Mit sechsundfünfzig tat Anna Weber endlich, worüber sie fast zwei Jahrzehnte nachgedacht hatte. Sie ließ sich scheiden.
Nicht, weil Werner sie betrog. Nicht, weil er trank. Es gab einfach nichts mehr zu sagen. Achtundzwanzig gemeinsame Jahre – und die Worte waren aufgebraucht. Werner nickte nur, als sie es aussprach. Kein Streit, kein Drama. Auch er wusste es.
Anna zog in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung im Münchner Westen. Kein Garten, kein gemeinsamer Keller, keine abgestandene Ehe. Dafür ein samtrotes Sofa, das sie sich noch am Tag der Schlüsselübergabe bestellte. Werner hätte es abscheulich gefunden. Zwei Wochen später holte sie ein grau getigertes Kätzchen aus dem Tierheim und nannte es Mimi. Die Stille war anders als früher. Es war eine gute Stille.
Im Oktober schleppte sie einen Umzugskarton mit schweren Romanen die Treppe hoch und blieb auf dem Absatz hängen. Ein Mann Anfang vierzig nahm ihr das Ding einfach ab, ohne viel zu fragen. „Sieht nach zweiter Etage aus – darf ich?“
So lernte sie Felix kennen, der die Wohnung nebenan gemietet hatte. Siebenunddreißig, ruhige Stimme, Jeansjacke. Im November stand er mit einem dampfenden Topf vor ihrer Tür. „Ich hab viel zu viel Kürbissuppe gekocht. Allein krieg ich die nie weg. Meine Regel: entweder ich bring sie den Nachbarn, oder ich schütte sie weg. Wollen Sie?“
Praktisch. Eine gute Eigenschaft, dachte Anna.
Ihre Tochter Johanna sah ihn zwei Tage später im Hausflur. Am selben Abend klingelte Annas Handy.
„Mama, wer war der Typ an deiner Tür?“
„Mein Nachbar. Felix.“
„Mama, der ist Anfang vierzig.“
„Siebenunddreißig. Er bringt Suppe vorbei. Das ist alles.“
„Noch bringt er Suppe. Du weißt, was ich meine.“
„Johanna.“ Anna setzte sich auf ihr rotes Sofa und kraulte Mimi hinterm Ohr. „Der Unterschied beträgt neunzehn Jahre. Ich kann rechnen. Und ich vertrage einfach nur seine Suppe. Alles andere sind deine Fantasien.“
Ihre Tochter schnaubte, aber sie ließ es vorerst dabei.
Im Februar buk Anna einen Zwetschgenkuchen, der so gut duftete, dass sie selbst überrascht war. Sie klopfte an Felix’ Tür, den Teller in der Hand. „Gilt Ihre Regel eigentlich auch in die andere Richtung?“
Er grinste und hielt ihr die Tür auf. „Unbedingt. Kommen Sie rein.“
Sie aßen den Kuchen an seinem ausklappbaren Küchentisch, redeten zwei Stunden lang und fanden kein Ende. Über Italien, über Bücher, über die Frage, warum manche Menschen Jahrzehnte brauchen, um aus ihrem eigenen Schatten zu treten. Anna ging zurück in ihre Wohnung und lehnte die Stirn ans Türblatt. Achtundzwanzig Jahre hatte sie über ein rotes Sofa geschwiegen. Jetzt trug sie einen Kuchen über den Gang, und plötzlich war da wieder ein Gespräch, das sie nachhallte wie eine Melodie aus längst vergessenen Tagen.
Die Besuche wurden häufiger. Aus der Kürbissuppe wurde ein sonntägliches Spiegelei. Aus dem Zwetschgenkuchen wurde ein gemeinsamer Marktbesuch auf dem Viktualienmarkt. Sie standen vor dem Fischstand, und Felix legte ihr selbstverständlich die Hand auf den Rücken, um sie durchs Gedränge zu lotsen. Anna spürte die Wärme durch den Wollmantel und erschrak nicht. Sie genoss es. Mit jeder Faser.
Doch das Glück war noch nicht bereit, sich in aller Ruhe einzurichten. Drei Wochen später, es war ein verregneter Donnerstag, hämmerte Johanna gegen Annas Wohnungstür, als wolle sie sie eintreten. Anna öffnete, und ihre Tochter stürmte an ihr vorbei, ohne die Stiefel auszuziehen.
„Mein Gott, es stimmt also wirklich!“ Johanna starrte auf den kleinen Teller mit zwei Gabeln, die noch vom Abendessen mit Felix nebeneinanderlagen. „Frau Hartmann von gegenüber hat mich angerufen, sie dachte, ich wüsste Bescheid. Mama, die ganze Nachbarschaft redet. Du hast was mit einem Kerl, der fast zwanzig Jahre jünger ist! Bist du völlig von Sinnen?“
Anna blieb ruhig, aber in ihrem Bauch zog sich etwas zusammen. „Setz dich, Johanna. Bitte.“
„Nein, ich setz mich nicht!“ Ihrer Tochter standen Tränen in den Augen. Wut und Scham und eine Angst, die Anna nur zu gut kannte. „Was glaubst du, was die Leute denken? Dass du dich lächerlich machst. Dass er es auf dein Geld abgesehen hat. Dass du –“
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Bad einen Spalt, und Felix trat heraus. Er war zum Spülen drüben gewesen, hatte das Klopfen nicht überhören können. Johanna fuhr herum, ihr Gesicht eine Maske aus Entsetzen und Zorn.
