Der Kassenzettel

Der Zettel steckte in der Innentasche von Florians Übergangsjacke, ganz unten, zwischen einem alten Parkschein und einem zerknüllten Taschentuch. Lena suchte den Briefkastenschlüssel und zog stattdessen diesen langen, zerdrückten Kassenzettel heraus. 148,50 Euro.

Sie las die Positionen. Rindersteaks aus Marmorfleisch, französischer Camembert, ein Glas roter Kaviar, eine reife Mango, Kaffee aus der kleinen Rösterei am Markt, Olivenöl erster Pressung. Alles Dinge, die nie in ihrem Kühlschrank gelandet waren.

Auf dem Herd stand noch der Topf mit Pellkartoffeln von gestern. Im Kühlschrank lag eine Packung Billigwurst vom Discounter, gekauft am Abend zuvor mit Rabattaufkleber. Florian hatte sie gebeten, diesen Monat zu sparen. Kein neuer Staubsauger, kein Restaurantbesuch zum Hochzeitstag.

Lena drehte den Zettel um. Auf der Rückseite stand nur ein Datum: letzten Samstag. Da hatte Florian behauptet, Überstunden im Büro zu machen.

Sie musste nicht raten, wohin das Fleisch, der Käse, der Kaviar und die Mango gewandert waren. Zu Vanessa, seiner jüngeren Schwester. Vanessa arbeitete als Wirtschaftsprüferin in einer großen Kanzlei, fuhr einen fast neuen Audi Q3 und trug Anzüge, die mehr kosteten als Lenas halbes Monatsgehalt. Trotzdem schaffte sie es, fast jeden Einkauf von ihrem Bruder bezahlen zu lassen. Sie wollte ihre Eigentumswohnung so schnell wie möglich abbezahlen und lebte dafür auf Sparflamme – bei sich selbst. Die Lücke stopfte sie mit dem Geld ihres Bruders und dessen Frau.

Das Muster war immer dasselbe. Erst vor ein paar Wochen waren sie gemeinsam im Baumarkt gewesen. Vanessa hatte zwei Packungen überteuerte Waschmittelkapseln, einen Satz Wasserfilterkartuschen und einen Stapel Küchenrolle in den Wagen gelegt. An der Kasse hatte sie plötzlich nach ihrer Geldbörse gesucht, theatralisch ihre Taschen durchwühlt und dann Florian mit großen Augen angesehen: „Bruderherz, ich hab meine Karte in der anderen Jacke gelassen. Kannst du das eben auslegen? Ich überweise es dir heute Abend."

Florian hatte sofort gezahlt. Natürlich kam keine Überweisung.

Ein anderes Mal, im Drogeriemarkt, fiel ihr kurz vor dem Bezahlen ein, dass ihr Online-Banking nicht funktionierte. Der Bildschirm lud und lud. Florian griff in seinen Geldbeutel. Lena hatte gesehen, dass Vanessa ihr Handy sofort wegsteckte, als ihr Bruder die Karte zückte. Der Akku war voll, das WLAN-Empfangssymbol leuchtete. Es war eine Nummer.

Jetzt lag der Kassenzettel auf dem Küchentisch. Lena strich die zerdrückte Papierbahn mit den Fingern glatt. Vor dem Fenster quietschte eine Straßenbahn der Linie 11 durch die Kurve. Aus der türkischen Bäckerei im Erdgeschoss zog der Geruch von frischem Fladenbrot herauf. Auf dem Fensterbrett lag die Nachbarskatze, eine fette schwarze, und drückte die Nase an die Scheibe.

Lena wartete.

Florian kam erst nach acht. Er hängte seinen Mantel an den Haken, lockerte die Krawatte und ging direkt zum Wasserkocher. Dann sah er den Zettel. Seine Hand blieb über dem Tisch stehen.

„Hast du meine Jacke durchsucht?"

„Ich wollte den Briefkastenschlüssel holen", sagte Lena. „Gefunden habe ich stattdessen einen Beleg über 148,50 Euro. Steaks, Kaviar, Mango. Für wen?"

Florian zuckte mit den Schultern. „Das war eine einmalige Sache. Vanessa hatte ihren Geldbeutel vergessen. Sie hatte einen langen Tag."

„Sie vergisst ihren Geldbeutel jedes Mal, wenn du in der Nähe bist. Letzten Monat im Baumarkt, davor in der Apotheke. Soll ich weiterzählen?"

„Sie ist meine Schwester. Sie hat einen Kredit abzuzahlen."

„Und wir essen Billigwurst, damit deine Schwester sich Marmorfleisch und französischen Käse leisten kann? Ich habe heute Morgen nachgerechnet: In den letzten acht Wochen sind fast 400 Euro aus unserem gemeinsamen Konto an Vanessas Lebensstil geflossen. Genau das Geld, das uns für den neuen Staubsauger und den Restaurantbesuch gefehlt hat."

Florian schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Immer musst du alles aufrechnen. Es geht um Familie!"

