Zwanzig Päckchen Sämereien riss ich aus dem Verkaufsständer, ohne groß hinzusehen. Astern, Sonnenblumen, Kapuzinerkresse, Ringelblumen – alles, was mir zwischen die Finger kam. An der Kasse, während die junge Verkäuferin den bunten Haufen scannte, fragte sie, ob ich einen großen Garten hätte. Ich nickte: Zweitausend Quadratmeter. Sie machte große Augen und empfahl mir, gleich noch eine Packung Rollrasen mitzunehmen, wenn ich es schon richtig machen wolle. Ich kehrte um und legte einen Zehn-Kilo-Sack obendrauf.
Danach saß ich eine halbe Ewigkeit in unserem alten Opel auf dem Parkplatz vor dem Obi und schaute auf die weißen Tütchen auf dem Beifahrersitz. Es war Anfang Mai, die Luft roch nach erhitztem Asphalt und Rapsblüten. Und ich dachte: Jetzt bist du wohl komplett verrückt geworden, Inga. Fast drei Jahrzehnte lang hatte ich auf dieser Erde nur Kartoffeln, Möhren, Zucchini und Kohl gezogen – alles, was sich in Körbe packen und zur Verwandtschaft karren ließ. Noch nie, kein einziges Mal, hatte ich Blumen gekauft. Aber an diesem Morgen war etwas in mir zerbrochen. Ein Mechanismus, der dreißig Jahre störungsfrei gelaufen war. Einfach so. Klack.
Dreißig Jahre lang war ich Buchhalterin bei den Stadtwerken gewesen. Summen, Belege, Jahresabschlüsse, Tabellen bis auf den Cent genau. Den Garten hatte ich mir immer als Ausgleich vorgestellt. Hängematte, Himbeersträucher, vielleicht ein paar Rosenstöcke. Aber mein Mann Klaus war auf einem Bauernhof groß geworden, mit fünf Geschwistern. Für ihn bedeutete ein eigenes Stück Land eine moralische Pflicht: Wer Boden besitzt, muss die Familie ernähren. Punkt. Und so wurde unser Garten vom ersten Jahr an eine Ausgabestelle für kostenlose Lebensmittel. Seine Schwester Gisela, ihr Mann Rudi, ein Cousin aus dem Nachbarort, irgendeine Nichte – alle bekamen im Herbst ihre Netze Kartoffeln, ihre Bündel Möhren, ihre Eimer Sauerkraut.
Die Arbeit blieb an mir hängen. Freitags nach Feierabend fuhren wir raus, und bis Sonntagnachmittag lag ich zwischen den Furchen. Jäten, häufeln, gießen mit einem Schlauch, der sich ständig verknotete. Raupen las ich von Hand in einen Eimer, weil Klaus jeder Chemie misstraute. Montags saß ich dann mit brummendem Rücken im Büro, als hätte ich zwei Schichten hintereinander geschoben. Klaus sagte nie, ich würde schlecht arbeiten. Er lud einfach alles ein und fuhr es weg. „Wir haben Land, also teilen wir“, wiederholte er, und ich hörte jedes Jahr mehr die Anklage heraus. Zweimal sprach ich ihn darauf an. Einmal kam: „Frische Luft ist doch gesund.“ Das andere Mal: „Bist du gegen meine Familie?“ Danach schluckte ich es runter. Sieben Jahre lang.
Im Februar verschlimmerte sich die Fingerarthrose. Abends schwollen die Gelenke so an, dass ich den Reißverschluss meiner Stiefel nicht mehr zu bekam. Die Ärztin sagte: „Reduzieren Sie die Belastung. Alles, was Feingriff erfordert.“ Feingriff – das hieß Kartoffeln vorkeimen, Augen schneiden, in die Löcher legen. Viermal im Jahr hieß das viertausend Löcher. Ich zählte sie, aus alter Gewohnheit. Im März setzte ich mich mit einem Taschenrechner und einem Collegeblock an den Küchentisch. Links notierte ich alle, die unsere Ernte bekamen. Rechts das geschätzte Gewicht. Das Ergebnis: Jahr für Jahr zog ich knapp vierhundert Kilo Kartoffeln für Leute, die noch nie eine Harke in der Hand gehabt hatten. Die sich nicht einmal immer bedankten. Gisela rief manchmal an und sagte: „Eure Kartoffeln waren letztes Jahr aber größer.“ Klaus stand daneben und maß mich mit einem Ausdruck, der hieß: Wage ja nicht, etwas zu erwidern.
