# Der Anruf um kurz nach elf

Die Nacht war schon über München hereingebrochen, als Corinna das Handy auf den Küchentisch legte und die Nachricht ihrer Freundin Sandra noch einmal las. Darunter das Foto: ihr Mann Jan am Strand, die Hand auf der Schulter einer Frau mit sonnengebleichten Haaren. *Urlaub mit dem Liebsten* stand darunter.

*Du bist wirklich zu gutgläubig*, hatte Sandra geschrieben. *Kein Mann bleibt treu, wenn er jede Woche unterwegs ist. Meiner hat's auch getan. Deiner ist da keine Ausnahme.*

Corinna wollte es wegschieben, wirklich. Jan war Vertriebsleiter bei einem Maschinenbauer in Augsburg, die Außendiensttermine gehörten zum Job. Aber Sandra hatte einen Nerv getroffen, der schon länger blanklag. Die Häufigkeit dieser Reisen. Die Art, wie Jan zurückkam — zufrieden, aber abwesend. Als hätte er in den drei Tagen nicht eine Sekunde an sie gedacht.

Der Anruf kam um kurz nach elf.

Sie zuckte zusammen, griff nach dem Telefon, halb in der Erwartung, Jans Stimme zu hören. Aber das Display zeigte: **Lukas**.

Lukas Brandt. Der Mann, mit dem sie aufgewachsen war, zwei Straßen weiter in Giesing. Der einzige Mensch außer ihrer Mutter, der sie seit dem Kindergarten kannte. Sie hatten sich durch die Schulzeit gehangelt, durch die erste gescheiterte Beziehung von ihr, durch den Tod seines Vaters. Und dann hatte Jan ihn aus ihrem Leben gedrängt.

*Der ist in dich verliebt*, hatte Jan gesagt, damals, als Corinna versucht hatte zu erklären, warum ihr die Freundschaft wichtig war. *Der wartet doch nur darauf, dass du schwach wirst. Ich will nicht, dass du mit dem redest. Punkt.*

Es hatte Streit gegeben, Tränen, am Ende hatte sie nachgegeben. Nicht ganz — die Nummer hatte sie nie gelöscht.

Jetzt vibrierte das Telefon auf der Tischplatte.

Sie nahm ab.

„Lukas? Ist was passiert?“

„Corinna. Sorry, ich weiß, es ist spät.“ Seine Stimme klang rau, als hätte er den ganzen Abend kaum gesprochen. „Ich brauch deine Hilfe. Emma frisst seit gestern nichts mehr. Sie kommt nicht mehr hoch, und ich hab das Zeug hier, aber ich krieg den Zugang nicht gelegt. Du weißt doch, wie das geht — du arbeitest doch in der Praxis.“

Die Tierarztpraxis in Sendling, wo Corinna seit sieben Jahren als tiermedizinische Fachangestellte arbeitete. Lukas hatte recht, sie legte jeden Tag Zugänge, venöse, subkutane, alles. Und Emma — der alte Golden Retriever, den Corinna noch als tapsigen Welpen kannte, der vor dreizehn Jahren auf ihrer Studentenparty den halben Käseaufschnitt vom Tisch gefressen hatte — Emma lag also flach.

„Hat sie noch getrunken heute?“, fragte Corinna.

„Nichts. Nicht mal die Schüssel angerührt. Und aufstehen — du kennst das, die Hinterläufe.“ Lukas machte eine Pause. „Ich hab drei mobile Tierärzte angerufen. Alle sagen dasselbe: Kommen Sie in die Klinik. Ich hab kein Auto da, der verdammte Golf ist in der Werkstatt, und ich kann sie nicht allein die Treppe runtertragen, sie wiegt über vierzig Kilo. Ich zahl auch das Doppelte, das Dreifache, mir egal. Gib mir nur irgendeine Nummer, irgendwen, der heute Nacht noch rauskommt.“

Corinna hörte, wie er gegen Ende schneller sprach, als müsse er die Worte loswerden, bevor die Kehle zumachte. Dreizehn Jahre mit diesem Hund. Emma war das Letzte, was ihm von seiner Ex geblieben war — die Frau hatte die gemeinsame Wohnung und die bessere Hälfte des Freundeskreises genommen, den Hund aber dagelassen.

„Ich komm selbst“, hörte Corinna sich sagen, bevor sie es richtig beschlossen hatte.

Kurze Pause in der Leitung.

