Der Topfboden verfehlte Ninas Schläfe um vielleicht zehn Zentimeter. Er krachte gegen das Metallgestell des Bettes, das Fenster zitterte im Rahmen, unten auf der Ludwigstraße bremste ein Bus mit diesem quietschenden Geräusch, das Nina seit drei Jahren jeden Morgen hörte. Sie rührte sich nicht. Blieb liegen, die Augen auf den Wasserfleck an der Decke gerichtet, der seit dem Winter größer wurde, weil Jonas versprochen hatte, das Dach über der Dachgeschosswohnung endlich abzudichten, und es dann doch nicht tat.
„Steh auf, sofort. Mir ist egal, was heute für ein Tag ist. Jonas kommt gleich vom Baumarkt zurück, hungrig, und seine Frau liegt hier rum, als hätte ihr wer was schuldig."
Renate Brandt stand im Türrahmen, Bademantel mit kleinem Blumenmuster, das Gesicht gerötet von der eigenen Aufregung. Zweiundsechzig war sie, aber kräftig genug, um einen gusseisernen Topf wie eine Waffe zu schwingen. Seit zwei Jahren wohnte sie in der Wohnung ihres Sohnes, in Freising, nördlich von München, und vermietete in dieser Zeit weiterhin ihre eigene Zweizimmerwohnung in der Stadt für achthundertzehn Euro im Monat — ohne einen Cent davon in den gemeinsamen Haushalt zu geben.
Nina drehte den Kopf. „Ich hab Sie gehört. Stellen Sie den Topf auf den Boden."
Ihre Stimme klang so, wie sie mit verwirrten Patienten sprach — ruhig, ohne Nachdruck, aber ohne jeden Zweifel. Renate stutzte kurz. Dann knallte sie den Topf demonstrativ auf die Dielen und murmelte etwas davon, dass die Schwiegertochter wohl übergeschnappt sei, man sei nett zu ihr, und sie mache trotzdem, was sie wolle.
Nina stand auf, zog den Morgenmantel über und ging ins Bad, ohne zu widersprechen. Schloss die Tür ab, ließ Wasser in das Becken laufen, betrachtete sich im Spiegel. Sechsunddreißig heute. Draußen ein klarer Apriltag, irgendwo bellte der Schäferhund der Nachbarn von unten, immer um diese Zeit, als hätte er eine innere Uhr. Aus dem Spiegel blickte eine vertraute Frau zurück, graue Augen, dunkelblondes Haar, eine kleine Narbe über der linken Braue von einem Einsatz vor sechs Jahren. Dasselbe Gesicht — und doch erkannte Nina sich in diesem Moment kaum wieder.
Irgendetwas hatte sich in der Nacht verschoben. Etwas, das lange unsichtbar geblieben war, trat jetzt klar hervor, und die gewohnte Ordnung im Haus wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Naturgesetz, sondern wie etwas, das jemand einfach nie infrage gestellt hatte.
Bis zu diesem Morgen hatte Nina für jede Grobheit eine Erklärung parat gehabt: die Schwiegermutter sei einsam, Jonas erschöpft vom Job in der Werkstatt, der Tag ungünstig gewählt. Erklärungen, die einen weiteren Tag erträglich machten, aber nichts veränderten. Jetzt trennte das metallene Krachen am Kopfende die Ausreden von den Tatsachen. Ein Schlag daneben war kein Zufall. Das Geschrei war keine Fürsorge. Und ihr Geburtstag hatte niemanden im Haus davon abgehalten, die gewohnte Bedienung einzufordern.
Das kalte Wasser vertrieb den letzten Rest Schlaf. Nina trocknete sich das Gesicht ab, und die Erinnerung zog sie zehn Jahre zurück — zum ersten Tag im Rettungsdienst München-Nord.
Sechsundzwanzig war sie damals, die Uniformjacke saß ungewohnt schwer, der Notfallkoffer zog am Arm. Ihr Kollege Herbert, ein Mann Ende vierzig mit müden Augen, hatte ihr ohne Umschweife gesagt: entweder sie lerne, das Gesehene auszuhalten, oder sie sei in einem Monat wieder weg. Andere Optionen gab der Job nicht her.
Nina ging nicht. Wurde nicht kalt — lernte nur, fremde Panik von dem zu trennen, was jetzt, in diesem Moment, zu tun war. Fünf Jahre Nachtschichten hatten sie gelehrt, schnell zu denken: Autobahnunfälle auf der A9, Herzinfarkte um drei Uhr morgens, eine Geburt in einem stecken gebliebenen Aufzug in Garching. Einmal hatte sie fast vierzig Minuten lang mit bloßen Händen die Blutung aus einer Halswunde gestillt, während der Wagen zur Klinik raste. Der Chirurg sagte später, ein paar Minuten mehr Verzögerung, und der Mann wäre nicht mehr aufgewacht.
Nach dieser Schicht saß Nina auf einer Bank vor dem Klinikum und aß ein Käsebrot aus dem Automaten, weil der Hunger nach solcher Anspannung unerträglich wurde. Eine Heldin fühlte sie sich nicht. Sie kannte nur ihren Job und wusste, wie man in dem entscheidenden Moment nicht zurückwich.
Genau dieses Wissen nahm sie jetzt mit aus dem Bad.
Sie zog sich an, nicht die Jogginghose, in der sie sonst am Wochenende in der Küche stand, sondern die dunkelblaue Bluse, die sie zu Vorstellungsgesprächen trug. Kämmte sich, ohne in den Spiegel zu starren. Ging in die Küche, wo Renate bereits Kartoffeln schälte, mit dem Rücken zur Tür, als wäre der Zwischenfall vergessen.