Ich bin zweiundsechzig. Rentnerin. Kein einziges Jahr Urlaub. Meine zwanzig Ar waren eine Strafkolonie, umzäunt mit Maschendraht.
Mitte April bestellte ich in einer Staudengärtnerei im Nachbarort vierzig Stauden. Phlox, Päonien, Funkien, Taglilien, Astilben – alles, was sich zehn Jahre nicht mehr rührt, wenn es einmal in der Erde steckt. Die Frau am Telefon, eine Valeria mit osteuropäischem Akzent, fragte zurück: „Vierzig? Legen Sie einen Park an?“ Ich sagte: „Ja. Meinen eigenen.“ Für die Lieferung spannte ich Horst ein, den Nachbarn von nebenan, einen ruhigen Rentner mit einem alten Mercedes-Transporter. Er fuhr zweimal, kassierte fünfzig Euro und half mir, die schweren Töpfe hinter dem Gewächshaus zu verstecken. Wir deckten sie mit Vlies ab, legten Backsteine drauf, und der Haufen sah aus wie Bauschutt. Klaus war für drei Tage zu einem Angelausflug nach Mecklenburg. Zeit genug. Ich grub eine Hälfte des Kartoffelackers um. Von Hand, mit dem Spaten. Abends zitterten meine Arme, als stünde ich unter Strom.
Als Klaus zurückkam, hatte ich die Gießkanne in der Hand. Er stieg aus, überquerte den Hof, blieb stehen – und erstarrte. Nicht vor Wut. Vor etwas, das wie Unglaube aussah. Seine Augen wanderten über die frisch geharkten Beete, in denen erst fingerlange grüne Spitzen aus der Erde ragten. Dann setzte er sich auf die Verandatreppe, ganz langsam, als würden seine Beine ihn nicht mehr tragen. Das war ein Bild, das ich in achtundzwanzig Ehejahren noch nie gesehen hatte. Klaus, der immer laut war, gestenreich, kommandierend – plötzlich zusammengesackt wie ein kaputter Ballon.
„Wo ist das Feld?“, fragte er heiser. „Das halbe Feld.“
Ich wischte mir die Hände an der Kittelschürze ab. „So viel Kartoffeln brauchen wir nicht. Für uns reicht die andere Hälfte locker. Dafür habe ich jetzt einen Staudengarten und eine Rasenfläche.“
„Aber Gisela…“, setzte er an.
„Gisela kann Kartoffeln kaufen. Im Supermarkt. Wie alle anderen Leute auch.“
„Sie hat sich an unsere gewöhnt. Sie sagt, die gekauften schmecken nach nichts.“
Ich setzte mich neben ihn auf die Stufe. „Klaus“, sagte ich, und meine Stimme war ruhig, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug. „Gisela hat an diesem Feld noch keinen einzigen Tag gearbeitet. In sieben Jahren hat sie sich nicht einmal blicken lassen, außer im Oktober, um die Säcke abzuholen. Und du weißt überhaupt nicht, wie meine Hände abends aussehen, oder?“
Er schwieg. Ich zeigte ihm die Finger, die trotz der Wärme steif und geschwollen aus den Gelenken ragten.
„Ich fürchte mich seit Jahren vor dem Mai. Weißt du das? Im April bekomme ich schon Schlafstörungen. Weil ich genau weiß: Jetzt geht es wieder los. Buckeln, buddeln, für fremde Leute.“
Er hob den Kopf, sein Gesicht war eine einzige Verwirrung. Ich sah: Er verstand es wirklich nicht. Für ihn war sein jahrzehntelanges Verhalten keine Rücksichtslosigkeit gewesen, sondern Familiensolidarität. Ich hatte auf einen Schlag etwas zerstört, wofür er sich vor seinen längst verstorbenen Eltern verantwortlich fühlte.
