Das stille Erbe der Notar-Besitzerin

Die Werkstatt am Kanal

Der Rasen am Landwehrkanal roch nach nassem Herbstlaub, und Brigitte Kessler stand mit der Leine in der Hand, als der Mann mit dem Dobermann zum dritten Mal an ihr vorbeiging und fragte, wie ihr Hund heiße.

"Notar", sagte sie.

Er blieb stehen. "Wie bitte?"

"Notar. Mein Hund heißt Notar."

Der Mann lachte kurz, unsicher, als wüsste er nicht, ob das ein Witz war. War es nicht. Brigitte war zweiundfünfzig, Steuerberaterin in einer Kanzlei in Kreuzberg, und sie hatte den Rüden vor acht Monaten aus dem Tierheim in Neukölln geholt, kurz nachdem ihr Schwiegersohn Kai ihr eröffnet hatte, dass die Autowerkstatt, die einmal ihrem verstorbenen Mann gehört hatte, jetzt offiziell auf seinen Namen lief.

Fünfundvierzigtausend Euro hatte die Werkstatt in der Rüdesheimer Straße einst wert gemessen, als ihr Mann Heinz sie 2009 aufgebaut hatte, zwei Hebebühnen, eine Stammkundschaft aus dem ganzen Bezirk. Nach Heinz' Tod hatte Brigitte den Betrieb weitergeführt, formal als Erbin, aber die eigentliche Arbeit machte Kai, der Mann ihrer Tochter Vanessa. Er reparierte, er rechnete ab, er sprach mit den Kunden. Und irgendwann, sie wusste bis heute nicht genau, wann, hatte er sich als Geschäftsführer eingetragen lassen und den Gesellschaftsvertrag so umgeschrieben, dass ihr Name aus dem Handelsregister verschwand.

Sie hatte es erst gemerkt, als die Post von der IHK an ihn adressiert war und nicht mehr an sie.

"Du hast doch eh nie da gestanden, Brigitte", hatte er gesagt, an einem Sonntag im Januar, am Küchentisch ihrer eigenen Wohnung in Tempelhof, während Vanessa mit dem Rücken zur Spüle stand und Kartoffeln schälte und nichts sagte. "Papierkram macht dich fertig, das weißt du selbst. Ich hab das nur sauber gemacht."

Sauber gemacht. Als hätte er ihr einen Gefallen getan.

Der Mann mit dem Dobermann war inzwischen weitergegangen, kopfschüttelnd, halb amüsiert. Notar zerrte an der Leine, weil eine Elster im Gras hüpfte, und Brigitte ließ sich ziehen, drei, vier Schritte, bevor sie stehen blieb.

Sie hatte den Namen nicht aus Bosheit gewählt. Erst. Es war ihr im Wartezimmer der Tierklinik eingefallen, als die Frau neben ihr fragte, wie der Hund heiße, und Brigitte, die noch keinen Namen hatte, in dem Moment an das Wort dachte, das ihr seit Wochen im Kopf herumging, weil sie genau dorthin gehen musste, aber sich nicht traute. Zu einem Notar. Um zu klären, was von der Werkstatt noch ihr gehörte. Wenn überhaupt etwas.

Seitdem ging sie jeden Tag um kurz nach sechzehn Uhr mit Notar in den Park, und jeden Tag fragte sie irgendjemand nach dem Namen, und jeden Tag sagte sie ihn, laut, ohne zu zögern, und jedes Mal war es, als würde sie sich selbst daran erinnern, dass es diesen Ort noch gab, dass sie da noch hinkonnte.

Sie ging erst zwei Monate später wirklich hin.

Der Notar hatte sein Büro in der Bergmannstraße, über einer Apotheke, die nach Franzbranntwein roch, jedes Mal, wenn die Tür aufging. Brigitte saß mit einer Klarsichthülle voller Unterlagen auf dem Schoß, der Gesellschaftsvertrag von 2009, die Sterbeurkunde von Heinz, ein Ausdruck des aktuellen Handelsregisterauszugs, den ihr eine frühere Kollegin aus der Kanzlei besorgt hatte, weil Brigitte sich selbst nicht getraut hatte, danach zu fragen.

"Sie waren nie ordnungsgemäß aus der Erbengemeinschaft entlassen", sagte der Notar, ein schmaler Mann mit einer Lesebrille, die er ständig hoch- und wieder runterschob. "Die Übertragung der Geschäftsführung ist eine Sache. Aber die Werkstatt als solche, das Grundstück, die Geräte – das ist zur Hälfte immer noch in Ihrem Namen, Frau Kessler. Er hat sich als Geschäftsführer eingetragen. Nicht als Eigentümer."

