Der Chauffeur, der nicht anhielt

Es gibt eine Regel bei uns in der Fahrschule Brenner, wo ich seit vierzehn Jahren als Fahrlehrer arbeite: Man mischt sich nicht in fremde Familien ein. Man bringt jemandem bei, wie man einen Wagen einparkt, und geht wieder. Aber diese Geschichte mit der jungen Frau aus der Kantstraße lässt mich bis heute nicht los, obwohl ich damals nur den Wagen gefahren habe.

Angefangen hat alles im Aufenthaltsraum einer Realschule in Essen, wo meine Nichte Unterricht nimmt. Ich hole sie manchmal nach der Fahrstunde ab und warte dann fünf Minuten im Flur, weil der Bus erst um sechzehn Uhr zwölf kommt. So habe ich Lina Brandt kennengelernt — genauer gesagt, ich habe zuerst ihre Mutter kennengelernt.

Karin Brandt putzte damals die Umkleiden im Fitnessstudio "Powerhaus" gegenüber der Schule und übernahm nebenbei die Reinigung im Bürogebäude an der Rüttenscheider Straße. Zweiundvierzig Jahre alt, aber die Hände sahen aus wie die einer Sechzigjährigen — rissig von den Putzmitteln, die sie ohne Handschuhe benutzte, weil die Handschuhe angeblich das Wischen verlangsamten. Ich habe sie oft am Vormittag getroffen, wenn ich meine Fahrschüler zur Übungsfahrt durch die Innenstadt lotste und sie gerade die Fenster im Erdgeschoss putzte. Immer dieselbe graue Jacke, immer dieselben ausgeblichenen Jeans.

Ihre Tochter Lina war siebzehn und ging aufs Elsa-Brändström-Gymnasium — eines von den Schulen, wo die Eltern der Kinder mit dem SUV vorfahren und die Lehrer Klassenfahrten nach Südtirol organisieren. Lina war da über ein Stipendium, weil sie in Mathe und Physik zu den Besten im ganzen Regierungsbezirk gehörte. Und die anderen ließen sie das spüren.

Ich habe die Szene selbst mitbekommen, an einem Dienstag im März, als ich vor der Schule auf meine Nichte wartete und die Fenster zum Pausenhof gekippt waren. Ein Junge — später erfuhr ich, er heißt Julian Rehberg, Sohn eines Zahnarztes aus Bredeney — rief quer über den Schulhof: "Brandt, stimmt's, dass deine Mutter gestern bei uns die Umkleide geputzt hat? Fährst du mit dem Linienbus zum Abiball, oder nimmst du gleich den Putzwagen mit?" Ein paar lachten. Lina hat nur ihren Rucksack geschultert und ist gegangen, ohne sich umzudrehen. Kein Wort. Das hat mich mehr beeindruckt als jede Retourkutsche.

Was ich erst später erfuhr — von meinem Kollegen Herbert, der Julian Fahrstunden gibt, weil dessen Vater bei uns Kunde ist —: Julian hatte mit einem gewissen Tom Wieczorek gewettet. Fünfzig Euro. Wenn Karin Brandt ihre Tochter zum Abiball in einem "ordentlichen" Wagen bringt, nicht im Bus, dann entschuldigt sich Julian vor der ganzen Klasse. Ein Taxi zählt nicht, hieß es. Mindestens Mittelklasse.

Was die beiden Klugscheißer nicht wussten: Lina hatte das mitgehört. Sie stand mit einem Tablett schmutzigen Geschirrs hinter der Ecke der Mensa, wo sie donnerstags gegen ein bisschen Taschengeld aushalf. Sie hat kein Wort gesagt. Aber ab diesem Tag hat sie noch mehr Schichten übernommen — dienstags und donnerstags in der Mensa, freitags als Kellnerin im Café "Rüttenscheider Eck", das kleine Trinkgeld in einer alten Kaffeedose gesammelt.

Ihre Mutter hat davon nichts gewusst. Karin arbeitete morgens ab halb sechs im Bürogebäude an der Rüttenscheider Straße, wo im dritten Stock ein Autohaus namens "Rhein Premium Cars" seinen Showroom hatte. Der Inhaber, ein Mann namens Bernd Kowalski, kam fast immer als Erster. Ich kannte ihn flüchtig aus der IHK — einer von den Leuten, die sich morgens selbst die Kaffeemaschine anwerfen, bevor die Angestellten überhaupt da sind.

"Guten Morgen, Frau Brandt", sagte er dann jedes Mal, während sie die Glastür zum Showroom polierte. "Wie geht's Ihrer Tochter? Bald Abi, oder?" — "In fünf Wochen", antwortete Karin. "Mein Sohn Finn macht auch bald Abitur. Interessiert sich aber mehr für die Autos hier als für seine Bücher." Kowalski hatte Finn nach der Scheidung praktisch allein großgezogen, seit der Junge acht war. Das wusste ich, weil Herbert damals auch Finn unterrichtet hatte.

Anfang Mai, ein verregneter Donnerstagabend. Ich war mit dem Fahrschulwagen auf dem Rückweg vom letzten Termin und bog in die Rüttenscheider Straße ein, als ich am Bushäuschen ein Mädchen im Regen stehen sah, klatschnass, ohne Schirm. Ich kannte sie vom Sehen — Lina. Ein schwarzer Geländewagen hielt gleichzeitig mit mir an der Ampel, das Fenster ging runter.