„Warum hast du das nicht früher gesagt?“, murmelte er.
„Habe ich. Zweimal. Du wolltest es nicht hören.“
Er betrachtete die frisch gesetzten Päonienknospen, die weinrot aus dem Beet schimmerten, lange, als würde er sie zum ersten Mal überhaupt bemerken.
Eine Woche lang herrschte etwas Stilles zwischen uns, kein Streit, keine Vorwürfe, nur ein zähes Sich-aneinander-Neugewöhnen. Er bestellte die verbliebenen zehn Ar Kartoffeln, ich kümmerte mich um die Stauden und wässerte den Rasen. Wir aßen getrennt zu Mittag, er im Haus, ich auf der Terrasse. Ich merkte, wie er mich von der Seite beobachtete, wenn ich mit dem Handgrubber zwischen den Blumen hantierte.
Mitte Juni blühten die ersten Taglilien, knallorange, und der Phlox schob seine ersten Dolden. Klaus kam mit einem Eimer junger Kartoffeln vom Acker zurück, stellte ihn ab und ging ohne ein Wort zu dem Beet, beugte sich hinunter und fasste vorsichtig ein Funkienblatt an, als wäre es aus Glas. Dann richtete er sich auf, die Hände in den Hosentaschen.
„Hübsch“, sagte er.
Ich verbrühte mir fast die Lippen am Tee. In fast dreißig Jahren hatte er über nichts in diesem Garten je „hübsch“ gesagt. Höchstens „ertragreich“ oder „gut aufgelaufen“.
Ich schwieg und ließ den Moment einfach stehen, ohne ihn zu zerreden.
Der Ärger kam, wie erwartet, mit der Verwandtschaft. An einem heißen Julisonntag standen Gisela und Rudi mit ihrem Sohn Patrick vor der Tür. In den Vorjahren hatten wir sie mit Frostschutzplanen über dem Biertisch, Bratwürsten und dem Versprechen empfangen, dass ihnen im Herbst der gewohnte Anteil zustehe. Diesmal ebenfalls mit Würsten und Senf, aber ohne Versprechen. Gisela entdeckte den Staudengarten, noch ehe sie die Terrassentür erreicht hatte.
„Was ist denn das?“, rief sie, und es klang wie ein Vorwurf aus der Kirchenverwaltung. Sie marschierte direkt darauf zu, Rudi und Patrick wie zwei stille Adjutanten im Schlepptau.
„Ein Blumenbeet“, sagte ich ruhig. „Und eine Liegewiese.“
Sie fuhr zu Klaus herum. „Hast du ihr das erlaubt? Die halbe Ackerfläche für nichts und wieder nichts? Sie wirft das Land weg!“
Klaus stand am Grill, die Zange in der Hand, und blickte zu mir herüber. In der Vergangenheit hätte er jetzt einen Satz gemurmelt, der die Sache vertagte. Stattdessen sagte er, sehr deutlich: „Es ist ihr Garten genauso wie meiner, Gisela. Sie hat jedes Recht dazu.“
Seine Schwester lief rot an. Sie holte Luft, als müsste sie einen Berg aus Entrüstung wegatmen. Dann zischte sie: „Gut. Aber ruft mich im Herbst nicht an, wenn ihr etwas Eingewecktes braucht.“
Ich stellte die Schüssel mit dem Kartoffelsalat auf den Gartentisch. „Keine Sorge. Wir kommen zurecht.“
Der Nachmittag zog sich zäh dahin, Patrick spielte ein bisschen lustlos mit seinem Handy, Rudi schwieg verstockt. Bevor sie fuhren, sah mich Gisela noch einmal an, so von oben herab, wie sie es sich über Jahre angewöhnt hatte, und sagte: „Du warst schon immer eine, die nur an sich denkt, Inga.“ Ich spürte, wie mir für einen Moment die Worte fehlten. Aber Klaus kam mir zuvor: „Sie hat sieben Jahre lang an uns alle gedacht, Gisela. Das reicht jetzt.“ Gisela knallte die Autotür zu.
