Klaus stand an der Fußgängerampel an der Helmholtzstraße und wartete. Es war kurz nach acht, die Sonne hing noch tief über den Dächern von Leipzig. In der linken Hand ein Netz mit Orangen, in der rechten eine Packung Kaffee, die er gar nicht hatte kaufen wollen. Automatisch eingepackt an der Kasse, wie so vieles in letzter Zeit.
Er wartete auf Grün und dachte an nichts Bestimmtes. Nein, das stimmte nicht. Er dachte an Greta. Er dachte immer an Greta.
Die Ampel sprang um. Er trat auf die Fahrbahn – und in diesem Moment schoss etwas Graues unter einem geparkten Transporter hervor. Ein Winzling von einem Kätzchen, nicht größer als eine Faust. Es rannte direkt in den fließenden Verkehr, zwischen die Reifen eines herandonnernden Sprinters.
Klaus ließ die Tüten fallen. Die Orangen kullerten über den Asphalt.
Er war schon auf der Fahrbahn, bevor er verstand, dass er lief. Hupen. Bremsenkreischen. Jemand brüllte aus einem heruntergekurbelten Fenster: „Bist du verrückt geworden, Alter?“
Er hörte es kaum. Er sah nur das graue Fellknäuel, das sich zitternd an den Bordstein drückte.
Seine Knie schlugen hart auf den Asphalt. Er schob beide Hände unter das Tier, spürte den winzigen Herzschlag gegen seine Handfläche. Ein Radiergummi mit Puls.
Dann war da der Polizist. Jung, Ende zwanzig, eine Hand bereits erhoben für die unvermeidliche Standpauke.
Klaus rappelte sich hoch, drehte sich um. Das Kätzchen an seiner Brust. Und er weinte. Nicht die Art von Weinen, bei der man schluchzt. Einfach nur Wasser, das über ein unbewegtes Gesicht lief.
Der Polizist ließ die Hand sinken. „Ist ja gut“, sagte er leise. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen von der Straße runter.“
—
Sechs Monate. Sechs Monate, drei Wochen und zwei Tage, um genau zu sein.
Greta war an einem Dienstag zusammengebrochen. Zwischen den Tomatenpflanzen im Schrebergarten in der Kleingartenanlage „Flora“. Aneurysma. Ein Wort, das er vorher nie gehört hatte und jetzt nie mehr vergessen würde.
Danach war die Stille das Schlimmste. Die Wohnung in der Riemannstraße, vierter Stock, Altbau mit Stuckdecken – sie hallte. Nicht wirklich, so etwas hallt nicht. Aber sie war ein Raum ohne Echo. Keine Stimme, die von der Küche ins Wohnzimmer rief. Kein Radio, das jemand an- und nie ausmachte. Nur er und die Fernbedienung des Fernsehers, mit der er um drei Uhr morgens durch das Programm zappte, bis ihm die Augen zufielen.
Sie hatte sich immer eine Katze gewünscht. Oder einen Hund. Irgendetwas mit Fell und vier Pfoten.
„Irgendwann“, hatte er gesagt. Jahr für Jahr.
Jetzt hing das „Irgendwann“ wie eine Schlinge um seinen Hals. Jede Nacht dieselbe Schleife: Er sah sich selbst am Küchentisch sitzen, die Zeitung vor sich, und hörte Gretas Stimme: *Komm schon, Klaus. Nur eine kleine. Aus dem Tierheim.* Und er, ohne aufzublicken: *Ach, weißt du, die Haare überall. Und wer geht dann mit dem Hund raus, wenn du Spätschicht hast?*
Er hatte es nicht einmal böse gemeint. Nur so dahingesagt. Einer dieser Sätze, die man ausspricht, ohne zu ahnen, dass sie einem Jahre später die Kehle zuschnüren werden.
In der Nacht vom Samstag auf Sonntag schlief er vor dem laufenden Fernseher ein. N24, eine Doku über die Nordsee, irgendwas mit Wattwürmern. Der Ton war längst Hintergrundrauschen, als ihn jemand an der Schulter berührte.
Er fuhr hoch.
Greta.
Sie stand neben dem Sofa, barfuß auf dem abgetretenen Teppich, und trug das geblümte Sommerkleid, das er an ihr immer am liebsten gemocht hatte. Sie sah aus wie an einem gewöhnlichen Samstagmorgen, bevor sie zum Bäcker gingen.
„Du“, brachte er heraus. Mehr nicht.
