Renate verliert ihre Werkstatt an Schwiegersohn Kevin

Renate Brandt stand vor der Hebebühne und roch das kalte Motoröl, das sich mit dem Duft von frisch gebrühtem Kaffee aus der Thermoskanne mischte, die seit fünfzehn Jahren auf demselben Regal stand. Draußen, auf dem Parkplatz der Autowerkstatt am Rande von Gütersloh, hupte ein Linienbus, der um Viertel nach sechs immer denselben Rentner an derselben Haltestelle absetzte. Sie kannte diesen Rhythmus auswendig. Sie hatte ihn dreiundzwanzig Jahre lang mitgebaut.

Die Werkstatt hatte ihrem Mann Uwe gehört, bevor er vor vier Jahren an einem Herzinfarkt starb, mitten im Winter, mit Schnee, der noch tagelang grau am Straßenrand lag. Seitdem führte Renate den Betrieb zusammen mit ihrem Schwiegersohn Kevin, der ihre Tochter Franziska geheiratet hatte und der, wie alle fanden, ein geschickter Mechaniker war. Zu geschickt, wie sich zeigen sollte.

Es war ein Dienstag im März, als der Steuerberater anrief und mit trockener Stimme fragte, warum die Werkstatt neuerdings unter dem Namen „Kevin Lohmann Kfz-Technik" im Handelsregister eingetragen sei. Renate saß in diesem Moment am Küchentisch ihrer Wohnung über der Werkstatt, aß ein Marmeladenbrot und hörte im Hintergrund die Verkehrsnachrichten im Radio. Sie legte das Brot hin und bat den Steuerberater, alles noch einmal zu wiederholen.

Es stellte sich heraus: Kevin hatte vor acht Monaten, kurz nachdem Renate ihm eine Vollmacht für die laufenden Bankgeschäfte gegeben hatte, damit sie sich nicht mehr um jede Rechnung kümmern musste, den gesamten Betrieb samt Grundstück, Hebebühnen und dem alten Firmennamen auf sich selbst umschreiben lassen. Zweihunderttausend Euro war die Werkstatt wert, das hatte der Gutachter vor Jahren einmal festgestellt, als Uwe über einen Kredit nachgedacht hatte. Zweihunderttausend Euro, die jetzt formal Kevin gehörten.

Renate rief ihre Tochter an. Franziska klang, als hätte sie schon gewusst, worum es ging, noch bevor Renate zu Ende gesprochen hatte.

„Mama, reg dich nicht auf. Kevin sagt, das war nur eine steuerliche Sache. Wegen der Erbschaftssteuer, damit du später nicht—"

„Damit ich später nicht was?"

Franziska schwieg einen Moment zu lang.

„Damit du nicht so viel zahlen musst, wenn du mal—"

„Wenn ich mal sterbe, meinst du."

Am Telefon war nur das Rauschen einer schlechten Verbindung zu hören, irgendwo zwischen Gütersloh und Bielefeld, wo Franziska mit Kevin in einem Reihenhaus wohnte, das die beiden vor zwei Jahren mit Hilfe eines Kredits gekauft hatten, den, wie Renate jetzt vermutete, eigentlich die Werkstatt mitfinanziert hatte.

Am Freitag kam Kevin zur Frühschicht, wie immer mit dem Blaumann, den seine Mutter ihm bügelte, und öffnete die Rolltore, als wäre nichts geschehen. Er pfiff ein Lied, das im Radio lief, irgendetwas von einer Band, die Renate nicht kannte. Sie stand schon da, mit einer braunen Mappe unter dem Arm, in der die Kopie des Handelsregisterauszugs steckte, die ihr der Steuerberater am Morgen per Fax geschickt hatte.

„Setz dich", sagte sie.

„Ich hab keine Zeit, um neun kommt der Wagen von Herrn Peschel zur Inspektion."

„Setz dich, Kevin."

Er setzte sich auf den Werkstattstuhl, den Uwe früher benutzt hatte, wenn er unter einem Auto lag, und sein Gesicht war das Gesicht eines Mannes, der genau wusste, was jetzt kommt, aber gehofft hatte, es käme nie.

