Die Frau, die eine Stadt in Stein verwandelte

Ich habe zwölf Jahre lang mittelalterliche Handschriften restauriert, im Lesesaal der Bayerischen Staatsbibliothek in München, dritter Stock, wo es immer nach altem Leim und Staub riecht. Neben mir am Tisch stand ein Becher Kaffee, der schon zwei Stunden kalt war. Ich sollte über eine Chronik aus dem elften Jahrhundert sprechen. Stattdessen erzähle ich Ihnen von einer Frau, deren Name in dieser Chronik kaum drei Zeilen bekommt.

Sie hieß Anna. Man nannte sie die Purpurgeborene — ein Titel, der nur Kindern zustand, die geboren wurden, nachdem ihr Vater bereits den byzantinischen Kaiserthron bestiegen hatte. Ein Rang, den man nicht erheiraten, nicht erkaufen konnte. Königinnen aus halb Europa hätten für diesen Titel ihre Krone hergegeben. Anna wurde damit geboren.

Und genau deshalb heiratete sie fast niemand.

Konstantinopel gab seine purpurgeborenen Töchter nicht her. Das war eine Frage des Prestiges, fast eine Staatsdoktrin. Kaiser, Könige, selbst der deutsche Kaiser Otto II. hatten für seinen Sohn um eine solche Prinzessin geworben — man schickte ihnen eine andere, eine Nichte, eine entfernte Verwandte. Niemals eine Purpurgeborene. Diese Frauen blieben, wo sie waren.

Bis zu dem Tag, an dem ein Fürst aus einer Stadt am Dnepr, von der man in Konstantinopel kaum mehr wusste als den Namen, seine Truppen an die Grenze schickte.

Ich habe die alten Berichte oft in den Händen gehalten, die Seiten so dünn, dass man beim Umblättern den Atem anhält. Fürst Wolodymyr von Kyjiw half dem byzantinischen Kaiser Basileios II., einen Aufstand niederzuschlagen, der den Thron ernsthaft bedrohte. Als Gegenleistung war ihm die Hand der Prinzessin versprochen worden. Doch Konstantinopel zögerte, verschleppte, hoffte wohl, die Sache würde sich von selbst erledigen.

Sie erledigte sich nicht. Wolodymyr belagerte und eroberte Cherson, eine der wichtigsten Festungen des Reiches auf der Krim. Danach gab es kein Zögern mehr.

Anna musste gehen. Ein Kämmerer aus ihrem Gefolge notierte später, wie sie an der Kaimauer stand, die Finger so fest um das Geländer der Laufplanke gekrampft, dass ihre Handschuhe rissen. Der Wind vom Bosporus roch nach Salz und Teer, und sie drehte sich noch einmal um, als müsse sie sich die Kuppeln der Stadt einprägen, bevor das Schiff ablegte. Ich stelle mir das oft vor, wenn ich an meinem Restaurationstisch sitze: eine Frau, die in Marmorsälen aufgewachsen ist, mit Blick auf das Goldene Horn, die nun in eine Stadt aus Holz und Lehm reist, an einen Fluss, dessen Namen sie kaum aussprechen kann.

Mit ihr reisten keine Dienerinnen allein. Priester kamen mit, Bauleute, Ikonenmaler, Schreiber, Handwerker, die Steinbauten errichten konnten — eine Kunst, die im Kyjiwer Rus noch niemand beherrschte. Man hatte dort bis dahin nur in Holz gebaut.

Und dann begann etwas, das man in keiner einzigen Schlacht hätte erreichen können.

Kyjiw veränderte sich. Die ersten steinernen Kirchen entstanden, allen voran die Zehntkirche, benannt nach dem Zehnten, den Wolodymyr für ihren Bau stiftete. Die Chronikschreibung nahm ihren Anfang — jene Texte, aus denen später die berühmte Nestorchronik wurde. Eine neue Staatskultur formte sich, mit byzantinischen Ritualen, byzantinischer Kirchenordnung, byzantinischer Bildsprache. Die Rus trat in den Kreis der großen christlichen Reiche Europas ein, gleichrangig neben dem Heiligen Römischen Reich und dem westfränkischen Königtum.

Eine Kollegin, Historikerin aus Köln, sagte mir einmal beim Kaffee: Man schreibt Wolodymyr die Taufe der Rus zu, als hätte er das allein entschieden, an einem einzigen Tag im Jahr 988. Aber wer hat die Priester mitgebracht? Wer kannte die Liturgie, die Bauweisen, die Bilder? Nicht er. Sie.

Diese Ehe war kein Liebesroman. Sie war ein diplomatischer Vertrag, kalkuliert bis ins letzte Detail, mit militärischer Erpressung als Verhandlungsgrundlage. Und trotzdem — oder gerade deshalb — wurde sie zu einem der folgenreichsten Bündnisse des Mittelalters.

Anna starb im Jahr 1011. Man begrub sie in der Zehntkirche, jener ersten Steinkirche, die auch mit ihrem Wissen entstanden war. Wenige Jahre später, 1015, wurde Wolodymyr an ihrer Seite beigesetzt.

Die Kirche selbst steht heute nicht mehr — sie wurde 1240 bei der mongolischen Belagerung zerstört, die Grundmauern liegen noch immer unter der Erde in Kyjiw, man kann sie besichtigen, ein paar Steine, mehr nicht. Ich war einmal dort, vor Jahren, auf einer Dienstreise für ein Digitalisierungsprojekt slawischer Handschriften. Ein älterer Mann führte kleine Gruppen über das Gelände und sagte jedes Mal denselben Satz: Hier liegt der Taufer der Rus begraben. Von Anna sprach er nicht.

Ich habe ihn danach gefragt. Er zuckte mit den Schultern und meinte, über sie wisse man eben wenig. Das stimmt nicht ganz. Man weiß es — man erzählt es nur seltener.

Zwei Wochen nach meiner Rückkehr nach München fand ich in unserem Archiv eine alte Abschrift eines byzantinischen Hofberichts, kaum beachtet, in einem Karton mit Randnotizen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Darin ein einziger Satz über Anna, den ich seither nicht vergessen habe:

Sie ging fort und nahm die halbe Bibliothek ihres Vaters mit.

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