Der Tisch für acht

Um kurz nach acht an meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag rief das Restaurant an. „Bleibt der Tisch für acht Personen um achtzehn Uhr bestehen?“, fragte die Frau am Telefon. Ich saß im Wohnzimmer, trug die neue Bluse in Bordeaux und die Ohrringe meiner Mutter. Auf dem Couchtisch lag das Handy, daneben ein Fotoabzug. „Nein“, sagte ich. „Stornieren Sie ihn bitte.“

Drei Wochen vorher hatte ich in die Familiengruppe geschrieben: „Am 18. November werde ich 75. Ich will kein Geschenk. Ich will nur mit euch essen gehen. Sagt mir bis zum 3. November Bescheid, dann bestelle ich einen Tisch.“ Ich hatte den Samstag gewählt, damit niemand am nächsten Tag früh raus muss.

Ich hatte mir die Bluse in Bordeaux im Kaufhaus am Münsterplatz gekauft. Die Verkäuferin meinte, die Farbe würde mir stehen. Am Mittwoch davor war ich beim Friseur. Ich hatte sogar ein Foto aus dem Schuhkarton ziehen lassen: wir vier, 1987 am Schluchsee, die Kinder in Badekleidung, mein Mann hinter der Kamera. Das wollte ich ihnen schenken. Der Abzug im Drogeriemarkt hat vierzehn Euro neunundneunzig gekostet.

Katrin rief als Erste an. Ihr Mann hatte zwei Karten für das Weihnachtsoratorium im Konzerthaus bekommen, die ließen sich nicht umtauschen. „Wir feiern nach“, sagte sie. „Versprochen.“

Jan schrieb aus Berlin. Vier Stunden Zug für ein Abendessen, das schaffe er nicht. Er schlug vor, im Frühjahr zu kommen. „Dann habe ich mehr Zeit, Mama.“

Tim sagte zu. Er wohnt keine zwanzig Minuten entfernt in Littenweiler. Am Morgen des Geburtstags schrieb er: Lukas habe ein Handballturnier, er müsse als Betreuer mit. Ich antwortete allen dreien dasselbe: „Macht euch keinen Kopf. Ich verstehe das.“

Das war der Satz, den ich mein Leben lang benutzt hatte. Ich verstand, als Jan fürs Studium nach Berlin zog und wir den geplanten Urlaub an der Nordsee strichen. Ich verstand, als Katrin die Anzahlung für die Eigentumswohnung brauchte und ich ihr meine Rücklagen von der Sparkasse gab. Ich verstand, als Tim nach der Scheidung elf Monate bei mir wohnte und ich mein Arbeitszimmer räumte. Es gab immer etwas, das wichtiger war als mein Wunsch.

Am Samstag zog ich mich trotzdem an. Weinrote Bluse, Ohrringe, Wimperntusche. Um halb acht saß ich auf dem Sofa und knetete die Servietten, die ich extra gekauft hatte, zwölf Stück mit goldenem Rand. Das Telefon lag auf meinem Schoß. Um acht rief das Restaurant an. Ich stornierte.

Dann ging ich in die Küche, schlug drei Eier auf, schnitt Schnittlauch von der Fensterbank. Ich machte mir ein Omelett und machte die Flasche Spätburgunder auf. Auf dem Etikett stand 2009. Ich aß am Küchentisch, die Servietten mit dem goldenen Rand lagen daneben.

Um halb zehn rief Katrin an. Sie war schon im Konzerthaus, hinter ihr hörte ich das Stimmengewirr. Sie sprach schnell. „Alles Gute, Mama. Was wünschst du dir? Ich schick dir was.“ Ich sagte: „Nichts. Genieß das Konzert.“ Tim schickte ein Foto vom Turniertisch, Lukas grinste mit einer Medaille um den Hals. Jan schrieb: „Alles Liebe zum Geburtstag, Mama ❤️❤️❤️“ Ich saß da, die halbe Flasche Wein vor mir, und weinte. Nicht, weil ich allein war. Sondern weil sie sich so sicher waren, dass ich immer verstehen würde.

Am Sonntagmorgen rief meine Schwester Helga an. Sie lebt in Kühlungsborn. „Ich hab’s dir tausendmal gesagt“, sagte sie. „Komm im Winter zu mir. Jetzt fährst du.“ Ich schaute auf den Zettel, auf dem die Telefonnummer vom Restaurant stand. „Und wenn eins von den Kindern …“ Helga unterbrach mich. „Die sind erwachsen. Die haben Telefone. Wenn wirklich etwas ist, rufen sie an.“ Am Montag kaufte ich ein Zugticket. 87,40 Euro, einfache Fahrt, mit Umstieg in Hamburg und Bad Doberan. Ich blieb 27 Tage.

