in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Bielefeld, arbeitete in der Apotheke am Siegfriedplatz und hatte mir geschworen, dass in meinen vier Wänden niemals jemand schreien würde. Meine Kindheit war ein einziges Warten auf den nächsten Wutanfall meines Vaters gewesen. Deshalb zahlte ich meinen Kredit für die Wohnung lieber allein ab, fuhr an freien Wochenenden zu meiner Mutter nach Paderborn und genoss es, abends in eine Wohnung zu kommen, in der alles genau so stand, wie ich es am Morgen verlassen hatte.

Über Simon hörte ich zum ersten Mal auf dem Geburtstag meiner Kollegin Nele. Sie schenkte mir Sekt nach und meinte, sie kenne da einen wirklich anständigen Mann, dem einfach nur die letzte Beziehung dazwischengekommen sei. Ein ruhiger, verlässlicher Typ. Ich lachte und sagte, ich sei nicht auf der Suche. Aber Nele ließ nicht locker, und irgendwann dachte ich: Ein Kaffee ist noch kein Eheversprechen.

Simon war tatsächlich ruhig. Er sprach nicht laut, unterbrach mich nicht, und wenn er mich ansah, dann nicht mit diesem prüfenden Blick, den ich von manchen Männern kannte. Ich fühlte mich auf eine Weise sicher, die ich lange nicht mehr gespürt hatte. Als er nach einem halben Jahr vorschlug, zusammenzuziehen, sagte ich zu. Meine Wohnung war ohnehin größer als seine Einzimmerwohnung in der Innenstadt. Er zog zu mir.

Die ersten Wochen waren beinahe gemütlich. Simon machte morgens Kaffee, brachte den Müll runter und kochte sonntags Kartoffelpuffer. Er fragte mich nie, wo ich gewesen war, und ich dachte, das sei Vertrauen. Erst später begriff ich, dass es Kontrolle in Raten war.

Es begann mit Fragen. Wie viel ich genau verdiene. Warum ich jeden Monat einen festen Betrag auf ein separates Konto überweise. Ob die Wohnung wirklich nur auf meinen Namen eingetragen ist.

„Warum willst du das wissen?“, fragte ich eines Abends, als er zum dritten Mal auf mein Erspartes zu sprechen kam.

„Wir sind doch jetzt eine Familie“, sagte er und stellte seine Tasse so vorsichtig auf den Tisch, als wäre sie aus Papier. „Da sollte es keine Geheimnisse geben.“

Ich spürte, wie sich in meinem Magen etwas zusammenzog. Aber ich sagte mir, dass ich überreagiere. Dass eine Frau, die mit einem schreienden Vater aufgewachsen ist, bei jedem zweiten Wort Alarm schlägt.

Also zahlte ich die Nebenkosten, kaufte für die ganze Woche ein und sagte Simon, er solle sich an den gemeinsamen Ausgaben beteiligen, so viel ihm angenehm sei. Er fragte nicht weiter. Und ich redete mir ein, dass er eben nur neugierig gewesen war.

Dabei waren die Anzeichen längst da. Es störte ihn, wenn ich nach der Arbeit noch mit Nele einen Kaffee trank. Er nahm mein Handy in die Hand, angeblich um nach der Uhrzeit zu sehen. Einmal fragte er, warum ich mich schminke, wenn ich in der Apotheke doch nur mit Rentnern zu tun hätte.

„Du bist zu empfindlich“, sagte er, wenn ich das Thema ansprach. „In einer normalen Beziehung gibt es keine Geheimnisse.“

Ich hasste dieses Wort. Normal. Es kam mir vor wie ein Schlüssel, den er an mir drehte, bis irgendwann ein Schloss aufsprang, das ich gar nicht öffnen wollte.

Der Abend, an dem alles zerbrach, war ein Familienfest. Sein Cousin feierte den vierzigsten Geburtstag in einer gemieteten Scheune bei Hildesheim. Simon war bester Laune, schenkte den Gästen Bier ein, lachte laut. Auf der Rückfahrt saß er so still neben mir, dass ich dachte, er sei eingeschlafen. Dann fragte er: „Was hattest du eigentlich so lange mit dem Typen da zu bereden?“

Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, wen er meinte. Der Mann, mit dem ich eine halbe Stunde geredet hatte, war ein Bekannter der Familie gewesen, der mir von seiner pflegebedürftigen Mutter in Hameln erzählt hatte. Mehr nicht.

„Ich kenne nicht mal seinen Nachnamen“, sagte ich und hoffte, das Thema wäre damit erledigt.

„Stell dich nicht dumm“, sagte Simon. „Du weißt genau, was du getan hast.“

Es war nicht Wut in seiner Stimme. Es war etwas, das ich noch nie von ihm gehört hatte. Verachtung. Als hätte ich ihn vor allen Leuten betrogen, und zwar mit Absicht.

Zu Hause zog ich meinen Mantel aus und ging in die Küche. Ich dachte, er würde sich beruhigen, wenn ich ihm ein paar Minuten allein ließ. Aber er kam mir nach, knallte die Tür zu und fing an, jede einzelne Begegnung des Abends aufzuzählen, bei der ich ihn angeblich herabgewürdigt hatte. Jeder Vorwurf war absurder als der davor. Der längere Blick auf das Buffet. Das Lachen über einen Witz, den ein anderer erzählt hatte. Meine Art, die Serviette zu falten, als würde ich bei mir zu Hause den Tisch decken.

„Ich rede morgen mit dir, wenn du nüchtern bist“, sagte ich und wollte an ihm vorbei.

Da packte er mein Handgelenk. So fest, dass meine Finger kribbelten. Ich versuchte, mich loszureißen, aber er zog mich zu sich heran und stieß mich gegen den Küchenschrank. Eine Tasse fiel herunter und zerschellte zwischen unseren Füßen.

Ich hörte das Klirren kaum. Ich hörte meine eigene Kindheit. Die dünnen Wände der Wohnung, in der ich aufgewachsen war. Das Weinen meiner Mutter, das ich nachts durch die Tür hörte, wenn sie dachte, ich würde schlafen.

„Jetzt weißt du, was es heißt, es mit einem Mann zu tun zu haben, der dich leben lässt, wie du willst“, sagte Simon.

Er stand in meiner Küche. Unter meinem Dach. Zwischen Dingen, die ich von meinem eigenen Geld gekauft hatte. Und er redete, als würde ich ihm etwas schulden.

Ich sah auf seine Hand an meinem Gelenk. Dann auf die Wohnzimmertür. Auf der Kommode neben dem Durchgang lagen mein Telefon und ein Schlüsselbund mit einem kleinen silbernen Anhänger, den mir meine Mutter geschenkt hatte. Ein Miniaturpferd aus einem Kaugummiautomaten in Paderborn, ein Glücksbringer, an dem ich seit Jahren festhielt.

In diesem Moment riss der letzte Faden, der mich an Simon band. Aber ich schrie nicht. Ich riss mich nicht los. Ich stand ganz ruhig da und wartete, bis sein Griff sich lockerte.

„Du hast recht“, sagte ich.

Er runzelte die Stirn. „Was?“

„Ich muss lernen, wie man sich verhält“, sagte ich. „Lass mich kurz durchatmen. Dann reden wir.“

Er ließ mich los. Ich ging ins Badezimmer, machte die Tür hinter mir zu und schloss ab. Dann setzte ich mich auf den Wannenrand und atmete, bis meine Hände nicht mehr zitterten. Ich dachte an meine Nachbarin Frau Kranz, die unter mir wohnte und nachts schlecht schlief. Sie hatte mir neulich einen Vierer-Pack Toilettenpapier mitgebracht, weil ich krank gewesen war und sie dachte, ich hätte nichts im Haus. Ich dachte an ihre trüben Augen, wenn sie im Treppenhaus von ihrem Sohn erzählte, der sich nie meldet. Ein Detail, das mit Simon nichts zu tun hatte, das mir aber in diesem Moment auf dem Wannenrand wichtiger war als alles, was er zu mir gesagt hatte.

Ich blieb nicht lange im Bad. Fünf Minuten vielleicht. Dann wusch ich mir das Gesicht, ging ins Wohnzimmer und legte meinen Schlüsselbund in meine Handtasche. Simon saß auf der Couch und tat, als würde er auf sein Handy schauen.

„Ich fahr kurz zu Nele“, sagte ich.

Er sah auf. „Warum?“

„Weil ich ihr noch etwas zurückbringen muss.“ Mehr sagte ich nicht. Ich nahm meine Jacke vom Haken und zog die Wohnungstür hinter mir zu, bevor er den Mund aufmachen konnte.

Unten auf der Straße blieb ich neben einem geparkten VW mit zerbeulter Stoßstange stehen und rief nicht Nele an. Ich rief meine Mutter an. Es war Viertel vor zwölf. Sie meldete sich schon beim zweiten Klingeln, mit einer Stimme, die sofort wach war.

„Ist was passiert?“

Ich sagte: „Kannst du morgen Früh zur Bank gehen und nach dem alten Sparbuch fragen, das du für mich angelegt hast? Ich brauche die Kontonummer.“

Meine Mutter fragte nicht nach dem Warum. Sie kannte die Frage nicht, weil sie sie selbst nie gestellt hatte. Sie sagte nur: „Soll ich dir was zu essen machen, wenn du kommst?“

Ich sagte: „Ja. Ich komme mit dem Zug.“

Dann legte ich auf.

