Der Regen trommelte gegen das Küchenfenster, als ich im November zum ersten Mal die alte Metallschüssel unter die Apfelbaumwurzel stellte. Ich hatte die Katze drei Tage lang beobachtet. Sie schlich am Zaun entlang, jede Rippe zeichnete sich unter dem nassen Fell ab. Wenn der Nachbar nur einen Eimer auf den Hof stellte, verschwand sie hinter der Garage, als hätte jemand einen Stein geworfen. Sie kam nie näher als fünf Meter.
Ich wohne seit elf Jahren in diesem Backsteinhaus an der Trave, allein. Mein Sohn lebt in Hamburg, mein Mann ist vor vier Jahren an einem Dienstag gestorben, einfach so, Herz. Die Nachbarn grüßen höflich, die Mülltonnen stehen ordentlich aufgereiht. Es ist ein Viertel, in dem man sich kennt, aber nicht auf die Schulter klopft. Und dann kam diese Katze, mager wie ein Handtuch, und fraß aus meiner Schüssel.
Ich stellte jeden Morgen um sieben Futter raus. Nassfutter vom Discounter, 79 Cent die Dose, und trockene Brocken dazu. Die Katze kam immer zur selben Zeit, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, als traute sie sich nur im Halbschatten. Sie fraß schnell, mit gesenktem Kopf, die Ohren ständig in Bewegung. Einmal hustete der Nachbar nebenan, da war sie schon über die Mauer. Ich blieb am Fenster stehen, die Hände in der Spüle, das Wasser lief, ich beobachtete.
Gegen Ende November bemerkte ich den Bauch. Erst dachte ich, sie nimmt endlich zu. Aber es war anders. Der Bauch hing tief, sie lief breitbeinig, als würde sie etwas tragen. Sie war trächtig.
Frau Rogge aus der Nummer sieben sprach mich an, als ich beim Bäcker in der Schlange stand. „Wenn Sie die füttern, haben wir hier bald zwanzig wilde Katzen. Soll ich den Tierschutz rufen? Die fangen die ein.“ Ich kaufte zwei Roggenbrötchen und sagte nichts. Dabei spürte ich, wie sich meine Hand um das Wechselgeld schloss. Frau Rogge hatte einen Punkt: Der Tierschutzverein arbeitet mit Kastrationspflicht. Aber dieses Tier war kein Problem. Es war ein Wesen, das sich unter meiner Apfelbaumwurzel versteckte, weil es dort zum ersten Mal satt wurde und nicht verjagt.
Dann verschwand die Katze. Neun Tage lang. Ich stellte die Schüssel weiter raus. Jeden Morgen war sie unberührt, nur der Regen sammelte sich darin, das Futter quoll auf und sah aus wie grauer Brei. Ich ging in den Park hinter dem Haus, rief ihren Namen — ich nannte sie Mila, einfach so — und fühlte mich lächerlich, wie ich zwischen den Bäumen stand und auf ein Miauen hoffte. Einmal meinte ich, ein Rascheln im Laub zu hören, aber es war ein Igel. Die Futterdosen stapelten sich im Keller. Ich überlegte, ob ich Frau Rogge Bescheid geben sollte, verwarf es wieder.
Am zehnten Morgen sah ich sie. Nicht am Zaun, nicht unter dem Baum. Sie saß vor der Hintertür, nicht an der Küche, sondern an der Kellertreppe, wo ich die Regentonne stehen habe. Sie war schmäler als je zuvor, das Fell klebte ihr an den Flanken. Und zwischen ihren Zähnen, vorsichtig, als wäre es eine Feder, trug sie ein winziges Kätzchen. Kein Kratzen, kein Maunzen. Sie saß einfach da, den Blick auf die Türklinke gerichtet, als hätte sie geklingelt und wartete nun geduldig.
Ich hielt die Schürze in der Hand, die ich nach dem Frühstück abgenommen hatte. Meine Finger waren noch kalt vom Abwasch. Das Kätzchen baumelte leicht, es war höchstens einen Tag alt, rosa und blind. Ich drückte die Klinke hinunter. Der Dezemberwind fegte über die Kellertreppe, feucht und schwer nach Laub. Mila zuckte nicht. Sie ging an mir vorbei, die Treppe hinunter, als kenne sie den Weg, und legte das Junge auf den alten Sisalteppich neben der Waschmaschine. Dann setzte sie sich daneben und sah zu mir herauf.
Ich schloss die Tür hinter uns. Ich holte eine Decke aus dem Schrank, die noch nach Lavendel roch von vor zwei Sommern, und legte sie dem Kätzchen unter. Mila legte sich dazu, begann, das Junge zu säubern, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich die Tür zumache. Dann, erst dann, ging sie zu meiner alten Schüssel, die ich versehentlich auf den Boden gestellt hatte, und fraß zwei Dosen leer. Draußen knallte irgendwo eine Autotür, sie schrak zusammen, aber sie rannte nicht weg.
Ich blieb auf dem Boden sitzen, der Rücken gegen die Waschmaschine gelehnt. Die Heizung summte. Draußen fuhr der Postwagen vorbei, die Bremsen quietschten. Ich weinte nicht. Ich atmete nur flach, als wollte ich sie nicht stören. Dieses Tier hatte neun Tage lang irgendwo in einem Schuppen oder unter einem Container ihre Jungen bekommen, sie hatte mehrere gehabt, das wusste ich noch nicht, und war dann mit dem einen, das ihr geblieben war, zum einzigen Menschen gegangen, der ihr je eine Dose hingestellt hatte. Einfach durch die Stadt, am Zaun vorbei, an Frau Rogges Rhododendren vorbei, die Kellertreppe hinunter.
Am nächsten Tag rief ich die Tierärztin an. Ich brauchte keine Beratung, ich musste handeln. Frau Dr. Althammer kam um halb fünf, Mila lag in der Wanne auf einem Handtuch, das Junge saugte. „Sie hatte vier“, sagte die Ärztin, während sie Mila abtastete, „drei hat sie verloren, wahrscheinlich schon in den ersten Tagen. Mangelernährung. Das hier ist ein Kämpfer.“ Ich nickte nur und sah auf das kleine Bündel im Handtuch. Dr. Althammer notierte: „Kätzchen männlich, 140 Gramm, muss zunehmen.“ Mila knurrte nur, als man sie am Ohr berührte, sonst hielt sie still. Die Ärztin impfte sie, setzte einen Chip, alles auf dem Wachstuch, das ich über den Kellerboden gelegt hatte. Die Rechnung: 118,40 Euro. Ich bezahlte bar.
In der Woche danach baute ich das alte Verdeck vom Fahrrad ab, das ich seit Jahren nicht mehr benutzt hatte, und zimmerte aus einer alten Europalette eine Schutzhütte für die Kellertreppe. Ich kaufte eine Dämmfolie im Baumarkt, 12 Euro, und vier Pakete Stroh. Die Hütte bekam ein Dach aus Wachstuch, das ich mit einem Kabelbinder an der Wand festmachte. Für den Innenbereich legte ich die Lavendeldecke hinein. Dann schnitzte ich mit dem Taschenmesser meines Mannes, das noch in der Küchenschublade lag, ein kleines Holzschild. Darauf stand: „Mila + Felix“.
Als ich das Schild mit Nägeln an der Hüttentür befestigte, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Frau Rogge stand am Zaun. Sie hielt eine Tüte mit Glasflaschen in der Hand, offenbar auf dem Weg zum Container. Sie sah die Hütte, das Schild, mich mit dem Hammer. „Sie hat also wirklich ein Junges?“, fragte sie. „Felix“, sagte ich. „Nimmt gut zu.“ Frau Rogge zog die Stirn kraus. Dann zuckte sie die Achseln und ging weiter. Ich hörte, wie die Flaschen in den Container klirrten. Ich hämmerte den letzten Nagel fest und rieb mir die Hände am Pullover.
Mila lag in der Hütte, Felix in ihrer Beuge. Ich stellte die Schüssel frisch gefüllt davor. Felix trank, Mila sah zu mir her, ohne Angst. Jeden Morgen wog ich ihn auf der Küchenwaage, in einer Schale, die früher für Obst gedacht war. Aus den anfänglichen 140 Gramm wurden mit den Wochen über 200. Das Wachstum war unregelmäßig, aber stetig.
Vor zwei Tagen habe ich bei der Futterbestellung online die Option „Kastrationszuschuss“ angeklickt und für Mila einen Termin im Februar gebucht. 65 Euro, die vom Konto abgebucht werden.
Und wenn Frau Rogge wieder fragt, zeige ich ihr mein Holzschild. Für die Nachbarschaft bleibt es vielleicht eine Schutzhütte aus Paletten. Mila spaziert inzwischen durch die Küche, als wäre sie schon immer da gewesen, springt auf die Fensterbank, beobachtet den Bäckerjungen, der um sieben Uhr das Brot bringt. Wenn er klingelt, bleibt sie liegen.
