Der Braten. Wo war der Braten?
Christofs Stimme kam aus dem Flur und übertönte mühelos das Rauschen des Wasserhahns. Celine stand in der Küche ihrer Altbauwohnung in Bremen und schrubbte den Bräter, an dessen Boden die Kruste vom Gänsefleisch klebte. Sie hatte den Tag über kaum Luft geholt.
— Im Schrank neben dem Ofen! — rief sie, ohne sich umzudrehen.
— Da ist er nicht!
Celine drehte den Hahn zu, trocknete sich die Hände an einem Küchentuch ab und ging zu ihm. Christof riss die Schubladen auf, Kochlöffel und Schneebesen schepperten gegeneinander. Er warf ihr einen genervten Seitenblick zu, ohne sie richtig anzusehen.
— Du räumst auch immer alles um. Hättest den Braten doch längst aufschneiden können. Die Gäste kommen in einer halben Stunde, und hier sieht es aus wie auf einem Trödelmarkt.
Celine presste die Lippen aufeinander. Sie war seit sechs Uhr morgens auf den Beinen. Am Abend zuvor hatte sie nach der Arbeit vier schwere Einkaufstüten aus dem Supermarkt in der Martinistraße nach Hause geschleppt, während Christof auf dem Sofa gelegen und Fußball geschaut hatte. Sein Geburtstag, hatte er erklärt. Der Jubilar habe eine Pause verdient.
Sie hatte den ganzen Samstag mit Schälen, Braten, Putzen und Anrichten verbracht. Ein gutes Stück ihres Weihnachtsgeldes steckte in diesem Abend — Gans vom Biobauern, frischer Rosenkohl, zwei Sorten Klöße, der gute Rotwein aus dem Feinkostladen in der Innenstadt. Die Wohnung war frisch saniert, die Küche nagelneu, und Celine wollte, dass der erste große Familienabend nach dem Umbau perfekt wurde. Der Kredit für die Altbauwohnung drückte ohnehin, aber das war ein besonderer Tag.
— Ich schaffe das schon, Christof. Zieh dir bitte ein Hemd an. Robert und Ines sind immer pünktlich.
Christof schnaubte und verschwand ins Schlafzimmer. Kurz darauf klingelte es an der Tür. Elke, seine Mutter, kam fast anderthalb Stunden früher als die übrigen Gäste. Offiziell, um zu helfen. In Wirklichkeit, um zu prüfen, ob Celine alles so machte, wie es sich gehörte.
— Celine!
Der Ton ihrer Stimme klang wie eine Anweisung an eine Angestellte.
— Warum sind die Servietten alle unterschiedlich gefaltet? Bei uns zu Hause wurde immer auf jede Kleinigkeit geachtet.
Celine trat aus der Küche. Elke saß bereits im Sessel, in einer beigen Bluse mit Perlenkette, die Brille an einem Kettchen um den Hals. Sie hielt einen Stapel Stoffservietten in der Hand und drehte sie hin und her.
— Ich habe sie schnell gefaltet. Wichtiger ist, dass die Gans rechtzeitig fertig wird.
— Und was sollen die Gäste denken, wenn sie so eine Nachlässigkeit sehen? Robert und Ines kommen. Bei Ines ist immer alles durchdacht. Die hat Stil, die hat Klasse.
Celine ließ den Satz im Raum stehen und beugte sich über den neuen Ofen. Auf dem Display blinkten zwei Symbole. Sie drückte die Tastensperre, damit die Garstufe nicht versehentlich verstellt wurde. Die Gans brauchte noch genau fünfzig Minuten. Auf Celines Schürze fiel ein dunkelroter Tropfen vom Pinsel. Sie fluchte leise. Keine Zeit mehr, sich umzuziehen.
Dann klingelte es erneut. Die Gäste kamen herein, Robert vorweg, im dunkelblauen Jackett, den Geruch von teurem Rasierwasser im Schlepptau. Seine Frau Ines trug eine glatte Hochfrisur und legte ihre Handtasche aus weichem Leder auf die Kommode. Dahinter drängten sich Christofs Cousine und ihr Mann. Der Flur füllte sich mit Stimmen und Papierrascheln von Geschenktüten.
Christof erschien im frisch gebügelten hellen Hemd, die Brust ein Stück vorgeschoben, die Stimme eine Spur zu laut.
— Kommt rein, kommt rein! Fühlt euch wie zu Hause. Seht euch die neue Küche an! Den Marmor hier habe ich selbst ausgesucht, jede einzelne Platte. Mit dem Handwerker hätte ich fast täglich telefoniert.