„Sie!“ stieß sie hervor. „Sie haben kein Recht, meine Mutter so ins Gerede zu bringen. Sie sind ja kaum älter als ich!“
Felix hob beruhigend die Hände. „Frau Weber – Johanna – ich verstehe, dass Sie sich sorgen. Darf ich Ihnen wenigstens einen Kaffee anbieten, damit wir normal reden können?“
„Ich will keinen Kaffee! Ich will, dass Sie gehen!“ Johannas Stimme überschlug sich. „Mama, wenn dir noch irgendetwas an deiner Familie liegt, dann beendest du das jetzt. Papa hat sich krank gemeldet vor Scham, als er es erfuhr. Dein eigener Ex-Mann!“
Anna spürte den Satz wie einen Schlag in die Magengrube. Sie sah Felix an, der still am Türrahmen lehnte und mit seinen dunklen Augen nur sie ansah. Kein Vorwurf, kein Rückzug. Nur die stille Frage: Was willst du?
Sie richtete sich auf, so gerade sie konnte, und trat vor ihre Tochter hin. „Johanna, hör mir genau zu. Dein Vater hat sich achtundzwanzig Jahre nicht für die Farbe meines Sofas interessiert. Er hat nicht gefragt, was ich denke, wenn ich nachts wach liege. Und du, mein Kind, hast auch nie gefragt, ob ich glücklich bin. Du hast mich nur verwaltet. Wie eine alte Frau, die nichts mehr fühlen soll, sobald die Haare grau werden. Aber ich fühle noch. Jeden verdammten Tag.“ Ihre Stimme brach nicht, sie trug jetzt. „Felix hat als Einziger nicht über mein Alter oder seine Zahl geredet. Er hat mir zugehört. Und ich ihm. Und das, Johanna, das lasse ich mir von niemandem wegnehmen. Auch nicht von dir.“
Die Stille danach war schwer wie ein nasser Mantel. Johanna stand da, die Lippen bebend, die Hände zu Fäusten geballt. Dann drehte sie sich um und lief aus der Wohnung, die Treppe hinunter, ohne zurückzublicken.
Anna atmete zitternd aus. Felix war bei ihr, bevor sie die Augen schließen konnte. Er nahm ihre Hand und drückte sie, ganz sacht. „Das war mutig“, sagte er leise. „Und es tut mir leid, dass du das durchmachen musst.“ Anna lehnte ihren Kopf an seine Schulter und weinte zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht aus Schmerz, sondern aus Erleichterung.
Es dauerte drei Wochen. Drei Wochen ohne ein Wort von Johanna. Anna schlief schlecht, Felix brachte ihr Kamillentee und strich ihr morgens über den Arm, wenn sie stumm auf dem roten Sofa saß. Mimi schnurrte auf ihren Knien, als verstünde das Tier jedes unausgesprochene Gefühl.
Dann, an einem Sonntag, stand Johanna vor der Tür. Kein Hämmern diesmal, nur ein leises Klopfen. Als Anna öffnete, sah sie ihrer Tochter ins Gesicht – verquollen, schmaler, aber ohne Groll.
„Mama“, flüsterte Johanna, „ich hab nachgedacht. Das mit Papa … das mit der Scham, das hab ich nur erfunden, weil ich selbst Angst hatte. Angst, dass du mich nicht mehr brauchst. Dass du dein eigenes Leben lebst und ich damit nicht klarkomme. Es tut mir leid.“ Sie schluckte schwer. „Ist Felix … ist er noch da?“
Hinter Anna tauchte Felix auf, diesmal ohne Küchentuch und Kuchen, nur mit einem schlichten, offenen Lächeln. Er streckte Johanna die Hand hin. „Ich bin noch da. Und ich würde mich freuen, wenn wir zusammen frühstücken könnten. Ihre Mutter macht die besten Rühreier der Stadt, und ich hab frische Brötchen geholt. Was sagen Sie?“
Johanna zögerte, dann griff sie zu. Ihr Händedruck war fest und warm. Anna spürte den Atem in ihrer Brust wieder weiten, als hätte der Frühling sich durchgesetzt.
Sie frühstückten zu dritt an Annas kleinem Tisch, und die Unterhaltung war zögerlich, aber echt. Johanna stellte Fragen, diesmal ohne Waffen. Und als sie ging, drückte sie ihrer Mutter einen langen Kuss auf die Stirn. „Sei glücklich“, sagte sie. „Wirklich glücklich. Du hast es verdient.“
Am Abend saßen Anna und Felix wieder auf dem roten Sofa, die Stadtlichter zeichneten matte Muster an die Decke. Mimi schlief zusammengerollt in Annas Schoß. Felix hatte den Arm um sie gelegt, und ihre Köpfe berührten sich fast. Niemand sprach von neunzehn Jahren. Es gab Wichtigeres. Es gab einen nächsten Satz, einen nächsten Sonntag, einen nächsten Marktbesuch. Und eine Frau, die mit sechsundfünfzig begriffen hatte, dass das Leben keine Altersgrenze kennt, wenn man endlich den Mut hat, es zu umarmen.
