Ich habe diesen Anruf nicht kommen sehen. Vielleicht war das mein größter Fehler in dieser ganzen Geschichte – ich habe so vieles nicht kommen sehen.
Der Hörer klebte an meinem Ohr, während ich aus dem Fenster im vierten Stock auf die belebte Einkaufsstraße in Köln sah. Unten schoben Leute ihre Einkaufswagen, eine Straßenbahn bimmelte träge, und ein Straßenmusiker spielte irgendetwas von Bob Dylan auf einer verstimmten Gitarre. Alltag. Draußen war ganz normaler Alltag.
„Herr Vollmer? Ich habe das Ergebnis der Blutuntersuchung.“
Ich atmete durch und griff nach einem Stapel ungeöffneter Post. Rechnungen. Mahnungen. Ein Brief von der Anwaltskanzlei, die Katharina eingeschaltet hatte – die vorläufige Kostenaufstellung für das Scheidungsverfahren.
„Ihr Körper produziert keine Spermien im reproduktionstauglichen Stadium. Das liegt an einer genetischen Disposition. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Kinder zeugen können, liegt bei unter einem Prozent. Das tut mir leid.“
Unter einem Prozent.
Ich legte den Hörer auf die Ablage. Kaffeesatz klebte am Rand meiner Tasse, ein Sprung zog sich von der Mitte bis zum Henkel – das Werbegeschenk von der Baustoffmesse in Hannover. Lena war im vierten Monat. Ihre Augen hatten an diesem Morgen im Bad geglänzt, während sie meinen Nacken küsste. Sie drückte ihre Wange an meinen Rücken und murmelte: „Unser Kleiner wird deine Nase haben.“ Ich hatte meinen Kaffee getrunken und meine Autoschlüssel genommen, ohne etwas zu erwidern.
Der zweite Anruf erreichte mich zwanzig Minuten später. Mein Handy vibrierte über den Couchtisch, auf dem noch die leere Weinflasche vom Vorabend stand – Lena trank jetzt keinen Alkohol mehr, „dem Baby zuliebe“. Auf dem Display der Name meiner Mutter.
„Dieter? Wo bist du?“
„Zu Hause. Ich hatte einen Arzttermin und bin früher zurück. Warum?“
Ihre Stimme klang auf eine unangenehme Art angespannt.
„Gut, dass du da bist. Es gibt Neuigkeiten. Ich bin in zwanzig Minuten bei dir. Bleib, wo du bist, und sag nichts zu Katharina. Ich regele das.“
Sie legte auf, bevor ich antworten konnte.
Meine Mutter führte in ihrem Bielefelder Reihenhaus ein Imperium aus Karteikästen und mentalen Buchhaltungen. Sie wusste, wie viel die Nachbarin für ihren Dacia bezahlt hatte, wie oft der Postbote zu spät kam und wer in der Familie wem Geld schuldete. Sie nannte das Ordnung. Katharina nannte es anders.
Katharina war nicht da. Ihr Dienst im Uniklinikum begann um sieben und endete offiziell um fünfzehn Uhr dreißig, aber ich wusste, dass sie oft länger blieb. „Ein Notfall kam rein“ – vielleicht war es nicht mal eine Ausrede. Unsere Wohnung in der Kölner Südstadt war in den letzten Monaten zu einem Wartesaal geworden. Zwei Menschen, die in unterschiedliche Richtungen fuhren, aber den gleichen Bahnhof benutzten.
Der Schlüssel klackerte in der Tür.
Katharina kam herein und sah mich an. Kein Lächeln, keine Feindseligkeit. Sie hängte ihre Jacke an den Haken.
„Du bist früh zurück.“
„Ja. Arzttermin.“
„Alles in Ordnung?“
Ich zögerte eine Sekunde zu lang. „Routine.“
Sie ging in die Küche. Wasser lief, der Wasserkocher summte. Draußen schob sich eine Wolke vor die Apriltagssonne.
Es klingelte an der Tür. Dreimal hintereinander. Dieser fordernde Ton, den nur meine Mutter zustande brachte.
Katharina hob die Augenbrauen.
