Der Kater vom Rasthof Frankenwald

Detlef Brandner hielt sich zwölf Jahre lang an eine einzige Regel: in seine Zugmaschine kommt niemand rein. Keine Anhalter, keine Beifahrer, keine Kollegen mit "ach komm, ist doch auf dem Weg". Das Führerhaus war sein Reich, anderthalb Quadratmeter, in denen alles seinen Platz hatte und niemand fragte, warum er so wortkarg war. Die Regel hielt bis zum vierten März.

Er transportierte an diesem Abend Fliesen von Nürnberg nach Erfurt und saß bereits die neunte Stunde am Steuer. Kein richtiger Regen, eher Nieselgraupel, so ein feiner, klebriger Kram, bei dem die Scheibenwischer nur das Licht der Gegenverkehr-Scheinwerfer verschmieren. Der Rücken taub. Der Kaffee in der Thermoskanne war der vom Morgen, kalt und bitter, aber Brandner trank seit Jahren keinen anderen.

"Noch fünfzehn Kilometer bis zum Rasthof Frankenwald", sagte er laut, nur um irgendeine Stimme zu hören.

Da schoss etwas unter den Reifen eines entgegenkommenden Wagens hervor. Grau, klein, schnell. Direkt auf seine Spur.

"Verdammter Mist!"

Er trat die Bremse durch. Der Sattelschlepper brüllte auf, der Aufbau ruckte, hinten polterten Paletten. Der Gurt riss ihn zurück, dass es ihm schwarz vor Augen wurde.

Stille. Nur die Wischer: tock-tock, tock-tock.

Er stieg aus, ließ den Motor laufen. Die Beine wie Gummi. Mit der Taschenlampe leuchtete er das nasse Gras am Straßenrand ab — und sah es. Ein Kätzchen lag im Gras. Grau, dreckverschmiert, die Rippen selbst durchs Fell zu zählen. Es sah zu ihm hoch, die Augen groß wie Groschenstücke, und piepste — dünn, fast lautlos, nur mit dem Maul.

"Lebt noch", stieß Brandner hervor. "Tatsächlich. Lebt noch."

Das Tier versuchte aufzustehen, die Pfoten rutschten weg, es kippte zur Seite und piepste liegend weiter.

Er stand drei Minuten davor. Der Kragen war schon durchnässt. Autos rauschten vorbei, spritzten ihn nass, keins bremste.

"Was soll ich bloß mit dir anfangen, hm?"

Das Kätzchen schwieg.

"Bis zum Rasthof nehm ich dich mit", entschied er. "Dann sehen wir weiter."

Er hob es mit einer Hand hoch — es passte komplett in seine Handfläche — und steckte es unter die Jacke. Es wehrte sich nicht, drückte sich nur an den Pullover und wurde still.

Im Führerhaus fand sich ein Schuhkarton. Brandner warf ein altes Flanellhemd hinein, setzte das Tier hinein.

"Sei brav da drin. Keine Extratouren, verstanden?"

Das Kätzchen rollte sich zusammen und schloss die Augen. Nach fünf Minuten schlief es schon.

Der Rasthof empfing sie mit weißem Neonlicht und Dieselgeruch. Brandner stellte den Motor ab, und die Stille nach neun Stunden Fahrt schlug ihm in die Ohren. Er nahm den Karton. Das Kätzchen wachte auf, hob den Kopf, miaute. Nicht laut. Fragend.

"Angekommen", sagte er. "Hier sind rund um die Uhr Leute. Irgendwer nimmt dich mit. Warm ist es unterm Vordach, kein Regen."

Er stellte den Karton an die Wand, wo die Warmluft aus der Lüftung strömte. Das Kätzchen streckte den Kopf über den Rand. Brandner drehte sich um und ging zum Sattelschlepper. Zwanzig Schritte. Dreißig. Hinter ihm piepste es.

Er öffnete die Fahrertür. Blieb stehen. Fluchte leise, warf den Schlüssel auf den Sitz und ging zurück.

"Na gut", sagte er und hob den Karton wieder auf. "Nur für eine Nacht. Hörst du? Nur eine. Morgen früh lass ich dich hier."

Das Kätzchen miaute — und Brandner kam es vor, als hätte es zugestimmt.

Im Führerhaus wollte es nicht im Karton bleiben. Es kletterte an seiner Jeans hoch, aufs Knie, und fing an zu schnurren. Laut, angestrengt, wie ein alter Kühlschrank.

"Wo willst du hin? Ab, runter mit dir."

Es krallte sich in den Stoff und blieb. Brandner klappte die Lehne zurück, deckte sich mit der Jacke zu. Das Kätzchen wanderte auf seine Brust, trat sich zurecht und ließ sich genau über dem Herzen nieder.

"Morgen lass ich dich da", murmelte er im Einschlafen. "Ganz sicher."

Um sechs wachte er auf. Das Kätzchen lag noch immer da und starrte ihn an, ohne zu blinzeln.

"Du bist mir vielleicht eine freche Nummer", sagte Brandner. "Na gut. Noch ein Tag. Der letzte."

