Die Stille vor der Tür

Das erste Mal sah ich sie an einem Dienstag im November. Der Regen trommelte seit Stunden gegen das Küchenfenster, und der Hinterhof lag grau und verlassen da, nur die nassen Mülltonnen und das kahle Gestrüpp am Zaun. Sie kauerte am Rand der Terrasse, wo die alten Gehwegplatten von Moos überzogen sind — ein mageres, scheckiges Etwas mit viel zu großen Ohren. Unter dem dünnen Fell zeichnete sich jeder Rippenbogen ab. Ich schob die Terrassentür einen Spalt auf, um ihr den Napf hinzustellen. Weg war sie.

So ging das einen Monat. Jeden Morgen um kurz nach sechs stellte ich Nassfutter raus und zog mich zurück. Vom Küchentisch aus beobachtete ich, wie sie sich Zentimeter um Zentimeter vorantastete, bei jedem Geräusch erstarrte und in sich zusammenzuckte. Sie fraß hastig, als könnte man ihr den Teller jeden Moment wieder entreißen, und verschwand dann im Durchgang zur Straße.

Meine Nachbarin Renate, die im Erdgeschoss neben mir wohnt, sprach mich irgendwann im Hausflur darauf an. Sie lehnte mit dem Besen in der Hand an ihrer Tür und meinte, ich solle das lassen. „Du lockst doch nur immer mehr von denen an, und am Ende hast du den ganzen Hinterhof voll.“ Ich sagte nichts dazu, nahm meine Einkaufstüten und ging die Treppe hoch. Gegen Abend stellte ich einen zweiten Napf mit Wasser raus.

Im Februar bemerkte ich, dass der Bauch der Katze rund wurde. Nicht vom Futter — das Tier war immer noch eine Ansammlung von Knochen und Vorsicht. Sie erwartete Junge. Jetzt kam sie morgens etwas langsamer auf die Terrasse, blieb manchmal nach dem Fressen einen Moment länger sitzen und sah zum Fenster hin, hinter dem ich stand. Wir schauten uns an, getrennt durch die Scheibe, und ich spürte diesen stillen Vertrag zwischen uns.

Dann blieb der Napf drei Tage lang unberührt. Am vierten Tag auch. Ich lief den Weg hinterm Haus ab, spähte unter die verrostete Feuertreppe von Müllers Schuppen, klopfte gegen den Bretterzaun zum Nachbargrundstück — nichts. Kein Miauen, keine Spur. Nachts lag ich wach und stellte mir vor, wie sie irgendwo in einer kalten Ecke ihre Jungen zur Welt brachte, allein, während der Märzwind durch die Ritzen pfiff.

Am achten Morgen, einem Freitag, schabte es an der Terrassentür. Nicht das gewohnte leise Scharren — ein kratzendes, fast drängendes Geräusch. Ich ging hin, zog den Vorhang zurück, und da stand sie. Im Maul trug sie etwas, das ich zuerst nicht einordnen konnte. Ein winziges Bündel, dunkel und reglos. Sie legte es auf die Schwelle, direkt vor meine Füße, und sah auf. Nicht ängstlich, nicht bittend. Eher so, als würde sie eine selbstverständliche Sache übergeben: *Das gehört jetzt hierher.*

Es war ein Kätzchen. Die Augen noch geschlossen, das Fell verklebt, aber es atmete. Die Mutter blieb stehen, während ich die Tür öffnete. Sie zögerte keine Sekunde, trat ein und trug das Kleine auf den abgetretenen Frotteeläufer in der Küche. Ich kniete mich daneben, wagte kaum, mich zu rühren. Sie leckte das Kätzchen, stupste es an, und während das Kleine zu trinken begann, fraß sie endlich. Ruhig, ohne um sich zu blicken. Ihr Rücken bewegte sich gleichmäßig, kein Muskel zuckte bei den Geräuschen der Heizungsrohre.

Ich weinte nicht sofort. Ich saß nur da, die Knie auf dem kalten Linoleum, und schaute zu. Eine Stunde vielleicht. Dann ging ich ins Bad, holte ein altes Handtuch und legte es in den Wäschekorb. Ein Provisorium. Sie nahm es an, rollte sich ein und schlief zum ersten Mal in meiner Gegenwart ein, so tief, dass ihre Ohren nicht mehr zuckten.

Renate begegnete mir zwei Tage später, als ich mit einer Transportbox vom Tierarzt zurückkam. Der Korb war leer, ich hatte nur Medikamente und Aufbaupräparate geholt. Sie warf einen Blick auf die Box und kniff die Lippen zusammen. „Du weißt schon, dass das nur Ärger gibt. Wenn die erst mal hier sind, wirst du sie nie wieder los.“ Ich schloss meine Wohnungstür auf. „Ist schon passiert“, sagte ich und trat ein.

In Wahrheit ahnte ich da bereits, dass es eine größere Sache werden würde. Der Tierarzt in der Friesenstraße, Dr. Wagner, hatte mir erklärt, dass Katzen ihren gesamten Wurf umziehen, sobald sie einen sicheren Ort gefunden haben. „Wenn die Mutter Ihnen das erste gebracht hat, kommen meistens noch drei oder vier hinterher. Die trägt sie nacheinander, sobald sie sich sicher fühlt.“ Ich kaufte eine weiche Höhle, zwei weitere Decken und stellte alles in die ruhigste Ecke der Wohnung. Die Heizung drehte ich etwas höher.

In der Nacht zu Mittwoch hörte ich das Scharren wieder. Diesmal zweimal, mit kurzem Abstand. Am Morgen lagen vier Kätzchen an die Mutter geschmiegt in der Höhle. Sie hob kurz den Kopf, als ich Kaffee aufsetzte, und ließ ihn dann wieder sinken. Nicht mal ein Wimpernschlag der Unruhe.

Ich meldete die Katzen offiziell beim Ordnungsamt an, zahlte die Gebühr für die Registrierung und ließ die Mutter chippen, sobald die Jungen alt genug waren, damit sie gefahrlos transportiert werden konnte. Die Rechnung belief sich auf 87 Euro. Ich heftete sie ab. Zwei der Kleinen vermittelte ich später über den Tierschutzverein, die anderen beiden blieben hier. Zusammen mit ihrer Mutter, die ich nie anders als „Maus“ genannt habe.

Sechs Monate nach dieser Nacht auf dem Küchenboden saß ich abends auf der Terrasse. Es war warm, die Kastanien im Hinterhof rochen herb. Maus lag zusammengerollt auf dem Terrassenstuhl neben mir, die beiden halbwüchsigen Kater jagten eine Motte. Vom offenen Fenster im Erdgeschoss wehte der Geruch von Renates Zigaretten herüber. Sie stand da, stützte sich aufs Fensterbrett und sah zu mir her.

„Du hast es also wirklich durchgezogen“, sagte sie. Es klang nicht mehr spitz, nur noch verwundert. Ein langer Zug an der Zigarette. „Und wer kümmert sich um die, wenn du mal wegfährst?“

Ich kraulte Maus hinter den Ohren, ohne den Blick von den Katern zu nehmen. „Du zum Beispiel. Du wohnst doch direkt unter mir.“ Einen Moment herrschte Stille. Dann schnaubte sie leise. Am nächsten Morgen steckte ein Zettel an meiner Tür: eine Telefonnummer und darunter in krakeliger Schrift: *Wenn's wirklich nicht anders geht.*

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