Zwei Wochen vor der Abreise rief Katrin an. „Mama, kannst du vom 10. bis 14. Dezember auf Emma und Paul aufpassen? Ich muss beruflich nach München.“ Ich saß am Küchentisch und trank Fencheltee. „Da bin ich in Kühlungsborn.“ In der Leitung war es einen Moment ruhig. „Aber du hast doch im Dezember sonst immer Zeit.“ „Diesmal nicht“, sagte ich. „Ich bin bei Helga. Du findest eine Lösung.“

Am nächsten Abend rief Tim an. „Kannst du Lukas am Dienstag zum Kieferorthopäden fahren? Ich kriege auf der Arbeit keinen frei.“ Ich schälte gerade Kartoffeln. „Da bin ich nicht da. Frag deine Ex-Frau.“ Er schwieg. „Was soll ich denn jetzt machen?“ Ich legte das Messer in die Spüle. „Dich organisieren, Tim. Ich bestrafe euch nicht. Ich halte nur nicht mehr mein Leben für euch bereit wie einen Bereitschaftsdienst.“ Er legte auf, ohne sich zu verabschieden.

Am vierten Dezember fuhr ich los. Der ICE nach Hamburg hatte zwanzig Minuten Verspätung. Auf dem Bahnsteig roch es nach Brezeln und Diesel. In Hamburg stieg ich in den Regionalzug nach Rostock, in Bad Doberan in den Molli, der durch den Nebel rumpelte. Helga holte mich in Kühlungsborn mit ihrem roten Opel Corsa ab. In der Wohnung war es so warm, dass ich schon im Flur den Schal abnahm und das Fenster aufmachte. Helga drehte das Thermostat auf 24. Ich drehte es auf 19. Drei Tage lang führten wir ein wortloses Duell.

Aber wir gingen jeden Morgen an den Strand. Der Wind roch nach Salz und Algen. Einmal aßen wir Fischsuppe in einem Café an der Seebrücke, 9,80 Euro, mit Schuss Sahne und einem halben Brötchen. Ein andermal lachten wir, weil Helga in einer Pfütze ausrutschte und ich sie am Ärmel packen wollte und fast mit umfiel. Wir feierten meinen Geburtstag mit 27 Tagen Verspätung, bei Helga zu Hause, mit ihren Freundinnen Bärbel und Christa. Christa hatte einen Apfelkuchen gebacken, Bärbel brachte eine Flasche Sekt. Wir stießen an, bis spät in die Nacht. Irgendwann sagte Helga: „Siehst du? Du kannst auch einfach mal weg.“ Ich musste lachen, obwohl mir die Augen brannten.

Als ich im Januar zurückkam, hatten die Kinder ein gemeinsames Essen organisiert. Alle drei kamen nach Freiburg, samt Partnern und Enkeln. Katrin hatte im Kastanienhof einen Tisch bestellt. Es war nett. Nach dem Nachtisch sagte Katrin: „Mama, ich habe nie gedacht, dass dir diese Feier wirklich wichtig war. Ich dachte, so eine Einladung wäre eine Formalität. Dass man auch an einem anderen Tag feiern kann.“

Ich legte die Gabel auf den Tellerrand. „Genau das war das Problem“, sagte ich. „Für euch war meine Zeit immer verschiebbar. Ihr habt geglaubt, ich halte euch für immer frei. Aber auch Mütter werden älter. Und auch Mütter warten.“ Niemand sagte etwas. Man hörte, wie im Hintergrund die Kaffeemaschine zischte. Jan untersuchte seine eigenen Fingernägel, Tim drehte den kleinen Löffel neben seiner Kaffeetasse.

Am selben Abend setzte ich mich an den Küchentisch und klappte den Laptop auf. Ich rief die Seite des Kastanienhofs auf. Unter „Reservierung“ tippte ich: Samstag, 16. Mai, 18 Uhr, sechs Personen. Ich überwies hundert Euro Anzahlung. Verwendungszweck: „Geburtstag Ilse Berger, 76.“

Den Screenshot schickte ich in die Familiengruppe.

„Ich habe für meinen 76. Geburtstag einen Tisch reserviert. Wer mir bis zum 30. April zusagt, bekommt einen Platz. Ich lade die ein, die wirklich kommen wollen.“

Tim schrieb: „Sechs? Wir sind doch acht, Mama.“

Ich tippte: „Dann sag bis 30. April zu. Sonst frage ich Helga und die Frauen vom Wanderclub.“

Jan schrieb: „Das klingt nach Druck.“

Ich antwortete: „Das ist ein Plan.“

Dann klappte ich den Laptop zu, holte den Kalender aus der Schublade und zog einen roten Kreis um den 30. April. Draußen regnete es. Ich schloss das Fenster und spülte die Teetasse. Auf dem Abtropfgestell lag noch der Kassenzettel von der Fischsuppe in Kühlungsborn – 9,80 Euro. Ich legte ihn zu den anderen in die Blechdose im Schrank.

Am nächsten Morgen kaufte ich beim Bäcker am Münsterplatz vier Laugenbrezeln. Nicht mehr für alle. Für mich. Und für Helga, wenn sie im Mai herkommt.

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