Celine blieb an der Küchentür stehen und zog die Augenbrauen hoch. Den Marmor hatte Christof tatsächlich ausgesucht. Ganze zwanzig Minuten im Baumarkt. Die Rechnungen der Handwerker hatte Celine überwiesen. Sie war es gewesen, die acht Mal wegen der schief gesetzten Steckdosen angerufen hatte. Aber nicht an diesem Abend. Keine Diskussion vor den Gästen.
In der nächsten Stunde kam Celine kaum zum Sitzen. Salate, Tellerchen, Besteck, Gläser, Brotkorb. Keiner am Tisch fragte, ob sie Hilfe brauche. Das Gespräch drehte sich um Immobilienpreise in den Bremer Neubaugebieten.
— Wir überlegen, die Wohnung in der Altstadt zu vermieten, — sagte Ines und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. — Und dann raus ins Grüne, nach Oberneuland. Robert hat ein Grundstück in Aussicht.
— Klug, — sagte Robert und legte sein Besteck ab. — Christof, was ist mit euch? Die Wohnung ist ja hübsch, aber für eine Familie auf Dauer zu klein. Wenn ihr Kinder plant, wird es eng.
Christof rutschte auf seinem Stuhl herum.
— Wir sind gerade erst mit dem Umbau fertig. Das ist eine Wertanlage. Ich stecke mein Geld lieber in Projekte als in noch mehr Quadratmeter.
Eine Dreiviertelstunde später redete Christof mit dem Brustton eines Unternehmers. Er hatte sich am Kopf des Tisches breitgemacht, fuchtelte mit der Gabel und dozierte über die Rolle des Mannes.
— Ich sage ja immer: Ein Mann sorgt für seine Familie. Meine Frau wünscht sich eine Gans? Kein Problem, ich organisiere das. Guter Wein, frische Klöße? Ich spare nicht am falschen Ende. Man muss sich auch mal etwas gönnen.
Celine stand im Durchgang zur Küche und hörte zu. Sie wusste, von wessen Konto Gans, Wein und Klöße abgegangen waren. Robert beugte sich zurück und drehte lässig sein Weinglas.
— Stark, Christof. Aber wo bleibt der Hauptgang? Bei Ines steht der Braten um Punkt neunzehn Uhr auf dem Tisch. Die Gäste bekommen sonst Hunger.
Christofs Gesicht verrutschte. Er drehte sich zur Küche.
— Celine!
Seine Stimme hallte durch die Wohnung.
— Wo bleibt die Gans? Sitzen hier alle und warten auf dich. Oder willst du, dass wir verhungern?
Celine trat aus der Küche. Ihr Gesicht war vom Ofen heiß.
— Noch ein paar Minuten, Christof. Der Ofen arbeitet nach Timer. Sobald die Soße durchgezogen ist, bringe ich sie.
— Eine gute Gastgeberin hat alles fertig, wenn die Gäste kommen, — sagte Elke und tupfte sich mit der Stoffserviette die Mundwinkel. — Der Appetit kommt am gedeckten Tisch. Wenn das Hauptgericht auf sich warten lässt, ist das kein Fest. Man kann doch nicht den ganzen Abend nur Salat essen.
Ines musterte Celine. Ihr Blick blieb an der Schürze hängen, an dem dunklen Soßenfleck unter der Brust. Christofs Cousine senkte schnell den Kopf und schob mit der Gabel eine halbe Tomate über den Teller.
— Genau! — rief Christof und richtete sich auf. — Alle warten hier wie bestellt und nicht abgeholt. Mit dir dauert alles ewig.
Celine trat näher an den Tisch. Sie sah auf die rot leuchtenden Ziffern des Ofentimers, dann auf ihren Mann.
— Ich mache das so schnell ich kann, — sagte sie ruhig. — Ich bin seit heute Morgen auf den Beinen. Können wir das nicht vor den Gästen klären?
— Du bist doch nur faul! Den ganzen Tag zu Hause und bekommst nicht mal einen Braten pünktlich hin! Schau dir Ines an: sieht gut aus, hat alles im Griff, der Tisch ist abgeräumt, bevor man den letzten Bissen gekaut hat. Und du stehst da wie eine Anfängerin.
Robert hustete und stellte das Glas ab.
— Christof, jetzt beruhig dich. Wir sitzen gut hier.
— Was denn! — Christof breitete die Arme aus. — Ich arbeite, ich bringe das Geld nach Hause! Dieses Fest geht komplett auf meine Rechnung. Darf ich an meinem Geburtstag vielleicht ein Stück Gans auf dem Teller haben? Ich leiste mir schließlich ein Zuhause, da kann ich wohl erwarten, dass der Braten pünktlich serviert wird.