„Corinna, es ist fast halb zwölf. Und Jan ist doch — der ist doch immer so drauf, wenn du mit mir —“

„Jan ist auf Messe in Hamburg, bis Freitag. Ich bin in vierzig Minuten da. Schreib mir deine neue Adresse, ich hab nur noch die alte.“

Sie zog sich die Jeans an, die noch über dem Stuhl hing, stopfte Haustürschlüssel und Portemonnaie in die Jacke und ging. Im Treppenhaus roch es nach Kohleintopf von der Nachbarin aus dem zweiten Stock — Frau Demleitner kochte immer abends für den nächsten Tag vor. Die Bewegungsmeldelampe im Hof sprang an, als Corinna an den Fahrradständern vorbei zum Auto ging.

Eine halbe Stunde Fahrt durch das leere München, vorbei am Sendlinger Tor und die Landsberger Straße runter. Das Navigationssystem führte sie nach Pasing, in eine ruhige Straße mit Kastanien und Backsteinhäusern aus den Zwanzigern.

Lukas machte die Tür auf, blass, unrasiert. Hinter ihm, im Flur, lag Emma auf der Seite, den Kopf auf einer alten Wolldecke. Ihr Atem ging flach.

„Die Augen — schau dir die Augen an“, sagte Lukas leise. „Die sind so eingefallen. Wie damals, als wir in der Klinik waren, weißt du noch? Die sagten, das ist das Erste, was austrocknet.“

Corinna kniete sich neben den Hund. Legte die Hand an Emmas Bauch, prüfte den Hautturgor im Nacken. Die Haut blieb in einer Falte stehen, viel zu lange. Sie brauchte keinen Zugang zu legen, um zu wissen, dass Lukas recht hatte. Aber sie legte ihn trotzdem — subkutan, fünfhundert Milliliter Ringer-Laktat, die langsam unter die Haut liefen, während Emma reglos dalag und ab und zu den Schwanz bewegte, als wolle sie sich für die Umstände entschuldigen.

„Du hättest nicht kommen dürfen“, sagte Lukas. Er saß auf dem Boden, den Rücken an die Wand gelehnt, die Hände um eine Tasse kalten Kaffee. „Der wird wieder fuchtig. Wie beim letzten Mal.“

Das letzte Mal. Das war vor drei Jahren gewesen, auf der Beerdigung von Lukas' Vater. Corinna war hingegangen, obwohl Jan getobt hatte. *Der Tote interessiert dich einen Dreck*, hatte er gesagt, *du willst nur zu dem.* Sie war dann doch gegangen, und Jan hatte danach drei Tage lang nicht mit ihr gesprochen.

„Jan weiß es nicht“, sagte sie. „Ich muss ihm nicht alles erzählen.“

„Er checkt doch dein Handy.“

„Das denkst du.“

„Nein. Das weiß ich.“ Lukas hob die Kaffeetasse an den Mund, stellte sie wieder ab. „Komm her.“

Er legte den Arm um sie, einfach so, wie man eine Schwester in den Arm nimmt, wenn ein Hund stirbt. Corinna ließ es zu. Und da, mit dem Rücken an der Wand und dem Tropf, der leise in Emmas Fell sickerte, fing sie an zu erzählen.

Von dem Foto. Von Sandra. Von den ganzen Reisen und der Art, wie Jan nach Hause kam und sie nicht mehr anfasste. Kein Vorwurf, kein Jammern, nur die Sätze, die sie seit Wochen im Kopf sortierte, laut ausgesprochen.

Lukas hörte zu, ohne ein einziges Mal zu sagen: *Ich hab's dir ja gesagt.*

„Und weißt du, was komisch ist?“, sagte Corinna irgendwann. „Ich hab heute Abend nicht mal mehr geweint. Ich saß an meinem Küchentisch und dachte nur: Wie prüfe ich das? Wie beweist man so was? Wie kommst du an einen Handyvertrag, ohne dass er es merkt? So was denkt man doch, wenn man vor Gericht will, nicht wenn man an seinen Mann denkt, der in einem Hotelzimmer in Hamburg sitzt und schläft.“

„Hamburg?“, sagte Lukas. „Was macht er da?“

„Kundenmesse, irgendwas mit Lagertechnik. Bis Freitag.“ Sie zog ihr Handy aus der Jackentasche, tippte, drehte es zu ihm. „Das Foto. Sandra hat's mir geschickt. Irgendein Strand, irgendeine Tussi. Sorry — irgendeine Frau halt.“

Lukas sah das Bild an. Zwei Sekunden. Dann reichte er das Handy zurück.