„Ich habe mit Herrn Rossbach gesprochen", sagte Renate. Herr Rossbach war der Notar, der Uwes Testament aufgesetzt hatte, ein bedächtiger Mann mit einer Praxis über der Sparkasse in der Innenstadt. „Er sagt, eine Vollmacht für Bankgeschäfte deckt keine Grundstücksübertragung. Das war kein Versehen von dir, Kevin. Das war eine gefälschte zusätzliche Unterschrift unter einem Dokument, das ich nie gesehen habe."

Kevin öffnete den Mund, schloss ihn wieder.

„Wir wollten es dir nur nicht so früh sagen, weil du gerade—"

„Weil ich gerade trauere? Das war vor vier Jahren, Kevin. Ich trauere nicht mehr, ich arbeite. Jeden Tag, mit dir zusammen, an genau diesen Hebebühnen."

Draußen bremste ein Auto scharf, jemand hupte, ein Nachbarshund bellte dreimal und verstummte wieder. Ganz normales Dienstagsleben.

„Was willst du jetzt tun", fragte Kevin leise, und zum ersten Mal klang seine Stimme nicht mehr wie die eines Mannes, der einen Kunden berät, sondern wie die eines Jungen, der erwischt worden ist.

„Ich habe die Strafanzeige schon eingereicht. Wegen Urkundenfälschung. Der Notar hat mir eine einstweilige Verfügung besorgt, die die Umschreibung vorläufig sperrt."

„Das kannst du Franziska nicht antun."

„Ich tue das nicht Franziska an. Das hast du getan, als du ihre Unterschrift unter das Dokument gesetzt hast, ohne sie zu fragen. Das hat mir der Grafologe bestätigt, den Herr Rossbach beauftragt hat. Sie wusste von nichts."

Das stimmte, und Kevin wusste, dass es stimmte, denn Franziska hatte am Mittwochabend zu ihm gesagt, mit einer Stimme, die er noch nie an ihr gehört hatte, dass sie ausziehen würde, wenn er nicht selbst zu ihrer Mutter ginge und alles zurückdrehte.

Am folgenden Montag saßen sie zu dritt im Büro von Herrn Rossbach, in einem Raum, der nach altem Papier und Bohnerwachs roch, mit einer Zimmerpflanze auf der Fensterbank, die eindeutig zu wenig Wasser bekam. Auf dem Tisch lag die neue Vereinbarung: Die Werkstatt ging vollständig zurück auf Renate Brandt, im Handelsregister eingetragen mit sofortiger Wirkung, die zweihunderttausend Euro Werksubstanz zu ihrem Recht. Kevin würde als angestellter Meister weiterarbeiten dürfen, mit einem regulären Gehalt und einem Arbeitsvertrag, den ein Anwalt aufgesetzt hatte, nicht mehr mit einer stillschweigenden Beteiligung, die er sich selbst genommen hatte.

Kevin unterschrieb, die Hand leicht zitternd, während Franziska am Fenster stand und auf den Parkplatz hinaussah, wo ein Kind auf einem Roller im Kreis fuhr und dabei laut vor sich hin zählte, bis hundert und wieder von vorn.

Renate faltete das unterschriebene Dokument zusammen, steckte es in die braune Mappe und legte die Mappe in ihre Handtasche, neben den Wohnungsschlüssel und ein Päckchen Pfefferminzbonbons.

„Ich hole dich um sechs von der Schicht ab", sagte sie zu Kevin, ganz sachlich, so, als hätte sie gerade über den Ölwechsel bei einem Kundenwagen gesprochen. „Herr Peschel bringt morgen seinen Wagen zur Inspektion. Sei pünktlich."

Ein Jahr später, im vergangenen Winter, fand Renate beim Aufräumen des alten Aktenschranks in der Werkstatt einen Ordner, den sie nie zuvor geöffnet hatte: Kevins Kreditunterlagen für das Reihenhaus in Bielefeld, mit einer handschriftlichen Notiz seines damaligen Bankberaters am Rand, die vermerkte, dass eine Bürgschaft über die Werkstatt als Sicherheit vorgesehen war, lange bevor die Umschreibung überhaupt begonnen hatte. Das Haus, das er und Franziska bewohnten, war also von Anfang an auf ihrem Betrieb aufgebaut, nicht erst nachträglich. Renate legte den Ordner zurück ins Regal, machte sich einen Kaffee und sagte niemandem etwas davon, außer Herrn Rossbach, dem sie eine Kopie faxte, für den Fall, dass sie sie noch einmal brauchen würde.

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