„Es geht um Respekt", sagte Lena. „Sie hat am Mittwoch ein Foto von ihrem neuen italienischen Sofa gepostet. Maßanfertigung. Und du erzählst mir, sie kann sich kein Fleisch leisten."

Er drehte den Kopf weg. Sein Kiefer mahlte. Aber er sagte nichts.

Lena stand auf. „Ich fahre am Samstag mit ihr einkaufen. Sie hat gefragt, weil du auf Dienstreise bist."

Florian sah sie an, als hätte sie ihm eine Ohrfeige gegeben. „Du wirst sie doch nicht etwa hängen lassen?"

„Nein", sagte Lena. „Ich werde einfach nicht zahlen."

Der Samstag kam. Vanessa wartete vor ihrer Wohnung in der Südvorstadt und stieg mit einem breiten Grinsen ins Auto. Sie trug eine weiße Bluse, die nach Parfüm roch, das mehr kostete als eine Tankfüllung.

„Ich muss unbedingt einen Großeinkauf machen", sagte sie. „Alleine schaffe ich die Tüten nicht. Schön, dass du Zeit hast."

Im Kaufland am Stadtrand schob Vanessa einen riesigen Einkaufswagen. Lena nahm nur einen kleinen Plastikkorb.

Vanessa warf hinein, ohne auf die Preise zu schauen: Riesengarnelen, drei Stangen luftgetrocknete Salami, ein Set mit zwölf Gewürzdosen, eine Glasflasche Olivenöl, eine Geschenkbox belgischer Pralinen, ein dickes Stück Lachsfilet. In der Drogerieabteilung kamen noch Weichspülerperlen und ein Shampoo dazu, dessen Preis Lenas Stundenlohn überstieg.

„Schau mal, die Avocados sind im Angebot", rief Vanessa und legte eine ganze Netzpackung dazu.

Lena nahm eine einzelne Packung Papiertaschentücher für 1,20 Euro und legte sie in ihren Korb.

An der Kasse vor ihnen standen mindestens fünf Leute. Die Kassiererin, eine Frau mit Brille und Namensschild „Frau Krüger", zog Vanessas Waren über den Scanner. Piep. Piep. Piep.

„Das macht 224,50 Euro", sagte Frau Krüger.

Vanessa griff in ihre Handtasche. Ihr Gesicht verzog sich. Sie kramte Lippenstift, Schlüssel, einen Kamm und ein kleines Taschenspiegelchen hervor. Dann ließ sie die Schultern sinken.

„Ach nein! Ich muss meinen Geldbeutel auf der Kommode im Flur vergessen haben!" Sie zog ihr Handy heraus, tippte wild darauf herum und rollte mit den Augen. „Und das Netz funktioniert hier auch nicht." Sie drehte sich zu Lena. „Kannst du das eben übernehmen? Ich überweise dir das sofort, wenn wir zu Hause sind. Ehrenwort."

Lena sah, wie Vanessa die Hand über ihre Handtasche legte. Der Reißverschluss stand einen Spalt offen. Dahinter war die Kante eines mintgrünen Lederetuis zu sehen – Vans Geldbörse. Sie hatte sie die ganze Zeit dabei.

Lena trat zur Seite. Die Selbstbedienungskasse direkt daneben war frei. Sie scannte ihre Papiertaschentücher, hielt die Karte an das Terminal. Das Gerät leuchtete grün, spuckte einen kleinen Beleg aus. Lena nahm ihre Packung, wandte sich um.

Vanessas Gesicht war rot angelaufen. Ihre Hand mit dem Handy bewegte sich nicht.

„Kein Problem, Vanessa", sagte Lena. Ihre Stimme war ruhig. „So was passiert jedem mal. Ich setze mich ins Auto und warte. Deine Wohnung ist ja nur drei Kilometer entfernt. Zu Fuß schaffst du das in einer halben Stunde."

„Du willst mich nicht ernsthaft hier stehen lassen?" Vanessa trat einen Schritt vor.

Die Kassiererin hob den Kopf. „Zahlen Sie jetzt oder soll ich den Einkauf stornieren? Hinter Ihnen warten Leute."

„Du kannst deine Tüten gern bei der Information abgeben lassen", sagte Lena. „Die sind da sehr kulant."

Sie drehte sich um und ging Richtung Ausgang. Hinter ihr schwoll das Stimmengewirr an. Jemand rief: „Was ist denn mit der los?" Vanessa zischte. Frau Krüger sagte laut: „22,50 oder 224,50 – Hauptsache, man hat den Geldbeutel dabei."

Auf dem Parkplatz setzte Lena sich ins Auto, schloss die Tür ab und atmete tief durch. Die Klimaanlage summte. Sie stellte das Radio an und lehnte den Kopf zurück. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich ihr Magen nicht an wie ein verknotetes Tuch.

Ihr Handy vibrierte dreimal, viermal, dann klingelte es ununterbrochen. Florian.

„Bist du wahnsinnig geworden?" Seine Stimme überschlug sich. „Vanessa hat geweint. Sie stand wie eine Diebin vor der ganzen Schlange. Der Sicherheitsdienst hat sie beobachtet. Sie musste den Einkauf zurückräumen!"

