„Deine Mutter tickt doch nicht mehr richtig", zischte Sina ins Telefon, ohne zu bemerken, dass ich mit ihrem vergessenen Schlüsselbund im Flur stand. Der Anhänger, ein kleiner Filzfuchs, den ihre Nichte ihr mal geschenkt hatte, fühlte sich plötzlich schwer an in meiner Hand — schwerer als Metall und Leder es eigentlich sein konnten.
„Tobi, ich mein das ernst!" Sina lief in der Küche auf und ab, ich sah ihren Bademantel durch den Türspalt. „Weißt du, was sie gestern gemacht hat?"
„Was denn schon wieder?" Aus dem Lautsprecher klang die Stimme meines Sohnes müde, dazwischen das Fauchen eines Druckluftschraubers — Tobias stand in der Werkstatt am Heben. „Ich hab hier nen Sprinter auf der Hebebühne, mach's kurz."
„Sie hat meine Gewürzdosen umsortiert! Und gesagt, das Spülmittel, das ich kaufe, wäscht nicht richtig ab. Bin ich hier die Hausherrin oder wer? Sie drängt mich aus meiner eigenen Wohnung, Tobi! Die braucht 'ne Therapie, keinen Sonntagskaffee bei uns!"
Ich stellte die Schlüssel leise auf die Kommode neben der Tür, drückte die Klinke herunter, bis das Schloss einrastete — Sina hatte es in der Eile morgens offen gelassen — und ging zum Treppenhaus.
Meine Füße brannten. Ich bin dreiundsechzig, seit zwei Jahren Rentnerin, arbeite aber weiter halbtags in der Bäckerei am Wittenbergplatz, sortiere Brötchen und Stollen in Kartons. Schicht ab fünf Uhr morgens, den ganzen Tag stehen, die Halle riecht nach Hefe und Marzipan, gegen Mittag wird einem davon fast schlecht. Das Gehalt ist überschaubar, aber es reicht — und ich wollte den Jungen helfen.
Tobias ist mein einziges Kind. Bodenständig, fleißig, nie einer, der große Sprünge machte. Nach der Lehre als Kfz-Mechatroniker in eine Autowerkstatt in Kreuzberg, vor anderthalb Jahren Sina geheiratet, Verkäuferin in einer Drogeriemarktkette am Alexanderplatz. Kinder hatten sie noch keine — „erst mal für uns leben", sagten sie — dafür eine Zweizimmerwohnung in der Cuvrystraße, abbezahlt über einen Kredit, dessen Anzahlung ich neun Jahre lang zusammengespart hatte. Damals als Buchhalterin bei einem Großhändler in Neukölln, abends Büros geputzt. Keine neuen Winterstiefel, kein Urlaub, jeder Euro ging in dieses Sparbuch. Alles für Tobias.
Und jetzt sollte ich also die senile Alte sein.
Ich stieg die Treppen des Altbaus hinunter, an der Ecke roch es nach dem Dönerladen im Erdgeschoss, aus einem Fenster im dritten Stock lief das Vorabendprogramm. Ich hatte doch nur die Dosen umgestellt, weil in dem Schrank über dem Herd wegen des Dampfes ständig Motten waren. Und das mit dem Spülmittel gesagt, weil ich sah, wie sich Tobias die Hände wund kratzte von diesem billigen Zeug. Ich bin die Mutter, ich hab mir doch nur Sorgen gemacht. Ich kam, während die beiden arbeiteten, kochte etwas Warmes, damit sie abends nur noch die Füße hochlegen mussten. Spülte das Geschirr, das sie erschöpft in der Spüle stehen ließen, bügelte Tobis Hemden. Und jetzt: eine Einmischung.
Zu Hause, in meiner Einzimmerwohnung in Moabit, weinte ich nicht. Ich tropfte mir Baldrian in ein Glas Wasser, setzte mich auf mein altes Sofa mit dem durchgesessenen Kissen und schaute aus dem Fenster. Draußen nieselte es, Oktoberregen über der Spree, Passanten hasteten unter Schirmen nach Hause.
„Na gut", sagte ich laut zu meinem Spiegelbild in der dunklen Scheibe. „Wenn ich verrückt bin, dann lebe ich eben von jetzt an anders."
Von diesem Tag an änderte sich in der Wohnung der beiden alles, auch wenn sie es anfangs gar nicht merkten. Ich hörte einfach auf, vorbeizukommen. Kein Rouladentopf mehr, keine frische Milch vom Wochenmarkt am Maybachufer, keine gebügelten Gardinen. Ich rief Tobias einmal die Woche an, sonntags, fragte nach seiner Gesundheit, wünschte eine gute Schicht, verabschiedete mich höflich. Sinas seltene Anrufe beantwortete ich freundlich, aber kurz: „Bin unterwegs, Schätzchen, melde mich."
