Es war ein Dienstag im Oktober, als Rosa Brenner in ihrer Wohnung in Regensburg die alte Blechdose aus dem Küchenschrank holte. Zwiebelmuster, Rost am Rand, ein Geschenk ihrer Großmutter aus den Fünfzigern. Darin lagen keine Kekse. Darin lagen Briefe.
Ihre Enkelin Mira saß am Tisch, eine Tasse Pfefferminztee vor sich, die längst kalt geworden war, und fragte, warum die Großmutter jedes Jahr im Oktober diese Dose öffnete und niemanden störte, wenn sie es tat.
„Weil im Oktober 1953 dein Urgroßvater verhaftet wurde", sagte Rosa. „Und weil ich diese Geschichte nicht vergessen will, auch wenn sie wehtut."
Es geht um Rosas Eltern. Um Elisabeth und Anton Wagner. Zwei Menschen, die zweiunddreißig Jahre miteinander verheiratet waren – und in dieser Zeit gerade einmal vier Monate unter einem Dach lebten.
Anton Wagner kam 1919 in einem Dorf bei Breslau zur Welt, in einer Familie, die nach dem Krieg alles verlor: das Haus, das Land, den Vater, der im Zuge der Vertreibung 1946 an einer Lungenentzündung starb, weil kein Arzt mehr in der Nähe war. Die Mutter zog mit den Kindern ins Rheinland, in eine Notunterkunft, in der zehn Familien sich eine Küche teilten. Anton war damals siebenundzwanzig. Er hätte bleiben können, hätte sich einrichten können in diesem neuen, kleineren Leben. Stattdessen ging er zurück in den Osten – nicht nach Breslau, das gab es für ihn nicht mehr, sondern in die sowjetische Besatzungszone, wo er sich einer Widerstandsgruppe anschloss, die Fluchthelfer über die Grenze brachte und Flugblätter druckte, die von einer Freiheit sprachen, die es noch nicht gab.
1951 wurde er das erste Mal verhaftet. In der Zelle im Gefängnis Bautzen traf er eine Frau, die ihm nie hätte begegnen dürfen: Elisabeth Reuter, verurteilt, weil sie Verwandten bei der Flucht in den Westen geholfen hatte. Sprechen durften sie kaum. Aber es gab einen Gottesdienst, der einmal im Monat in der Gefängniskapelle stattfand, und dort sangen sie im selben Chor, zwei Reihen voneinander getrennt, bewacht von einem Mann, der nie hinsah, wenn Anton die Strophen eine Spur zu lang aushielt, damit sie einander noch ein wenig länger ansehen konnten. Ein Wärter, katholisch erzogen und offenbar mit eigenem schlechten Gewissen, schmuggelte ihre ersten Zettel hin und her.
Im Frühjahr 1953 wurden beide entlassen – ein kurzes, unerwartetes Zeitfenster in der Politik jener Jahre. Sie heirateten im Mai desselben Jahres in einer kleinen Kirche in Görlitz. Elisabeth trug das Kleid ihrer Schwester, zu eng in den Schultern, zu weit in der Taille. Es regnete an dem Tag, und der Wind riss ihr den Schleier fast vom Kopf, als sie aus der Kirche traten. Sie lachte darüber. Es war, erinnerte sie sich später, das letzte Mal, dass sie in jenem Jahrzehnt unbeschwert lachte.
Vier Monate hatten sie. Vier Monate in einer möblierten Zweizimmerwohnung, deren Ofen ständig rauchte, in der sie abends am Fenster saßen und Radio hörten, während unten auf der Straße die Straßenbahn Nummer 3 quietschend um die Kurve fuhr. Rosa wurde in diesen Monaten gezeugt, ohne dass ihre Eltern es damals wussten.
Im Oktober 1953 holte man Anton wieder ab. Diesmal wegen angeblicher „konterrevolutionärer Umtriebe". Elisabeth folgte ihm zwei Wochen später, denn man hatte auch bei ihr Briefe gefunden, die sie für ihn aufbewahrt hatte. Sie war im vierten Monat schwanger.
Rosa kam im Februar 1954 in einem Straflager im Ural zur Welt. Ihr Vater erfuhr davon erst drei Monate später, durch einen Brief, der ihn über zwei Umwege erreichte, zerknittert, mit schwarzen Balken der Zensur über halben Sätzen.
