Ich sitze seit dreiundzwanzig Jahren an der Kasse im dm in der Friedrichstraße in Freiburg, und man glaubt gar nicht, was man da alles sieht. Familien, die sich um zwei Euro fünfzig streiten. Väter, die stolz wie Schneider Windeln in den Wagen packen. Und manchmal eben das Gegenteil.
Diesen Vormittag im März erinnere ich noch genau, weil draußen dieser nasse Schneematsch lag, den man in Freiburg sonst kaum kennt, und die Kundin vor mir in der Schlange sich über ihre Winterreifen beschwerte, die sie noch nicht abgeholt hatte. Radio SWR3 lief leise aus dem Lautsprecher über der Tür, irgendein Verkehrshinweis zur A5.
Die junge Frau kam als Nächste dran. Sie schob einen dieser Zwillingskinderwagen, Marke Hartan, dunkelblau, mit zwei kleinen Mädchen darin, die vielleicht acht Wochen alt waren. Neben ihr lief ein Mann, Anfang dreißig, teure Jacke, das Gesicht die ganze Zeit über sein Handy gebeugt. Er tippte, während sie den Wagen mit beiden Händen lenkte und gleichzeitig noch die Einkäufe auf das Band legte. Ich half ihr, weil sie es allein kaum schaffte – zwei Packungen Pampers Größe 2, Feuchttücher, zwei Fläschchen Milumil, Spucktücher, eine Tube Penaten-Creme.
„121,77 Euro", sagte ich, wie ich es tausendmal am Tag sage.
Der Mann sah endlich von seinem Handy hoch. Er starrte auf die Anzeige, als hätte ich ihm gerade eine Rechnung fürs Finanzamt vorgelegt. Dann griff er, ohne ein Wort zu sagen, in den Einkaufswagen, zog die größere Packung Windeln heraus und legte sie mir wieder auf den Tresen zurück.
„Nehmen Sie das raus", sagte er zu mir, nicht zu ihr.
Ich habe in dreiundzwanzig Jahren schon einiges storniert – Pfandflaschen, falsch gescannte Rabattmarken, ganze Wagenladungen, wenn jemand seine Karte vergessen hatte. Aber so, mit diesem Ton, noch nie. Ich schaute die junge Mutter an. Sie hatte ihre Hand auf dem Griff des Kinderwagens, die Knöchel weiß.
„Die Windeln brauchen die Kleinen", sagte sie leise, fast entschuldigend, so als wäre sie diejenige, die sich rechtfertigen müsste.
„Ich hab genug davon, dass ich hier andauernd alles allein bezahle", sagte er. Nicht besonders laut. Aber genau in dieser Lautstärke, die man in einem vollen Laden am besten hört, weil die Leute hinter einem plötzlich ganz still werden, um ja nichts zu verpassen. Die Frau mit den Winterreifen hinter ihnen tat so, als würde sie ihr Handy studieren.
Ich stornierte die Windeln. Was sollte ich machen, es war seine Karte, sein Geld, sein gutes Recht rein rechtlich. Aber ich habe der jungen Frau einen Blick zugeworfen, den man einander manchmal zuwirft, wenn man beide in derselben Sekunde begreift, dass gerade etwas kaputtgeht, das man mit Geld nicht mehr reparieren kann.
Sie zahlte die restlichen 94,30 Euro mit ihrer eigenen Karte, ohne ein weiteres Wort, packte die Tüten in den Korb unter dem Kinderwagen und schob die Zwillinge Richtung Ausgang. Er folgte ihr, das Handy schon wieder am Ohr.
Ich dachte, das war's, so was sieht man, so was vergisst man auch wieder, bei der nächsten Schicht kommt die nächste Geschichte. Aber sie kam am selben Abend zurück. Kurz vor Ladenschluss, halb acht, ich war schon dabei, die Kasse abzurechnen. Diesmal ohne den Kinderwagen, ohne die Mädchen – ihre Nachbarin, eine ältere Dame mit Dackel, hatte sie mir später erzählt, hätte für eine Stunde auf die Zwillinge aufgepasst.
Sie kaufte nur eine Packung Windeln, die er am Vormittag zurückgelegt hatte. Aber diesmal legte sie noch etwas dazu auf das Band: einen braunen Din-A4-Umschlag, den sie kurz festhielt, bevor sie ihn wieder in ihre Tasche steckte, als hätte sie sich im letzten Moment anders entschieden, ihn mir nicht zu zeigen. Ich fragte nicht. Man fragt nicht, wenn man dreiundzwanzig Jahre an dieser Kasse steht.
Aber sie erzählte trotzdem, während ich die Windeln scannte, so, wie Leute manchmal reden, wenn sie den Tag noch einmal loswerden müssen, bevor sie ihn mit nach Hause nehmen. Ihr Mann habe ihr am Abend gesagt, er hätte sich „ein Kind" gewünscht, nicht zwei, und dass sie jetzt wieder arbeiten solle und ab sofort jede Rechnung hälftig teilten. Fünfzig-fünfzig, habe er gesagt, als wäre eine Familie eine Wohngemeinschaft.
Und sie habe ihm geantwortet: einverstanden, sie gehe wieder arbeiten. Aber unter einer Bedingung.
Welche, wollte ich eigentlich nicht fragen, aber sie sagte es mir sowieso, während sie ihre Handschuhe anzog: Sie hatte am Nachmittag bei ihrem Anwalt in der Kaiser-Joseph-Straße vorbeigeschaut, mit dem sie schon seit der Hochzeit befreundet ist, und sich den Ehevertrag noch einmal geben lassen, den ihr Mann vor sechs Jahren aufgesetzt hatte, weil er damals „auf Nummer sicher gehen" wollte, falls die Ehe scheitert. Darin stand, gut versteckt in Paragraph vier, dass im Trennungsfall derjenige das gemeinsame Haus in Merzhausen behält, der nachweislich mehr für den Unterhalt der Kinder aufgekommen ist. Sechshunderttausend Euro Verkehrswert, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, als würde sie mir den Preis einer Packung Kaffee nennen.
Ihre Bedingung an ihn: Wenn er wirklich will, dass ab jetzt alles fünfzig-fünfzig läuft – Windeln, Milchpulver, Kita, Arztrechnungen, alles, notariell dokumentiert, mit Kontoauszügen –, dann solle er sich das gut überlegen. Denn dann zählt eben auch jeder Cent, den er in den letzten Wochen NICHT bezahlt hat, gegen ihn. Sie hatte im Umschlag die Kassenbons der letzten zwei Monate gesammelt. Alle. Auch den von heute Vormittag mit den stornierten Windeln.
Ich weiß nicht, was in dem Umschlag noch drinsteckte, das erzählte sie mir nicht, und ich fragte nicht weiter. Aber ein halbes Jahr später sah ich sie wieder, im Sommer, als sie mit den Mädchen – die jetzt schon krabbelten, richtige kleine Persönlichkeiten – durch die Drogerie schlenderte, ganz allein, in aller Ruhe. Sie erzählte mir kurz, im Vorbeigehen, dass sie inzwischen wieder halbtags in ihrem alten Büro in der Bertoldstraße arbeitet, dass das Haus in Merzhausen inzwischen auf sie allein überschrieben ist – freiwillig, wie sie betonte, weil ihr Mann eingesehen hatte, dass er vor Gericht ohnehin verloren hätte – und dass er inzwischen zweimal die Woche zum Umgang kommt, pünktlich, mit einer Tasche Windeln unterm Arm, die er diesmal selbst bezahlt.