Im Herbst ernteten wir die verbliebene Kartoffelhälfte. Es wurden knapp zweihundertfünfzig Kilo – mehr als genug für den Winter. Kein Anruf aus Giselas Richtung, keine Nachfrage wegen Möhren oder Zucchini. Die Welt brach nicht zusammen. Der Himmel färbte sich im Oktober tintenblau, als ich die Stauden zurückschnitt, Laub auf die Beete häufte und den Rasen ein letztes Mal mähte. Ich saß im Liegestuhl, in eine dicke Strickjacke gehüllt, und betrachtete das fast leere Beet. Es war kein trauriger Anblick. Es war ein friedlicher.
Klaus brachte mir einen Becher Kaffee, setzte sich auf die Bank neben mir und legte eine Hand auf meine, ganz vorsichtig.
„Ich habe nachgedacht“, sagte er.
„Ja?“
„Wir könnten im Frühjahr einen Fliederbusch pflanzen. Da drüben, an den Zaun. Was meinst du?“
Ich trank einen Schluck. Der Kaffee schmeckte nach Zimt. „Flieder ist gut. Aber graben musst du dann allein. Ich habe mein Pensum an Spatenarbeit für dieses Leben erfüllt.“
Er nickte nur und grinste dabei, schmal und fast unsichtbar, aber er grinste.
Ein halbes Jahr später, ich räumte gerade die Unterlagen für die Steuererklärung zusammen, fiel mir ein Kontoauszug aus dem Oktober entgegen. Eine Abbuchung über achtundsiebzig Euro bei „Freitags Hofladen“, dem kleinen Hof im Nachbardorf, der auch im Herbst Gemüse und Kartoffeln verkauft. Die Buchung war auf den Tag datiert, an dem Gisela ihren üblichen Ernteanruf nicht getätigt hatte. Ich lehnte mich im Schreibtischstuhl zurück und betrachtete die Zahlen. Klaus hatte es nicht erwähnt. Kein Wort. Wahrscheinlich hatte er ein, zwei Säcke Kartoffeln und ein paar Kürbisse für seine Schwester gekauft, ohne dass ich etwas davon merkte. Bar bezahlt, aber die Karte war die gemeinsame. Ich atmete tief durch und heftete den Auszug wieder in den Ordner. Nicht aus Vergebung – einfach, weil es nichts mehr mit mir zu tun hatte.
Im selben Frühjahr inserierte ich die alte Motorhacke, den klobigen, roten Kraftprotz, der jahrelang die Hälfte der Garage blockiert hatte. Noch am selben Abend meldete sich ein Mann aus dem Nachbarort und bot vierhundertdreißig Euro. Zwei Tage später kam er mit einem Anhänger, legte das Geld auf den Gartentisch und nahm die Maschine mit. Vom Erlös kaufte ich eine Hollywoodschaukel aus Rattanoptik und ließ sie genau an der Stelle aufstellen, wo vorher die Hacke gestanden hatte. Als Gisela das nächste Mal unangekündigt vorbeikam – sie brachte Patricks Kinder zum Spielen, der Friede war notdürftig wiederhergestellt –, blieb sie vor der Schaukel stehen und starrte auf das Polster mit dem geblümten Bezug. Zwischen den Paletten des neuen Rosenbeets schaukelte nichts mehr, was nach schwerer Feldarbeit aussah.
„Ist die neu?“, fragte sie.
„Ja“, sagte ich, stellte meine Teetasse ab und setzte mich in die Schaukel. „Direkt aus dem Baumarkt. Hat vierhundertdreißig Euro gekostet. So ungefähr der Gegenwert von einem halben Hektar Kartoffeln.“
Klaus stand am Fenster, sah zu uns herüber und sagte gar nichts. Aber am nächsten Morgen lag ein Katalog für Rosenstöcke auf meinem Frühstücksteller, aufgeschlagen bei einer Seite mit dunkelroten Sorten, eine davon mit Bleistift umkreist.
