# Abende in einem Haus bei Regensburg

Julia Herrmann kam früher aus der Klinik zurück als geplant, und das Erste, was sie durch die Windschutzscheibe des Taxis sah, war der Wagen von Markus' Schwestern, quer auf der Einfahrt geparkt, als wären sie hastig ausgestiegen. Das Elternhaus am Rand von Regensburg, dasselbe, in dem sie seit neun Jahren wohnte, sah normal aus — Geranien auf der Fensterbank, der Mischlingshund der Nachbarn schnüffelte am Gartentor. Aber irgendetwas in der Luft stimmte nicht, noch bevor sie den Schlüssel umdrehte.

Im Wohnzimmer warteten Kathrin und Eva auf sie, Markus' Schwestern. Der Fernseher war aus, auf dem Tisch standen unberührte Kaffeetassen — jemand hatte sie aufgebrüht, um die Hände beschäftigt zu halten, nicht um zu trinken.

„Julia, setz dich", begann Kathrin, die Ältere, die immer für alle sprach. „Wir müssen reden. Ohne Umschweife."

„Ich komme gerade von der Arbeit" — Julia stellte ihre Tasche auf die Kommode. „Lasst mich wenigstens den Mantel ausziehen."

„Markus hat uns alles erzählt", warf Eva ein, die Jüngere, die schärfere Zunge. „Dass zwischen euch Schluss ist. Dass ihr das nur hinauszögert, weil sich keiner traut, es laut zu sagen."

Julia hängte den Mantel an den Haken neben der Tür. Ihre Bewegungen waren ruhig, als ginge es um Einkäufe fürs Wochenende, nicht um ihre Ehe.

„Was genau hat er gesagt? Dass wir eine schwierige Phase haben? Das kommt vor, in jeder Beziehung, nach elf Jahren."

„Mach dir nichts vor" — Eva trat näher, fast auf Armlänge heran. „Wir sehen doch, wie ihr euch am Tisch nicht mehr ansieht. Zwei Fremde unter einem Dach."

„Wo ist Markus?", fragte Julia.

„Oben. Er kommt runter, wenn wir uns geeinigt haben" — Kathrin hob das Kinn. „Er hat uns gebeten, mit dir zu sprechen. Ihm fällt es schwer, es direkt zu sagen."

„Ihm fällt es schwer", wiederholte Julia, als würde sie den Satz kosten. „Interessante Formulierung."

„Spiel nicht die Märtyrerin", schnaubte Eva. „Du hast aus dieser Ehe alles bekommen, was du wolltest. Acht Jahre bequemes Leben. Du hast von den Kontakten der Familie profitiert."

„Welche Kontakte genau?" — Julia setzte sich auf die Kante des Sofas. „Erzähl mir mehr, das interessiert mich sehr."

Kathrin sah ihre Schwester an. Die Frage brachte sie sichtlich aus dem Konzept.

„Häng dich nicht an Worten auf. Du verstehst schon, was gemeint ist."

„Ich verstehe es seit einem Jahr", nickte Julia. „Seit euer Bruder aufgehört hat, normal mit mir zu reden. Aber ich habe gehofft, das geht vorbei. Dass er es irgendwie klären will."

„Hat er geklärt", warf Eva ein. „Er will die Scheidung. Nur weiß er nicht, wie er es dir sagen soll."

Auf der Treppe waren Schritte zu hören. Markus kam langsam herunter, die Hand am Geländer, in Socken, weil er offenbar nicht damit gerechnet hatte, das Zimmer verlassen zu müssen.

„Hast du alles gehört?" — Kathrin wandte sich an ihren Bruder. „Oder soll ich es wiederholen?"

„Ich habe gehört", Markus blieb auf der letzten Stufe stehen. „Julia, meine Schwestern haben recht. Wir müssen uns trennen."

Julia betrachtete ihren Mann einige Sekunden lang, so aufmerksam, wie man ein Bild betrachtet, das man hundertmal gesehen hat und in dem man jetzt erst die Fälschung bemerkt.

„Hast du das allein entschieden? Oder hat dir jemand geholfen?"

„Es ist die richtige Entscheidung. Für alle" — Markus wich mit den Augen aus.

„Für alle" — Julia neigte den Kopf. „Das heißt, du willst nicht einmal unter vier Augen mit mir sprechen? Ohne Publikum?"

„Wozu?" — mischte sich Kathrin ein. „Damit du ihn wieder für dich einnimmst? Wir kennen dich, Julia."

„Was kennt ihr an mir? Sag es laut. Ich will meine Verbrechen hören."

Eva verzog schief den Mund.

„Du bist clever. Du gibst dich bescheiden, dabei rechnest du alles genau durch. Meinst du, wir haben nicht bemerkt, wie du dir dieses Haus angesehen hast? Die Einrichtung?"

„Welche Einrichtung?" — Julia betrachtete das abgewetzte Sofa, den Teppich, der vor dem Kamin durchgescheuert war. „Diese hier?"

„Du wusstest, dass Mutter eine Firma hat. Dass sie eine wohlhabende Frau ist. Du warst auf ihr Geld aus."

Julia lachte leise. Nicht fröhlich — eher erschöpft, so wie jemand lacht, der zum zweiten Mal im selben Monat denselben Unsinn hört.

„Markus" — wandte sie sich an ihren Mann, die Schwestern ignorierend. „Ich gebe dir eine Chance. Jetzt. Sag ihnen, sie sollen gehen. Sprich mit mir. Ein einziges Mal."

Markus schwieg. Mit den Fingern zupfte er am Rand seines Pullovers.

„Markus. Eine Minute. Eine Entscheidung. Deine."

„Ich…" — er schluckte. „Ich habe dem, was meine Schwestern gesagt haben, nichts hinzuzufügen. Tut mir leid."

Etwas veränderte sich in Julias Gesicht. Die Weichheit verschwand, so wie das Licht aus einem Fenster verschwindet, wenn die Sonne hinter dem Haus gegenüber untergeht. Übrig blieb nur kühle Beherrschtheit.

„Verstanden", nickte sie. „Das vereinfacht vieles."

„Na also, gut" — Kathrin atmete erleichtert auf. „Pack deine Sachen. Die Wohnung deiner Eltern in Regensburg-Stadtamhof steht doch wohl leer. Da kannst du wohnen."

„Woher weißt du von der Wohnung meiner Eltern?" — Julia kniff die Augen zusammen.

Kathrin zögerte.

„Gerüchte. Darum geht es nicht."

„Genau darum geht es" — Julia stand auf. „Ihr wisst vieles nicht über meine Eltern. Und über mich."

„Wir müssen auch nichts über dich wissen", winkte Eva ab. „Verschwinde. Wir streichen dich aus der Familie. Sofort."

Kathrin zeigte triumphierend auf die Tür.

„Der Ausgang ist dort. Du erinnerst dich sicher."

„Ich erinnere mich" — Julia ging zum alten Sekretär in der Ecke des Wohnzimmers. „Nur hole ich vorher noch etwas."

„Was noch?" — Markus versteifte sich. „Da drin sind Mutters Unterlagen. Da hast du nichts zu suchen."

„Da drin sind Unterlagen zum Haus" — Julia öffnete die Schublade. „Die mich unmittelbar betreffen."

Eva prustete los.

„Dich? Wieso das denn? Das ist Mutters Haus. War es und wird es bleiben."

„War", Julia zog einige Blätter heraus. „Genau dieses Wort. War."

Sie drehte sich zu den dreien um, die Papiere in der Hand. Markus wurde blass. Er erkannte den Briefkopf des Immobilienbüros am Neupfarrplatz.

„Was ist das?", seine Stimme brach.

„Das, Markus, sind die Unterlagen des Hauses, aus dem ihr mich gerade so selbstsicher hinauswerft. Die notarielle Urkunde. Das Haus ist auf mich eingetragen. Auf Julia Herrmann, geborene Fischer."

Die Stille dauerte vielleicht fünf Sekunden. Dann brach Kathrin in Geschrei aus.

„Lüge! Das ist eine Fälschung! Mutter hätte das Haus nie ohne unser Wissen verkauft!"

„Sie hat es einer Käuferin verkauft. Über die Agentur. Offiziell. Nach allen Regeln" — Julia sprach langsam, trennte jedes Wort. „Notarielle Unterschrift, Eintrag ins Grundbuch. Alles geprüft."

„An wen?" — Eva packte den Ärmel ihrer Schwester. „An wen hat sie das verkauft?"

„An meine Mutter" — Julia legte die Blätter zusammen. „Sie hat ihren Mädchennamen benutzt. Eure Mutter hat nicht erkannt, mit wem sie es zu tun hat. Danach ging das Haus im Wege einer Schenkung an mich über. Alles registriert. Alles sauber."

Markus wich einen Schritt zurück.

„Das kann nicht sein. Das Haus ist wert…"

„War wert", verbesserte Julia. „Mutter hat den Preis deutlich gedrückt. Eine Freundin von mir arbeitet bei dieser Agentur. Sie hat mich angerufen, als das Haus im Angebot auftauchte. Und hat geholfen, den Verkauf abzuwickeln."

„Du hast es gewusst" — flüsterte Kathrin. „Du hast gewusst, dass Mutters Firma pleite ist?"

