Platz 7A

Ich heiße Sabine, ich bin vierundvierzig, und ich arbeite als Krankenschwester in der Notaufnahme in Hamburg. Ich hatte drei Nachtschichten hintereinander geschoben, und meine Schwester heiratete am Montag in München. Also buchte ich den Flug um 07:25, ohne groß nachzudenken. Ich wollte einfach nur schlafen.

Am Flughafen kaufte ich mir einen Cappuccino und ein Laugenbrot mit Butter für 6,80 Euro. Das Laugenbrot war noch warm, und ich aß es im Stehen, während ich auf die Anzeigetafel schaute. Der Flug nach München ging von Gate B14, und ich kam mir vor wie ein Paket, das man verschickt.

Beim Einsteigen sah ich, dass die Maschine halb leer war. Mein Platz war 14B, zwischen zwei breiten Männern, die schon ihre Jacken ausgezogen hatten. Als ich an Reihe 7 vorbeikam, entdeckte ich 7A am Fenster, mit einem frisch aufgerollten Sicherheitsgurt und einem leeren Sitz daneben. Ich setzte mich.

Die Stewardess kam, ich zeigte ihr mein Ticket für 14B. «Kein Problem», sagte sie, «7A ist noch frei.» Sie legte mir eine Decke auf den Schoß. Ich fühlte mich, als hätte ich gewonnen.

Dann hörte ich eine Stimme. «Entschuldigung, das ist unser Platz.»

Eine Frau stand im Gang, neben ihr ein kleines Mädchen mit einem Rucksack voller Eulen. Das Mädchen hatte einen glatten grauen Stein in der Hand und rieb ihn zwischen den Fingern, als wäre er ein Talisman. Die Frau sagte: «Ich habe auch online mit Sitzplatzreservierung gebucht. Das muss ein Fehler sein.»

Die Stewardess verglich die Tickets. Tatsächlich, beide hatten 7A. «Es gibt noch freie Plätze am Fenster, zum Beispiel 15A», sagte sie.

Die Frau schaute mich an. Sie war blass und hatte dunkle Ringe unter den Augen. «Meine Tochter hat Autismus», sagte sie. «Der Fensterplatz hilft ihr, den Flug zu überstehen. Die Geräusche, die Veränderung — das ist für sie eine Katastrophe.»

Ich war so müde, dass ich nur dachte: Warum muss ich wieder die Vernünftige sein? Warum soll ich aufstehen, nur weil ein Kind mich anschaut? Ich weiß, das klingt hart. Aber in dem Moment fühlte ich nichts außer Erschöpfung.

«Ich kümmere mich nicht um fremde Kinder», sagte ich und zog den Gurt fest.

Die Frau schwieg einen Sekundenbruchteil. Dann nahm sie die Hand ihrer Tochter. «Komm, Schatz, wir setzen uns in die Mitte.»

Sie gingen nach hinten. Ich hörte, wie das Mädchen leise summte, ein langer, monotoner Ton, der nicht aufhörte. Ich drückte mein Gesicht an die kalte Fensterscheibe und versuchte, nicht hinzusehen.

Nach dem Start, als die Anschnallzeichen erloschen, kam eine Durchsage. «Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän. Für die Passagierin auf Platz 7A haben wir ein besonderes Geschenk.»

Ich spürte, wie meine Mundwinkel sich nach oben zogen. Das war doch mal etwas. Ich richtete mich auf.

Die Stewardess brachte eine blaue Schachtel mit weißer Schleife. Ich machte den Deckel auf. Drinnen lagen ein Paar Kinderkopfhörer, ein kleines Flugzeugmodell aus Metall und ein Foto. Auf dem Foto war der Kapitän in Uniform, einen Jungen auf dem Arm. Auf der Rückseite stand mit Kugelschreiber:

«Meinem Sohn ging es wie diesem Mädchen. Du hast ihr gerade das Gefühl von Sicherheit weggenommen.»

Ich las den Satz noch einmal. Dann noch einmal. Meine Finger wurden kalt, obwohl die Kabine warm war.

Die Tür zum Cockpit ging auf. Der Kapitän trat heraus, ein älterer Mann mit grauen Schläfen und einem braunen Umschlag in der Hand. Er blieb neben Reihe 7 stehen und fragte in die Kabine hinein:

«Wer von euch kannte Martin Weber?»

Die Frau aus Reihe 12 stand auf. Ihre Tochter klammerte sich an ihre Hand. «Das war mein Mann», sagte sie. Ihre Stimme war leise, aber ich hörte jedes Wort.

Der Kapitän machte den Umschlag auf und zog einen alten Papier-Schmetterling heraus. Er war mit Buntstiften bemalt, an den Rändern schon eingerissen, als hätte ihn jemand viele Jahre in einer Tasche getragen.

«Ich war elf Jahre lang Martin Webers Co-Pilot», sagte der Kapitän. «Er hat diesen Schmetterling in seiner letzten Schicht für deine Tochter gebastelt. Er konnte ihn nie abgeben.»

Die Frau presste eine Hand auf den Mund. Das Mädchen streckte beide Arme aus und nahm den Schmetterling, ganz vorsichtig. Sie drückte ihn an ihre Brust und summte nicht mehr.

Ich saß da, die blaue Schachtel auf meinem Schoß, und wusste nicht, wohin mit meinen Händen.

Dann stand ich auf. Ich weiß nicht genau, warum. Ich nahm meinen Boardingpass aus der Jackentasche, legte ihn auf den Sitz 7A und stellte die blaue Schachtel daneben. Dann ging ich den Gang hinunter zu der Frau, die noch immer dastand.

«Nehmen Sie den Platz», sagte ich. «Ihre Tochter soll am Fenster sitzen.»

Die Frau sah mich an, als hätte sie mich nicht verstanden. «Sind Sie sicher?»

«Ich bin sicher», sagte ich. «Ich war nur müde.»

Ich griff in meinen Geldbeutel und drückte ihr zwanzig Euro in die Hand. «Für einen Saft und ein Croissant. Wenn sie es mag.»

Sie wollte etwas sagen, aber ich war schon weitergegangen. Ich setzte mich auf den Klappsitz neben der Bordküche, wo es nach Kaffee und Desinfektionsmittel roch. Durch den Spalt zwischen den Vorhängen sah ich, wie die kleine Tochter auf 7A saß, die Stirn an die Scheibe gelehnt, den Papier-Schmetterling in den Händen. Ihr Gesicht war ruhig.

Nach einer Weile kam die Stewardess zurück und legte mir einen Zettel auf den Schoß. Darauf stand in einer fremden Handschrift:

«Sie schaut schon die ganze Zeit nach draußen. Danke.»

Ich faltete den Zettel und steckte ihn in meine Jackentasche. Der Flug dauerte noch eine Stunde. Ich zog den Sicherheitsgurt des Klappsitzes fest, der viel zu eng war, und schloss die Augen. Aus irgendeinem Grund summte ich leise vor mich hin.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: