Der erste Besuch auf dem Hof war an einem verhangenen Novembertag. Nasser Lehm klebte unter den Schuhsohlen, das Hoftor hing schief in den Angeln, und der Wind pfiff durch die kaputten Fensterläden. Ich stand daneben, die Hände in den Taschen vergraben, und dachte: Das wird ein Grab für unsere Ersparnisse.
Erika, meine Frau, sah das anders. Sie sah den alten Obstgarten, die morsche Scheune, das undichte Dach — und redete von Holunderblüten im Juni, von Ziegeln im warmen Terrakotta, von einem langen Tisch unter dem Nussbaum. Sie konnte das immer: etwas anschauen, das vor die Hunde ging, und darin etwas sehen, wofür sich die Arbeit lohnt.
Meine Mutter Helga hatte uns den Hof angeboten. Fast geschenkt, sagte sie. Sie sei zu alt, das Land zu schwer, die Schultern wollten nicht mehr. Sie nahm das Geld mit zittrigen Fingern, zählte jeden Schein zweimal, steckte den Umschlag in ihre Handtasche und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Ich hielt das für Rührung. Für den Abschied von einem Leben, das sie sechzig Jahre geführt hatte.
Ich hätte es besser wissen müssen.
Den ersten Sommer arbeiteten wir wie Tiere. Ich riss die alte Scheune ab, fuhr zwei Container voll Schutt zur Deponie nach Lörrach, schlug mir die Knöchel an den Wurzelstöcken blutig. Erika schaufelte den halben Garten um, setzte Johannisbeeren und Stachelbeeren, pflanzte Kletterrosen entlang des neu angelegten Kieswegs. Die Veranda musste komplett neu: neuer Boden, neue Stützen, ein massiver Holztisch mit zwei Bänken, den Erika auf einem Holzhof im Wiesental ausgesucht hatte, vier Stunden mit dem Zollstock in der Hand, bis sie die richtige Platte gefunden hatte.
Das Teuerste war der Abwasseranschluss. Zwei Wochen gruben wir Gräben, ich telefonierte mit drei verschiedenen Tiefbaufirmen, bis eine aus Freiburg kam und den Job übernahm. Am Ende hatten wir warmes Wasser, ein richtiges Bad, alles funktionierte. Als die letzte Rechnung bezahlt war, stand Erika im Duschraum, drehte den Hahn auf und hielt die Hände unter den Strahl. Sie sagte nichts. Sie schaute nur auf das Wasser, und ich wusste, dass sie gerade elf Jahre Großstadtmief von ihren Schultern spülte.
Der Hof lag oberhalb von Staufen, mit Blick auf den Schwarzwald im Osten und die Vogesen im Westen. Im Dorf kannten wir anfangs niemanden, nur die alte Frau Berger von nebenan, die immer ihren Mops Gassi führte und jedes Mal an unserem Zaun stehen blieb, um zu kommentieren, was wir gerade machten. „Der Zaun sollte dunkelgrün sein“, sagte sie einmal. „Hellgrün sieht billig aus.“ Erika hatte den Zaun gerade hellgrün gestrichen, zweimal, weil ihr der erste Anstrich zu kalt vorgekommen war.
Ich hielt das alles für Nachbarschaftsplauderei. Kleine Störungen, das Übliche auf dem Dorf.
Helga kam anfangs alle paar Wochen vorbei. Sie lobte die neue Veranda, machte Fotos mit ihrem alten Samsung, sagte „Ihr habt ja ganze Arbeit geleistet“ und setzte sich auf die Bank, als wäre sie nie weggewesen. Erika war freundlich. Sie kochte Kaffee, holte den Käsekuchen vom Bäcker im Dorf, deckte den neuen Tisch mit dem Tischtuch, das wir zur Einweihung geschenkt bekommen hatten. Normal, dachte ich. Familie.
Im zweiten Jahr kam Helga öfter. Freitags, samstags, manchmal mittwochs, wenn wir in der Stadt arbeiteten. Ich kam einmal nach Hause und fand ihren alten Koffer im Flur, ihre Hausschuhe neben der Tür. Sie habe nur kurz bleiben wollen, sagte sie, die Luft oben sei so gut für ihren Blutdruck.