Es folgten einundzwanzig Jahre Haft. Anton wurde zwischen mehreren Lagern verlegt, weil die Wachmannschaften bemerkten, dass er, wo immer er hinkam, Menschen um sich sammelte – abends, wenn die Arbeit getan war, las er Gedichte vor, die er auswendig kannte, hielt improvisierte Vorträge über Geschichte, organisierte, dass die Neuankömmlinge nicht allein blieben in der ersten, schlimmsten Nacht. Die Wachen nannten ihn einen Unruhestifter. Die Mitgefangenen nannten ihn den, der sie am Leben hielt.
1962 wurde er zum Tode verurteilt, wegen angeblicher Sabotage an einer Lagerwerkstatt. Das Urteil wurde später in fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeit umgewandelt. Auch das brach ihn nicht. Bei einem großen Häftlingsaufstand 1963 – einem der bekanntesten Proteste politischer Gefangener jener Zeit – schrieb ausgerechnet er die Zeilen, die zur inoffiziellen Hymne der Aufständischen wurden. Wärter erzählten später, selbst Männer, die kein Wort seiner Sprache verstanden, hätten die Melodie mitgesummt.
Elisabeth saß derweil in einem anderen Lager, viertausend Kilometer entfernt. Sie schrieben sich, wann immer es erlaubt war, manchmal nur zwei Sätze, mehr ließ die Zensur nicht durch. Rosa wuchs bei einer Tante in Dresden auf und sah ihre Eltern nur auf Fotografien, die immer seltener wurden.
Im Juni 1975 starb Anton Wagner an einem Herzinfarkt, während einer Zwangsarbeit im Wald. Er war sechsundfünfzig Jahre alt, im einundzwanzigsten Jahr seiner Haft. Elisabeth befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem Lager nur wenige Kilometer entfernt. Sie bat darum, sich von ihm verabschieden zu dürfen. Man verweigerte es ihr.
Häftlinge, die später freikamen, erzählten Rosa, dass an dem Tag, als Antons Leichnam über das Lagergelände transportiert wurde, Männer verschiedenster Nationen ohne Aufforderung ihre Mützen abnahmen. Ein letzter, stiller Gruß für einen Mann, den weder Folter noch zwei Jahrzehnte Gefangenschaft hatten brechen können.
Elisabeth Wagner starb 1988, ein Jahr bevor die Mauer fiel, ohne zu wissen, dass die Freiheit, für die ihr Mann gestorben war, so nah bevorstand.
Rosa erzählte das alles ihrer Enkelin an jenem Dienstag, während draußen der Wind die ersten Kastanien vom Baum vor dem Haus schlug und irgendwo im Treppenhaus der Nachbarshund bellte, weil der Postbote kam.
„Und was hast du mit den Briefen gemacht?", fragte Mira.
Rosa stand auf, ging zum Sekretär im Wohnzimmer und holte einen Aktenordner heraus – grau, mit einem handgeschriebenen Etikett: „Wagner, Nachlass". Darin: die Kopien der Haftbefehle, die sie sich vor Jahren aus einem Archiv in Berlin hatte schicken lassen. Ein Antrag auf Rehabilitierung, den sie 1994 gestellt und schließlich 1996 bewilligt bekommen hatte. Die Sterbeurkunden beider Eltern. Und einen Vertrag mit einem Bestattungsunternehmen in Görlitz, unterschrieben im vergangenen März.
„Ich habe die Urnen umbetten lassen", sagte sie. „Beide. Aus dem alten Gemeinschaftsgrab im Osten hierher, auf den Friedhof in Görlitz, wo sie geheiratet haben. Nebeneinander. Es hat mich elftausend Euro gekostet und ein Jahr Papierkram, aber jetzt liegen sie zusammen."
Sie klappte die Dose wieder zu, stellte sie zurück in den Schrank, neben die Teedosen und das alte Marmeladenglas mit den Knöpfen.
„Zweiunddreißig Jahre verheiratet", sagte sie. „Vier Monate zusammen. Und jetzt, seit letztem März, endlich für immer nebeneinander."