„Ich fahre heute zu meiner Schwester nach Landshut", sagte Nina. „Zum Geburtstag. Meinen eigenen."
Renate drehte sich um, das Schälmesser noch in der Hand. „Und wer kocht für Jonas?"
„Jonas ist vierunddreißig. Der Herd funktioniert seit meinem Einzug."
„So redest du mit mir? Nach allem, was ich für diese Familie —"
„Sie zahlen seit zwei Jahren keinen Cent für Strom, Wasser oder Miete in dieser Wohnung", sagte Nina, immer noch in diesem ruhigen Ton, den sie sonst am Unfallort benutzte. „Und Ihre eigene Wohnung am Marienplatz vermieten Sie für achthundertzehn Euro im Monat. Das ist Ihr Geld. Diese Wohnung hier ist unsere."
Renate legte das Messer hin. „Das erzählst du mir jetzt, an deinem Geburtstag?"
„Genau deshalb erzähle ich es Ihnen heute."
Nina nahm ihre Tasche vom Haken, den Autoschlüssel für den alten Opel Corsa, den sie sich vor vier Jahren aus eigenem Geld gekauft hatte, und ging. Hinter sich hörte sie noch, wie Renate etwas rief, aber sie öffnete schon die Wohnungstür, ging die drei Treppen hinunter, an dem Fahrrad des Nachbarsjungen vorbei, das immer quer im Hausflur stand, und trat auf die Straße.
Um halb sechs kam Jonas nach Hause. Er fand seine Mutter am Küchentisch, die Kartoffeln unangerührt, das Radio auf Bayern 3, wo gerade der Verkehrsfunk lief. Nina war nicht da. Auf dem Tisch lag ein Zettel, mit Ninas Handschrift, in der sie sonst Medikamentendosierungen notierte: *Bin bei Katrin. Komme morgen. Für den Kühlschrank bin ich ab heute nicht mehr zuständig.*
„Was soll das heißen", fragte Jonas, den Zettel in der Hand.
Renate zuckte mit den Schultern, aber ihre Stimme klang dünner als sonst. „Sie ist ausgeflippt, wegen nichts. Ich hab nur gesagt, sie soll aufstehen und kochen."
„Mama." Jonas setzte sich, rieb sich das Gesicht. „Du hast gedroht, sie mit dem Topf zu schlagen. Sie hat's mir per Nachricht geschrieben, vorhin, im Auto."
Es war das erste Mal seit Monaten, dass Renate ihren Sohn nicht anschrie, sondern schwieg.
Nina blieb drei Tage bei ihrer Schwester. In dieser Zeit ging sie zu Frau Albrecht, einer Notarin in der Münchner Innenstadt, mit der sie vor Jahren einmal wegen einer Erbschaftsfrage gesprochen hatte. Sie brachte den Mietvertrag der Dachgeschosswohnung mit, den Grundbuchauszug — die Wohnung stand auf beide Namen, sie und Jonas, seit dem Kauf vor fünf Jahren, finanziert zur Hälfte aus Ninas Ersparnissen als Notfallsanitäterin, zur Hälfte aus einem Kredit, den beide gemeinsam abbezahlten. Vierhundertzwölf Euro monatlich, noch neun Jahre lang.
„Sie haben das Recht, einer dritten Person, die nicht im Grundbuch steht, den weiteren Aufenthalt zu untersagen", erklärte Frau Albrecht. „Auch wenn es die Mutter Ihres Mannes ist. Sie müssen es nur schriftlich und mit einer Frist machen, damit es sauber ist."
Nina ließ ein Schreiben aufsetzen: Renate Brandt werde gebeten, innerhalb von vier Wochen eine andere Unterkunft zu finden — ihre eigene Wohnung, aus der die derzeitigen Mieter zum Monatsende auszogen, stand ohnehin bald wieder leer.
Am vierten Tag kam Nina zurück. Jonas öffnete die Tür, bevor sie klingeln musste. Er sah müde aus, hatte offenbar mit seiner Mutter mehr geredet in diesen drei Tagen als in den letzten zwei Jahren zusammen.
„Sie zieht Ende des Monats in ihre eigene Wohnung", sagte er. „Ich hab mit ihr gesprochen. Und mit dem Mieter telefoniert, der zahlt jetzt woanders weiter."
„Gut", sagte Nina und stellte ihre Tasche ab.
Renate saß am Küchentisch, ein Teller vor sich, unberührt. Sie sah auf, als Nina hereinkam, öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen — eine Entschuldigung, einen Vorwurf, irgendetwas. Nina wartete nicht darauf. Sie ging zum Kühlschrank, holte den Geburtstagskuchen heraus, den ihre Schwester ihr mitgegeben hatte, stellte ihn auf den Tisch, holte drei Teller aus dem Schrank.
„Der ist von Katrin. Zitronencreme. Willst du ein Stück?", fragte sie Jonas.
Renate blieb stumm sitzen, während die beiden aßen. Zum ersten Mal seit zwei Jahren fragte niemand sie, ob sie auch wolle.
Vier Wochen später half Jonas seiner Mutter beim Tragen der letzten Kisten die Treppe hinunter. Nina stand am Fenster der Dachgeschosswohnung und sah zu, wie unten ein Kleintransporter losfuhr, Richtung Marienplatz. Der Wasserfleck an der Decke war inzwischen weiß übertüncht — Jonas hatte ihn am Wochenende endlich gestrichen, ohne dass jemand ihn zweimal darum bitten musste. Nina drehte sich vom Fenster weg, nahm den Rest des Zitronenkuchens aus dem Kühlschrank und schnitt sich ein Stück ab, mitten am Nachmittag, ohne Grund, einfach weil sie Lust darauf hatte.