Ich hörte sie einmal mit Frau Berger reden, über den Zaun, halb flüsternd. „Ich wohne jetzt ein bisschen hier“, sagte sie. „Es ist mein Land, ich kenne jeden Zentimeter.“
Ich hätte Erika warnen sollen. Ich hätte mich vor sie stellen sollen, an dem Abend, als wir den Tisch fanden.
Es war ein regnerischer Freitag. Wir kamen spät, nach einer Woche in Basel, Stau auf der A5, Erika mit Kopfschmerzen und dem Gefühl, dass sich alles gegen sie verschworen hatte. Wir traten auf die Veranda und der Tisch stand falsch. Nicht der Platz, an dem wir ihn aufgebaut hatten, sondern quer. Genau so, wie Helga es am letzten Sonntag vorgeschlagen hatte.
Erika blieb stehen. Ihre Hand lag auf ihrem Schlüsselbund, und ich sah ihre Fingerknöchel weiß werden.
„Jana, was ist das?“, fragte sie. Sie nannte mich nur beim vollen Namen, wenn sie nicht mehr weiter wusste.
Ich wusste es sofort. Ich hatte es gewusst, bevor ich den Tisch sah. Helga war am Dienstag da gewesen, hatte bei Frau Berger auf dem Feldweg gehalten, ihr Auto stand drei Stunden vor der Einfahrt, das hatte mir der Briefträger beim Vorbeifahren erzählt.
„Meine Mutter war am Mittwoch hier“, sagte ich. „Sie hat den Tisch verstellt. Wahrscheinlich, weil sie dachte, es wäre besser so.“
„Es ist unser Tisch“, sagte Erika. „Das ist unser Haus. Unser Hof. Sie hat da nichts zu bestimmen.“
Ich wollte sagen, dass es nur ein Tisch ist. Ich wollte sagen, dass es sich nicht lohnt, sich darüber aufzuregen. Ich öffnete den Mund und machte ihn wieder zu.
Am nächsten Morgen stand ich um halb sieben auf, noch vor dem ersten Kaffee. Ich ging zur Garage, holte den großen Rollgabelschlüssel aus dem Schrank und die Holzkeile, die wir beim Aufbau benutzt hatten. Es dauerte zehn Minuten, den Tisch zu lösen, die Beine abzustützen und das schwere Ding zurück an den alten Platz zu wuchten. Am Ende stand er genau dort, wo Erika ihn haben wollte, die lange Seite zum Fenster, der Blick nach draußen auf den Nussbaum.
Ich hörte Schritte hinter mir. Erika stand in der Küchentür, ein Handtuch in der Hand, ihre Haare noch nass vom Duschen.
„Danke“, sagte sie leise.
Eine Woche später stand der Tisch wieder quer.
Ich hatte an dem Wochenende arbeiten müssen, ein Notfall im Hotel, ich war erst Samstagabend heimgekommen. Als ich die Veranda betrat, drehte sich mein Magen um. Der Tisch stand in der falschen Position, die Stühle ordentlich an die kurze Seite gestellt, eine Tasse mit eingetrocknetem Tee auf der Fensterbank. Meine Mutter war dagewesen, während wir nicht da waren.
Erika fand mich am Sonntagmorgen in der Garage. Ich hatte die Werkbank ausgeräumt, sortierte Schrauben, die ich längst hätte entsorgen können, irgendetwas mit den Händen zu tun, um nicht an die Decke zu gehen.
„Wir müssen reden“, sagte sie. „Über deine Mutter.“
Ich nickte nur.
In der Küche roch es nach frischem Kaffee. Erika hatte die Brote schon geschmiert, das Radio lief leise, im Hintergrund die Nachrichten von SWR3. Ich setzte mich auf den Stuhl, den sie mir hinschob, und wartete.
„Ich habe die Besitzverhältnisse geprüft“, fing sie an.
Ich schaute sie an. Das war typisch Erika. Keine Vorwürfe, keine langen Diskussionen. Sie war in die Stadt gefahren, hatte die Unterlagen vom Notariat geholt, Kopien vom Kaufvertrag, die Grundbuchauszüge.
„Der Hof gehört dir und mir“, sagte sie. „Nicht deiner Mutter. Sie hat keinen Anspruch, keinen Nießbrauch, kein Wohnrecht. Sie hat nichts. Sie hat den Kaufpreis bekommen, den sie wollte. Das war der Deal.“
Sie schob mir einen Zettel über den Tisch. Eine einfache Aufstellung: Kaufpreis, Investitionen, Arbeitsstunden. Ich sah die Zahlen und mir wurde anders.
„Wir haben fast sechzigtausend Euro reingesteckt“, sagte sie. „Sechzigtausend. Das sind zwölf Jahre Sparen. Deine Mutter hat uns den Hof überlassen, das stimmt. Aber das hier ist unser Zuhause. Und ich lasse mir nicht länger auf der Nase herumtanzen, nur weil sie meint, Hoheitsgebiet betreten zu können, wann es ihr passt.“
Ich hatte zwei Wochen, um mir zu überlegen, was ich tun sollte. Ich wusste, dass Erika recht hatte. Ich wusste auch, dass meine Mutter krank war, mehr als sie zugab. Das Rheuma, das sie jahrelang ignoriert hatte, die drei Bandscheibenvorfälle, die sie nie behandeln ließ, weil sie Ärzte nicht mochte. Sie würde nicht aufgeben. Sie würde wiederkommen, immer wieder, bis einer von uns den Schlüssel abzog.
Der Anruf kam an einem Donnerstag. Meine Mutter klang heiser, als hätte sie geweint.
„Ich habe gehört, ihr wollt mich nicht mehr hier haben“, sagte sie.
Frau Berger, dachte ich. Immer Frau Berger.
„Mama, das ist nicht wahr“, sagte ich. „Wir wollen nur, dass du fragst, bevor du etwas veränderst. Es ist unser Zuhause.“
Es war genau das, was Erika mir aufgeschrieben hatte. Sie hatte mir den Satz auf einen Notizzettel neben den Kühlschrank geklebt, und ich hatte ihn mir an jenem Morgen zehnmal vorgesagt, während ich im Bad stand und mir die Zähne putzte.
„Euer Zuhause“, wiederholte meine Mutter. „Euer Zuhause. Und was war es vorher? Wer hat dich großgezogen, wer hat den Hof gehalten, als dein Vater uns verlassen hat? Ich habe jeden Winter die Hecken geschnitten, ich habe die Dachrinne repariert, ich habe auf diesem Land mehr Hände aufgescheuert als ihr beide zusammen in eurem ganzen Leben. Ich habe euch den Hof nicht geschenkt, ich habe ihn euch anvertraut. Aber ihr seid zu fein, um euch an mich zu erinnern.“
Sie legte auf, bevor ich etwas erwidern konnte.
Am Samstag kam sie unangemeldet.
Ich höre noch das Geräusch, mit dem ihr alter Ford in die Einfahrt einbog, die Bremse quietschte, als hätte der Wagen Angst vor dem, was kommen würde. Ich stand am Küchenfenster, ein Spülbecken voller Wasser vor mir, Erika war oben im Bad. Ich sah meine Mutter aussteigen, die Handtasche fest unter den Arm geklemmt, mit kurzen, harten Schritten zur Veranda.
Sie zog den Schlüssel aus der Manteltasche. Den, den ich ihr nie gegeben hatte, den sie aber inzwischen besaß. Sie steckte ihn ins Schloss.
Der Schlüssel ließ sich nicht drehen.
Sie versuchte es noch einmal, rüttelte an der Tür, dann am Fenster neben dem Eingang. Nichts. In der vergangenen Woche hatte ich das Schloss ausgewechselt. Erika und ich lagen abends nebeneinander und jeder wusste, was der andere dachte, bis ich schließlich sagte: „Ich kümmere mich darum.“ Am Donnerstag war der Schlüsseldienst da gewesen, sechzig Euro für ein neues Schloss und drei Schlüssel. Einer für Erika, einer für mich, einer lag in der Küchenschublade.
Meine Mutter stand auf der Veranda, den alten Schlüssel in der Hand, der nicht mehr passte. Durch das Fenster konnte ich sehen, wie ihre Schultern zitterten. Nicht vor Kälte. Sie weinte.
Ich hörte Schritte hinter mir. Erika kam die Treppe herunter, in Jeans und Wollpullover, ihre Haare zu einem Zopf gebunden. Sie blieb neben mir stehen, schaute durch das Fenster.
„Geh du“, sagte sie.
Ich ging zur Tür und öffnete.