„Corinna. Das Foto ist in einer Hotelbar aufgenommen.“

„Was?“

„Da.“ Er tippte auf eine Ecke, auf eine Spiegelung im Glas. „Das ist ein Cocktailglas mit so einem Papierschirmchen. Und der Typ hinter ihnen trägt ein Sakko. Hast du schon mal einen Strand gesehen, an dem die Leute im Sakko rumlaufen? Die Kulisse ist gemalt. Das ist eine dieser Fotowände, wie sie auf Firmenfeiern stehen. Da kleben die Leute ihre Köpfe durch und lassen sich ablichten wie im Urlaub.“

Corinna nahm das Handy wieder. Zoomte. Sah den Mann im Sakko. Sah den Cocktail mit dem Schirmchen.

„Und die Unterzeile“, sagte Lukas, „wer hat die geschrieben?“

„Steht da: *Urlaub mit dem Liebsten.* Kommentar von dieser Frau. Alissa oder so.“

„Und warum schickt Sandra dir das?“

Corinna drehte das Telefon in den Händen, als wiege es auf einmal schwerer.

„Sie hat mir's heute Nachmittag geschickt. Mit so einem Spruch: *Keiner bleibt treu, das war schon immer so.*“ Sie zögerte. „Als hätte sie's mir gegönnt. Verstehst du? Nicht als Warnung. Sondern als — ich weiß nicht. Vielleicht hätte sie es mir vor zwei Wochen geschickt, wenn sie wirklich besorgt wäre. Oder sie hätte gesagt: Sag mal, das ist auf einer Weihnachtsfeier aufgenommen, nicht am Strand. Aber sie wollte, dass ich das Falsche lese. Und ich hab's getan.“

Der Tropf war durchgelaufen. Corinna zog die Nadel, desinfizierte, verband. Emma hob kurz den Kopf, leckte ihr über den Handrücken.

„Und jetzt?“, fragte Lukas.

Corinna stand auf, strich sich die Jeans glatt. Aus der Jackentasche zog sie den Autoschlüssel, hielt ihn ein paar Sekunden zu fest.

„Jetzt nehme ich mir zwei Tage frei. Und fahre nach Hamburg.“

Es war neun Uhr morgens, als Corinna vor dem Hotel Atlantic an der Alster stand. Der Portier sah sie prüfend an, aber sie trug die schlichte Wolljacke und die Ledertasche mit dem Terminkalender, die sie sonst zu Weiterbildungen mitnahm. Sie wirkte, als hätte sie einen Grund, dort zu sein.

Der Grund hieß Jan. Und der kam um neun Uhr vierzig aus dem Fahrstuhl, mit Laptop-Tasche und einem blauen Hemdkragen unter dem Mantel — allein. Kein Frühstück zu zweit, keine Frau an seiner Seite, kein müder Ausdruck nach einer zu kurzen Nacht. Er ging zügig durch die Lobby, und als er Corinna sah, blieb er stehen wie einer, der sich ertappt fühlt, ohne zu wissen, wobei.

„Was machst du hier?“

Corinna hielt ihm das Handy hin. „Das ist auf eurer Firmenweihnachtsfeier entstanden, oder? Die Fotowand mit der Strandkulisse. Und die Frau?“

Jan sah auf das Display. Dann auf sie. Dann wieder auf das Display.

„Alissa. Aus der Marketingabteilung. Sie hat bei der Feier gewonnen — irgendein Fotowettbewerb, wir sollten alle mit jemandem posieren. Sie hat das Bild gepostet, mit diesem blöden Spruch, weil ihre eigene Beziehung gerade den Bach runtergeht und sie sich irgendwas zusammenfantasiert.“ Er stockte. „Ich wollte es dir erzählen. Ich hab's nur vergessen. Ehrlich. Es war mir nicht wichtig genug, verstehst du? Es war einfach nur ein dummes Foto von einer Betriebsfeier.“

„Und warum habe ich es von Sandra bekommen? Mit der Unterschrift, dass du mich betrügst?“

Da veränderte sich etwas in Jans Gesicht. Der defensive Zug verschwand, und an seine Stelle trat etwas anderes — etwas, das Corinna dort noch nie gesehen hatte.

„Sandra“, sagte er. Und dann: „Setz dich bitte.“

Er zog sie zu den Sesseln neben der Rezeption. Die Zimmermädchen rollten ihre Wagen vorbei, Geschäftsleute rauschten mit Rollkoffern durch die Drehtür.

„Sandra und ich“, begann er, und brach ab. „Corinna, ich hatte dich nie belogen. Du musst das wissen, bevor ich weiterrede. Die Reisen, die Termine, die Abende — das war alles die Wahrheit. Aber es gab einen Abend, im Oktober. Da war ich nicht auf einer Messe. Da war ich mit Sandra essen. Sie hatte gesagt, es gehe um dich — um deine alte Freundschaft zu diesem Lukas, und dass du dich veränderst, und dass sie sich Sorgen macht. Wir waren in einem Restaurant am Viktualienmarkt. Und danach, draußen vor der Tür, am Taxistand…“ Er rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Sie hat mich geküsst. Ich bin zurückgewichen. Ich hab sie gebeten, so etwas nie wieder zu tun. Und seitdem — seitdem schreibt sie mir. Nicht andauernd, aber einmal die Woche kommt irgendetwas. Ein Vorwurf, eine Erinnerung, ein angebliches Geheimnis. Sie sagt, wenn ich nicht mit ihr schlafe, erzählt sie dir, wir hätten es längst getan.“

Corinna saß sehr still. Um sie herum rauschte die Lobby, ein Kellner balancierte ein Tablett mit Sektgläsern an ihnen vorbei. Es war zehn Uhr morgens, und ein Mann in einem grauen Maßanzug prostete einer Frau im Businesskostüm zu.

„Du hättest es mir gleich sagen müssen“, sagte Corinna.

„Ich wollte es. Jedes verdammte Mal, wenn ich nach Hause kam. Aber wie fängt man so einen Satz an? *Deine beste Freundin will mit mir schlafen.* Ich dachte, ich schaffe es, sie auszubremsen, ohne dass du je erfährst, dass deine Trauzeugin so etwas tut. Ich wollte dich nicht verlieren, Corinna. Nicht wegen so was. Nicht wegen ihr.“

Der Rest des Tages hatte etwas Unwirkliches. Corinna saß im Zug zurück nach München, das Handy schwarz in der Tasche, und sah den norddeutschen Landschaften zu, wie sie vorbeizogen. In Hannover stieg eine Frau mit zwei Kindern zu, das kleinere weinte, die Mutter zog ein zerdrücktes Kinderschokoladen-Päckchen aus der Manteltasche und hielt es ihm hin, ohne den Kopf vom Fenster zu wenden.

Corinna dachte an Sandra. An die Jahre. An die Abende in der Küche in Giesing, wenn Sandra nach der Trennung von Karsten bei ihr gesessen hatte, die Wimperntusche verschmiert, den Rotwein vor sich, und Corinna hatte ihr Brot mit Salzbutter gemacht, weil das das Einzige war, was Sandra nach dem Weinen essen konnte.

Sie dachte an die eine Zahl, die ihr nicht aus dem Kopf ging: dreiundzwanzig Jahre. So lange kannte sie Sandra. So lang wie niemanden, außer Lukas.

Am Abend, zurück in der Wohnung, machte Corinna etwas, das sie selbst überraschte. Sie setzte sich nicht an den Küchentisch, um zu überlegen. Sie rief nicht Sandra an. Stattdessen öffnete sie den Laptop, loggte sich bei ihrer Bank ein und rief die Daueraufträge auf.

Da stand er: der monatliche Dauerauftrag an **Sandra Hartmann, Verwendungszweck: Darlehen Küche.** Vor drei Jahren hatte Corinna ihr viertausend Euro geliehen, weil Sandra für den Küchenkredit keine Zusage bekommen hatte. Ohne Vertrag, ohne Zinsen, ohne eine einzige Mahnung — vierzig Raten zu hundert Euro, monatlich, still und pünktlich. Zweiundzwanzig Raten waren bereits abgebucht. Offen standen noch eintausendachthundert Euro.

Sie nahm das Handy und rief Sandra an.

„Hey“, sagte Sandra. „Bist du sauer? Hattest du mit Jan gestritten? Ich wollte dich nicht —“

„Ich war heute in Hamburg.“

Pause. Eine lange. Dann: „In Hamburg? Wieso?“

„Weil ich wissen wollte, ob das Foto stimmt.“

„Und? Hast du ihn gefragt? Was hat er gesagt?“

„Er hat mir gesagt, dass das eine Fotowand auf der Weihnachtsfeier war. Und dass diese Frau Alissa einen Preis gewonnen hat, weil sie die meisten Leute vor die Kamera geholt hat. Und er hat mir auch gesagt, dass du ihn im Oktober geküsst hast. Am Taxistand vor dem Restaurant am Viktualienmarkt. Nachdem du ihn unter irgendeinem Vorwand zum Essen getroffen hast. Und dass du drohst, mir zu erzählen, ihr hättet was miteinander, wenn er nicht mit dir schläft.“

Am anderen Ende der Leitung war es jetzt sehr still. Corinna hörte Sandras Atem, flach und schnell.

„Das lügt er. Corinna, das lügt er. Siehst du? Genau das meine ich. Er versucht, dich gegen mich aufzubringen, damit du ihm weiter glaubst. Das ist typisch für solche Männer —“

„Sandra.“ Corinnas Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Von den viertausend, die ich dir geliehen habe, stehen noch eintausendachthundert offen. Aber nach dem, was ich heute verstanden habe, sehe ich nicht ein, warum ich dir dabei noch entgegenkomme. Ich richte den Dauerauftrag morgen früh anders ein: Du zahlst den Restbetrag in drei Raten zurück, das Erste in vierzehn Tagen. Wenn nicht, schicke ich dir einen Mahnbescheid. Das ist alles.“

Sie hörte, wie Sandra Luft holte, um zu protestieren. Corinna legte auf.

Es klingelte nicht noch einmal. Sie saß am Fenster, die Stadt blinkte unten, und sie fühlte etwas, das sie beinahe vergessen hatte: die Ruhe, die man empfindet, wenn man endlich nicht mehr mitspielen muss.

Als Jan am Freitag aus Hamburg zurückkam, stand das Abendessen auf dem Tisch — aber es war kein Versöhnungsessen. Es war ein Gespräch über das Foto, über Sandra, über den Oktoberabend. Kein Geschrei, keine Vorwürfe. Nur die Sätze, die seit drei Tagen in Corinnas Kopf sortiert lagen: *Ich will dir glauben. Aber dann sag mir künftig, wenn sie dir schreibt. Und wenn du es mir nicht sagst, und ich es selbst herausfinde, dann such dir einen Anwalt.* Sie sagte es ohne Zorn, als ginge es um die Regeln für den nächsten Urlaub.

Jan schwieg einen Moment, dann sagte er: „Gut. So machen wir das.“ Zum ersten Mal, dachte Corinna, widersprach er nicht, nur um das Gespräch zu beenden. Sondern weil er kapiert hatte, dass er die Bedingungen nicht mehr diktierte.

Am nächsten Morgen, als sie den Kaffee in zwei Becher goss, fiel ihr Blick auf den Küchentisch. Auf dem Platz neben dem Fenster lag ein kleiner brauner Umschlag. Kein Absender. Corinna öffnete ihn.

Ein Foto. Nicht das vom Strandbild, sondern ein anderes: Jan und Corinna auf dem Weihnachtsmarkt am Marienplatz, vor drei Jahren, die Handschuhe ineinander verhakt, die Wangen rot vom Glühwein und der Kälte. Auf der Rückseite stand in Sandras Handschrift, die Corinna aus tausend Geburtstagskarten kannte: *Du hattest nie etwas, was ich nicht brauchte. Und du hast es nicht gesehen.*

Corinna drehte das Foto zweimal in den Händen. Dann steckte sie es zurück in den Umschlag, legte ihn in die Schublade zu den alten Kochbüchern und machte das Fenster auf. Draußen fuhr die Tram die Lindwurmstraße entlang, und aus der Bäckerei im Erdgeschoss zog der Geruch von frischen Brezen herauf.

Es klingelte.

Lukas stand vor der Tür, Emma an der Leine, die auf ihre Art tapfer wackelte, aber den Kopf oben hielt.

„Der Zugang von neulich Nacht“, sagte er. „Sie trinkt wieder. Der Doc sagt, noch ein, zwei Infusionen, dann ist sie über den Berg. Ich wollte dir das nur sagen. Und —“ Er zögerte. „Wir gehen in den Westpark, an die Stelle, wo sie dich damals auf die Wiese gerissen hat. Kommst du mit? Also — wenn du willst. Jan kann ja mitkommen, wenn es ihm lieber ist.“

„Er ist einkaufen“, sagte Corinna. „Ich komm allein. Ich muss dir sowieso was erzählen.“

Sie zog die Wohnungstür zu, und während sie die Treppe hinuntergingen und Emma auf halber Höhe stehen blieb, um an der Tür von Frau Demleitner zu schnuppern, dachte Corinna, dass sie das Foto von Sandra in der Schublade lassen würde. Nicht vergessen. Einfach liegen lassen, dort, wo niemand nachsah.

Im Westpark war das Gras noch feucht vom Morgentau, und Emma zog an der Leine, so gut es ihre alten Läufe eben zuließen, dorthin, wo die Wiese zum See hin abfiel. Lukas ließ sie laufen, ohne sie zu bremsen. Die Sonne knallte auf den Asphaltweg, und ein Kind auf einem roten Roller fuhr klingelnd an ihnen vorbei, so knapp, dass Emma kurz den Kopf hob und ihm mit dem Schwanz hinterherwedelte, als hätte sie nie flach auf einer Wolldecke gelegen.

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Uniad
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