Der Werkstattvertrag auf dem Küchentisch von Iserlohn

Marlene Brenner war zweiundfünfzig, als ihr Schwiegersohn zum ersten Mal das Wort "Umschuldung" in ihrer Küche benutzte.

Es war ein Dienstag im März, draußen nieselte es auf die Fußgängerzone der Iserlohner Altstadt, und im Radio auf der Fensterbank lief noch der Lokalsender mit dem Wetterbericht für den Sauerland-Kreis, als Kevin seine Aktentasche auf den Tisch stellte, direkt neben die Obstschale mit den letzten Clementinen. Er war Anfang dreißig, verheiratet mit Marlenes Tochter Franziska seit sieben Jahren, und er roch immer leicht nach dem Kaffee aus der Tankstelle an der B7, wo er sich morgens seinen Becher holte, bevor er in die Autowerkstatt fuhr, die seit zwei Jahren ihm und Marlenes verstorbenem Mann Dieter gemeinsam gehörte.

Gehört hatte. Das war der Punkt.

Dieter war im Herbst zuvor gestorben, ein Infarkt beim Rasenmähen, seine Hälfte der Werkstatt "Brenner & Voss" ging testamentarisch auf Marlene über. Fünfzig Prozent eines Betriebs mit vier Hebebühnen, einer Stammkundschaft aus drei Landkreisen und einem Kredit bei der Sparkasse Iserlohn, der noch mit rund vierundvierzigtausend Euro in den Büchern stand.

"Ich brauch deine Unterschrift", sagte Kevin und schob ihr ein Formular hin, "für die Bank. Damit ich den Kredit auf meinen Namen alleine umschreiben kann. Ist reine Formsache."

Marlene rührte in ihrem Tee, obwohl kein Zucker drin war, nur aus Gewohnheit, weil die Hände etwas zu tun brauchten. "Und meine Hälfte?"

"Die bleibt ja bei dir", sagte er, ohne aufzusehen, "das hier regelt nur die Bank-Formalitäten."

Sie unterschrieb nicht. Nicht an diesem Dienstag.

Was Kevin nicht wusste: Marlene hatte am Vormittag, bevor er kam, bereits mit Dieters altem Steuerberater telefoniert, Herrn Wachtel aus der Kanzlei am Rathausplatz, der seit fünfzehn Jahren die Bücher von Brenner & Voss führte. Und Herr Wachtel hatte ihr etwas erzählt, das sie seit drei Stunden mit sich herumtrug wie einen Stein in der Manteltasche: Kevin hatte im Januar, zwei Monate nach Dieters Tod, bereits einen Termin bei der Sparkasse gehabt. Allein. Mit einem Entwurf, der Marlenes Namen aus dem Gesellschaftsvertrag komplett strich.

Sie sagte an diesem Abend nichts zu Franziska. Ihre Tochter arbeitete Schicht in der Reha-Klinik am Stadtwald, kam erst um halb elf heim, und Marlene wollte nicht, dass die erste Nachricht nach einem Zwölf-Stunden-Dienst lautete: Dein Mann will deine Mutter aus der Firma deines Vaters kippen.

Stattdessen fuhr sie am Donnerstag selbst zur Sparkasse.

Die Frau am Schalter, Frau Osei, kannte Marlene noch von früher, als sie mit Dieter jedes Jahr die Zinssätze für den Werkstattkredit verhandelt hatte. Sie konnte ihr aus datenschutzrechtlichen Gründen nichts zu Kevins Konto sagen, das war klar. Aber sie konnte Marlene, als Mitgesellschafterin und im Testament ausgewiesene Erbin, eine Kopie des aktuellen Gesellschaftsvertrags aushändigen, den Kevin im Februar beim Notar in Hemer hatte ändern lassen wollen.

Wollen. Nicht geändert. Weil der Notar, ein pedantischer älterer Herr namens Dr. Fellhauer, auf der zweiten Unterschrift bestanden hatte. Marlenes Unterschrift. Die fehlte noch.

Am Freitagabend saß Marlene wieder in ihrer Küche, diesmal mit einem anderen Papier vor sich: dem Entwurf, den Kevin ihr am Dienstag untergeschoben hatte, daneben die Kopie von der Sparkasse, daneben ein drittes Blatt, das sie sich selbst ausgedruckt hatte – der Kontoauszug der Werkstatt, den ihr Herr Wachtel als Mitgesellschafterin zugänglich gemacht hatte. Darauf: eine Abbuchung von achttausendzweihundert Euro im Dezember, drei Wochen nach der Beerdigung, an eine Firma namens "KV Fahrzeughandel", die, wie sich herausstellte, Kevins Cousin gehörte.

Sie rief nicht sofort Franziska an. Sie rief zuerst Herrn Wachtel zurück und ließ sich schriftlich bestätigen, was er ihr am Telefon gesagt hatte, damit sie es schwarz auf weiß in der Hand hielt, wenn sie es brauchte.

Am Samstagmorgen, es war der zweite April, kam Franziska zum Frühstück vorbei, ohne Kevin, weil der eine Spätschicht in der Werkstatt hatte – Kundenfahrzeuge abholen, sagte er. Marlene stellte die Kaffeekanne auf den Tisch, dazwischen die drei Blätter, ordentlich nebeneinander, wie eine Auslage.

Franziska las. Erst schnell, dann noch einmal, langsamer, mit dem Finger unter den Zeilen der Abbuchung an KV Fahrzeughandel.

"Das ist Onkel Ralfs Firma", sagte sie schließlich. Onkel Ralf, Kevins Cousin, der auf jeder Familienfeier drei Bier trank und dann anfing, über Autos zu reden, die er "günstig" verkaufen könne.

"Ja."

"Achttausend Euro."

"Im Dezember. Als wir noch Dieters Beerdigung bezahlt haben von meinem eigenen Konto, weil auf dem Firmenkonto angeblich gerade Ebbe war."

Franziska sagte eine ganze Weile nichts. Draußen fuhr der Bus 21 vorbei, man hörte das Quietschen der Bremsen an der Haltestelle Fritz-Kühn-Platz, ein Geräusch, das Marlene seit dreißig Jahren aus diesem Küchenfenster kannte und das ihr in diesem Moment lauter vorkam als sonst.

"Was willst du machen", fragte Franziska schließlich, und es klang nicht wie eine Anklage, sondern wie eine echte Frage.

"Ich gehe montag zu Dr. Fellhauer. Und ich unterschreibe gar nichts, bis er mir Zeile für Zeile erklärt hat, was in diesem Vertrag steht, den dein Mann ändern wollte."

Kevin kam am Montagmorgen selbst zum Notartermin, weil Dr. Fellhauers Kanzlei ihn eingeladen hatte, formell, mit Aktenzeichen. Er hatte offensichtlich nicht erwartet, dass Marlene mit einer eigenen Mappe erscheinen würde, dünn, aber sortiert, und dass neben ihr auf dem Flur schon Herr Wachtel wartete, den Dr. Fellhauer als Sachverständigen für die betriebswirtschaftliche Seite hinzugezogen hatte.

Im Besprechungszimmer, ein fensterloser Raum mit einer Schale voller einzeln verpackter Pfefferminzbonbons auf dem Tisch, legte Dr. Fellhauer den ursprünglichen Entwurf vor, in dem Kevin als Alleingesellschafter von Brenner & Voss stand.

"Herr Voss", sagte der Notar, "dieser Entwurf sah vor, dass Frau Brenners Gesellschaftsanteil, geerbt von ihrem verstorbenen Mann, komplett auf Sie übergeht. Gegen eine – " er blätterte, " – Abfindung von zwölftausend Euro. Bei einem Betriebswert, den Ihr eigener Steuerberater mit rund hundertzehntausend Euro beziffert."

Kevin rutschte auf seinem Stuhl. "Das war ein Vorschlag. Damit die Bank Ruhe gibt, wegen der Kreditumschuldung, ich –"

"Und die achttausendzweihundert Euro an die Firma Ihres Cousins", fragte Marlene, "waren die auch ein Vorschlag?"

Es wurde still im Raum, so still, dass man das Sirren der Neonröhre über dem Aktenschrank hörte.

Kevin sagte nichts.

"Ich habe mit Ralf gesprochen", sagte Marlene weiter, ruhig, weil sie sich das am Wochenende so vorgenommen hatte: ruhig bleiben, keine Show. "Er hat mir erzählt, dass er das Geld für einen Kredit auf deinen Namen zwischengeparkt hat. Weil du auf dem Werkstattkonto Bewegungen brauchtest, die die Bank nicht direkt dir zuordnen kann."

Franziska, die neben ihrer Mutter saß, schaute ihren Mann zum ersten Mal an diesem Vormittag direkt an. Er hielt ihrem Blick nicht stand, sondern fing an, mit dem Kugelschreiber auf dem Tisch zu klicken, bis Dr. Fellhauer ihn bat, damit aufzuhören.

Marlene öffnete ihre Mappe und legte ein letztes Blatt dazu: die schriftliche Bestätigung von Herrn Wachtel über sämtliche Abbuchungen der letzten sechs Monate, und einen zweiten Entwurf, den sie sich in der Zwischenzeit selbst mit Dr. Fellhauer hatte aufsetzen lassen. Darin: Marlene bleibt zu fünfzig Prozent Gesellschafterin. Alle Ausgaben über zweitausend Euro benötigen ab sofort beide Unterschriften. Und der Kredit bei der Sparkasse Iserlohn – die vierundvierzigtausend Euro – wird nicht auf Kevins Namen umgeschrieben, sondern bleibt, wie im ursprünglichen Vertrag, gemeinsame Verbindlichkeit beider Gesellschafter, mit gemeinsamer Haftung und gemeinsamer Kontrolle.

"Das unterschreibe ich", sagte Marlene, "und nur das."

Kevin unterschrieb. Er hatte keine andere Wahl, denn Dr. Fellhauer hatte bereits eine Kopie der Kontobewegungen an die Sparkasse zur Prüfung angekündigt, falls es zu keiner Einigung käme – und ein Kredit, der wegen verdeckter Geldabflüsse in Frage gestellt wird, wäre für Kevin am Ende teurer geworden als jede Unterschrift, die Marlene ihm abverlangte.

Auf dem Rückweg vom Rathausplatz zu ihrem Auto ging Marlene nicht direkt zum Parkplatz. Sie machte einen Umweg über den Wochenmarkt, kaufte sich einen Becher Kaffee an dem Stand, wo sie das schon seit Jahren tat, und setzte sich auf die Bank am Brunnen, obwohl es noch kühl war für April. Ein Nachbarshund, ein grauer Schnauzer namens Poldi, den sie vom Vorbeigehen kannte, kam angetrabt und schnüffelte an ihrer Manteltasche, in der noch das Tempotaschentuch von der Beerdigung im Herbst steckte.

Franziska rief zwei Wochen später an, an einem Sonntagabend. Sie hatte sich, ohne dass Marlene sie darum gebeten hätte, die Kontoauszüge der letzten zwei Jahre geben lassen und selbst durchgesehen. Sie war auf eine zweite Abbuchung gestoßen, kleiner, dreitausendfünfhundert Euro, ebenfalls an eine Firma von Ralf, im vergangenen August, noch zu Dieters Lebzeiten – ihr Vater hatte davon nichts gewusst.

Ob es ihm auch schon damals nicht gutgegangen sei, fragte Franziska. Ob ihr Vater die letzten Monate seines Lebens mit einem Betrieb gearbeitet hatte, aus dem bereits Geld verschwand, ohne dass er es merkte.

Diese Frage konnte Marlene ihrer Tochter nicht beantworten. Sie konnte nur sagen, dass ab jetzt jede Abbuchung über zweitausend Euro zwei Unterschriften brauchte, dass Herr Wachtel vierteljährlich einen Bericht an beide Gesellschafter schickte, und dass sie, Marlene, den Kontoauszug jeden Monat am Küchentisch durchging, bei einer Tasse Tee ohne Zucker, aus Gewohnheit, mit den Clementinen längst gegen Erdbeeren ausgetauscht, weil es Mai geworden war.

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