"Soll ich dich mitnehmen?", fragte der junge Fahrer. Lina sah misstrauisch hoch. "Bist du Lina Brandt? Mein Vater arbeitet mit deiner Mutter zusammen. Ich bin Finn Kowalski." Auf der Rückbank saß ein Kumpel mit Laptop, den Finn gerade von einem IT-Termin abgeholt hatte. Bevor Lina ausstieg, drückte er ihr eine Visitenkarte in die Hand — sein YouTube-Kanal über Autos, den er nebenbei betrieb.

Ende Mai bemerkte Karin, dass ihre Tochter immer später nach Hause kam, blass und übermüdet aussah. "Lina, was ist mit dir los? Du bist so nervös in letzter Zeit." Lina atmete tief durch. "Ich arbeite nur mehr, Mama. Im Café." — "Aber du hast doch bald Prüfungen!" — "Ich wollte dir ein Geschenk kaufen. Ein Kleid, Schuhe." Von der Limousine sagte sie kein Wort. Karin zog sie an sich. "Dummerchen. Ich brauche nichts. Ich hab schon was zum Anziehen. Vernachlässige bloß nicht die Schule."

Aber Lina hatte längst einen anderen Plan gefasst.

Ich weiß das alles erst im Nachhinein, weil Herbert mich am Tag des Abiballs anrief und sagte: "Fahr mal zur Villa Hügel rüber, Location für den Abschlussball vom Elsa-Brändström. Da passiert gerade was." Ich war neugierig genug, um mit dem freien Fahrschulwagen tatsächlich hinzufahren und mich unter die wartenden Eltern zu mischen.

Um neunzehn Uhr fuhren die ersten Autos vor — Golf, ein paar Dreier-BMW von den Vätern geliehen, ein Passat. Julian Rehberg stieg aus dem silbernen Mercedes seines Vaters, in makellosem Anzug, und ließ demonstrativ den Blick über den Parkplatz schweifen, offensichtlich auf der Suche nach etwas Bestimmtem.

Um neunzehn Uhr zwölf hielt eine schwarze Mercedes-S-Klasse-Limousine mit Chauffeur direkt vor dem Eingang. Nicht gemietet für eine Stunde, sondern mit richtigem Kennzeichenschild von "Rhein Premium Cars" am Nummernschildhalter. Die Tür ging auf. Zuerst stieg Karin Brandt aus — in einem schlichten dunkelblauen Kleid, die Haare hochgesteckt, zum ersten Mal seit Jahren ohne die graue Arbeitsjacke. Dann Lina, in einem champagnerfarbenen Kleid, das sie sich von ihrem eigenen Geld, dem Trinkgeld aus der Kaffeedose, gekauft hatte.

Auf dem Bürgersteig blieb die Menge stehen. Julian Rehberg stand mit offenem Mund da, das Handy noch halb erhoben, als wollte er ein Foto machen, dann ließ er es sinken.

Was war tatsächlich passiert? Das erfuhr ich zwei Tage später von Kowalski selbst, als ich in seinem Autohaus wegen eines Kundenwagens vorbeikam. Lina hatte sich Ende Mai einen Termin bei ihm im Showroom geben lassen — nicht um ein Auto zu kaufen, sondern um zu fragen, ob sie für den Abend des Abiballs einen der Vorführwagen samt Fahrer mieten könnte, zu einem Preis, den sie sich in fünf Wochen Doppelschichten erarbeitet hatte. Kowalski hatte gelacht, dann nachgedacht, dann den Preis auf die Hälfte gesenkt — "aus Respekt vor Ihrer Mutter", wie er es formulierte — und selbst als Chauffeur angeboten, den Wagen zu fahren, weil sein fester Fahrer an dem Abend krank war.

Und dann, mitten auf dem Parkplatz vor der Villa Hügel, vor gut hundert Leuten, ging Julian Rehberg tatsächlich zu Tom Wieczorek hinüber und drückte ihm zwei Zwanziger und einen Zehner in die Hand. Fünfzig Euro, verloren. Ich stand nah genug, um zu hören, wie er danach zu Lina hinüberging — sichtlich unsicher, die Schultern nicht mehr so breit wie sonst — und irgendetwas murmelte, das nach einer Entschuldigung klang. Lina nickte kurz, mehr nicht, und ging mit ihrer Mutter zum Eingang.

Ich habe die beiden nie wiedergesehen, außer einmal, ein Jahr später, zufällig im Bürogebäude an der Rüttenscheider Straße, wo ich einen Fahrschüler zur Prüfung begleitete. Karin putzte dort nicht mehr die Fenster — sie stand hinter dem Empfangstresen von "Rhein Premium Cars", in einer ordentlichen Bluse mit Namensschild. Kowalski hatte ihr die Stelle als Büroassistentin angeboten, nachdem Lina im September ein Vollstipendium für Wirtschaftsingenieurwesen an der RWTH Aachen bekommen hatte und die Familie das Geld für den zusätzlichen Reinigungsjob nicht mehr brauchte. Karin erzählte mir das ganz nebenbei, während sie einen Kaffee für den nächsten Kunden aufsetzte — kein Wort von Stolz in der Stimme, nur eine Feststellung, so als spräche sie über das Wetter.

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