Die letzte Fahrt nach Werder

Daniel schob sich das letzte Stück Bratwurst in den Mund und griff nach der Senftube. Ein ganz normaler Mittwochabend. Draußen nieselte es auf den Balkon, drinnen lief leise der Fernseher. Er kaute, schluckte und sagte dann, ohne aufzublicken, den Satz, der alles zerschlug.

„Ich werd am Samstag mal zu meiner Mutter fahren. Denke, so acht, vielleicht zehn Wochen. Ihr Dach über der Terrasse ist undicht, und der Zaun hängt auch komplett schief. Sie kriegt das allein nicht hin."

Er sprach es aus wie eine Wettervorhersage. Routiniert. Faktenbasiert. Mit genau dieser leichten Genervtheit, die signalisieren sollte, dass das Thema keines war und es lächerlich wäre, jetzt auch nur eine Haarspalterei daraus zu machen.

Luise hörte auf zu essen. Sie legte das Besteck nebeneinander auf den Teller, exakt parallel. Ihr Blick verlor den Fokus, als würde sie durch die Wand hindurch etwas sehen, das Daniel beim besten Willen nicht erkennen konnte. Nur dieses undichte Dach. Den schiefen Zaun. Die Terrasse in Werder an der Havel, einem Fleckchen Erde zwei Autostunden entfernt, das mehr von ihrem Mann hatte als sie selbst.

„Lu? Ist was?" Er wedelte mit der Gabel. „Komm, mach nicht so ein Gesicht. Es geht doch gar nicht anders. Der letzte Sturm hat da einiges runtergehauen."

Sie schwieg noch immer. Elf Jahre Beziehung. Sechs davon verheiratet. Und in diesen sechs Jahren hatte Daniel insgesamt fast drei davon in diesem verwunschenen Haus am Stadtrand verbracht, wo seine Mutter wohnte. Drei Jahre. Summierte man die Wochenenden, die Feiertage, die ganzen Sommer, die er dort „nur mal kurz was richtete", kam man auf eine Zahl, vor der Luise sich fürchtete.

Daniel mochte dieses Schweigen nicht. Es war so gar nicht nach ihrem Naturell. Normalerweise debattierte sie, stritt mit ihm. Das hier war anders. Das hier war… endgültig.

„Daniel", begann sie, und ihre Stimme klang, als käme sie vom Grund eines ausgetrockneten Brunnens. „Unser Briefkasten hängt seit Mai mit nur einer Schraube. Der Wasserhahn in der Gästetoilette tropft seit letztem September. Ich hab dir eine Notiz an die Pinnwand gesteckt. Zwei E-Mails geschrieben. Und als du im Dezember drei Tage Urlaub hattest, bist du am ersten Tag nach Werder gefahren, weil sie eine neue Lampe im Flur brauchte."

Er wischte sich mit der Serviette den Mund ab, knautschte sie zusammen.

„Das ist doch jetzt lächerlich. Vergleiche doch nicht einen tropfenden Hahn mit einem eingestürzten Terrassendach! Meine Mutter ist fast siebzig. Sie kann doch nicht auf 'ne Leiter steigen."

„Es geht nicht ums Dach, Daniel. Es geht um den leeren Platz hier auf dem Sofa. Neben mir. Jeden Abend. Du bist körperlich vielleicht in Berlin. Aber hier", sie tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn, „hier bist du immer in Werder. In ihrem Haus, in ihrer Werkstatt, in ihrem Garten. Ich bin nur die Frau, die deine Post annimmt."

Er spürte, wie Wut in ihm hochkochte. Diese Ungerechtigkeit! Sie machte ihn zum Egoisten, dabei war er doch der, der sich für alle aufopferte!

„Das ist doch total verdreht! Ich schufte mich ab! Arbeite fünfzig Stunden im IT-Projektmanagement, und kaum hab ich Urlaub, löcherst du mich mit Vorwürfen, statt dass du mal anerkennst, dass ich mich um meine Familie kümmere! Meine Mutter hat mich allein großgezogen! Ohne Vater! Da gibt es eine Verantwortung. Aber das kannst du ja nicht verstehen, deine Eltern sind ja geschieden und wohnen weit weg!"

Das war unter der Gürtellinie. Er wusste es, noch während er es sagte. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als Luise zwölf war, eine schmerzhafte Sache. Doch er war jetzt in Fahrt, fühlte sich angegriffen und reagierte mit dem einzigen Reflex, den er kannte: Gegenangriff.

Luise zuckte nicht einmal. Sie sah ihn nur an. Studierte ihn wie ein seltenes Insekt unter Glas. Dann griff sie nach ihrem Handy.

„Was machst du?"

„Ich rufe deine Mutter an."

„Bist du verrückt?"

Es klingelte viermal. Dann ging diese vertraute, etwas zu laute Stimme aus dem Lautsprecher.

„Hallo, Luise! Na, ihr zwei? Ist was passiert?" Elke, seine Mutter, klang besorgt, aber auch neugierig. Wie immer.

„Elke, hör zu", sagte Luise, und ihre Stimme war nun seltsam klar. Ohne jedes Zittern. „Dein Sohn will samstags zu dir kommen. Für zehn Wochen."

„Ja, ich weiß doch, Schatz. Er hat's mir doch gesteckt. Ist das nicht lieb von ihm? Das Dach macht mir wirklich Sorgen, der Regen läuft schon bis in den Flur, stell dir vor…"

„Ich hab ihm gesagt", unterbrach Luise, „dass er dann auch gleich ganz bei dir bleiben kann. Ich werde die Scheidung einreichen."

Totenstille in der Leitung. Man hörte nur das leise Knacken des alten Holzes in Elkes Haus. Daniel stand auf, wollte ihr das Handy entreißen.

„Bist du jetzt komplett übergeschnappt?!"

Doch Elkes Stimme kam schon, scharf, schneidend wie eine Kreissäge.

„Was? Wie redest du denn mit meinem Sohn? Weißt du was, junge Dame? Daniel hat dich aus der WG geholt, er hat dir ein Zuhause gegeben! Dich! Eine fremde Person. Undank ist das. Nichts als Undank. Ein Mann muss seiner Mutter helfen, das ist das Normalste auf der Welt. Seine Mutter ist die einzige Frau, die ihn nie enttäuschen wird. Was hast du denn groß getan, außer Ansprüche zu stellen?"

Luise legte auf. Ohne ein weiteres Wort. Sie legte das Handy auf den Tisch, stand ruhig auf und ging aus dem Zimmer.

„Luise! Luise, komm zurück! Das kannst du nicht machen!"

Sie kam zurück. Keine drei Minuten später. Sie trug einen großen, alten Seesack. Denselben, den sie einmal zu einem gemeinsamen Campingurlaub an die Müritz gekauft hatten. Sie wuchtete ihn auf den Esstisch, der noch von den halbvollen Tellern stand.

Daniels Entsetzen wuchs. Das war kein Streit mehr. Kein Eifersuchtsdrama. Seine Mutter hatte ihr gerade alle Leviten gelesen, und Luise war einfach gegangen. Sie hatte die Beleidigung geschluckt und war ohne Gegenwehr abgezogen. Ein Alarmsignal, wie er es noch nie erlebt hatte.

Sie marschierte ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank und nahm, ohne zu fackeln, genau jene Kleidungsstücke heraus, die Daniel für seine „Heimatbesuche" reserviert hatte. Die abgewetzte Cordhose. Die dicken Wollsocken. Das ausgeblichene Carhartt-Hemd, das er nur im Garten trug. Sie knüllte sie nicht, sie warf sie nicht. Sie legte sie ordentlich zusammen und stapelte sie im Seesack. Methodisch. Als würde sie die Kliniktasche für eine längst überfällige Operation packen.

„Hör auf! Hör sofort auf!" Daniel packte sie am Arm. Nicht brutal, aber fest. Sie löste sich mit einer einzigen, fließenden Bewegung, als hätte sie diesen Griff zehntausendmal geübt. Sie sah ihn nicht an. Sie holte seine Arbeitsschuhe aus dem Flur, jene mit den eingetrockneten Lehmschlieren vom letzten Herbst, und stellte sie oben auf den Sack.

Dann nahm sie den Schlüsselbund von ihrem Platz am Haken neben der Tür. Sie löste mit geübten Fingern den kleinen Karabiner und zog den Hausschlüssel ab, jenen mit dem Berliner Bären darauf. Sie hielt ihn einen Moment lang vor seinem Gesicht hoch, ließ ihn dann in die Seitentasche des Seesacks gleiten. Den Zweitschlüssel aus dem Küchenschubfach fischte sie ebenfalls heraus und warf ihn hinterher.

