Als mein Mann krank wurde, rief seine ganze Familie ununterbrochen an, um sich zu erkundigen, ob ich ihn auch gut versorgte. Als ich selbst mit fast vierzig Grad Fieber im Bett lag, packte er seine Angelsachen und fuhr an den See.

Als mein Mann krank wurde, rief seine ganze Familie ununterbrochen an, um sich zu erkundigen, ob ich ihn auch gut versorgte. Als ich selbst mit fast vierzig Grad Fieber im Bett lag, packte er seine Angelsachen und fuhr an den See.

Das elektronische Thermometer piepte dreimal.

Julia öffnete langsam die Augen. Ihr war schwindelig, jeder Muskel schmerzte und ihr Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment platzen. Mit zitternden Fingern hob sie das Thermometer an.

39,1.

Sie schloss die Augen wieder.

Unter der dicken Bettdecke fror sie erbärmlich, obwohl ihr ganzer Körper glühte. Jeder Atemzug fiel schwer.

Und plötzlich erinnerte sie sich an den vergangenen Winter.

Damals war ihr Mann Stefan krank geworden.

37,4 Grad.

Mehr zeigte sein Thermometer nicht an.

Doch in ihrer Wohnung herrschte plötzlich Ausnahmezustand.

— Julia… komm bitte mal…

Sie war sofort aus der Küche ins Schlafzimmer gelaufen.

Stefan lag ausgestreckt im Bett, als hätte ihn eine schwere Krankheit völlig außer Gefecht gesetzt.

— Was ist passiert?

Er hielt ihr wortlos das Thermometer hin.

— Siebenunddreißig Komma vier.

— Ich wusste es — stöhnte er. — Mir ging es den ganzen Tag schlecht. Männer stecken Fieber eben anders weg als Frauen.

Julia lächelte damals noch verständnisvoll.

— Ich mache dir einen Tee.

— Bitte auch eine Brühe. Und kannst du in die Apotheke fahren? Die Halstabletten sind alle.

Natürlich fuhr sie.

Sie kochte frische Hühnersuppe.

Sie wechselte kalte Umschläge.

Sie stellte nachts den Wecker, um seine Temperatur zu kontrollieren.

Sie nahm sogar einen Urlaubstag, damit Stefan nicht allein sein musste.

Noch anstrengender als seine Krankheit waren allerdings die ständigen Anrufe seiner Mutter.

— Julia, hat Stefan genug getrunken?

— Ja.

— Hat er die Vitamine genommen?

— Ja.

— Miss bitte regelmäßig Fieber. Er hatte schon als Kind immer Probleme mit den Bronchien.

Auch seine Schwester meldete sich mehrmals täglich.

Alle sorgten sich um Stefan.

Niemand fragte Julia, ob sie eigentlich selbst erschöpft war.

Damals fiel ihr das nicht auf.

Heute schon.


Es war ein Freitag.

Julia schleppte sich nach einer anstrengenden Arbeitswoche nach Hause.

Schon am Vormittag hatte sie Halsschmerzen gehabt. Gegen Mittag kam Schüttelfrost dazu.

Im Zug nach Hause musste sie sich mehrmals festhalten, weil ihr schwarz vor Augen wurde.

Zu Hause angekommen, schaffte sie es gerade noch bis ins Schlafzimmer.

Sie zog nicht einmal die Schuhe aus.

Sie schlief sofort ein.

Aufgewacht wurde sie vom Geräusch der Wohnungstür.

Stefan war zurück.

Sie hörte, wie er den Kühlschrank öffnete.

Dann folgte ein genervtes Seufzen.

— Julia? Wo ist das Abendessen?

Keine Frage, wie es ihr ging.

Kein Blick ins Schlafzimmer.

Erst als sie nicht antwortete, öffnete er die Tür.

Das Licht aus dem Flur blendete sie.

— Du schläfst?

Julia brachte kaum ein Wort heraus.

— Ich habe hohes Fieber…

— Wie hoch denn?

— Über neununddreißig.

Stefan blieb in der Tür stehen.

Er kam keinen Schritt näher.

— Heute Morgen war doch noch alles in Ordnung.

— Es wurde auf der Arbeit schlimmer. Kannst du mir bitte ein Glas Wasser und Paracetamol bringen?

Er verzog das Gesicht.

— Warum nimmst du denn nicht gleich etwas, wenn du merkst, dass du krank wirst?

Julia starrte ihn fassungslos an.

— Ich kann kaum aufstehen.

— Ja, gleich.

Er verschwand.

Sie wartete.

