Ich bin Immobilienmaklerin in Freiburg, und diese Wohnung mit dem kleinen Balkon zum Innenhof bekam ich im November auf den Tisch. Zwei Zimmer, hohe Decken, alte Dielen, die seit zwanzig Jahren niemand mehr abgeschliffen hatte. Die Eigentümerin, eine Frau um die siebzig, wollte verkaufen, weil sie in ein betreutes Wohnen am Stadtrand zog. Sie hieß Helga Brunner, und als ich zum ersten Mal bei ihr klingelte, trug sie einen lila Wollschal im Haus und führte mich durch die Räume, als würde sie einen Gast empfangen, keinen Makler.
Im Wohnzimmer stand über dem Fenster ein Ölbild vom Feldberg, an der Wand daneben eine Kuckucksuhr, die um sechs Minuten nachging. Vor dem Balkonfenster hingen zwei Ampeln mit Fuchsien, die im November noch blühten – das kann in Freiburg passieren, wenn der Herbst lang und warm bleibt. Auf dem Küchentisch lag ein aufgeschlagenes Familienalbum, und daneben dampfte eine Tasse Kamillentee, den niemand angerührt hatte.
Frau Brunner setzte sich mir gegenüber an den Tisch und schob mir eine Mappe mit Unterlagen zu. Grundbuchauszug, Energieausweis, Teilungserklärung. Alles ordentlich, mit Büroklammern und beschrifteten Klebezetteln. Sie hatte Jahrzehnte als Sekretärin im Landratsamt gearbeitet, das erklärte einiges.
„Der Preis steht im Exposé“, sagte sie. „Ich will keine Verhandlung. Wer zuerst kommt, bekommt sie.“
Ich nickte und machte mir eine Notiz. 285.000 Euro. Für die Lage keine Fantasiezahl, eher etwas darunter. Da würde es Anfragen geben.
„Und ich will nicht, dass Sie mit meinem Bruder sprechen“, fügte sie hinzu.
Ich sah auf. Sie faltete die Hände auf dem Album, so fest, dass die Knöchel weiß wurden.
„Mit wem?“
„Mit meinem Bruder. Werner. Er wird anrufen. Er hat immer irgendwoher gewusst, wenn ich etwas verkaufen wollte, und dann hat er angerufen und geredet, und am Ende hatte er, was er wollte.“
Sie zog das Album zu sich heran und klappte es zu, als wäre da drin etwas, das nicht für mich bestimmt war.
„Mein Vater hat mir die Wohnung überschrieben, als ich sechsundvierzig war. Mein Bruder hatte zu dem Zeitpunkt schon das Haus in Gundelfingen bekommen. Der Vater hat immer gesagt, so ist es gerecht. Die Wohnung für die Tochter, das Haus für den Sohn. Werner hat das nie reingepasst. Er fand, die Wohnung ist mehr wert. Dabei hat er das Haus verkauft, zwei Jahre später, für eine Summe, von der ich nicht sprechen will. Und danach kam er trotzdem zu mir und wollte, dass ich die Wohnung mit ihm teile. Weil es doch Familiensache sei.“
Sie stand auf, ging ans Fenster und drehte eine der Fuchsienampeln, damit die verblühten Blüten nach innen hingen.
„Ich habe nein gesagt. Einmal im Leben. Einmal. Und wissen Sie, was er dann getan hat?“
Ich schüttelte den Kopf. Sie nahm einen der verwelkten Blütenkelche zwischen Daumen und Zeigefinger und zupfte ihn ab.
„Er hat meinen Kindern erzählt, ich hätte unserem Vater die Unterschrift unter das Testament stibitzt. Die Kinder waren damals siebzehn und neunzehn. Sie haben nicht alles verstanden, aber sie haben gespürt, dass etwas Schlimmes passiert war. Und Werner hat so lange mit ihnen geredet, bis sie mir nicht mehr geglaubt haben. Drei Jahre lang hat meine Tochter nicht mit mir gesprochen. Drei Jahre. Mein Sohn hat mir irgendwann eine Postkarte aus Berlin geschrieben, auf der nur stand: „Melde dich, wenn du die Wahrheit sagen willst.“
Ich legte den Kugelschreiber weg. Draußen auf dem Innenhof schlug jemand einen Teppich aus, die dumpfen Schläge hallten durch die Gasse. Frau Brunner ließ den Fenstergriff los und kam zum Tisch zurück.