Sie zog den Reißverschluss zu. Das Geräusch war ohrenbetäubend in der Stille. Sie hievte den Sack vom Tisch, trug ihn zur Wohnungstür im zweiten Stock, öffnete und bugsierte ihn auf den Treppenabsatz hinaus, gegen die kühle Wand des alten Mietshauses.

Sie drehte sich um, musterte ihn, der im Türrahmen stand, blass und mit offenem Mund, und sagte mit einer Ruhe, die aus tiefer, endgültiger Erschöpfung kam: „Deine Mutter ist soeben auf dem schnellsten Weg hierher, Daniel. Ich hab deinen Standort im Handy gecheckt, als wir telefoniert haben. Sie wird in knapp einer Stunde da sein. Sie will ihre Version der Geschichte hören, und ich will sie nicht mehr unter meinem Dach haben."

Daniel starrte sie an. Er wollte etwas erwidern, aber er fand keine Worte. Die präzise, beinahe militärische Exekution ihrer Entscheidung hatte ihm die Luft abgeschnürt.

„Du kannst sie natürlich gerne reinlassen. Aber dann bist du danach allein hier. Und ich meine allein. Mit dem tropfenden Hahn und dem kaputten Briefkasten. Ich hole meine Sachen, wenn ihr beide zurück in Werder seid."

Sie schloss die Tür. Sanft. Kein Knall. Nur das leise Klicken des Schnappschlosses.

Daniel stand im Flur, umgeben von den Bildern ihrer gemeinsamen Reisen. Er hörte, wie sich Aufzugtüren öffneten und wieder schlossen. Unten auf der Straße jaulte ein Motor auf. Er blieb eine halbe Stunde sitzen, einfach nur auf dem Boden im Flur, starrte die Tür an, hinter der seine Vergangenheit verschwunden war. Mit jedem Atemzug versuchte er zu realisieren, was geschehen war. Er hatte ein Haus für seine Mutter bauen wollen und dabei sein eigenes abgerissen. Der Gedanke war so klar und kalt und schneidend, dass er ihn körperlich schmerzen ließ.

Dann klingelte es Sturm. Er wusste, wer es war. Er stand auf, öffnete die Tür, und da stand sie, seine Mutter, außer Atem, das Gesicht eine Maske aus Empörung und Siegesgewissheit.

„Wo ist sie? Na warte, mit der rede ich jetzt mal Tacheles! Jagt meinen Sohn aus der eigenen Wohnung, einem so fleißigen Mann…"

Sie marschierte an ihm vorbei in die leere Wohnung, ihre Lederhandtasche wie einen Schlagstock vor der Brust. Sie inspizierte das Wohnzimmer, die Küche, blickte kurz ins Schlafzimmer. Keine Luise.

„Sie ist gegangen", sagte Daniel leise, mehr zu sich selbst.

„Na und? Gut so! Soll sie doch gehen! Wer so mit meinem Kind umspringt, hat hier nichts verloren. Komm, wir packen deine restlichen Sachen und fahren. Fahr deinen Wagen vor. Das bisschen Kummer vergeht. Was bildet die sich eigentlich ein?"

Daniel sah seine Mutter an, die gerade anfing, wahllos Kleidungsstücke aus dem Schrank zu ziehen und über das Bett zu werfen. Er sah die Selbstverständlichkeit, mit der sie über Luises Leben, über seine Ehe, verfügte. Er sah, dass sie den Krieg, den sie mit angezettelt hatte, nicht als Katastrophe, sondern als Sieg betrachtete. Endlich hatte sie ihren Sohn wieder ganz. Endlich waren die Fronten geklärt.

Eine Woche später. Werder an der Havel. Elkes Haus. Daniel stand auf einer Leiter, reparierte das Terrassendach. Es war ein warmer Tag, die Vögel zwitscherten. Idylle pur. Aber in seinem Kopf drehte sich alles nur um diesen Moment. Seine Hände arbeiteten, aber sein Verstand fragte immer wieder: Warum? Warum habe ich nicht gesehen, dass sie längst entglitten war?

Er hatte Luises Nummer gelöscht. Er wusste auch nicht, wohin sie gegangen war. Sie hatte ihre Eltern in Leipzig, aber dort würde sie nicht hinwollen. Also blieb er im Vakuum. Nur das stumpfe Geräusch des Hammers, das ihm Gesellschaft leistete. Er fühlte nichts. Nur Leere.

Eine gute Woche später, an einem Montagmorgen, klingelte das Telefon in Mutters Haus. Daniel ging ran. Eine unbekannte Nummer aus Berlin.