Sie musste ihn bitten, den Satz zu wiederholen.

Es dauerte sechs Wochen, bis alle Papiere fertig waren. Sechs Wochen, in denen Brigitte weiter jeden Tag mit Notar in den Park ging, in denen Vanessa zweimal anrief und fragte, ob mit der Mutter alles in Ordnung sei, weil sie so komisch klinge, und Brigitte beide Male sagte, es sei alles gut, sie sei nur müde. Sechs Wochen, in denen sie nachts am Küchentisch saß, unter der Lampe, die seit Heinz' Tod ein Stück schief hing, weil niemand sie je wieder gerade gerückt hatte, und die Zahlen las, die der Notar ihr geschickt hatte: ihr hälftiger Anteil am Betriebsvermögen, taxiert auf einundzwanzigtausend Euro.

Am zweiten Mittwoch im September rief sie Kai an und bat ihn, um achtzehn Uhr in die Werkstatt zu kommen, allein, ohne Vanessa. Er kam widerwillig, roch nach Motoröl und Zigaretten, die Hände noch schwarz vom Nachmittag.

"Was soll das, Brigitte, ich hab zu tun."

Sie legte die Mappe auf die Werkbank, zwischen einem Ölfilter und einer angebrochenen Packung Einweghandschuhe. Öffnete sie nicht sofort. Erst sah sie sich um: die zwei Hebebühnen, die Heinz mit eigenen Händen montiert hatte, der Kalender an der Wand, noch von 2009, weil ihn nie jemand abgehängt hatte, ein Kalender mit Motiven alter Käfer-Modelle.

"Ich habe mit einem Notar gesprochen", sagte sie. "Über meinen Anteil an dieser Werkstatt. Er sagt, du bist Geschäftsführer. Aber Eigentümerin bin immer noch ich, zur Hälfte, so wie im Vertrag von damals steht, den du offenbar überlesen hast, als du dich selbst eingetragen hast."

Kai wischte sich die Hände an der Hose ab, ein Reflex, kein Zweck. "Das ist doch – Brigitte, wir sind Familie. Ich hab die Werkstatt am Laufen gehalten, während du zu Hause warst mit deiner Trauer, ich hab –"

"Ich verkaufe meinen Anteil nicht an dich", sagte sie. "Ich habe ihn an jemand anderen verkauft."

Es war still, wirklich still, so still, dass man das Ticken der alten Wanduhr über der Werkbank hörte, die seit Jahren nachging.

"An wen."

"An Herrn Öztürk. Von der Werkstatt gegenüber, in der Fontanestraße. Er wollte schon lange expandieren, ihr kanntet euch, glaube ich, ihr habt euch mal um einen Kunden gestritten wegen eines Audi." Sie klappte die Mappe auf, zog den Kaufvertrag heraus, unterschrieben, mit dem Stempel des Notars. "Ab dem ersten Oktober ist er Miteigentümer dieser Werkstatt. Zur Hälfte. Genau wie ich es vorher war. Ihr werdet euch also einigen müssen, wie ihr die zwei Hebebühnen und die Kundschaft aufteilt. Das ist jetzt zwischen euch beiden."

Kai starrte auf das Papier, ohne es anzufassen, als könnte er es durch bloßes Hinsehen ungültig machen.

"Das kannst du nicht machen. Vanessa wird –"

"Vanessa wusste, was du getan hast, und hat drei Jahre lang geschwiegen, während sie Kartoffeln geschält hat", sagte Brigitte, und ihre Stimme blieb ruhig, weil sie sich das seit sechs Wochen genau so vorgestellt hatte. "Das ist zwischen euch beiden auch etwas, worüber ihr reden müsst. Ich habe nur meinen Namen zurückgeholt, den du aus dem Register gestrichen hast. Mehr wollte ich nie."

Sie nahm die Mappe, ließ den Kaufvertrag als Kopie auf der Werkbank liegen, neben dem Ölfilter, und ging zur Tür. Draußen wartete Notar, an die Laterne gebunden, weil Hunde nicht in die Werkstatt durften, eine Regel von Heinz, die nie geändert worden war. Er stand auf, als er sie sah, schüttelte sich einmal und drängte gegen ihr Bein.

Sie band die Leine los und ging mit ihm los, Richtung Kanal, wo um diese Uhrzeit die Sonne schon tief stand und das Wasser orange färbte. Ein Jogger kam ihnen entgegen, bremste kurz ab, weil Notar in seine Richtung schnupperte.

"Süßer Hund. Wie heißt er denn?"

"Notar", sagte sie, und diesmal, zum ersten Mal seit Monaten, lachte sie beim Sagen mit.

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