Meine freien Abende, die ich früher mit dem Einfrieren von Maultaschen für Tobias' Truhe verbrachte, gehörten plötzlich mir. Meine Kollegin Ute, Ende sechzig und ungeschminkt direkt, schlug bei der Frühschicht die Hände über dem Kopf zusammen.
„Anni, du bist doch bekloppt!" sagte sie und packte Brezeln in Tüten. „Du hast dir den Buckel für die krumm gemacht, jetzt setzen die sich auf dir aus. Junge Leute müssen selber ihre Fehler machen. Haushalt ist kein Reel auf dem Handy, das ist Arbeit. Lass die mal zappeln. Und komm lieber Samstag mit mir ins Schwimmbad in der Stadtbad Charlottenburg — tut den Gelenken gut, spült den ganzen Ärger raus."
Ich ging mit. Kaufte mir einen Badeanzug, eine Gummikappe, und stellte fest, dass in der Bahn nebenan die Hälfte der Damen auch „senil" war. Holte die Nähmaschine vom Dachboden, die fünfzehn Jahre unangerührt gestanden hatte, nähte mir neue Vorhänge für die Küche. Das Leben hörte offenbar nicht an der Wohnungstür meines Sohnes auf.
In der ersten Woche triumphierte Sina vermutlich. Niemand rückte ihre Cremedöschen im Bad zurecht, niemand gab ungefragte Ratschläge, niemand schaute in den Backofen. Doch gegen Ende der zweiten Woche begann das Kartenhaus zu wackeln — an der harten Realität von Zwei-Schicht-Systemen und zwölf Stunden Arbeit.
Tobias kam von der Werkstatt heim, Öl unter den Fingernägeln, Rücken schmerzend, Hunger wie ein Bär. Früher stand immer eine Box mit Hausmannskost im Kühlschrank. Jetzt lag da nur ein angetrockneter Käseblock, Nudeln von vorgestern, verklumpt, und eine angebrochene Packung Fleischwurst.
„Was gibt's zum Essen?", fragte er eines Abends und starrte in die leere Pfanne.
„Ich bin grad erst gekommen, Tobi!" fuhr Sina auf, warf ihre Tasche auf den Hocker im Flur. „Ich steh seit acht auf den Beinen! Mach dir Tiefkühlpizza."
„Schon wieder Tiefkühlzeug? Wir essen das jetzt den vierten Tag. Mir dreht sich der Magen um."
„Dann steh doch auf und koch selber! Ich arbeite auch, falls dir das entgangen ist!"
Die Wohnung verwahrloste zusehends. Saubere Hemden materialisierten sich eben nicht von allein im Schrank, sie mussten gewaschen und danach — nach der Schicht, mit müden Armen — gebügelt werden. Das Bad musste öfter als einmal im Monat geputzt werden, der Küchenboden klebrig unter den Socken, der Mülleimer stank durch die ganze Wohnung, wenn ihn niemand runterbrachte. Früher hatten sich diese Kleinigkeiten wie von Zauberhand erledigt — solange die beiden arbeiteten, kam eben die „Schwiegermutter mit ihren eigenen Regeln" und brachte alles in Ordnung.
Ein Monat verging. Ein Dienstagabend Ende Oktober, kalter Regen peitschte über die Cuvrystraße, der Wind riss die letzten Blätter von den Kastanien. Sina, nach einer Inventurschicht in der Drogerie — den ganzen Tag Kartons mit Shampoo in den Lagerraum geschleppt —, schleppte sich nach Hause. Wollte nur noch duschen. Steckte den Schlüssel ins Schloss — dreht sich nicht. Noch mal. Mit der Schulter dagegen. Das alte Schloss, das sie schon lange austauschen wollten, aber immer das Geld sparten, hatte endgültig den Geist aufgegeben.
Sinas Handy war seit dem Mittag leer. Tobias kam erst in über drei Stunden. Nachbarn kannte sie kaum, und an fremde Türen zu klopfen war ihr peinlich. Sie setzte sich auf die kalte Stufe im Treppenhaus. Fror, hatte Hunger, der Rücken schmerzte von den Kartons.
Dann fiel ihr ein: Ich hatte einen Ersatzschlüssel für die Haustür und das zweite Schloss. Sie rannte durch den Regen zum Spätkauf an der Ecke, bat den Verkäufer ums Telefon.