Für diesen "letzten Tag" reichte es dann für Milch aus dem Tankstellenshop, ein Plastikschälchen und eine Packung Taschentücher — sicherheitshalber. Die Milch schleckte das Kätzchen so gierig, dass die Ohren wackelten. Danach putzte es sich mit der Pfote, sorgfältig, erwachsen, als hätte es sein Leben lang nichts anderes getan.

"Lernst schnell", gab Brandner zu.

Am Abend saß es schon nicht mehr im Karton, sondern auf dem Armaturenbrett. Beobachtete die Straße so konzentriert, als hätte es zu jedem Gegenverkehr eine eigene Meinung.

"Fall mir da bloß nicht runter", warnte er. "Sonst klebst du an der Frontscheibe."

Kurz vor der Stadt zog jemand voraus über die durchgezogene Linie zum Überholen.

"Hast du das gesehen?", schimpfte Brandner. "So ein Vollpfosten. Und dann steht man zwei Wochen später in der Werkstatt."

Das Kätzchen miaute.

"Eben, genau das mein ich."

Er ertappte sich dabei, wie er sprach. Laut. Nicht mit sich selbst, wie es einem in der vierten Stunde der Fahrt passiert, sondern — mit jemandem.

Abends holte er sein Handy raus und fotografierte das Tier. Es war gerade aufs Lenkrad geklettert und saß dort mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der genau weiß, wohin die Reise geht. Das Foto schickte er an Marion. Zum ersten Mal seit Monaten schrieb er ihr zuerst.

"Darf vorstellen. Mein neuer Co-Pilot."

Marion tippte lange. Dann kam: "Du? Mit einer Katze?" Und eine Minute später noch: "Hätte nicht gedacht, dass du dich um irgendwas kümmern kannst."

Brandner starrte auf den Bildschirm und wusste nicht, was er antworten sollte. Denn sie hatte recht. Einundzwanzig Jahre zusammen, und die meiste Zeit davon war er entweder unterwegs oder schlief sich für die Tour aus.

Seinen Sohn rief er am nächsten Tag an. Einfach so. Zum ersten Mal einfach so.

Kevin nahm nicht sofort ab.

"Papa? Ist was passiert?"

"Nichts ist passiert."

"Sicher? Du rufst doch nie ohne Grund an."

"Das ist das erste Mal, dass ich es tu." Brandner schwieg kurz. "Sag mal. Weißt du noch, du wolltest mit neun ne Katze?"

Am anderen Ende wurde es still.

"Weiß ich noch", sagte Kevin. "Du hast gesagt, wir brauchen keinen zusätzlichen Aufwand."

"Hab ich gesagt." Brandner räusperte sich. "Ich hab, Junge, damals Blödsinn geredet. Ich hab jetzt eine Katze aufgesammelt. Auf der Autobahn. So ein graues, dünnes Ding."

Wieder Stille. Lang.

"Geht's dir gut?", fragte Kevin vorsichtig.

"Alles gut. Hab's mir einfach anders überlegt. Spät, aber überlegt."

"Das ist schön", sagte der Sohn mit einer fremd klingenden Stimme. "Das ist wirklich schön, Papa."

"Ich weiß bloß nicht, wie ich ihn nennen soll."

Kevin antwortete sofort, ohne Zögern: "Klaus."

"Warum Klaus?"

"Weil ich mir den Namen damals schon ausgedacht hatte. Noch bevor ich dich gefragt hab. Bin ne Woche lang rumgelaufen und hab überlegt."

Brandner saß lange mit dem Handy in der Hand da und schaute auf das Kätzchen, das sich gerade auf dem Handschuhfach zusammenrollte.

"Gehört?", sagte er schließlich. "Du bist Klaus. Man hat vierzehn Jahre auf dich gewartet, wie sich rausstellt."

Es folgte der April. Klaus wuchs, wurde rundlicher, aus dem grauen Lumpenfell wurde ein ordentliches Katzenfell. Er lernte die Straße zu spüren: Vor Kurven duckte er sich schon vorher ans Polster, vor dem Bremsen machte er sich klein. Brandner baute ihm ein Körbchen hinter dem Fahrersitz, kaufte anständiges Katzenfutter statt Milch und fing an, eine eigene Wasserflasche für die Katze mitzuführen.

"Total verwöhnt", brummte er. "Lebst besser als so mancher Mensch."

Marion rief jetzt jeden Abend an. Nicht "wo bist du" und nicht "wann kommt Geld", sondern einfach so.

"Wie geht's euch?"

"Gut. Wir bringen Kaffee nach Rostock. Klaus kontrolliert die Strecke."

"Grüß ihn von mir."

Brandner ertappte sich dabei, dass er auf diese Anrufe wartete. Dass er gegen acht das Freizeichen lauter stellte, um bloß keinen zu verpassen.

Der Thüringer Wald empfing sie so, wie er es immer tat — ohne Vorwarnung. Morgens war es minus zwei Grad und Sonne. Um sechs Uhr abends, auf der Passhöhe hinterm Rennsteig, begann etwas, das Brandner in zwanzig Jahren vielleicht dreimal erlebt hatte. Zuerst fielen dicke, flockige Schneeflocken, fast feierlich. Dann kam Wind auf, der Schnee fiel nicht mehr, er flog waagerecht. Sichtweite: zehn Meter. Winterreifen hatte er schon im Oktober aufgezogen, aber die besten Reifen helfen nichts, wenn man nicht sieht, wohin man fährt.

"Schlechte Sache, Klaus", sagte Brandner. "Wir schaffen's bis zum nächsten Rasthof und warten's ab."

Bis zum Rasthof waren es noch elf Kilometer.

Der Schneesturm nahm ihm die Straße komplett — nicht nur die Sicht, auch das Gefühl für die Fahrbahn. Brandner klemmte sich hinters Lenkrad, den Blick starr auf die Stelle gerichtet, wo eigentlich die Mittellinie sein müsste, und fuhr im Schritttempo. Zwanzig Stundenkilometer. Fünfzehn. Klaus rutschte vom Handschuhfach herunter, drängte sich zwischen Bein und Sitzkante und blieb dort reglos hocken, als hätte auch er verstanden, dass jetzt keine Geräusche gefragt waren.

Nach vier Kilometern spürte Brandner, wie das Heck wegzurutschen begann. Er nahm den Fuß vom Gas, lenkte instinktiv in die Richtung des Rutschens, wie er es zwanzig Jahre lang gelernt hatte — und der Sattelschlepper fing sich, kam an der Leitplanke zum Stehen, ohne sie zu berühren. Zehn Zentimeter Abstand. Er saß eine Minute reglos da, nur das Warnblinklicht tickte im selben Rhythmus wie sein Puls.

"Das war knapp, Klaus", sagte er, und die Stimme zitterte, was ihm selbst nicht gefiel.

Ein Lastwagen-Kollege aus dem Funk, ein gewisser Torben, der eine Kilometer voraus stand, meldete sich über CB-Funk: Die Straße sei ab Kilometer 34 komplett zugeweht, die Autobahnpolizei habe die Strecke gesperrt, Rettungskräfte kämen erst durch, wenn die Räumfahrzeuge durch seien — vermutlich erst gegen Mitternacht. Brandner blieb also stehen, wo er stand, den Motor im Leerlauf, die Warnblinkanlage an, und wartete.

Zwei Stunden saß er so da, mit Klaus unter der Jacke, während draußen der Wind am Aufbau rüttelte, dass die ganze Kabine leicht schaukelte. Er rief Marion an, einfach damit jemand wusste, wo er war, falls etwas passierte. Sie blieb am Telefon, redete über nichts Besonderes — über den Nachbarn, der seinen Gartenzaun streicht, über den Fernsehfilm, den sie gerade nicht zu Ende geschaut hatte — nur damit die Verbindung nicht abriss, nur damit er nicht allein war mit dem heulenden Wind.

Gegen Mitternacht kam der Streudienst durch. Ein orangefarbenes Räumfahrzeug tauchte aus dem Schneetreiben auf wie ein Geist, mit rotierendem Rundumlicht, und schob eine Bugwelle aus Schnee vor sich her. Brandner reihte sich hinter dem Räumfahrzeug ein, im Schritttempo, bis nach elf Kilometern die Lichter des Rasthofs Frankenwald aus dem Schneetreiben auftauchten wie ein Versprechen. Er lenkte den Sattelschlepper auf den Parkplatz, stellte den Motor ab und blieb einfach sitzen, die Hände noch am Lenkrad, während Klaus sich aus seiner Jacke herausschälte und ihm mit der Pfote gegen den Arm tapste, als wollte er sagen: geschafft.

Er nahm sich ein Zimmer in der Fahrerraststätte, das erste Mal seit Jahren, dass er nicht in der Kabine übernachtete. Klaus schlief auf dem Kopfkissen neben ihm, den kleinen Körper an seine Schulter gedrückt.

Sechs Monate später, im September, stand Brandners Sattelschlepper wieder auf dem Hof in Nürnberg, diesmal für eine längere Standzeit — Wartung, neue Bremsbeläge, ein Termin, den er sonst immer aufgeschoben hätte. Marion war eingezogen, in die Zweizimmerwohnung, die er seit der Trennung allein bewohnt hatte, und auf dem Küchentisch stand jetzt ein zweiter Wassernapf neben Klaus' Futterschüssel, weil Kevin am Wochenende seinen eigenen Kater mitbrachte, wenn er zu Besuch kam. Brandner erfuhr erst da, beim Aufräumen einer alten Kiste mit Kevins Kinderzeichnungen, dass sein Sohn mit neun Jahren tatsächlich ein Bild gemalt hatte: ein graues Kätzchen, "Klaus" in Kinderschrift daruntergeschrieben, datiert auf ein Jahr, das vierzehn Jahre zurücklag. Er faltete das Blatt zusammen und steckte es in sein Portemonnaie, hinter den Führerschein, wo es seitdem liegen blieb.

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