„Pscht.“ Sie legte den Finger an die Lippen. „Die Bittners unter uns schlafen noch.“
„Aber du bist doch –“
„Tot? Ja.“ Sie lächelte. Nicht traurig, nicht dramatisch. Einfach *Greta*. So wie sie immer gelächelt hatte, wenn er den Autoschlüssel verlegt hatte und ihn in seiner eigenen Jackentasche fand.
Sie streckte ihm die Hand hin. „Komm, ich zeig dir was. Danach musst du mich gehen lassen. Aber nur für heute. Ich komme wieder, versprochen.“
Er griff nach ihrer Hand. Sie fühlte sich an wie immer.
Und dann waren sie auf dem Dach.
—
Es war nicht das Dach ihres Mietshauses. Es war ein Dach über der ganzen Stadt, höher als der Uniriese, höher als das Völkerschlachtdenkmal. Unter ihnen breiteten sich die Lichter von Leipzig aus, ein Teppich aus gelben Punkten, und von irgendwoher – von überallher – zog sich ein breites, schimmerndes Band in den Himmel.
Eine Brücke aus Licht. Nicht grell, sondern weich, wie der Widerschein der untergehenden Sonne auf der Weißen Elster.
Und auf dieser Brücke bewegte sich ein endloser Strom von Tieren.
Hunde, Katzen, ein paar Ziegen, ein alter Esel, Vögel in Schwärmen. Ein zahmer Fuchs trottete neben einem dicken Mops her, der aussah wie der von Frau Kowalski aus dem Erdgeschoss.
„Komm näher“, sagte Greta.
Plötzlich standen sie mittendrin. Die Tiere gingen durch sie hindurch wie durch Nebel, ohne sie zu beachten.
„Hör zu“, sagte Greta.
„Was soll ich hören? Die machen doch keinen –“
Sie küsste ihn auf die Wange. Eine flüchtige Berührung, kühl wie ein Lindenblütenduft im Juni.
„Hör einfach hin, du Dummkopf.“
Und er hörte.
Die Tiere sprachen. Nicht mit Worten, nicht wirklich – aber er verstand sie. Er verstand jedes einzelne.
Ein alter Labrador, grau um die Schnauze, erzählte der Katze neben ihm: *…dabei habe ich ihn doch nur beschützen wollen. Er ist mit dem Rad zur Arbeit, und der Laster am Connewitzer Kreuz hat ihn einfach nicht gesehen. Ich bin ihm vor die Räder gesprungen. Vielleicht hat es ihn gerettet. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht.*
Ein Wellensittich, hellblau, viel zu dünn: *…das Fenster war offen. Den ganzen Sommer über stand es offen. Und sie hat immer gesagt: ‚Pass auf, Piepsi, nicht rausfliegen.‘ Aber dann, dieser eine Tag, dieser eine Moment – ein Windstoß, die Gardine flatterte, und ich war draußen. Sie hat drei Tage nach mir gerufen. Ich habe sie gehört. Vom Baum aus. Aber ich fand nicht zurück.*
Eine Straßenkatze, schwarz-weiß mit angeschlagenem Ohr: *Ich bin froh, dass es vorbei ist. Der vorletzte Winter in den Altkleidercontainern am Lindenauer Hafen – keine Wärme mehr nirgends. Und die kleinen Dosen, die manchmal jemand hinstellte, waren immer leer, bevor ich drankam. Wenigstens ist mir jetzt nicht mehr kalt.*
Klaus stand zwischen ihnen und konnte sich nicht bewegen. Die Tränen liefen, und er spürte sie nicht einmal.
Greta nahm seine Hand. „Es reicht für heute. Du musst zurück. Es wird gleich hell.“
„Aber du – du kommst wieder?“
„Natürlich komme ich wieder.“ Sie legte ihm die Hand an die Wange, ein letztes Mal. „Und jetzt pass auf das Kleine auf, das dir gleich über den Weg läuft. Es hat niemanden sonst.“
Er wollte fragen, was sie meinte, aber das Sonnenlicht traf ihn ins Gesicht, hart und warm, und er blinzelte die Augen auf.
Das Fernsehprogramm war längst durch. Auf dem Bildschirm flimmerte das Testbild.
—
An der Fußgängerampel an der Helmholtzstraße. Das Kätzchen zitterte in seinen Händen.
„Kommen Sie“, sagte der Polizist noch einmal und führte ihn auf den Bürgersteig. Ein halbes Dutzend Leute stand da und starrte. Eine Frau mit einem Einkaufswagen voller Pfandflaschen klatschte. Ein junger Mann im Trainingsanzug filmte mit dem Handy.
„Echt heldenhaft, ey“, sagte jemand.
Klaus hörte es kaum. Er drückte das Kätzchen an seine Brust und spürte, wie es sich an ihn presste – dieser winzige Körper, dieser hämmernde Puls.
Und dann stand sie direkt vor ihm. Eine Frau, Mitte fünfzig vielleicht, mit einem freundlichen, offenen Gesicht und einer Brille mit rotem Gestell. Sie hielt ihm seine heruntergefallenen Tüten hin. Den Kaffee. Ein paar Orangen, die sie aufgelesen hatte.
„Ihre Einkäufe“, sagte sie.
„Behalten Sie die“, murmelte er. „Brauch ich nicht.“
Der Polizist beugte sich zu der Frau und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Vermutlich den Teil mit *vor einem halben Jahr* und *seine Frau*. Sie nickte kaum merklich.
„Mein Beileid“, sagte sie dann, geradeheraus, ohne den mitleidigen Unterton, den Klaus in den letzten Monaten so oft gehört hatte und nicht mehr ertrug. „Wissen Sie was? Ich bringe Sie nach Hause. Sie und Ihren kleinen Passagier. Mein Wagen steht da drüben am Straßenrand, der blaue Skoda.“
Sie hieß Marion, wie sich herausstellte. Auf der Fahrt sagte sie nicht viel. Nur an der Kreuzung zur Prager Straße, als sie an der roten Ampel standen, fragte sie: „Wie war sie? Ihre Frau.“
Und Klaus, der seit Monaten mit niemandem mehr richtig geredet hatte, öffnete den Mund.
Er erzählte von Greta, von ihrem Schrebergarten, von den Tomatenpflanzen. Er erzählte, wie sie beim Joggen immer nach dreihundert Metern außer Atem war und behauptete, das liege am Heuschnupfen. Er erzählte von dem Abend, an dem sie ihm die Haare geschnitten und dabei ein Ohr erwischt hatte – und wie sie beide eine halbe Stunde lang mit einem Taschentuch an seinem Ohrläppchen in der Küche gesessen und gelacht hatten, wie sie nie wieder über etwas anderes gelacht hatten.
Er redete und weinte gleichzeitig. Das Kätzchen schlief auf seinem Schoß. Marion fuhr und schwieg und warf ihm ab und zu einen Blick zu.
Auf dem Rücksitz saß Greta.
Unsichtbar, unspürbar, aber da. Sie strich Klaus mit der Hand durchs Haar – eine Berührung, die er nicht fühlte und doch spürte, irgendwo tief in der Brust.
Dann beugte sie sich vor, ganz dicht an Marions Ohr.
„Pass auf ihn auf. Bitte. Tu es für mich.“
Marion hob den Blick in den Rückspiegel. Sie sah nichts. Nur die leere Rückbank und die Kopfstützen.
Aber sie hörte.
Sie nickte, nur ganz leicht, als antworte sie einem Gedanken.
„Alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte Klaus, der ihr Nicken bemerkt hatte.
Marion lächelte und legte den Blinker. „Ja, alles gut“, sagte sie. „Ich habe nur gerade mit mir selbst geredet. Alte Angewohnheit. Ich fahre jetzt rechts ran, das da vorn ist doch die Riemannstraße, oder?“
Auf dem Dach ihres Hauses – auf dem echten Dach diesmal, mit der verrosteten Fernsehantenne und der verschlossenen Luke – stand Greta und sah dem blauen Skoda nach, der um die Ecke bog und verschwand.
„Na also“, murmelte sie, und ihre Stimme war der Wind, der eine lose Dachpfanne zum Klappern brachte. „Wird ja doch noch was mit dir, Klaus.“
Dann drehte sie sich um und trat auf die Lichtbrücke, die sich über die Dächer von Leipzig spannte, und ging, und löste sich auf.
Und auf der Brücke zog der Strom der Tiere weiter. Unaufhörlich, still und voller Geschichten. Ihre Worte fielen als warmer Sommerregen auf die Stadt, auf die Parks und Hinterhöfe, auf die Altkleidercontainer am Lindenauer Hafen, auf die geöffneten Fenster, durch die ein Windstoß fuhr.
Und irgendwo, in einer Wohnung in der Georg-Schwarz-Straße, öffnete ein alter Mann die Balkontür, hörte etwas, das er nicht benennen konnte, und stellte einen Napf mit Milch nach draußen.
