Die Nähmaschine meiner Schwiegertochter

Es war ein Dienstag im März, kurz nach halb sieben, als ich in der Bäckerei am Wittenbergplatz in Aachen zufällig meinen Sohn Torsten sah – durch die Fensterscheibe, an einem Tisch, mit einer Frau, die nicht Katharina war.

Ich hatte nur eine Mohnbrötchen holen wollen für meinen Kaffee am nächsten Morgen. Der Duft von frischem Hefeteig hing in der Luft, die Verkäuferin kannte mich schon, weil ich seit elf Jahren an derselben Ecke wohne. Und dann stand ich da mit meiner Papiertüte und sah durchs Glas meinen eigenen Sohn, wie er der Frau die Hand über den Tisch reichte.

Ich bin sechsundsechzig. Ich habe genug gesehen im Leben, um einen Blick nicht mit einem zufälligen Wiedersehen zu verwechseln.

Katharina ist seit vier Jahren mit Torsten verheiratet. Sie ist Ergotherapeutin, arbeitet in einer Praxis nahe dem Klinikum, und sie behandelt mich, seit mein Mann Uwe vor drei Jahren gestorben ist, wie eine echte Mutter. Jeden Sonntag ruft sie an, ob ich zum Essen komme. Sie hat mir beigebracht, wie man Fotos vom Handy auf den Computer überträgt. Als ich im letzten Winter mit der Hüfte ins Krankenhaus musste, saß sie drei Abende hintereinander an meinem Bett, während Torsten angeblich "zu tun hatte".

Ich stand also vor der Bäckerei, die Tüte wurde langsam durchsichtig vom Fett des Brötchens, und ich wusste nicht, wohin mit meinen Händen.

Zu Hause habe ich die ganze Nacht wachgelegen. Der Kühlschrank in der Küche machte dieses eine Geräusch, das er seit Jahren macht und das Uwe immer reparieren wollte und nie repariert hat. Ich lag da und rechnete: sagen oder schweigen. Wenn ich schweige, mache ich mich zur Mittäterin. Wenn ich rede, zerstöre ich vielleicht eine Ehe, die sich von selbst wieder einrenkt, und Katharina wird mich für immer mit dieser Nachricht verbinden.

Am Donnerstag rief ich meine Schwester Bärbel an, die in Mönchengladbach lebt und sich nie in irgendetwas hineinziehen lässt. "Das ist nicht deine Familie, das ist die Ehe von zwei Erwachsenen", sagte sie. "Bleib raus." Ich legte auf und war wütender auf sie als auf Torsten.

Denn es stimmte nicht. Katharina war meine Familie geworden, auf eine Art, wie mein leiblicher Sohn es gerade nicht mehr war.

Ich beobachtete die beiden von da an genauer, ohne dass sie es merkten. Torsten kam an zwei Abenden in der Woche später heim, roch nach einem Parfüm, das nicht das seine war. Katharina fragte nichts. Entweder wusste sie es schon und schluckte es runter, oder sie wollte es nicht wissen. Beides tat mir in der Brust weh.

Die Entscheidung fiel an einem Samstag, ganz beiläufig, ohne dass ich es geplant hatte. Katharina war bei mir, wir saßen an meinem Küchentisch, sie hatte ihre alte Nähmaschine mitgebracht, um den Saum von meinem Wintermantel zu kürzen – eine Singer, die noch von ihrer Großmutter stammte, mit einem Fußpedal, das quietschte. Sie nähte, ich hielt den Stoff fest, und auf einmal sagte sie, ohne aufzuschauen: "Torsten ist in letzter Zeit so komisch. Denkst du, es ist Stress bei der Arbeit?"

Ich hätte ausweichen können. Ich habe es nicht getan.

"Katharina", sagte ich, "ich muss dir etwas erzählen, und ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue."

Sie stoppte die Maschine. Das Fußpedal blieb halb durchgetreten.

Ich erzählte ihr von der Bäckerei, vom Datum, von der Frau mit dem roten Mantel, von der Hand über dem Tisch. Ich sagte ihr auch, dass ich seitdem beobachtet hatte, das Parfüm, die späten Abende. Ich sagte nicht "verlass ihn". Ich sagte nur, was ich gesehen hatte.

Katharina saß eine Weile da und drehte das Handrad der Nähmaschine mit dem Finger, vor und zurück, ohne dass die Nadel wirklich lief. Dann stand sie auf, zog ihre Jacke an und ging, ohne die Maschine mitzunehmen.

Zwei Wochen lang hörte ich nichts von ihr. Kein Sonntagsanruf. Ich dachte, ich hätte alles kaputtgemacht – die Schwiegertochter verloren, die mir näher war als mein eigenes Kind, und nichts dafür bekommen außer einem schlechten Gewissen.

Dann, an einem Mittwochabend, klingelte es. Katharina stand vor der Tür, mit einer Aktenmappe unterm Arm und einem Gesicht, das ich noch nie an ihr gesehen hatte – nicht wütend, nicht weinend, sondern aufgeräumt, wie eine Wohnung, aus der gerade jemand ausgezogen ist.

Sie hatte alles selbst herausgefunden: die Frau hieß Bianca, arbeitete in derselben Firma wie Torsten, die Sache lief seit acht Monaten. Katharina hatte einen Anwalt konsultiert, hatte ihre eigenen Ersparnisse – vierzehntausend Euro, die sie all die Jahre auf ein separates Konto gelegt hatte, von dem Torsten nichts wusste – bereits gesichert. In der Mappe waren die Scheidungspapiere, die sie am nächsten Morgen bei Gericht einreichen wollte.

"Ich wollte, dass du es zuerst von mir hörst, nicht von Torsten", sagte sie und setzte sich an meinen Küchentisch, an genau die Stelle, wo die Nähmaschine noch immer stand. Sie legte die Hand darauf, auf das kühle Metall, wie um sich festzuhalten.

Torsten kam am Freitagabend zu mir, ohne anzurufen, wie er es früher immer getan hatte, wenn er Ärger hatte und seine Mutter brauchte. Er setzte sich an denselben Tisch. Er fragte, warum ich es Katharina gesagt hätte, ob ich nicht auf seiner Seite stehe.

"Ich stehe auf der Seite der Wahrheit", sagte ich. "Und du hast mir keine Rechnung dafür geschickt, wie viele Sonntage sie an meinem Bett gesessen hat, während du keine Zeit hattest."

Er ging, ohne etwas zu essen, was er sonst nie tut.

Die Scheidung ist inzwischen durch. Katharina hat die kleine Wohnung in der Jülicher Straße behalten, die sie mit ihrem eigenen Geld mitfinanziert hatte, und sie kommt immer noch sonntags – manchmal mit ihrem neuen Partner, einem stillen Physiotherapeuten namens Jonas, manchmal allein. Die Singer-Nähmaschine steht bei mir in der Küche, auf der Fensterbank, weil sie sagte, sie habe für die neue Wohnung keinen Platz. Ich glaube, das war nicht der wahre Grund. Ich glaube, sie wollte, dass etwas von ihr bei mir bleibt.

Im letzten Herbst, als ich die Maschine putzte, fand ich unter der Stoffplatte einen zusammengefalteten Zettel, eingeklemmt zwischen zwei Schrauben – eine alte Einkaufsliste von Katharinas Großmutter, mit Datum von 1987. Butter, Garn, ein Brief an die Tochter. Ich habe den Zettel nicht weggeworfen. Er liegt jetzt in meiner Nachttischschublade, neben Uwes altem Feuerzeug, das auch nie mehr angezündet wurde, und ich weiß bis heute nicht genau, warum ich beides aufhebe.

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Uniad
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