„Herr Winkler? Mein Name ist Harald Becker, ich bin Anwalt. Ich rufe im Auftrag meiner Mandantin, Luise Winkler, an. Ich bitte Sie, einen gemeinsamen Termin für die Trennungs- und Scheidungsfolgenvereinbarung zu finden. Des Weiteren bitte ich um Bekanntgabe Ihrer Vertretung."

Daniel sackte gegen die Schrankwand. Da war es. In trockenen, juristischen Sätzen. Das Ende. Kein Zögern, kein lautes Drama. Ein Vertrag, der auseinanderdividierte, was sie jahrelang aufgebaut hatten. Und noch während der Anwalt sprach, hörte Daniel aus der Küche das zufriedene Summen seiner Mutter, die einen neuen Apfelkuchen buk. Er fühlte sich, als wäre er zwei Stockwerke tief gefallen und auf dem Rücken gelandet.

Die nächsten Monate waren ein unaufhaltsamer Strom aus Formalitäten. Er sah Luise zweimal, beide Male beim Notar in Berlin. Sie sah anders aus. Sie hatte ihre Haare kurz geschnitten, trug neue Kleidung, eine klare Brille. Sie wirkte nicht gebrochen, sondern so, als hätte sie genau das gemacht, was er immer an ihr bewundert hatte: eine Entscheidung getroffen und sie mit Konsequenz und Würde durchgezogen. Sie sah ihn mit freundlicher Distanz an, wie einen entfernten Verwandten, den man früher mal ganz gern mochte.

Die Scheidung war unkompliziert. Kein erbitterter Rosenkrieg um das Inventar der Wohnung. Luise bekam, was sie zum Leben brauchte, und zog still und leise aus. Daniel erfuhr ein paar Monate später von einer gemeinsamen Bekannten, dass sie in einer Altbauwohnung in Charlottenburg wohnte, einen Job in einem Architekturbüro angenommen hatte und wohl wieder lachte. Er war erleichtert, irgendwie. Und gleichzeitig trauriger als je zuvor.

Er selbst blieb in Werder. Die zehn Wochen wurden zu einem halben Jahr. Dann zu einem ganzen. Er richtete das Haus her, machte den Garten. Er wurde zum perfekten Sohn. Einmal sagte Elke beim Abendbrot: „Ach, Daniel, jetzt haben wir es doch schön. War doch das Beste, dass sie gegangen ist." Er nickte und aß schweigend seinen Kuchen. Aber er wusste, dass es nicht das Beste war. Es war nur das Bequemste. Für sie.

Ein halbes Jahr später, an einem verregneten Dienstag im April, stand er in Berlin, um alte Unterlagen aus dem Keller seines Ex-Hauses zu holen. Der neue Eigentümer ließ ihn gewähren. Auf dem Rückweg zum S-Bahnhof, tropfnass und durchgefroren, bog er in eine Seitenstraße ein und blieb wie angewurzelt stehen.

Da war Luise. Sie kam aus einem Café, in der Hand einen Becher mit dampfendem Tee. Sie trug einen warmen, roten Schal. Und sie lachte. Nicht über etwas Bestimmtes, sondern einfach so, als freute sie sich auf den restlichen Tag. Neben ihr ging ein Mann, die Kapuze seines Anoraks tief ins Gesicht gezogen. Er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt, eine selbstverständliche, leichtfüßige Geste. Sie unterhielten sich, ihre Worte vom prasselnden Regen verschluckt.

Daniel trat in einen Hauseingang. Er wollte nicht, dass sie ihn sah. Nicht, weil es zu schmerzhaft war. Sondern weil er das Bild nicht zerstören wollte. Ihr Lachen war die Antwort auf jede seiner ungestellten Fragen. Sie hatte den Mann geheiratet, der auf der Leiter stand und den tropfenden Wasserhahn reparierte. Nur war er nie dieser Mann gewesen.

Er fuhr zurück nach Werder, in das so perfekt hergerichtete Haus, zu seiner Mutter, die schon mit dem Abendessen wartete. Er setzte sich auf seinen Stammplatz, roch den Braten und das Apfelmus. Er war fünfundvierzig Jahre alt, geschieden, kinderlos, allein mit seiner Mutter. Der Triumph der Loyalität.

Vor ihm lag ein langer, stiller Abend. Und draußen vor dem Fenster, im Nieselregen, hing der Zaun wieder einmal schief.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: