In der JVA Chemnitz kam an einem Dienstag im November eine Neue an. Schlank, still, die Hände in den Taschen ihrer grauen Anstaltsjacke. Was den Frauen im Aufenthaltsraum zuerst auffiel, waren die Tätowierungen: am Hals, an den Unterarmen, am Ansatz des Schlüsselbeins. Nicht diese verwaschenen blauen Gefängniskritzeleien, die viele kannten. Sondern saubere Linien, die aussahen wie mit Tusche und Ruhe gestochen. Motive, die keiner richtig zuordnen konnte.
Sie hieß Sina. Setzte sich beim Abendessen an den äußersten Tisch, aß ihre Kartoffeln mit Quark, antwortete auf Fragen mit höchstens drei Wörtern. In den ersten Tagen versuchten ein paar Frauen, sie auszuhorchen. Woher, was sie gemacht hat, wie lange sie drin ist. Sina hob nicht mal den Kopf. Irgendwann ließen sie es.
Nur eine ließ nicht locker.
Ramona war seit vier Jahren in Chemnitz und hatte sich ihren Platz ganz nach oben gebaut. Nicht durch Schlägereien allein — obwohl sie davon genug hinter sich hatte — sondern durch ein System. Wer in ihrer Nähe schlafen wollte, gab ihr Kaffee ab. Wer beim Hofgang neben ihr laufen durfte, wusch ihre Wäsche. Und wer ihr Essen behielt, hatte Ruhe. So einfach war das. Und wer sich wehrte, lag in der Krankenstation oder bat um Verlegung.
Beim Mittagessen kamen täglich die kleinen Tribute: ein Apfel, ein Stück Brot, manchmal die ganze Schale Kartoffelgratin. Ramona saß am Tisch neben dem Tresen, breit wie ein Schrank, und ließ die Frauen an sich vorbeiziehen. Manche stellten ihr das Essen einfach hin, ohne hinzusehen.
Sina stellte nichts hin. Sie aß allein, an ihrem Platz am Fenster, den Rücken halb zur Wand. Das fiel Ramona am fünften Tag auf.
Am sechsten Tag stand sie auf.
Es war kurz vor zwölf, der Speisesaal voll, das Licht von draußen fahl durch die hohen Milchglasfenster. Auf dem Weg zu Sinas Tisch wurde es leiser. Eine Frau zog ihren Teller näher an sich heran. Eine andere stand auf und ging Richtung Ausgabe, als müsste sie dort etwas holen, was es gar nicht gab.
Ramona blieb vor Sina stehen. Sie sagte nichts. Sie legte nur ihre Hand auf den Rand von Sinas Tablett und zog es zu sich.
„Du isst heute nichts.“
Sina hob den Kopf. Ruhig, nicht erschrocken. „Fass mein Essen nicht an.“
Nebenan hörte man nur noch das Klappern von Besteck. Alle wussten, wie das endet, wenn jemand Ramona so antwortet.
Ramona zog das Tablett trotzdem zu sich. Linsen und ein Stück Wurst fielen auf den Boden, die Schale kippte, Soße spritzte über Ramonas Unterarm. Im Speisesaal war es jetzt so still, dass man das Summen der Leuchtstoffröhre hörte.
„Weißt du, wie man hier Respekt lernt?“, fragte Ramona leise.
Sina stand nicht auf. Sie zog nur ihre Ärmel ein Stück über die Tätowierungen und legte die Hände flach auf den Tisch. Einmal kurz, als würde sie etwas abmessen.
„Dann versuch’s.“
Ramona griff nach ihr.
Was dann passierte, begriffen die meisten Frauen erst, als es schon vorbei war. Ramona war schnell, dafür war sie berüchtigt. Doch als ihre Hand an Sinas Schulter zupacken wollte, war die Schulter nicht mehr da. Sina drehte den Oberkörper um eine halbe Handbreit zur Seite, Ramonas Schwung ging ins Leere, und im nächsten Moment lag sie auf dem Boden des Speisesaals. Auf dem Rücken, neben ihrer eigenen Serviette, die ihr aus der Tasche gefallen war.
Kein Schlag war gefallen. Kein Schrei. Nur ein dumpfer Aufprall und das Quietschen eines Stuhls.
Ramona rappelte sich hoch. Sie atmete schwer. Man sah ihr an, dass sie nicht verstand, was gerade passiert war. Sie griff noch einmal an, mit beiden Händen diesmal, wie beim Ringkampf. Sina fing ihr Handgelenk ab, drehte es in einem Winkel, den man kaum benennen konnte, und Ramona knickte seitlich weg wie ein Kartenhaus. Wieder Boden.
Jetzt blieb Ramona liegen. Keuchend, beide Handflächen auf den Fliesen, den Kopf gesenkt.
„Wer bist du?“, fragte sie.