„Ja bitte?" meldete ich mich, im Hintergrund lief leise Klaviermusik.
„Anna… hier ist Sina", sagte die Schwiegertochter mit zitternder Stimme, halb vor Kälte, halb vor Erschöpfung. „Entschuldigen Sie die fremde Nummer. Ich sitz im Treppenhaus, das obere Schloss klemmt. Sie haben doch den Schlüssel fürs zweite — könnten Sie kommen?"
„Ach, Sinchen", sagte ich, ohne einen Hauch Bosheit, nur mit echtem Bedauern. „Ich kann jetzt leider unmöglich. Ich bin im Theater."
„Im… im Theater?" Sina war sprachlos. Ich spürte förmlich, wie in ihrem Weltbild etwas kippte. Schwiegermutter und Theater — das passte in ihrem Kopf einfach nicht zusammen. Schwiegermutter, das war Bäckerei, Rouladen und Wartezimmer beim Hausarzt.
„Im Berliner Ensemble, Ute hatte Karten für eine Komödie", erklärte ich ruhig. „Wir sitzen gerade in der Pause im Foyer, essen Kuchen. Ruf doch Tobi an, er soll sich beim Meister freinehmen. Ich muss auflösen, das dritte Läuten!"
Kurze Tuten in der Leitung. Sina stand unter dem Vordach des Spätkaufs, fror im Wind und schluckte Tränen der Kränkung hinunter. Wie konnte ich mich im Theater vergnügen, während sie vor der eigenen Tür fror?
Tobias kam erst nach zweieinhalb Stunden. Wütend, verdreckt, weil er einen Kundenwagen halb fertig stehen lassen und sich mit dem Werkstattleiter angelegt hatte. Zu zweit hämmerten sie noch eine Stunde am Schloss herum, bis der Zylinder endlich nachgab. Drinnen war es kalt, die Heizung noch nicht aufgedreht. Auf dem Küchentisch stand ungespültes Geschirr vom Vortag, angetrocknete Nudeln klebten an den Tellern. Im Kühlschrank nur ein einsames Glas Senf.
Sina, noch in der Jacke, setzte sich auf einen Küchenstuhl und weinte los. Nicht wegen des Schlosses. Sondern wegen einer Erschöpfung, die alles in Frage stellte, wegen des Gefühls, es nicht hinzubekommen.
„Sina, was ist los?" Tobias legte unbeholfen den Arm um sie, roch nach Benzin und nassem Regen.
„Tobi… ich bin so müde", schluchzte sie in seine Jacke. „Ich schaff das alles nicht. Wir essen nur noch Fertigzeug, die Wohnung ist ein Saustall, die Böden sind dreckig. Ich war heute so sauer, dass deine Mutter nicht kam — und dann, unter dem Vordach, hab ich verstanden."
Sie hob den Kopf, Wimperntusche unter den Augen verschmiert.
„Tobi, sie kam doch früher jeden Tag. Hat gekocht, geputzt, gewaschen. Wie eine unsichtbare gute Fee. Und ich hab sie senil genannt, weil sie meine Gewürzdosen umgestellt hat. Ich hab sie doch selber verscheucht. Mit meinen eigenen Händen unser ganzes Zuhause kaputtgemacht."
Am folgenden Samstag stand ich schon früh in meiner Küche und schaffte. Hefeteig, Zwetschgenkuchen und einen mit Streuseln, dazu frischen Pfefferminztee. Mein Herz klopfte unruhig. Gegen Mittag klingelte es. Vor der Tür standen Tobias und Sina. In Sinas Händen eine Torte aus der Konditorei und ein bescheidener Strauß weißer Chrysanthemen.
„Mama, wir wollten dich besuchen", sagte Tobias unbeholfen und trat im engen Flur von einem Fuß auf den anderen. „Lässt du die verlorenen Kinder rein?"
„Kommt rein, natürlich", ich wischte hastig die Hände an der Schürze ab, um meine Nervosität zu verbergen.
Wir saßen am runden Tisch in meiner kleinen Küche. Das Gespräch wollte lange nicht in Gang kommen. Wetter, Benzinpreise, Sinas neuer Dienstplan. Kuchen wurde gegessen, Teelöffel klapperten. Schließlich schob Sina ihre Tasse weg, knetete nervös eine Serviette und sah mich an.
„Anna… verzeihen Sie mir bitte."
„Wofür denn, Sinchen?", fragte ich, obwohl ich genau wusste, worauf das hinauslief.
„Für alles." Ihre Stimme brach. „Ich weiß, dass Sie damals im Flur standen. Vor einem Monat, als ich die Schlüssel vergessen hatte und Sie sie zurückbrachten. Sie haben gehört, was ich Tobi am Telefon gesagt habe."