„Mein Mann hat gesagt, ich soll aufhören zu kämpfen, das würde mich krank machen. Vielleicht hatte er recht. Aber jetzt will ich die Wohnung verkaufen, und ich will, dass keiner ihn anruft. Und jetzt sagen Sie mir, wie das geht.“
Ich blätterte die Mappe durch, um Zeit zu gewinnen. Rechtlich war das einfach. Sie war alleinige Eigentümerin. Sie konnte verkaufen, ohne den Bruder zu informieren, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. Schwieriger wurde es mit den vielen kleinen Dingen, die ein Verkauf mit sich bringt: der Energieberater muss in die Wohnung, der Notar braucht einen Termin, die Bank will Unterlagen. Und jemand musste das Schlafzimmer ausräumen, die Küche, den Keller. Überall Gelegenheiten, bei denen ein Dritter etwas mitbekommen konnte.
„Ich brauche von Ihnen die Vollmacht, dass ich alleine handeln darf“, sagte ich. „Dann muss ich Ihren Bruder nirgends erwähnen. Aber wenn er anruft, kann ich nicht lügen. Ich kann nur sagen, dass ich keine Auskunft gebe.“
Sie nickte. Dann schob sie mir einen Zettel über den Tisch. Oben stand in blauer Tinte: „Für den Fall, dass Werner sich meldet.“ Darunter zwei Sätze, unterstrichen: „Keine Auskunft. Keine Vermittlung. Keine Weitergabe von Unterlagen.“
Ich steckte den Zettel in die Mappe. „Ich kümmere mich darum.“
In den folgenden Tagen besorgte ich den Energieberater, machte Fotos fürs Exposé, ließ den Grundriss neu zeichnen. Frau Brunner packte derweil ihre Kartons. Das Familienalbum legte sie ganz nach unten in eine Kiste, die mit „Keller“ beschriftet war. Ich sah, wie sie ein Foto von zwei Kindern herauszog, es lange ansah und dann wieder zwischen die Seiten schob.
Am Donnerstag, dem dritten Tag nach meinem Besuch, klingelte mein Handy. Die Nummer war unterdrückt.
„Kramer Immobilien, mein Name ist Krämer.“
„Fränze, ich weiß, wer Sie sind“, sagte eine Männerstimme. „Sie verkaufen die Wohnung meiner Schwester. Ich will nur einen Termin, um mir das mal anzusehen. Ich habe ein Anrecht, das verstehen Sie sicher.“
Ich legte den Hörer nicht auf. Ich sah auf den Zettel mit den zwei Sätzen und auf die blauen Unterstreichungen.
„Wie heißen Sie?“, fragte ich.
„Werner Brunner. Der Bruder der Eigentümerin.“
„Herr Brunner, ich bin nicht befugt, Ihnen etwas über einen laufenden Vertrag zu sagen. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich an Ihre Schwester.“
„Die redet nicht mit mir“, sagte er. Das kam schnell, zu schnell, als hätte er den Satz schon hundertmal gesagt.
„Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen.“
„Hören Sie, Fränze. Ich will nicht über den Preis reden. Ich will nur, dass die Wohnung nicht unter Wert weggingeht. Die hat mal unserem Vater gehört. Da hängt so viel dran, das können Sie gar nicht wissen. Wenn ich sehe, was drinsteht, kann ich Ihnen sogar helfen, den Preis zu halten. Vielleicht bekommen Sie dann mehr raus. Das ist doch in Ihrem Interesse.“
Ich schwieg. In der Leitung rauschte es, wie bei einem Anruf aus einem Auto mit offenem Fenster.
„Geben Sie mir nur den Tag der Besichtigung“, sagte er. „Ich komme dann wie jeder andere Interessent. Ich sage auch nicht, wer ich bin. Dann sehen Sie doch selbst, ob ich störe.“
Ich stand am Fenster meines Büros in der Wiehre und schaute auf die Straßenbahn, die gerade die Haltestelle verließ. Auf dem Schreibtisch lag der Grundriss von Helga Brunners Wohnung, daneben mein Notizblock. Ich nahm den Zettel aus der Mappe und strich mit dem Finger über die Unterstreichung.
„Die Besichtigungstermine vergebe ich nicht telefonisch“, sagte ich. „Wenn Sie möchten, schreibe ich Sie auf die unverbindliche Liste. Dann rufe ich Sie zurück, wenn es so weit ist.“
„Das ist alles, worum ich bitte.“
Ich schrieb seinen Namen nicht auf. Ich legte den Stift quer über den Block und sagte: „Ich habe keine Liste.“
Es war still in der Leitung. Er wartete. Ich hörte, wie jemand im Hintergrund eine Autotür zuschlug.