Sina sah sie an. „Jemand, dessen Essen du nicht mehr anfasst.“
Dann nahm sie die heruntergefallene Plastikschale auf, stellte sie zurück auf das Tablett und ging zum Ausgabefenster. Als ob nichts gewesen wäre.
Ich arbeite seit elf Jahren in der Anstaltsküche der JVA Chemnitz. An diesem Mittag stand ich am Ausgabefenster mit einer Kelle Kartoffelgratin in der Hand, mitten in der Bewegung, den Arm halb ausgestreckt zu einem Tablett, das nie kam. Der Geruch von Bratensoße hing schwer im Raum, und ich roch auf einmal auch das Desinfektionsmittel vom Boden, das jemand am Morgen zu großzügig aufgetragen hatte. Ich zählte später nach, wie viele Sekunden es gedauert hatte, von Ramonas Griff bis zu ihrem zweiten Sturz. Es waren keine sieben.
An dem Abend wurde im Schlafsaal geredet. Nicht über Ramona, sondern über das, was Sina getan hatte. Es war nicht brutal gewesen. Es war präzise. Bewegungen, die nicht nach Selbstverteidigung aussahen, sondern nach Ausbildung. Nach Kampfsport, wie ihn keine der Frauen im Gefängnis je gelernt hatte. Vielleicht Militär, meinte eine. Vielleicht Personenschutz, sagte eine andere. Niemand wusste es. Und Sina erzählte es keinem.
In den nächsten Wochen beobachtete ich sie öfter. Ich sehe, wer wem Kaffee bringt, wer sein Brot wegwirft, wer beim Essen den Kopf hängen lässt. Sina aß nach dem Vorfall immer am selben Platz. Allein, aber nicht einsam. Das war der Unterschied.
Ramona brauchte drei Tage, um wieder in den Speisesaal zu kommen, ohne dass ihr jemand hinterhersah. Am vierten Tag setzte sie sich nicht mehr an ihren Tisch neben dem Tresen, sondern zwei Reihen weiter, näher am Fenster. Eine Frau schob ihr aus alter Gewohnheit einen halben Apfel hin. Ramona schob ihn zurück, ohne aufzusehen, und aß nur, was auf ihrem eigenen Tablett lag. Das machte sie danach jeden Tag so. Nicht aus Angst, wie manche zuerst dachten — sie hätte Sina jederzeit aus dem Weg gehen können. Sondern als würde sie sich selbst prüfen, ob sie es aushielt, nichts mehr zu nehmen.
Einmal, im Januar, kam eine Neue. Achtzehn, hellblond, völlig verängstigt. Sie hörte als Erstes die Geschichte von Sina und Ramona — sie wird bei jeder Neueinlieferung weitererzählt, wie eine Art Warnung. Am zweiten Tag stellte sie ihr Essen neben sich auf den Tisch, weil sie dachte, Ramona würde es ihr sonst wegnehmen. Ramona sah das Tablett an, stand auf und ging rüber. Die Kleine wurde blass.
„Nimm das“, sagte Ramona. „Ich will dein Essen nicht.“
Dann drehte sie sich um und setzte sich wieder.
Im März, beim Hofgang, sah ich die beiden zum ersten Mal nebeneinander laufen. Es war kalt, der Atem stand ihnen vor dem Mund. Ramona zeigte auf Sinas Unterarm, auf eine der Linien am Handgelenk, ein Muster aus drei ineinander verschlungenen Kreisen. Ich stand zu weit weg, um alles zu hören, aber ich sah, wie Sina den Ärmel ein Stück hochschob und etwas sagte, kurz, ohne Umschweife. Ramona nickte einmal und lachte kurz auf, überrascht, nicht spöttisch. Später erzählte mir eine der Aufseherinnen, Ramona habe danach zu jemandem gesagt, das Zeichen bedeute so etwas wie „drei Jahre, drei Länder, ein Vertrag“ — mehr habe Sina nicht preisgegeben, und Ramona habe nicht weitergefragt. Ob es stimmte, weiß ich nicht. Aber von da an redeten die beiden beim Hofgang öfter, nie lang, nie laut.
Ramonas Entlassung war im Juli. Es regnete an dem Morgen, und der Hof war nass, die Markierungen zwischen den Gehwegen standen unter Wasser. Ramona gab bei der Küche noch ihr Tablett ab — sauber abgewischt, wie sie es seit Monaten machte — und ging zum Tor. Ich habe gesehen, wie sie sich einmal umsah. Nicht zu den anderen, sondern dorthin, wo Sina beim Rundgang stand, die Kapuze über den Kopf gezogen, Regentropfen auf den Linien an ihrem Hals.
Sina hob die Hand, kurz, zwei Finger nur, mehr eine Bestätigung als ein Winken.
Dann ging Ramona raus, und das Tor fiel hinter ihr ins Schloss.
Ich stand noch am Ausgabefenster, das leere Tablett in der Hand, und stellte es zurück auf den Stapel. Es klapperte einmal gegen das nächste, und dann war es still bis zum Nachmittagsessen.