Celine sah ihn an. Sie sah das frische Hemd, das sie am Vorabend gebügelt hatte. Sie sah die zufriedene Miene, mit der er auf die Verwandtschaft blickte. Sie sah Elke, die den Rücken durchdrückte und zustimmend nickte.
Vor Celines innerem Auge lief der Samstagvormittag ab: die Gans, die sie an der Fleischtheke im Supermarkt bezahlt hatte. Die Einkaufstüten, die ihr auf dem Rückweg in die Kniekehlen schlugen. Christof, der bis elf Uhr im Bett lag, weil der Arbeitgeber ihn die Woche über so gefordert hatte.
Aber sie sagte nichts. Sie hob nicht die Stimme. Sie zählte nicht auf, von wessen Konto der Abend bezahlt war. Sie rechtfertigte sich nicht.
Sie griff nach hinten, öffnete den Verschluss an ihrem Hals, zog die Bänder an der Taille auf. Sie streifte die Schürze über den Kopf — die Schürze mit dem großen dunkelroten Fleck mitten auf dem Brustlatz.
— Was machst du? — Christof runzelte die Stirn.
Celine trat dicht an ihn heran. Ohne Ausholen legte sie ihm den Stoff über den Kopf. Der Fleck fuhr dabei an seinem weißen Kragen entlang und zog eine dunkle Spur über die Schulter.
— Ich mache das dann selbst, — sagte sie.
Dann drehte sie sich um und ging zur Garderobe. Hinter ihr polterte Christofs Stimme gegen die Küchenschränke.
— Celine! Was soll der Unsinn?! Du bist ja völlig verrückt geworden!
Sie zog ihre Stiefeletten an, nahm die Jacke vom Haken, griff nach dem Autoschlüssel. Elke war aufgesprungen.
— Celine, du bleibst jetzt hier! Was sollen die Gäste denken! Vor Roberts Frau so eine Szene!
Celine trat ins Treppenhaus und zog die Tür ins Schloss. Hinter ihr wurden Rufe lauter. Draußen lag der erste Frost auf den Autodächern. Sie stieg in den kleinen Wagen, startete den Motor und drehte die Heizung auf. Keine Salate. Keine Bemerkungen. Kein Christof, der vor seinem Bruder den großen Mann markierte.
Sie fuhr nach Südosten, zu ihrer Schwester. Marie wohnte in einem ruhigen Wohnviertel in Huckelriede. Celine rief nicht an. Sie wusste, die Tür würde aufgehen. Das Telefon vibrierte in der Tasche, als sie vor dem Altbau parkte. Christof. Sie wischte den Anruf weg. Eine Minute später klingelte es erneut. Drei wütende Nachrichten folgten.
Marie öffnete in einem Wollpullover, die Haare zu einem lockeren Dutt gebunden.
— Was ist denn mit dir? Heute ist doch Christofs Geburtstag. Ich dachte, du jonglierst gerade Teller.
— Christof feiert heute die Unabhängigkeit, — sagte Celine und zog die Schuhe aus. — Kann ich bei dir schlafen? Noch zwei Minuten in dieser Wohnung, und ich hätte jemandem das Weinglas über den Kopf geschüttet.
Marie fragte nicht weiter. Sie holte Hausschuhe aus dem Schrank und ging voran in die Küche. Während Marie eine Suppe warm machte, klingelte das Telefon unentwegt. Schließlich nahm Celine ab.
— Ja?
— Wo bist du? — Christof brüllte, im Hintergrund Stimmengewirr. — Komm sofort zurück! Alle warten hier! Robert macht sich über mich lustig!
— Ich bin spazieren, — sagte Celine und rührte in ihrem Teller.
— Spazieren? Der Ofen piept die ganze Zeit! In der Küche qualmt es! Hier riecht alles verkohlt!
— Dann schalt den Ofen aus. Du hast die Küche doch selbst ausgesucht. Du kennst jeden Knopf.
— Ich kann ihn nicht ausschalten! Da steht dauernd „Tastensperre aktiv“! Wie macht man die weg? Meine Mutter hustet schon! Ines bekommt das Fenster nicht auf, der Griff klemmt! Celine, jetzt hör auf mit dem Theater!
— Die Anleitung liegt in der obersten Schublade, — sagte Celine. — Gleich neben dem Ausstecher, den du vorhin so aufmerksam gesucht hast.
Sie machte eine kleine Pause.
— Guten Appetit, Christof. Und herzlichen Glückwunsch.
Dann beendete sie das Gespräch und schaltete das Telefon in den Flugmodus. Draußen rieselte feiner Schnee auf die Straße. Celine schlief bei Marie vierzehn Stunden am Stück. Kein Wecker, kein Termin, kein Kater, der um sechs Uhr früh über ihr Gesicht strich.
Den Sonntag verbrachten sie fast vollständig auf der Couch. Sie tranken Kaffee aus großen Bechern, schauten eine halbe Staffel einer schwedischen Krimiserie und aßen belegte Brote. Niemand fragte, wo das Bügelbrett stand. Niemand beschwerte sich über falsch gefaltete Servietten.
Am Sonntagabend fuhr Celine zurück. Schon im Hausflur roch sie den beißenden Gestank von verbranntem Fett, vermischt mit den Resten der Salate. Die Küche sah aus, als hätte ein Trupp durchgefeiert. Schüsseln mit eingetrockneten Soßen, Gläser mit Rotweinrändern, auf dem frisch verlegten Vinylboden klebten Streifen von Soße. Auf der Tischdecke ein großer Fleck. Christof saß am Küchentisch, im selben Hemd, der Kragen eingedunkelt von einem braunen Streifen. Vor ihm eine Konservendose mit Ravioli, aus der er mit einer Gabel aß.
Als Celine hereinkam, hob er den Kopf.
— Du bist wieder da.
— Ja.
Sie hängte die Jacke über die Stuhllehne. Christof legte die Gabel in die Dose.
— Ich habe zwei Stunden den Ofen geschrubbt, — sagte er tonlos. — Bis ich die Anleitung gefunden hatte, war von der Gans nur noch ein schwarzes Skelett übrig. Robert ist nach einer halben Stunde gegangen. Er hat gesagt, das sei hier keine Familie, sondern eine Irrenanstalt. Meine Mutter hat Baldriantropfen genommen.
— Kommt vor, — sagte Celine. Sie setzte sich ihm gegenüber. — Beim nächsten Mal bist du schneller. Ein guter Gastgeber hat schließlich alles im Griff.
Christof antwortete nicht. Er stocherte in den Ravioli. Celine stand auf, zog den Stecker der Küchenmaschine aus der Dose, ging ins Schlafzimmer und holte aus dem Schrank eine saubere Bluse. Dann setzte sie sich im Wohnzimmer an den kleinen Sekretär und klappte den Laptop auf.
Am Montagmorgen klingelte ihr Wecker um 6.10 Uhr. Sie duschte, trank im Stehen einen Kaffee, fuhr ins Büro. Christof rief viermal an. Sie ließ das Telefon in der Handtasche klingeln. Gegen Mittag schickte er eine Nachricht: Du hättest die Gans nicht einfach stehen lassen müssen. Ich musste vor meiner Mutter wie ein Idiot dastehen.
Celine tippte zurück: Dann soll deine Mutter nächstes Jahr kochen. Ich bin weg.
Sie schickte es ab und legte das Telefon mit dem Bildschirm nach unten auf den Schreibtisch. Am Wochenende darauf zog sie für zwei Wochen zu Marie. Christof stand am Fenster, als sie die Tasche ins Auto legte. Er kam nicht herunter. Stattdessen schickte er abends ein Foto von sich vor der Pizzeria in der Straße, mit dem Text: Siehst du, ich komme zurecht.
Die Kälte in der Wohnung war nicht nur die Jahreszeit. Celine fror am meisten, wenn Christof abends spät heimkam, das Essen kalt auf dem Tisch stand und er kein Wort darüber verlor. Sie saß dann oft noch lange am Küchentisch, schaute auf die Rechnung des Kredits und rechnete. Miete, Zinsen, Heizung, die neue Haustür, die Rücklage für die Eigentümerversammlung im Frühjahr. Alles lief über ihr Konto.
Nach vierzehn Tagen kehrte sie zurück, nicht aus Sehnsucht. Sondern weil sie in der Wohnung eine Entscheidung getroffen hatte, die einen Schreibtisch, einen Notar und einen letzten Blick auf die Küche brauchte. In der Schublade unter dem Herd lag noch die Rechnung für die Gans. 84 Euro. Sie steckte sie in die Handtasche, zusammen mit der Kreditübersicht und den Kontoauszügen der letzten drei Monate.
Die Kanzlei lag in der Neustadt, ein Altbau mit hohen Decken und einem langen Flur. Auf dem Beistelltischchen stand eine halb ausgetrunkene Tasse Pfefferminztee. Celine schob die Unterlagen über den Tisch. Die Anwältin trug eine schmale Brille und las langsam. Einmal sah sie über den Rand.
— Sie tragen alles allein? Auch die Sonderumlage vom letzten Jahr?
— Ja. Die 3.800 Euro für das neue Dach habe ich im Januar überwiesen. Christof hat mir einen Teil in bar gegeben. Den Rest sollte ich „später bekommen“. Das hat er seit acht Monaten vergessen.
Die Anwältin machte sich eine Notiz. Als Celine die Kanzlei verließ, hatte sie einen Zettel in der Tasche, auf dem in Druckbuchstaben eine Frist stand: Antrag auf Versorgungsausgleich. Und darunter, kleiner: Verkauf der Wohnung.
Am nächsten Morgen stand Christof um halb acht in der Küche, als sie die Kaffeemaschine anschaltete.
— Du, wegen der Gans…
— Ich habe die Wohnung bewertet, — sagte Celine. — Wir verkaufen. Der Notartermin ist in drei Wochen, am 14. um elf.
Christof setzte sich, rieb sich über den Arm, verschränkte die Finger.
— Und wenn ich nicht unterschreibe?
— Dann läuft das über das Gericht. Wird teurer.
Er sah an die Wand, wo der neue Sicherungskasten hing.
— Du willst also wirklich alles hinschmeißen? Wegen so einem Abend?
Celine stellte die Kaffeemaschine ab, holte ihre Tasse aus dem Schrank, den blauen Becher mit den weißen Punkten. Sie schaute ihn ruhig an.
— Nein. Wegen 84 Euro Gans und 38 Jahren, in denen deine Mutter mir sagt, dass ich zu langsam bin. Und weil du an deinem Geburtstag vor allen behauptet hast, dass ich faul bin. Für so ein Leben stehe ich morgens nicht mehr auf.
Christof griff nach dem Toast, der auf dem Tisch lag, und legte ihn ungeöffnet wieder hin.
— Ich habe die Gans doch bezahlt.
— Mit meiner Karte. Ich habe den Kassenzettel.
Celine zog den Taschenträger der Handtasche auf, holte den schmalen weißen Beleg heraus und legte ihn neben die Brötchentüte. Siebenundachtzig Euro und zehn Cent.
Christof starrte auf die Zahl, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich dort stand. Dann schob er den Zettel mit dem Handrücken zur Seite.
In der Woche vor dem Notartermin packte er einen Koffer und fuhr zu seiner Mutter. Elke rief Celine an und sprach von Enttäuschung, von einem ruinierten Geburtstag, von einer Schwiegertochter, die nie zur Familie gehört habe. Celine hörte zu, den Telefonhörer ein Stück vom Ohr entfernt, und legte auf, als das Wort „undankbar“ fiel. Sie buchte einen Transport für die Möbel, die sie übernehmen wollte. Für den Rest fand sich über eine Bremer Tauschbörse eine junge Familie, die fast alles abholte. Die alte Stehlampe stand am Ende draußen am Straßenrand, mit einem Zettel: „Zu verschenken. Funktioniert noch.“
Ein halbes Jahr später zog Celine in eine kleine Wohnung in Walle. Sie zahlte weniger Miete als vorher Zinsen. An der Wand über dem Sekretär hängt ein Küchenkalender. Auf dem Blatt für den vierzehnten steht in Kugelschreiber: Notartermin, 14 Uhr, Zimmer frei.
Als Christof anrief, um eine letzte Abrechnung zu besprechen, klang seine Stimme belegt. Er stockte, als Celine von den Unterlagen sprach. Sie legte ihm die Kopie der Kreditübersicht hin, als sie sich vor dem Haus der Kanzlei trafen. Er faltete das Blatt zweimal, steckte es in die Innentasche seiner Jacke und drehte sich ohne Gruß um. Celine blieb auf dem Gehweg stehen, sah ihm nach, bis er an der Ampel stehen blieb und nicht zurückschaute.
Viel später, beim Umzug, fand sie zwischen den Kontoauszügen einen Brief der Bank. Christof hatte im Jahr vor der Trennung ein privates Darlehen aufgenommen, um seinem Bruder Robert bei der Finanzierung eines Autos zu helfen — eines dunkelblauen Kombis, der inzwischen auf Ines’ Parkplatz stand. Die Raten liefen noch bis zum nächsten Sommer. Celine legte den Brief in den Ordner mit der Aufschrift „Erledigt“ und schob ihn ins Regal. Sie füllte einen neuen Antrag aus, diesmal nur mit ihrem Namen. Dann schrieb sie in den Küchenkalender die erste eigene Miete: 680 Euro, fällig zum Ersten.