„Ich habe es gewusst. Früher als ihr."

„Und hast nichts gesagt? Niemandem?"

„Wozu?" — Julia zuckte mit den Schultern. „Damit ihr über sie herfallt? Damit Markus eine Szene macht? Sie hatte Angst, es euch zu sagen. Sie schämte sich. Und ihr habt all die Monate nur darüber nachgedacht, wie ihr mich loswerdet."

Eva sank aufs Sofa, den eigenen Ohren nicht trauend.

„Deine Eltern… woher hatten sie das Geld?"

„Sie haben alles verkauft. Das Grundstück am Chiemsee. Die Eigentumswohnung im Plattenbau in Königswiesen. Das Auto. Alles, was sie hatten. Weil ich sie darum gebeten habe."

„Du hast sie gebeten?" — Markus starrte seine Frau an. „Du hast deine Eltern gebeten, das Haus meiner Mutter zu kaufen?"

„Ja. Weil ich dich geliebt habe. Weil ich deine Familie vor der Schande retten wollte. Vor den Schulden beim Gerichtsvollzieher. Davor, dass deine Mutter auf der Straße landet."

Markus' Handy klingelte. Er nahm ab, ohne aufs Display zu schauen.

„Markus? Ich bin's, Mama. Ich bin auf dem Rückweg. Ich muss euch etwas erklären. Zur Firma. Zum Haus…"

„Ich weiß", unterbrach er sie. „Wir wissen es schon alle."

Am anderen Ende trat Stille ein.

„Woher?", die Stimme der Schwiegermutter zitterte.

„Julia hat es gesagt. Sie…" — Markus brachte den Satz nicht zu Ende.

Julia nahm ihm das Telefon aus der Hand.

„Frau Herrmann? Hier ist Julia. Machen Sie sich keine Sorgen. Sie können im Haus wohnen bleiben, bis Sie sich neu eingerichtet haben. Ich hatte nie vor, Sie von hier zu vertreiben. Niemals."

Sie legte das Telefon auf die Kommode, neben die Vase mit den seit einer Woche vertrockneten Hortensien, die niemand ausgetauscht hatte. Kathrin und Eva saßen bewegungslos da, als hätte jemand den Ton abgestellt. Markus stand auf der untersten Treppenstufe, in Socken, die Hände hilflos an den Seiten.

„Julia" — begann er schließlich. „Das verändert alles. Ich wollte nicht…"

„Ich weiß, was du wolltest" — Julia schob die Unterlagen in eine Mappe, die sie aus demselben Sekretär genommen hatte. Sie zog den Reißverschluss mit einer Bewegung zu. „Du wolltest, dass ich einfach verschwinde, sobald es euch passt. Das Problem ist nur, das ist nicht mehr das Haus deiner Mutter, Markus. Und es ist auch nicht dein Haus. Es ist meins."

„Was machst du jetzt?", fragte Eva leise, zum ersten Mal ohne Gift in der Stimme.

„Nichts Dramatisches" — Julia klemmte sich die Mappe unter den Arm. „Morgen früh gehe ich zum Notar am Domplatz. Ich werde für Frau Herrmann ein lebenslanges Wohnrecht im Erdgeschoss des Hauses eintragen lassen — Zimmer und Bad im Erdgeschoss, damit sie keine Treppen steigen muss. Das ist alles, was ich ihr gebe, und nicht, weil ich müsste."

„Und ich?", fragte Markus.

„Du hast einen Monat Zeit auszuziehen. Deine Sachen kannst du alle mitnehmen, auch das Fahrrad in der Garage, das du sowieso nie benutzt. Die Scheidungsunterlagen reiche ich nächste Woche ein. Du hast einundzwanzig Tage Zeit für eine Antwort, bevor die Sache vor das Amtsgericht Regensburg kommt."

Niemand sagte etwas. Draußen bellte der Nachbarshund irgendetwas im Gebüsch an, ganz normal, als wäre nichts geschehen. Julia knöpfte ihren Mantel zu, nahm die Mappe und die Schlüssel für ihr Auto aus der Schale neben der Tür — dieselben Schlüssel, die Markus ihr vor acht Jahren mit einer roten Schleife geschenkt hatte, mit den Worten, das sei jetzt auch ihr Zuhause.

„Das Schloss der Haustür lasse ich nächste Woche austauschen", fügte sie schon an der Schwelle hinzu, ohne sich umzudrehen. „Neue Schlüssel bekommt nur Frau Herrmann."

Die Tür schloss sich leise. Auf der Einfahrt stand noch immer der quer geparkte Wagen der Schwestern — sie mussten ihn jetzt umstellen, damit Julia herausfahren konnte.

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Uniad
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