Ich fuhr nicht zu Nele. Ich fuhr zum Bahnhof, kaufte mir ein Ticket nach Paderborn und setzte mich in den Nachtzug. Es war kalt, und im Waggon roch es nach kaltem Rauch und Bahnhofskaffee. Eine ältere Frau mit rotem Wollschal schlief auf dem Sitz mir gegenüber, den Mund leicht geöffnet. Ich starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit und zählte die Lichter an der Strecke. Eins. Zwei. Drei. Ab vierundzwanzig hörte ich auf zu zählen, weil ich wusste, dass ich nicht mehr zurückfahren würde.

Am nächsten Morgen stand ich im Haus meiner Mutter in Paderborn und aß das Rührei, das sie mir gemacht hatte. Dann holte ich mein Handy heraus und sperrte Simon auf allen Kanälen. Es war kurz nach neun. Er schlief vermutlich noch. Ich stellte mir vor, wie er aufwachte, in die leere Wohnung sah und dachte, ich sei nur kurz beim Bäcker.

Der Gedanke tat mir nicht gut, aber er war notwendig.

Vier Tage später ließ ich mir eine neue SIM-Karte geben. Ich schrieb meiner Vermieterin eine Nachricht: Ich ziehe zum Monatsende aus. Die Kündigungsfrist betrug drei Monate. Meine Mutter stellte mir die Frage, die sie vorher nicht gestellt hatte, erst, als ich am Abend beim Abwasch half.

„Willst du wirklich alles aufgeben?“

Ich trocknete einen Teller ab und sagte: „Ich gebe nicht alles auf. Ich lasse ihn zurück.“

Eine Woche später fuhr ich mit meiner Mutter nach Bielefeld. Simon war bei der Arbeit. Wir packten meine Sachen in sechs Bananenkartons und zwei Koffer. Meine Nachbarin Frau Kranz stand in der Tür und schaute zu, wie wir die Kartons die Treppe hinuntertrugen. Sie fragte nichts. Sie drückte mir eine Tafel Schokolade in die Hand. „Nuss-Nougat“, sagte sie. „Die essen Sie doch so gern.“

Das war die Art von Sätzen, die man nicht vergisst.

Ich stellte die Kartons auf den Gehweg und trug die letzten Taschen zum Auto. Simon würde nach Hause kommen und vor einer halbleeren Wohnung stehen. Nicht ganz leer. Ich hatte den Küchentisch stehen lassen, den ich von meiner Oma geerbt hatte, und den Druck über dem Sofa. Aber alles, was mir gehörte und was ich tragen konnte, war weg.

Ich rief Simon nicht an. Ich schrieb ihm keine Nachricht.

Zwei Wochen später erreichte mich ein Brief seiner Schwester. Darin stand, dass Simon das alles nicht verstehe, dass ich ihm keine Chance gegeben hätte, dass man in einer Beziehung doch über Probleme rede. Ich las den Brief einmal, faltete ihn sorgfältig zusammen und legte ihn in die Schublade, in der meine alte Krankenkassenkarte lag und das Foto von meinem Vater, das ich nie wegwerfen konnte.

Ich antwortete nicht.

Drei Monate später schickte ich meiner Vermieterin die Schlüssel für die Wohnung. Beide. Das kleine Pferd hängte ich an den Schlüssel meiner neuen Wohnung in Paderborn, die nichts Besonderes war. Eine Zweizimmerwohnung über einem Dönerladen, mit Fenster zum Innenhof, in dem ein Nachbarsjunge abends Basketball übte. Wenn ich nach Hause kam, hörte ich manchmal den Ball auf den Asphalt schlagen.

Simon versuchte noch zweimal, mich zu erreichen. Ich weiß das, weil seine Nummer in der Anrufliste meiner alten SIM-Karte auftauchte, als ich sie zufällig in einer Jackentasche wiederfand. Ich warf die SIM-Karte in den Müll, zusammen mit dem Kassenzettel vom Bahnhofskiosk aus der Nacht, in der ich abgefahren war.

Ein halbes Jahr später traf ich Nele in der Stadt. Sie fragte, wie es mir gehe. Ich sagte: „Gut.“ Und dann erzählte sie mir, dass Simon jetzt bei einer neuen Freundin wohne, einer Arzthelferin aus Gütersloh, mit einer Eigentumswohnung.

Ich spürte nichts. Kein Bedauern. Keine Wut. Nur ein sanftes, fremdes Gefühl in der Brust, als ob ich einen Raum betrat, den ich lange nicht mehr gemietet hatte.

Später fand ich beim Aufräumen das alte Sparbuch meiner Mutter. Der Betrag, den sie für mich angelegt hatte, belief sich auf zwölftausendsechshundert Euro. Ich überwies das Geld auf mein neues Konto und schaute lange auf den Überweisungsbeleg, bevor ich ihn in den Ordner für Unterlagen legte. Nicht weil ich etwas mit dem Geld vorhatte. Sondern weil ich zum ersten Mal seit Jahren den Nachweis in der Hand hielt, dass etwas, das mir gehörte, bis zum Ende bei mir geblieben war.

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Uniad
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