Ich seufzte und blickte aus dem Fenster auf die grauen Wolken über den Hinterhöfen. „Ich hab's gehört."
„Ich war blöd", sagte Sina bitter und ehrlich, die Augen wieder feucht. „Undankbar und egoistisch. Sie haben alles für uns gemacht, den halben Haushalt getragen, nach Ihrer Schicht in der Bäckerei, und ich hab nur die Nase gerümpft. Ich dachte, Sie mischen sich in mein Leben ein, spielen die Chefin in unserer Wohnung. Und als Sie aufgehört haben zu kommen — ist bei uns alles zusammengebrochen. Ich hab erst jetzt kapiert, was Hausfrau-Sein wirklich heißt: nicht Rechte einfordern und schmollen, sondern schuften. Und nach der Schicht hat weder Tobi noch ich die Kraft dafür. Entschuldigen Sie, es ist mir so peinlich."
Ich sah meine Schwiegertochter an. Eine ganz normale junge Frau. Müde, Schatten unter den Augen von zu wenig Schlaf, abgeplatzter Nagellack, für den sie keine Zeit fand. Keine schlechte Person. Nur jung, ohne Erfahrung mit dem wirklich harten Alltag.
„Ich war auch nicht ganz im Recht, Sina", sagte ich sanft und legte meine warme, vom frischen Gebäck durchwärmte Hand auf ihre kalte. „In ein fremdes Kloster geht man nicht mit den eigenen Regeln. Eure Familie, eure Regeln. Ich hab immer noch gedacht, Tobias wäre mein kleiner Junge, den man im Auge behalten muss. Und dich gleich mit. Hab euch meine Fürsorge aufgezwungen."
„Kommen Sie ruhig mit Ihren eigenen Regeln!" platzte Sina heraus und lachte nervös, während sie sich die Tränen mit dem Handrücken abwischte. „Stellen Sie die Gewürzdosen um, wohin Sie wollen, kaufen Sie das Spülmittel, das Sie für richtig halten. Kommen Sie einfach wieder, Anna. Ohne Sie ist es bei uns furchtbar. Und langweilig."
Wir sprachen bis zum Abend. Ohne Vorwürfe, ohne altes Gezänk. Einfach zwei erschöpfte Frauen mit ganz normalen Jobs, die sich endlich zuhörten.
Ich fing wieder an, die beiden zu besuchen. Aber jetzt war alles anders. Ich versuchte nicht mehr, ihren Alltag nach meinen Vorstellungen umzukrempeln. Kaufte Sina das billige, stark riechende Spülmittel, spülte damit, ohne ein Wort zu verlieren. Und Sina verdrehte nicht mehr die Augen, wenn ich Rohmilch vom Markt am Maybachufer mitbrachte oder erklärte, wie man einen Ölfleck aus Tobias' Arbeitsjacke bekommt.
Manchmal rief Sina samstags morgens an, fragte vorsichtig: „Anna, sind Sie heute sehr beschäftigt? Kommen Sie vielleicht zum Abendessen, ich back eine Pizza? Tobi hat frei."
Und ich, während ich vor dem Spiegel meine neue Schwimmbadhaube zurechtzupfte, antwortete lächelnd: „Ach, Sinchen, heute geht's leider nicht. Ute und ich haben Aquafitness, danach gehen wir noch was trinken. Kommt ihr heute mal alleine klar? Im Gefrierfach liegen Kohlrouladen, die hab ich gestern gemacht, nur in der Soße erhitzen!"
Und nachdem ich aufgelegt hatte, lächelte ich meinem Spiegelbild zu.
Fast anderthalb Jahre später, an einem Frühlingssonntag, kam Tobias vorbei, um mir beim Umräumen des Kellerabteils zu helfen. In einem Karton mit alten Unterlagen fand er die Quittung von damals — die Handwerkerrechnung für das neue Türschloss in der Cuvrystraße, 240 Euro, bezahlt von seinem eigenen Konto, nicht von Sinas, wie er immer geglaubt hatte. Er erinnerte sich plötzlich, dass er damals, in jener Nacht, heimlich noch einen zweiten Schlüssel hatte nachmachen lassen — einen für mich, den er mir nie gab, aus Angst, ich würde ihn als zu spätes, zu kleines Zeichen abtun. Er hat ihn mir schließlich doch überreicht, eingewickelt in Butterbrotpapier, ohne ein Wort dazu. Ich hänge ihn seitdem neben meine eigenen Schlüssel, gleich neben den kleinen Filzfuchs.
