Der Werkstattschlüssel, den Erika nicht mehr zurückgab

Es gibt Namen, die man sich merkt, weil jemand sie einem regelrecht eingebrannt hat. Bei mir ist das der Name Konstantin. Nicht weil er schön klingt. Sondern weil ich ihn vier Jahre lang auf Rechnungen, Mahnbescheiden und einer Werkstatttür in Bottrop gelesen habe, die eigentlich mir gehören sollte.

Ich heiße Marlene Wessels, bin achtundfünfzig, und die Geschichte beginnt mit meinem Mann Dieter. Er hatte eine kleine Kfz-Werkstatt an der Gladbecker Straße, drei Hebebühnen, ein Bosch-Schild über der Tür, das schon Rost ansetzte. Als er vor sechs Jahren starb, Herzinfarkt, mitten im Winter, mit Schnee auf dem Vorplatz, den keiner geräumt hatte, blieb die Werkstatt mir. So stand es im Testament. Schwarz auf weiß, notariell.

Unsere Tochter Sina hatte den Konstantin ein Jahr vorher geheiratet, einen freundlichen Mann mit Klemmbrett-Stimme, der bei jedem Familienessen erklärte, wie man Dinge „effizienter" macht. Er arbeitete als Kfz-Meister und war, ehrlich gesagt, gut in seinem Beruf. Nach Dieters Tod bot er an, den Betrieb „für mich zu führen, bis ich wieder klarkomme". Ich war dankbar. Ich konnte an manchen Tagen kaum den Kaffee aufsetzen, geschweige denn Rechnungen schreiben.

Zwei Jahre lief das gut. Dann kam der Nachmittag im Oktober, an dem meine Nachbarin Hilde mir erzählte, ihr Sohn habe bei der IHK ein neues Firmenschild für eine „Wessels & Yılmaz Kfz GmbH" gesehen — nur stand da nicht Wessels und Yılmaz. Da stand nur noch Yılmaz. Konstantin hatte sich, mit einer Vollmacht, die ich ihm für „Bankangelegenheiten während meiner Reha" unterschrieben hatte, als Geschäftsführer eingetragen und die Werkstatt komplett auf sich umgeschrieben. Meine Unterschrift unter einem Übertragungsvertrag, an den ich mich nicht erinnerte, unterzeichnet zu haben — datiert auf einen Tag, an dem ich, laut meinem eigenen Kalender, in der Reha-Klinik in Bad Salzuflen war.

Ich rief ihn an. Er sagte, ich solle mich nicht „hineinsteigern". Dass er die Werkstatt „gerettet" habe, weil ich „sowieso überfordert" gewesen sei. Dass Sina „glücklicher" sei, wenn ich „nicht ständig Stress mache". Im Hintergrund hörte ich seinen Kompressor laufen, das gleiche Zischen, das ich vierzig Jahre lang neben Dieter gehört hatte.

Sina rief mich am selben Abend an und sagte, ich solle „nicht übertreiben", Konstantin habe „nur Ordnung reingebracht". Sie sagte das, während im Hintergrund ihr Sohn Fynn schrie, mein einziger Enkel, den ich seit Wochen nicht mehr gesehen hatte, weil Konstantin fand, „zu viel Oma-Kontakt" mache das Kind „anhänglich".

Ich legte auf und starrte eine Weile auf mein Telefon. Dann rief ich meine alte Schulfreundin Birgit an, die seit fünfundzwanzig Jahren als Notarfachangestellte arbeitet. Sie hörte sich alles an, ohne mich zu unterbrechen, und sagte dann nur einen Satz: „Marlene, bring mir morgen früh alle Unterlagen. Alle."

In der Nacht davor konnte ich nicht schlafen. Ich saß in der Küche, aß trockene Butterkekse aus der Dose, die eigentlich für Fynn gedacht waren, und hörte draußen den Nachbarshund bellen, den kleinen Mischling der Familie Öztürk von gegenüber, der immer bellte, wenn die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbeifuhr. Ich dachte an Dieter, der jeden Samstag um sechs Uhr die Rollläden der Werkstatt hochgezogen hatte, bevor überhaupt die Bäckerei nebenan aufmachte.

Am nächsten Morgen brachte ich Birgit einen Aktenordner mit allem, was ich finden konnte: die Vollmacht, den Testamentsauszug, Kontoauszüge, sogar die alte Reha-Bescheinigung mit dem Stempel der Klinik. Birgit fand, was ich nicht gesehen hatte: Die Unterschrift unter dem Übertragungsvertrag war zwar meine — aber das Dokument selbst war erst zwei Wochen NACH dem Reha-Aufenthalt erstellt worden, mit einem rückdatierten Datum. Eine Urkundenfälschung. Konstantin hatte offenbar ein altes, von mir unterschriebenes Blankoformular für Bankvollmachten genutzt und darüber den Vertragstext gesetzt.