„Dann hat sie ja jetzt Zeit, ihren Geldbeutel von der Kommode zu holen", sagte Lena.

„Du entschuldigst dich sofort bei ihr! Das ist meine Schwester!"

„Nein, Florian. Ich werde mich nicht entschuldigen. Und ich zahle auch nichts mehr für sie."

Sie legte auf. Dann öffnete sie ihr Online-Banking. Ihr Gehalt für diesen Monat war gestern eingegangen: 2.300 Euro. Sie überwies 2.100 Euro auf ihr privates Tagesgeldkonto. Auf dem gemeinsamen Konto ließ sie 200 Euro stehen – genug für die Miete, den Strom und den Wocheneinkauf, mehr nicht.

Dann tippte sie eine Nachricht an Florian:

*„Ich habe mein Gehalt auf mein eigenes Konto überwiesen. Die gemeinsamen Fixkosten gehen weiterhin fair von uns beiden ab. Für Vanessas Extrawünsche zahle ich nicht mehr. Wenn du ihr weiterhin Kaviar kaufen willst, bitte – aber von deinem eigenen Geld."*

Sie schickte die Nachricht ab, schaltete das Handy auf lautlos und legte es in die Mittelkonsole.

Am Abend stand Florian in der Tür. Er hatte den Schlüssel ins Schloss gesteckt und gerüttelt, als wäre die Tür verzogen. Dann war er eingetreten, hatte die Schuhe in die Ecke gepfeffert und war in die Küche gestapft.

„Wo ist mein Geld? Ich war heute an der Tankstelle. Die Karte wurde abgelehnt!"

Lena saß am Küchentisch. Auf dem Tisch lag ihr Laptop, der Bildschirm zeigte die Überweisungsbestätigung der Sparkasse Leipzig. 2.100 Euro, Empfängerin Lena Berger, Tagesgeldkonto.

„Ich habe mein Gehalt umgebucht", sagte sie. „Die 200 Euro auf dem Gemeinschaftskonto reichen bis zum Ersten. Für Benzin war das nicht geplant, weil du dein Auto in der Garage hast. Warum fährst du am Samstag an die Tankstelle?"

„Ich wollte Vanessa abholen! Sie ist völlig fertig. Du hast sie vor allen Leuten bloßgestellt!"

„Sie hat ihre Geldbörse dabei gehabt. Ich habe sie in ihrer Tasche gesehen. Sie wollte nur nicht zahlen." Lena klappte den Laptop zu. „Wenn du ihr weiterhin beistehen willst, musst du dein eigenes Konto belasten. Aber nicht mehr unseres."

Florian stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. Sein Gesicht war rot angelaufen, eine Ader trat an seiner Schläfe hervor. „Das ist Erpressung!"

„Das ist eine Grenze", sagte Lena. „Ich habe jahrelang zugesehen, wie du dich ausnutzen lässt. Jetzt übernehme ich die Kontrolle über mein Geld. Wenn du das nicht akzeptierst, können wir gern über eine saubere Trennung der Finanzen reden."

In diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Drei Mal, kurz hintereinander. Dann hämmerte jemand mit der Faust dagegen.

Vanessa. Ihre Stimme drang durch die Tür: „Lena! Mach sofort auf! Das kannst du nicht machen! Ich hole die Polizei!"

Florian sah zur Tür. Lena blieb sitzen.

„Sag ihr, sie soll gehen", sagte Lena. „Oder ich rufe selbst die Polizei. Wegen Hausfriedensbruch, wenn sie weiter gegen meine Tür tritt."

Florian zögerte. Dann ging er in den Flur. Lena hörte gedämpftes Zischen, seine Stimme, dann Vanessas schrille Antwort. Die Tür fiel ins Schloss. Schritte entfernten sich.

Als Florian zurückkam, hatte er den Autoschlüssel in der Hand.

„Ich schlafe heute bei Vanessa", sagte er. „Wir reden morgen, wenn du wieder bei Verstand bist."

Er knallte die Wohnungstür zu. Das Klacken des Schlosses hallte durch die leere Diele.

Lena stand auf, ging zum Fenster und machte es einen Spalt weit auf. Draußen fuhr die Straßenbahn der Linie 11 vorbei. Die Scheiben spiegelten das Licht der Schaufenster. Die Nachbarskatze war verschwunden.

Sie ging zurück zum Küchentisch, nahm den zerknüllten Kassenzettel und zerriss ihn einmal in der Mitte. Dann noch einmal. Und noch einmal, bis nur noch kleine weiße Schnipsel in ihrer Hand lagen.

Sie warf sie in den Mülleimer. Dann setzte sie sich wieder, goss sich den Rest Kaffee aus der Kanne ein und sah auf ihr Handy. Das Display zeigte eine stille Benachrichtigung der Sparkassen-App.

Gutschrift: 2.100 Euro.

Sie schaltete den Ton wieder ein. Aber nur für den Wecker.

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