„Dann richten Sie meiner Schwester wenigstens aus, dass ich sie nicht übernehme“, sagte er. „Dass ich nur helfen will. Das können Sie doch tun. Das ist doch keine Auskunft.“
Ich dachte an Helga Brunner am Küchentisch, die Hände auf dem Album, das Zuklappen des Deckels, das leise Geräusch, mit dem die Seiten zusammenfielen. Ich dachte an die Kuckucksuhr, die um sechs Minuten nachging, und an die beiden Ampeln mit den Fuchsien, die sie noch einmal gedreht hatte, bevor ich ging.
„Ich richte nichts aus“, sagte ich. „Wenn Sie Ihrer Schwester etwas sagen wollen, dann müssen Sie es selbst tun, Herr Brunner. Auf anderem Weg geht es nicht. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.“
Ich legte auf, bevor er antworten konnte. Dann blieb ich noch eine Weile am Fenster stehen. Die Straßenbahn war längst weg. Ich trank den Rest von dem Kaffee, der seit einer Stunde kalt war, und wählte die Nummer von Helga Brunner.
Sie meldete sich nach dem zweiten Klingeln.
„Hier Brunner.“
„Frau Brunner, hier Krämer. Ihr Bruder war am Telefon. Ich habe keine Auskunft gegeben. Aber Sie sollten es wissen, falls er es noch einmal versucht.“
Kurze Pause. Dann: „Hat er nach mir gefragt?“
„Er hat nach der Wohnung gefragt.“
Sie atmete aus. Langsam, als würde sie gegen etwas drücken, das lange zugedrückt war.
„Ich packe gerade das letzte Regal“, sagte sie. „Wissen Sie, was ich gefunden habe?“
„Nein.“
„Einen Brief meines Vaters. Von 1984. Darin schreibt er, wie er das mit der Wohnung regeln will. Dass ich sie bekommen soll, wenn er nicht mehr da ist, weil ich die bin, die immer da war, und weil Werner sein eigenes Leben hat. Er schreibt: ‚Du musst nicht teilen, Helga. Das, was du von mir bekommst, ist nur deins.‘“
Sie hielt inne. Ich hörte Papier rascheln, als würde sie den Brief zusammenfalten und wieder öffnen, zusammenfalten und wieder öffnen.
„Der Brief ist die ganze Zeit da gewesen“, sagte sie. „Nur hatte ich ihn in einem Kochbuch liegen. Den habe ich meinem Sohn nie gezeigt. Ich dachte, ich brauche ihn nicht. Aber als du jetzt angerufen hast, habe ich ihn herausgeholt und in die Küche gelegt. Ich werde ihn mitnehmen. Ich werde ihn nicht zeigen. Ich werde ihn nur einpacken, und wenn mein Sohn ihn nach meinem Tod findet, dann soll er ihn lesen. Vielleicht versteht er es dann. Ich will nicht mehr streiten. Die Wohnung, das erledigst du. Den Rest, den hat der da oben.“
Ich schwieg. Sie auch. Durch die Leitung hörte ich das Klackern der Kuckucksuhr im Wohnzimmer, obwohl ich nicht sicher war, ob man das wirklich hören konnte.
„Ich melde mich, wenn die Besichtigung steht“, sagte ich schließlich.
„Gut“, sagte sie.
Ich legte auf. Auf meinem Schreibtisch lag der Zettel mit den zwei Sätzen. Ich steckte ihn zurück in die Mappe, schlug sie zu und schob sie in das Fach, in dem die Wohnung Waldseestraße dreiundvierzig verschwinden sollte, bis der nächste Schritt kam.
Am Abend fuhr ich an der Straße vorbei. Die Wohnung im zweiten Stock war dunkel, nur hinter dem Balkonfenster glimmte ein schmaler Lichtstreifen. Ich weiß nicht, warum ich langsamer wurde. Vielleicht, weil ich die Fuchsien sehen wollte. Aber der Balkon lag im Dunkeln, und ich konnte nicht erkennen, ob die beiden Ampeln noch dort hingen oder ob Helga Brunner sie schon abgenommen und in einen halben Umzugskarton gelegt hatte, weil selbst sie nicht wusste, ob sie am nächsten Ort weiterblühen würden.