Birgit vermittelte mir einen Anwalt, Herrn Dr. Aksoy, der in Essen eine kleine Kanzlei betreibt und sich auf Erbrecht und Wirtschaftsstrafrecht spezialisiert hat. Er hörte sich alles an, blätterte in den Unterlagen und sagte: „Frau Wessels, das reicht für eine Anzeige wegen Urkundenfälschung und für eine zivilrechtliche Rückübertragungsklage. Aber ich muss Sie warnen — das wird hässlich in der Familie."

„Es ist schon hässlich", sagte ich.

Die Kündigung der Vollmacht ging noch am selben Tag per Boten raus. Dann die Strafanzeige. Dann die einstweilige Verfügung, die verhinderte, dass Konstantin währenddessen Maschinen oder Kundenverträge weiterverkaufte.

Die Ladung zur mündlichen Verhandlung kam im März, Amtsgericht Bottrop. Ich saß auf der einen Seite des Saals, Dr. Aksoy neben mir mit seinem dünnen schwarzen Aktenkoffer. Konstantin kam mit seinem eigenen Anwalt, einem jungen Mann, der ständig auf sein Handy schaute. Sina saß nicht neben ihm. Sie saß zwei Reihen dahinter, allein, mit rotgeränderten Augen, und hielt eine Packung Papiertaschentücher fest, ohne sie zu benutzen.

Die Richterin, eine ruhige Frau mit grauem Haarknoten, ließ das forensische Gutachten zur Datierung des Dokuments verlesen. Der Gutachter erklärte in trockenem Ton, dass die Tinte auf dem angeblich vor sechs Jahren erstellten Dokument eine chemische Zusammensetzung aufweise, die erst seit vier Jahren im Handel sei. Konstantins Anwalt versuchte, das anzuzweifeln. Die Richterin unterbrach ihn kurz: „Herr Kollege, das ist ein Laborbefund, kein Meinungsstreit."

Konstantin selbst sagte während der Verhandlung fast nichts. Erst am Ende, als die Richterin die Rückübertragung der Werkstatt anordnete und ihn zusätzlich zur Zahlung von einundvierzigtausend Euro entgangenen Gewinns verurteilte, den er in den zwei Jahren aus dem Betrieb gezogen hatte, drehte er sich zu mir um und sagte leise: „Das war nie böse gemeint, Marlene."

Ich antwortete nicht. Ich packte die Kopie des Urteils in meine Aktentasche, die gleiche abgewetzte braune Tasche, die früher Dieter für die Steuerunterlagen benutzt hatte, und stand auf.

Zwei Wochen später ließ ich das Schloss der Werkstatt austauschen. Ein neuer Schließzylinder, made in Velbert, vierzig Euro beim Schlosser um die Ecke. Ich stellte Konstantins alten Werkstattschlüssel, den er nie zurückgegeben hatte, in einen Umschlag und schickte ihn per Einschreiben an seine neue Adresse — er war zu diesem Zeitpunkt schon aus der gemeinsamen Wohnung mit Sina ausgezogen. Kein Brief dabei. Nur der Schlüssel, der jetzt nirgendwo mehr passte.

Die Werkstatt läuft heute mit einem neuen Meister, den Dieters alter Kollege Herr Brandt mir vermittelt hat. Fynn kommt jeden zweiten Samstag zu mir, isst Butterkekse aus derselben Dose, und wir schauen zusammen zu, wie an der Hebebühne ein Auto hochgezogen wird — er nennt das „Papas altes Spiel", obwohl er meint, ich sei sein Papa gewesen, was ich nie richtiggestellt habe.

Vor drei Monaten erfuhr ich von Birgit, die zufällig in der Kanzlei ein Fax gesehen hatte, dass Konstantin bei einer anderen Werkstatt in Gelsenkirchen als Angestellter arbeitet — nicht als Meister, sondern als einfacher Mechaniker, weil sein Meistertitel wegen der Verurteilung vorübergehend ruht. Sina lebt inzwischen mit Fynn wieder bei mir im Haus, im ehemaligen Zimmer ihres Vaters, und zahlt keine Miete, weil ich das so wollte. Sie hat mich nie gefragt, warum ich den Schlüssel zurückgeschickt habe, statt ihn wegzuwerfen. Ich glaube, sie weiß es auch so.

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