Bevor ich reagieren konnte, stand meine Mutter bereits im Flur. Sie steuerte direkt auf die Küche zu, ignorierte mich, fixierte Katharina.
„Guten Tag, Katharina. Setz dich bitte. Wir müssen reden. Unter Frauen. Ohne Wenn und Aber.“
Sie zog einen Stuhl hervor und setzte sich. Aus ihrer Handtasche ragte ein dicker brauner Umschlag.
„Deine Spielchen sind vorbei“, sagte sie. Nicht laut, nicht schrill.
Der Kühlschrank summte. Die Uhr über der Tür tickte.
„Ich weiß Bescheid, Katharina. Das mit dem Kind. Du dachtest, du könntest meinen Sohn an der Nase herumführen. Aber ich war bei einer Privatdetektei in der Kölner Innenstadt – Klock & Kollegen, Ehrenstraße, Stundensatz achtzig Euro, plus Spesen. Wir wissen jetzt alles über deinen… deinen Liebhaber.“
Das Wort blieb im Raum hängen.
Katharina stand da, eine Hand noch an der Teekanne. Sie sagte nichts.
Meine Mutter fuhr fort. „Die Wohnung ist nach der Scheidung für Dieter. Mit einem Kind kannst du unmöglich allein hier wohnen. Der Anwalt sagt, das lässt sich regeln. Und was die Unterhaltszahlungen betrifft – Betrug ist kein Kavaliersdelikt. Du wirst ausziehen, und zwar bald. Pack deine Sachen und mach keine Schwierigkeiten, dann können wir vielleicht…“
„Mutti.“ Meine Stimme war leise. Sie hörte mich nicht.
„…vielleicht können wir eine Regelung finden, bei der du nicht völlig mittellos dastehst. Mein Sohn war viel zu gut für dich. Ich hab’s immer gesagt. Aber es ist noch nicht zu spät, du kannst die Koffer nehmen und…“
„Mutti, hör auf.“ Die Worte kamen jetzt lauter. Sie stoppte und sah mich an, als hätte ich sie in der Kirche unterbrochen.
„Was ist denn, Dieter? Steh endlich für dich ein. Das hier ist dein Moment. Deine Zukunft. Sag es ihr ins Gesicht!“
Ich holte Luft. Draußen quietschte eine Straßenbahn in der Kurve.
„Mutti, ich war heute beim Arzt. Vor zwei Stunden. Es gibt etwas, das ich dir erzählen muss, bevor du hier weiter…“
„Ach was, Arzt! Das klären wir später. Jetzt geht es um die Wohnung. Um dein Leben. Du hast keine Zeit, dich von dieser Frau weiter demütigen zu lassen!“
Mein Handy klingelte. Ich zog es aus der Hosentasche. Lenas Nummer.
Katharina sah das Handy. Sie sah mein Gesicht.
„Geh ruhig ran“, sagte sie.
Das waren die ersten Worte, die sie in dieser ganzen Szene sprach.
Ich nahm ab.
„Dieter…“ Lenas Stimme klang brüchig. „Ich muss dir was sagen. Du wirst mich hassen. Aber ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht.“
Meine Mutter fixierte das Telefon.
„Was denn, Lena? Was ist los?“
Draußen begann es zu regnen. Die Tropfen schlugen gegen das Fensterblech.
„Es gibt kein Baby, Dieter. Ich war nie schwanger. Ich habe den Test gefälscht. Alles. Weil ich dachte… wenn ich ein Kind von dir bekomme, dann bleibst du. Dann wählst du mich. Dann bin ich endlich die, die zählt. Aber ich schaff das nicht mehr. Heute Morgen habe ich in den Spiegel geschaut und eine Fremde gesehen. Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid…“
Das monotone Tuten klang wie ein Herzschlag, der aussetzt.
Meine Mutter saß da, den Mund leicht geöffnet, die Hände auf dem braunen Umschlag.
„Was… was war das?“, fragte sie.
Ich sah Katharina an. Ihr Gesicht war ruhig. Nicht müde – klar. Sie hatte ihren Kampf längst gekämpft, in den Nächten, in denen ich mit Lena chattete und meiner Mutter sagte, alles sei in Ordnung.
„Das war die Wahrheit, Mutti. Kein fremder Liebhaber. Keine Intrige gegen deinen Sohn. Nur ich. Ich und eine verzweifelte Frau, die sich mit einer Lüge an mich geklammert hat. Eine Lüge, die mich vor Gericht lächerlich gemacht hätte – weil ich zeugungsunfähig bin. Unter einem Prozent. Dein Detektiv hat die falsche Fährte verfolgt. Er hat das Geld genommen, aber die Wahrheit hat er nicht gefunden. Und dein Anwalt – wirf den Umschlag ruhig weg. Die Wohnung gehört Katharina. Sie hat das Geld von ihrer Großmutter eingebracht. Es gibt einen Ehevertrag, den ich ohne Lesen unterschrieben habe, weil ich dachte, das Spiel von Fortuna Düsseldorf gegen den FC sei wichtiger. Ich muss hier ausziehen. Nicht sie. Ich. Ich habe kein Recht auf diese Wohnung, kein Recht auf Unterhalt, nicht mal ein Recht auf eine Entschuldigung. Das Einzige, was ich habe, ist dieser Anruf von Lena. Und der Beweis, dass meine Mutter bereit ist, für mich über Leichen zu gehen. Weißt du, was das mit einem macht?“
Meine Mutter nahm ihre Handtasche. Sie strich den Reißverschluss glatt, als müsste sie diese eine Handlung perfektionieren, bevor sie den nächsten Schritt wagte. Ihr Gesicht war aschfahl.
„Dieter… ich wollte doch nur…“
„Ja. Das dachtest du. Das dachte ich auch. Wir haben nie gefragt, was das Richtige ist. Wir haben es einfach beschlossen. Du für mich. Ich für mich. Lena für sich. Keiner hat je eine Frage gestellt, die länger als eine Antwort war. Und jetzt sitze ich hier mit einem Sprung in meiner Kaffeetasse und einem Berg Schulden bei meinem Anwalt.“ Ich griff nach der Tasse, drehte sie in den Händen. Das Wasser im Wasserkocher war längst verkocht, der Bodensatz brannte schwarz auf der Heizspirale.
Meine Mutter stand auf. Sie drehte sich zu Katharina.
„Ich… es tut mir leid. Dir auch, Katharina. Ich habe immer gedacht, ich beschütze meinen Sohn. Dabei habe ich nur mein eigenes Bild von ihm beschützt. Vor der Wirklichkeit. Vor dir. Vor allem, was nicht in meine Akten passte.“ Sie drückte die Handtasche an ihre Brust, nahm den braunen Umschlag vom Tisch und ging zur Tür. Zog sie hinter sich zu. Nicht leise, nicht laut. Einfach endgültig.
Wir standen in der Küche. Der Regen prasselte gegen das Fenster. Der Tee war kalt. Ich stellte die gesprungene Tasse in die Spüle, griff nach meiner Jacke an der Garderobe.
Katharina beobachtete mich. Dann zog sie den Wohnungsschlüssel aus ihrer Kitteltasche und legte ihn auf den Tisch – nicht meinen, ihren eigenen.
„Deine Koffer stehen auf dem Dachboden. Gepackt seit Rosenmontag, Dieter. Ein halbes Jahr. Du hast sie nie geholt, und ich habe sie nie vor die Tür gestellt. Heute hole ich sie.“ Sie ging zur Wohnungstür, öffnete sie. Der Luftzug aus dem Treppenhaus roch nach Regen und dem nassen Fell von Frau Kowalskis Yorkshire-Terrier. „Ich lege sie auf den Absatz im zweiten Stock. Von da aus trägst du sie selbst. Die Klinke von außen einschnappen zu hören – mehr will ich nicht. Weiter nichts als dieses Geräusch. Mach’s gut. Oder mach’s schlecht. Aber mach es woanders.“ Sie schob die Tür auf und trat einen Schritt zurück, die Arme vor der Brust verschränkt.