Meine Mutter schaute mich an mit einem Blick, den ich zwanzig Jahre lang gefürchtet hatte. Der Blick, der sagte: Du bist nicht der Sohn, den ich mir vorgestellt habe. Sie hielt den Schlüssel hoch, als wäre er ein Beweisstück vor Gericht.
„Das also ist es“, sagte sie. „Ihr sperrt mich aus.“
Ich schüttelte den Kopf. „Wir sperren niemanden aus. Wir haben das Schloss getauscht. Weil du keine Schlüssel mehr haben sollst für ein Haus, das dir nicht gehört.“
Sie starrte mich an. Dann lachte sie. Es war kein gutes Lachen, eher das Geräusch, wenn man sich die Nägel über alte Dielen zieht.
„Das Haus gehört mir“, sagte sie. „Es hat mir immer gehört. Ich habe es von meinen Eltern bekommen, und es wird wieder an mich zurückgehen. Ihr habt ja keine Ahnung, was ihr da habt.“
Erika trat hinter mich, ihr Gesicht ruhig, ihre Hände in den Hosentaschen. Sie schaute meine Mutter an, ohne etwas zu sagen.
„Du hast uns den Hof verkauft“, sagte Erika schließlich. „Freiwillig. Für Geld. Das Geld hast du genommen und auf dein Konto gelegt. Wenn du das anders siehst, ruf deinen Anwalt an. Aber hier auf meiner Veranda, in meinem Zuhause, hast du nichts mehr zu entscheiden.“
Im Briefkasten lag an diesem Morgen der Grundbuchauszug. Erika hatte ihn am Abend zuvor aus dem Aktenordner genommen und mit einer Büroklammer an den Vertrag geheftet. Sie trug ihn jetzt in der Hand, als sie vor meine Mutter trat, und legte ihn auf den Tisch. Den Tisch, der noch immer quer stand.
„Lies das“, sagte sie.
Meine Mutter las nicht. Sie schaute auf das Papier, auf die Beglaubigung, auf die Unterschriften, auf die Paragrafen, und dann schaute sie zu mir. Sie wartete darauf, dass ich eingriff, dass ich sagte: Mama, komm erstmal rein, setz dich, trink einen Tee. So, wie ich es immer getan hatte.
Ich blieb stehen.
„Ich fahre jetzt“, sagte meine Mutter. Ihre Stimme war flach, als zöge jemand den Stecker.
Sie wandte sich ab, ging die Stufen hinunter, stieg in ihr Auto. Ich sah ihr nach, wie sie den Gang einlegte, wie der Wagen die Einfahrt hinunterrollte und auf dem Feldweg verschwand.
Ich stand noch eine Weile in der Tür. Der Wind roch nach Regen. Über den Hängen zogen schwere Wolken auf, die Sonne war schon hinter den Vogesen verschwunden.
Ich hörte, wie hinter mir die Kühlschranktür ging, wie eine Flasche auf der Arbeitsplatte abgestellt wurde. Dann Schritte. Dann Erika.
„Der Tisch“, sagte sie.
Ich nickte.
Wir drehten ihn gemeinsam zurück.
Ein Jahr später, kurz vor Allerheiligen, fand ich beim Aufräumen der Scheune eine Holzkiste hinter einem Stapel alter Ziegel. Sie war mit Blumendraht verschnürt, der Deckel von Feuchtigkeit verzogen. Ich machte sie auf und fand darin ein Notizbuch mit braunem Leineneinband, das meiner Mutter gehört hatte. Auf der ersten Seite stand in ihrer Handschrift, mit Kugelschreiber und sehr genau, eine Liste: alle Möbel, die sie mit aus dem Hof genommen hatte, als sie ihn uns verkaufte. Jede einzelne Schranktür, jede Lampe, jeder Gardinenhaken. Daneben Preise in Euro, sauber untereinander geschrieben.
Der Gesamtbetrag am Ende der Seite betrug achtzehntausendvierhundertzwanzig Euro. Mehr als das, was sie uns an Rabatt gelassen hatte. Sie hatte nie vor, loszulassen. Sie hatte nur Buch geführt.
Ich klappte das Heft zu und legte es zurück in die Kiste, zwischen die alten Ziegel, wo es gelegen hatte, seit meine Mutter das letzte Mal Hand angelegt hatte an diesem Hof.