Fünf Minuten.

Zehn Minuten.

Fünfzehn Minuten.

Dann klingelte es.

Ein Lieferdienst.

Stefan hatte Pizza bestellt.

Kurz darauf zog der Geruch von geschmolzenem Käse und Salami durch die Wohnung.

Julia wurde übel.

Aus dem Wohnzimmer hörte sie das Lachen ihres Mannes vor dem Fernseher.

Später legte er sich wortlos ins Bett.

— Stefan… das Wasser…

Er drehte sich bereits zur Wand.

— In der Küche ist doch welches.

Nach wenigen Minuten schlief er.

Julia blieb wach.

Langsam setzte sie sich auf.

Der Boden schwankte.

Sie tastete sich an der Wand entlang bis zur Küche.

Dort trank sie direkt aus einem Glas am Spülbecken.

Als sie wieder im Bett lag, liefen ihr Tränen über das Gesicht.

Nicht wegen der Schmerzen.

Sondern weil sie begriff, dass sie in diesem Moment völlig allein war.


Am nächsten Morgen wurde sie früh wach.

Im Flur hörte sie Schranktüren, Metallklappern und das Reißverschlussgeräusch einer großen Tasche.

Stefan machte sich fertig.

Als er ins Schlafzimmer kam, trug er wetterfeste Kleidung und Gummistiefel.

Über der Schulter hing seine Angeltasche.

In der Hand hielt er eine Thermoskanne mit frischem Kaffee.

— Wohin gehst du?

— Angeln.

— Heute?

— Klar. Wir haben das seit Tagen geplant.

Julia schluckte mühsam.

— Bitte bleib hier. Mir geht es wirklich schlecht.

Stefan schüttelte den Kopf.

— Was soll ich denn machen? Neben deinem Bett sitzen?

— Vielleicht einen Arzt rufen.

— Das ist doch nur eine Grippe.

— Ich bekomme kaum Luft.

— Du steigerst dich da rein.

Julia schloss für einen Moment die Augen.

Dann sagte sie leise:

— Als du krank warst, habe ich Urlaub genommen.

Stefan verdrehte die Augen.

— Jetzt fängst du damit wieder an?

— Ich habe mich um dich gekümmert.

— Das war deine Entscheidung.

— Nein. Es war meine Liebe.

Zum ersten Mal wurde es still.

Stefan sah auf die Uhr.

— Ich habe übrigens mit meiner Mutter gesprochen. Sie meint, ich sollte lieber rausgehen, bevor ich mich auch noch anstecke. Montag habe ich einen wichtigen Termin.

Julia blickte ihn lange an.

— Deine Mutter hat dir geraten, deine kranke Frau allein zu lassen?

— Mach jetzt kein Drama daraus.

— Stefan…

Er griff bereits nach dem Türgriff.

— Ruf einfach an, wenn etwas ist.

— Du hast doch selbst gesagt, am See gibt es kaum Empfang.

Er zuckte mit den Schultern.

— Dann eben später.

Die Tür fiel ins Schloss.

Julia hörte, wie sein Auto vom Parkplatz fuhr.

Danach war es vollkommen still.


Gegen neun Uhr wollte sie ins Badezimmer gehen.

Mitten im Flur wurde ihr schwarz vor Augen.

Sie sank langsam auf den Boden.

Nach einigen Minuten griff sie nach ihrem Handy.

Sie rief Stefan an.

Keine Antwort.

Noch einmal.

Wieder nichts.

Kurz darauf kam eine Nachricht.

„Bin gerade auf dem Boot. Melde mich später.“

Julia betrachtete den Bildschirm.

Dann löschte sie die Tränen aus ihrem Gesicht und wählte eine andere Nummer.

Ihre Nachbarin Frau Schneider.

Die ältere Dame wohnte seit Jahren nebenan.

Sie kam keine zehn Minuten später.

Als sie Julia auf dem Boden sitzen sah, erschrak sie.

— Mein Gott, Sie glühen ja!

Ohne zu zögern rief sie den Rettungsdienst.

Im Krankenhaus stellten die Ärzte eine beginnende Lungenentzündung und eine starke Dehydrierung fest.

Der behandelnde Arzt sagte ernst:

— Sie hatten Glück. Wären Sie noch länger allein geblieben, hätte das gefährlich werden können.

Julia nickte nur.

Glück.

Ein seltsames Wort.

Denn das Glück war nicht ihr Ehemann gewesen.

Sondern eine Nachbarin.


Stefan kam erst am Abend zurück.

Gut gelaunt.

Er hatte mehrere Fische gefangen und machte Fotos von seinem Ausflug.

Als er die Wohnung betrat, war niemand da.

Auf dem Küchentisch lag lediglich ein Blatt Papier.

Er begann zu lesen.

„Ich bin im Krankenhaus.

Frau Schneider hat innerhalb weniger Minuten das getan, wozu du in zwei Tagen nicht bereit warst.

Ich habe dich nicht darum gebeten, mein Leben für mich aufzugeben.

Ich wollte nur, dass du mir ein Glas Wasser bringst.

Dass du meine Stirn berührst.

Dass du mich ernst nimmst.

Als du 37,4 Grad hattest, war deine Krankheit für alle ein Notfall.

Als ich über 39 Grad Fieber hatte, war ich für dich nur ein Hindernis für deinen Angelausflug.

Heute habe ich verstanden, dass ich in unserer Ehe nur dann wichtig bin, wenn ich funktioniere.

Ich werde nach meiner Entlassung nicht mehr hierher zurückkehren.

Bitte suche mich nicht.“

Stefan las den Brief ein zweites Mal.

Dann griff er zum Telefon.

Julia nahm nicht ab.

Auch nicht beim fünften Versuch.


Am nächsten Morgen stand Stefan mit einem Blumenstrauß im Krankenhaus.

Die Krankenschwester kam nach wenigen Minuten zurück.

— Ihre Frau möchte keinen Besuch empfangen.

— Können Sie ihr wenigstens die Blumen geben?

Die Schwester sah ihn kurz an.

— Sie hat auch die Blumen abgelehnt.

Zum ersten Mal spürte Stefan, dass sich etwas nicht mehr rückgängig machen ließ.

In den folgenden Tagen schrieb er lange Nachrichten.

Er entschuldigte sich.

Er erklärte, dass er die Situation falsch eingeschätzt habe.

Dass seine Mutter meinte, es sei nur eine normale Erkältung.

Dass er niemals gedacht hätte, sie müsse ins Krankenhaus.

Julia antwortete nur ein einziges Mal.

„Wer liebt, wartet nicht darauf, dass ein Arzt bestätigt, dass Hilfe nötig ist.“

Danach herrschte Schweigen.


Einige Wochen später reichte Julia die Scheidung ein.

Viele Menschen verstanden ihre Entscheidung nicht.

— Wegen einer Krankheit trennt man sich doch nicht.

Sie antwortete jedes Mal ruhig:

— Nein. Wegen einer Krankheit trennt man sich nicht.

Aber manchmal zeigt eine Krankheit zum ersten Mal die Wahrheit.

Sie zeigt, wer bleibt.

Und wer lieber geht.


Fast ein Jahr später lebte Julia in einer kleinen Wohnung am anderen Ende der Stadt.

Nicht groß.

Nicht luxuriös.

Aber friedlich.

An einem regnerischen Herbstabend fühlte sie sich erneut etwas kränklich.

Sie schrieb ihrer Freundin Katharina eine kurze Nachricht.

„Ich glaube, ich bekomme eine Erkältung. Wir verschieben unser Treffen.“

Keine zwanzig Minuten später klingelte es.

Katharina stand vor der Tür.

In der Hand hielt sie eine Tüte.

Darin waren Suppe, Tee, Honig, Zitronen und Medikamente.

Julia lächelte überrascht.

— Das wäre doch nicht nötig gewesen.

Katharina stellte die Tüte auf den Küchentisch.

— Vielleicht nicht nötig.

Dann sah sie Julia an und sagte einen Satz, den sie nie wieder vergessen würde.

— Aber Menschen, die man liebt, lässt man nicht erst darum bitten.

Julia spürte, wie ihr die Tränen kamen.

Nicht aus Traurigkeit.

Sondern aus Erleichterung.

Sie hatte endlich verstanden, dass Liebe nichts mit großen Versprechen, teuren Geschenken oder romantischen Worten zu tun hat.

Liebe zeigt sich in den kleinsten Augenblicken.

In einem Glas Wasser.

In einer Hand auf der heißen Stirn.

In einem abgesagten Ausflug.

In der Entscheidung, bei einem Menschen zu bleiben, wenn dieser schwach ist und nichts zurückgeben kann.

Stefan hatte sich damals für einen Tag am See entschieden.

Julia entschied sich später für ein Leben, in dem sie nie wieder jemanden darum bitten musste, sie wie einen Menschen zu behandeln.

Und rückblickend war genau diese Entscheidung die wichtigste ihres ganzen Lebens.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: