Mira fand die Schachtel an einem Donnerstagabend, als sie den Kleiderschrank für den Umzug ausräumte. Samtbezug, dunkelgrün, an den Ecken abgewetzt. Sie stand ganz hinten im Regalbrett, hinter einem Stapel Bettwäsche, die seit dem letzten Winter niemand mehr angefasst hatte.
Drin lag alles: eine Kette mit einem tropfenförmigen Anhänger, Ohrringe mit winzigen Saphiren, ein Ring mit einem Granat, den ihr Rosemarie direkt am Hochzeitstisch an den Finger gesteckt hatte, vor allen Gästen, als würde sie eine Krone verleihen. Und ein Armband. Breit, schwer, mit gedrehtem Muster. Mira hatte es genau zweimal getragen: zur Hochzeit und zur Taufe von Lotte.
Sie setzte sich auf die Bettkante, die Schachtel auf den Knien. Nebenan schlief Lotte, so leise atmend, dass man genau hinhören musste, um sicherzugehen. Vier Jahre alt, im November würde sie fünf. Die Scheidung war seit neun Tagen rechtskräftig.
Mit Tobias hatte sie sieben Jahre zusammengelebt, in einer Zweizimmerwohnung in Essen-Rüttenscheid, mit Renovierung, mit einer Schwangerschaft voller Übelkeit bis zum siebten Monat, mit seiner Beförderung bei der Sparkasse, mit ihrer Kündigung, mit ihren Nebenjobs danach, mit seinem Schweigen. Das Schweigen war schleichend gekommen. Erst gab es Gespräche, dann Streit, dann kam er später und später nach Hause, bis Mira eines Tages merkte, dass es ihr egal war, wann. Diese Erkenntnis kam ganz beiläufig, ohne Drama: sie stand am Herd, rührte Gulasch um und stellte fest, dass sie seit drei Tagen nicht gefragt hatte, wo er steckte. Nicht aus Vertrauen. Sondern weil sie aufgehört hatte zu warten.
Tobias spürte es wohl auch. Er machte keine Szene, stellte sie nicht zur Rede. Setzte sich eines Abends nur gegenüber hin und sagte: „Mira, wir wissen es beide." – „Was wissen wir?" – „Dass es vorbei ist. Dass wir Schluss machen sollten." Sie legte den Kochlöffel auf den Rand der Pfanne. Er rutschte ab, fiel auf den Boden, hinterließ einen braunen Fleck auf dem PVC. Sie bückte sich, hob ihn auf, wischte mit einem Lappen nach. Erst dann antwortete sie: „Gut." Ein einziges Wort. Kein Weinen, kein Streit, kein „lass es uns nochmal versuchen". Nur „gut", weil dieses Gut schon seit Monaten in ihr wohnte und nur darauf gewartet hatte, ausgesprochen zu werden.
Rosemarie erfuhr von der Scheidung durch ihren Sohn. Sie rief am nächsten Tag an. Mira stand am Spülbecken und wusch Lottes Teller mit dem Giraffenmuster am Rand. Das Telefon lag auf dem Tisch, das Display leuchtete: „Schwiegermutter". Sie trocknete sich die Hände am Geschirrtuch ab und nahm ab.
„Mira, stimmt das?" Rosemarie hatte sie nie beim Kosenamen genannt, immer nur mit vollem Namen – als würde eine Abkürzung eine Nähe voraussetzen, die sie nie zugelassen hatte. „Es stimmt, Rosemarie." – „Und wessen Idee war das?" – „Beiderseitig." Eine Pause. Im Hintergrund klickte der Wasserkocher. Rosemarie telefonierte immer aus der Küche, am Fenster stehend. Mira kannte diese Küche auswendig: beigefarbene Fransenvorhänge, Kühlschrankmagnete von jedem Kurort, an dem Rosemarie je gewesen war, der Geruch nach Baldriantropfen und frisch gebackenem Streuselkuchen zugleich. „Beiderseitig, aha." Dieses „Aha" kannte Mira. Rosemarie sprach es immer gleich aus, mit einem leichten Zischlaut, als hätte sie längst alles begriffen und warte nur darauf, dass der Rest der Welt nachzöge. „Rosemarie, Tobias und ich haben alles einvernehmlich geregelt. Die Wohnung behält er, ich ziehe aus." – „Und das Kind?" – „Lotte bleibt bei mir." – „Unterhalt?" – „Wird geregelt." – „Mira, ich möchte mit dir reden. Nicht am Telefon. Ich komme am Samstag vorbei." Und legte auf. Ohne „auf Wiederhören", ohne irgendetwas. Nur ein abruptes Ende.
Der Samstag kam schnell. Mira wischte die Wohnung, obwohl es kaum etwas zu wischen gab: eine möblierte Zweizimmerwohnung in Bochum-Wattenscheid, die sie gerade angemietet hatte, fremde Möbel, nur Lottes Spielzeug, ein paar Bücher und eben jene Schachtel mit dem Schmuck oben im Schrank waren ihr Eigentum.
Rosemarie kam pünktlich um zwölf. Klingelte zweimal kurz, wie immer. Sie stand im Flur in ihrem beigen Mantel mit den großen Knöpfen, Frisur akkurat, Lippen nachgezogen. Zweiundsechzig Jahre alt, sah aber aus wie fünfundfünfzig. Gerader Rücken, spitzes Kinn, Augenbrauen wie mit dem Lineal gezogen. In der Hand eine Tüte. „Guten Tag, Mira. Das ist für Lotte, Vitamine und Strumpfhosen." Sie trat ein, ohne auf eine Einladung zu warten. Zog die Schuhe aus, stellte sie ordentlich an die Wand, Spitzen zur Tür. Ging in die Küche. „Tee?" – „Grün, wenn vorhanden."
Mira setzte Wasser auf. Rosemarie saß am Tisch, Hände gefaltet, den Ehering noch immer am rechten Ringfinger, obwohl ihr Mann seit elf Jahren tot war. Lotte kam aus dem Zimmer gerannt, sah die Oma, warf sich in ihre Arme. „Omi!" – „Vorsicht, Lotte, der Mantel." Aber Rosemaries Arme umschlossen das Kind trotzdem, drei Sekunden länger als sonst. Mira bemerkte es und drehte sich zum Wasserkocher.
Als Lotte wieder zu ihren Bauklötzen verschwunden war, faltete Rosemarie die Serviette auf dem Tisch glatt und begann. Ohne Umschweife. „Mira, ich sage es direkt. Der Schmuck, den ich zur Hochzeit geschenkt habe. Die Kette, die Ohrringe, der Granatring und das Armband. Ich möchte alles zurück."
Mira stellte die Tasse vor sie hin. Grüner Tee, ohne Zucker, so wie sie ihn mochte. Rosemarie rührte ihn nicht an. „Das sind Familienstücke, Mira. Sie werden bei uns weitergegeben. Das Armband war das meiner Mutter. Die Ohrringe habe ich mir vom ersten Gehalt gekauft. Der Ring kam von meinem Vater, aus Prag, achtundsiebzig." Sie sprach ruhig, ohne Nachdruck, als würde sie ein Inventar vorlesen. Aber Mira sah es: die Finger etwas fester ineinander verschränkt, der Nagel des Daumens weißlich vor Druck. „Da die Ehe nun vorbei ist, sollen die Stücke zurückkommen."
Mira schwieg. Nicht weil ihr die Worte fehlten, nicht aus Wut. Sie dachte nach, mit Pausen, als müsste sie jeden Gedanken erst in der Hand wiegen. Der Schmuck war ihr nicht wichtig. Sie hatte ihn nie getragen. Nach der Hochzeit die Ohrringe zweimal angehabt, die Kette schon nach einem Monat in die Schachtel gelegt. Das Armband war zu schwer für den Alltag, der Granatring passte zu keinem Stück in ihrem Kleiderschrank. Sie war keine Frau, die Gold trug. Sie war eine Frau der Jeans, der Sneaker und eines einzigen Paars silberner Ohrstecker, die sie sich selbst zum fünfundzwanzigsten Geburtstag gekauft hatte.
Aber es ging nicht um den Schmuck. Es ging darum, wie Rosemarie es gesagt hatte. „Da die Ehe nun vorbei ist." Als wäre Mira nur ein zeitweiliges Aufbewahrungsfach gewesen. Als wären die sieben Jahre, Lotte, die Renovierung, die Sonntagsbraten, die Fahrten mit Rosemarie zum Facharzt jeden zweiten Donnerstag, weil Tobias „beruflich verhindert" war – als wäre all das nur Miete gewesen. Und die Mietzeit war jetzt abgelaufen.
„Rosemarie, erinnern Sie sich, wie Sie mir den Ring angesteckt haben?" – „Ja. Auf der Hochzeit." – „Sie sagten: 'Das ist für dich, Mira. Trag ihn in Gesundheit. Jetzt gehörst du zu uns.'" Rosemaries Kinn zuckte kaum merklich. Aber Mira sah es. „Die Umstände haben sich geändert." – „Die Umstände. Genau."
Mira stand auf. Der Wasserkocher zischte noch leise, obwohl das Wasser längst kochte. Sie schaltete ihn ab, und es wurde ruhig in der Küche. So ruhig, dass man hörte, wie Lotte im Zimmer flüsternd ihre Bauklötze zählte.
Sie hätte vieles sagen können. Hätte daran erinnern können, wie Rosemarie drei Jahre nicht mit der Nachbarin gesprochen hatte, weil diese eine geliehene Auflaufform nicht zurückgab. Wie sie über Geschenke Buch führte: wer was zum Jubiläum mitbrachte, wer wie viel in den Umschlag steckte. Ein kariertes Heft mit blauem Einband, jede Zeile ein Name, eine Summe, ein Datum – Mira hatte es einmal gesehen. Hätte sagen können, dass Geschenke rechtlich nicht zurückgefordert werden können, dass Gold, das vor Zeugen übergeben wurde, kein Gericht zurückverlangt. Sie hatte das in der Nacht nach dem Anruf nachgelesen, zwei Stunden lang in einem Rechtsforum.
Aber sie tat es nicht. Denn das wäre Kampf gewesen. Und Mira hatte genug gekämpft. Sieben Jahre hatte sie sich in Tobias' Familie eingepasst, sich seiner Mutter angeglichen, das „Aha" ertragen und die Sätze wie „Bei uns macht man das nicht so." Sieben Jahre Anstrengung, die ihr etwas Wichtiges genommen hatten. Etwas, das sie gerade erst wieder zu finden begann.
Also tat sie etwas anderes. Mira verließ die Küche, ging ins Zimmer, holte die Schachtel vom Schrank. Samtbezug, dunkelgrün, abgewetzte Ecken. Kam zurück, stellte sie vor Rosemarie auf den Tisch. „Bitte. Nehmen Sie es."
Rosemarie schaute auf die Schachtel. Dann auf Mira. Dann wieder auf die Schachtel. „Ist alles da?" – „Alles. Kette, Ohrringe, Ring, Armband. Prüfen Sie es ruhig."
Rosemarie öffnete den Deckel. Ihre Finger zitterten kurz, als sie das Armband berührten. Das Armband ihrer Mutter. Mira wusste das. Und sie sah, wie sich Rosemaries Gesicht für einen Wimpernschlag veränderte: nicht mehr streng, nicht mehr geschäftsmäßig, sondern einfach das Gesicht einer Frau, die ihre Mutter vermisst. Dann war der Moment vorbei. Der Deckel schloss sich. „Ich hatte mit mehr Widerstand gerechnet." – „Warum?" – „Weil es sonst immer schwieriger ist."
Mira setzte sich gegenüber hin, nahm ihre Tasse, trank einen Schluck. Der Tee war kalt geworden, sie wärmte ihn nicht auf. „Rosemarie, ich brauche Ihren Schmuck nicht. Er gehört Ihnen. Er hat immer Ihnen gehört. Ich habe ihn nur verwahrt." Rosemarie schwieg. „Aber ich möchte Ihnen noch etwas sagen. Nicht über den Schmuck." Mira stellte die Tasse ab, ohne Klirren, wie einen Schlusspunkt hinter einen langen Satz. „Ich war sieben Jahre Ihre Schwiegertochter. Ich habe den Sonntagsbraten nach Ihrem Rezept gekocht, obwohl ich ihn nicht mag. Ich bin mit Ihnen zur Blutabnahme gefahren, habe zwei Stunden im Flur gewartet, weil Tobias 'beschäftigt' war und Sie sich nicht allein trauten. Ich habe mir angehört, wie Sie über 'die Familienehre' und wie 'man sich bei uns verhält' gesprochen haben. Ich habe mich angestrengt."
Rosemarie unterbrach nicht. Lippen zusammengepresst, Kinn leicht angehoben. „Ich beklage mich nicht. Ich habe es getan, weil ich dachte, wir sind eine Familie. Aber wissen Sie, was mich gewundert hat? In sieben Jahren haben Sie mich kein einziges Mal gefragt, wie es mir geht. Nicht 'wie geht's, Mira', nicht 'bist du müde?', nicht 'brauchst du Hilfe?'. Kein einziges Mal."
Im Zimmer fiel Lottes Bauklotzturm um, mit einem weichen, hölzernen Klappern. Sonst war nichts zu hören. „Sie haben gefragt, ob die Suppe fertig ist. Ob die Wäsche gewaschen wurde. Ob ich Lotte zum Orthopäden angemeldet habe. Alles sachlich. Alles notwendig. Aber keine einzige Frage über mich. Nicht über die Funktion 'Sohnesfrau'. Über mich."
Mira sprach nicht lauter. Sie sprach in dem Ton, in dem sie Lotte abends Gutenachtgeschichten vorlas: ruhig, klar, ohne Bruch. Und genau diese Ruhe machte die Worte schwerer, als es Schreien je gekonnt hätte. „Deswegen bekommen Sie Ihren Schmuck zurück. Ich handle nicht. Ich brauche nichts, das mit einer Bedingung verbunden ist. Ein Geschenk mit Rückgabepflicht ist kein Geschenk. Das ist ein Pfand. Und ich gebe das Pfand zurück, weil der Handel beendet ist."
Rosemarie öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Die Finger der rechten Hand fanden den Ehering am Ringfinger und begannen ihn zu drehen. Eine Angewohnheit, die Mira hundertmal gesehen hatte: wenn Rosemarie nervös wurde, drehte sie den Ring ihres verstorbenen Mannes.
„Du … Mira …" – „Mira. Sie können mich Mira nennen."
Nach diesen Worten veränderte sich etwas in der Luft. Nicht sofort, nicht abrupt. Wie beim Öffnen eines Fensters im Winter: zuerst nur Kälte, dann merkt man, dass die Luft leichter zu atmen ist.
Rosemarie saß reglos. Die Schachtel vor sich, die Hände auf dem Tisch. Sie schaute nicht Mira an, sondern in die Ecke der Küche, wo auf der Fensterbank ein vertrocknetes Veilchen stand. „Mein Manfred hat mich auch nie gefragt, wie es mir geht." Das sagte sie so leise, dass Mira es kaum verstand. „Sechsunddreißig Jahre. Kein einziges Mal."
Rosemarie wandte sich ihr zu. Trockene Augen, aber am Rand gerötet, wie es aussieht, wenn man Tränen mit purer Willenskraft zurückhält. „Ich dachte, das gehört sich so. Dass das normal ist. Dass Familie bedeutet: man tut, was von einem erwartet wird, und dafür lässt man einen in Ruhe. Kein Schlagen, kein Trinken, Geld nach Hause bringen. Also eine gute Ehe."
Mira hörte zu. „Meine Mutter hat mir das beigebracht. 'Rosi, Hauptsache er trinkt nicht und schlägt nicht. Den Rest erträgst du.' Ich habe ertragen. Vierzig Jahre nach Mutters Rezept." Sie lachte kurz auf, ein schiefes, schmerzhaftes Lachen. „Und dann ist Manfred gestorben. Und ich blieb mit diesem Rezept zurück. Mit dem Sonntagsbraten, mit dem Heft, mit dem Armband meiner Mutter. Und mit dem Gefühl, ein fremdes Leben gelebt zu haben. Das meiner Mutter. Nicht meins."
Lotte kam in die Küche gelaufen, einen Bauklotz in der Hand. „Mama, guck, das ist ein Haus! Und da wohnt eine Katze drin!" Der Klotz war rot, mit einem aufgemalten Buchstaben „H". „Schönes Haus, Lotte. Zeig es der Oma." Das Mädchen ging zu Rosemarie und hielt ihr den Klotz hin. Rosemarie nahm ihn mit beiden Händen entgegen, vorsichtig, als wäre er zerbrechlich. „Und wie heißt die Katze?" – „Braten!" Lotte lachte und rannte davon. Rosemarie hielt den Klotz und betrachtete ihn, als käme er aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, in der Katzen „Braten" heißen und das völlig in Ordnung ist.
„Mira." Mira sah auf. „Sie haben mich gerade so genannt." – „Ich weiß." Eine Pause. „Mira, ich werde den Schmuck nicht mitnehmen." Mira schüttelte den Kopf. „Doch. Nehmen Sie ihn. Ich meine es ernst." – „Warum?" – „Weil ich keine Erinnerung daran brauche, dass ich Teil von etwas nur unter Bedingung war. Ich muss noch mal von vorn anfangen. Sauber. Ohne Pfänder."
Rosemarie schwieg lange. Drehte den Ring. Betrachtete den Klotz in ihrer linken Hand. „Ich kann nicht bitten. Das ist Ihnen sicher aufgefallen. Ich kann fordern. Das ist einfacher. Wenn man fordert, muss man nicht verletzlich sein. Bitten ist … das ist anders." Sie hielt den Klotz fester. „Das Armband. Ich möchte, dass es Lotte bekommt, wenn sie erwachsen ist. Nicht als Pfand. Weil sie meine Enkelin ist." Mira nickte. „Das machen wir so, Rosemarie."
Von dem Gespräch erfuhr die ganze Verwandtschaft. Mira selbst hatte niemandem etwas erzählt, aber Rosemarie hatte ihre Schwester angerufen, die Schwester die Nichte, und die Nichte schrieb es in die Familiengruppe, die Mira noch vor der Scheidung verlassen hatte, über deren Inhalt sie aber weiterhin zuverlässig von Tobias' Cousine Bine informiert wurde.
Bine rief am Sonntag an. „Mira, hast du wirklich den ganzen Schmuck zurückgegeben?" – „Ja, wirklich." – „Alles?" – „Alles." – „Das Armband allein ist doch an die achttausend Euro wert, weißt du das?" – „Ich weiß." – „Und du hast es einfach … hergegeben." – „Einfach hergegeben."
Bine schwieg einen Moment. „Tante Rosi ist fassungslos. Sagt, sie wusste zum allerersten Mal in ihrem Leben nicht, was sie erwidern soll. Sie war doch bereit für den Kampf. Kam mit Argumenten, mit Fotos von Kassenbons. Und du stellst einfach die Schachtel auf den Tisch." – „Ich brauche keinen Kampf, Bine." – „Ja, verstehe ich. Aber Tante Rosi … weißt du, was sie zu meiner Mutter gesagt hat? Sie hat gesagt: 'Diese junge Frau ist klüger als wir alle.'"
Mira musste lachen, das erste Mal seit zwei Wochen. „Ich bin nicht klüger. Ich bin nur es leid, für etwas in der Schuld zu stehen, das ich gar nicht brauche."
Tobias rief drei Tage später an. Mira hatte keinen Anruf erwartet, sie sprachen inzwischen nur noch über Lotte: Termine, Geld, den Malkurs dienstags. „Mira, Mutter hat mir erzählt." – „Mhm." – „Warum hast du das zurückgegeben?" – „Weil es ihre Sachen sind." – „Sie hat sie dir geschenkt." – „Sie hat sie mir zur Aufbewahrung gegeben. Die Frist ist abgelaufen." Tobias schwieg. Mira stand am Fenster, blickte auf den Hof: Kinderspielplatz, Schaukeln, eine Oma mit Kinderwagen. Ein gewöhnlicher Abend. „Du hättest es behalten können. Rechtlich …" – „Tobias, ich hätte vieles tun können. Ich hätte die Wohnung mit dir teilen können, obwohl du sie abbezahlt hast. Ich hätte den Unterhalt vor Gericht einklagen können, obwohl du ihn selbst angeboten hast. Ich hätte deiner Mutter etwas sagen können, das sie eine Woche lang Baldrian schlucken lässt. Aber wozu?" Er schwieg. „Ich brauche keinen Sieg über deine Mutter. Ich brauche mein Leben zurück. Sauber. Ohne fremden Schmuck und fremde Erwartungen." – „Du hast dich verändert, Mira." – „Nein. Ich habe nur aufgehört, mich anpassen zu wollen." Sie legte auf. Nicht aus Wut. Aus Abgeschlossenheit. Wie man ein Buch zuklappt, das man zu Ende gelesen hat.
Die nächsten zwei Wochen fühlten sich seltsam an. Mira arbeitete von zuhause, übersetzte Texte aus dem Englischen, holte Lotte von der Kita ab, kochte Abendessen. Ein gewöhnliches Leben. Aber etwas in ihr hatte sich verschoben. Sie ertappte sich dabei, dass sie nicht mehr über die Schulter blickte. Früher lief jede Entscheidung durch einen inneren Filter: Was würde Tobias sagen, was würde Rosemarie denken, wie sieht das aus. Der Filter lief automatisch, wie ein Virenscanner: unbemerkt, aber ressourcenfressend. Jetzt war er abgeschaltet. Und es zeigte sich: ohne ihn war es geräumig. Erschreckend geräumig, wie in einer leeren Wohnung nach dem Umzug, wenn die Schritte hallen und man begreift, dass man die Möbel stellen kann, wie man will.
Sie kaufte sich Ohrringe. Silber, mit kleinen Mondsteinen. Zwölf Euro auf dem Wochenmarkt in Wattenscheid. Sie zog sie an und betrachtete sich im Spiegel. Sie standen ihr besser als Rosemaries Saphire. Nicht weil sie schöner waren. Weil sie selbst gewählt hatte. Lotte sah es und sagte: „Mama, du bist schön." – „Danke, Lotte." – „Warum hast du solche Ohrringe früher nie getragen?" Mira ging vor ihrer Tochter in die Hocke. Sah ihr in die Augen, braun wie die von Tobias, aber der Ausdruck darin anders: offen, ohne Hintergedanken. „Weil ich früher dachte, man muss tragen, was einem geschenkt wird. Jetzt trage ich, was mir gefällt." Lotte nickte, als wäre das die einleuchtendste Erklärung der Welt, und rannte weiter, um zu malen.
Ende des Monats rief Rosemarie an. Nicht bei Tobias, direkt bei Mira. „Mira, darf ich am Samstag vorbeikommen? Zu Lotte." – „Gerne." – „Ich backe einen Kuchen. Mit Kirschen. Lotte mag den." – „Kirschkuchen ist gut." Eine Pause. Mira wartete. „Und noch … Mira …" – „Ja?" – „Wie geht es dir?" Mira nahm das Telefon vom Ohr, sah aufs Display. „Schwiegermutter". Nein. Das musste geändert werden. Ihre Finger tippten von selbst: „Rosemarie". – „Es geht so. Ich bin müde, aber es geht." – „Wenn du Hilfe mit Lotte brauchst, sag Bescheid." – „Mach ich." – „Gut. Bis Samstag." – „Bis Samstag, Rosemarie."
Sie legte auf. Stand am Fenster. Im Hof kickten Jungs einen Ball, einer schrie so laut, dass es durch die Doppelverglasung drang. Etwas zog sich im Hals zusammen. Kein Schmerz. Etwas Warmes.
Am Samstag kam Rosemarie mit dem Kuchen. Kirschkuchen, in einer Alu-Backform, mit einem Geschirrtuch abgedeckt, auf dem Hähne bestickt waren. Mira erkannte das Tuch: es stammte aus dem Set, das Rosemarie vor drei Jahren aus dem Sauerland mitgebracht hatte. Lotte hüpfte um den Tisch herum. „Omi, hast du mir den Klotz mitgebracht?" – „Welchen Klotz?" – „Den roten! Mit der Katze!" – „Mit welcher Katze?" – „Mit Braten!"
Rosemarie sah zu Mira hinüber. Mira zuckte mit den Schultern, unfähig, ein Grinsen zu unterdrücken. Rosemarie holte einen roten Bauklotz aus der Tasche. Nicht den alten, einen neuen, aus dem Spielzeugladen. „Hier. Der ist für Braten." Lotte quietschte vor Freude und rannte ins Zimmer.
Die beiden blieben allein in der Küche. Der Kuchen stand auf dem Tisch, noch warm, roch nach Vanille und säuerlichen Kirschen. Mira schnitt an, legte zwei Stücke auf Teller. Den Teller mit dem Giraffenmuster reichte sie Lotte, als diese für ihr Stück angerannt kam. „Schmeckt gut, Rosemarie." – „Mutters Rezept." Wieder Mutter. Aber diesmal klang es in Rosemaries Stimme nicht auswendig gelernt. Da war etwas anderes darin. Zärtlichkeit. Oder Wehmut. Oder beides.
„Mira." – „Ja?" – „Danke. Dass du mich neulich hast ausreden lassen. Das mit Manfred. Ich habe das noch nie jemandem erzählt." Sie stocherte mit der Gabel in den Kirschen, ohne zu essen. „Und ich möchte, dass du weißt: Das Armband, das habe ich nicht vergessen. Für Lotte. Wenn sie groß ist." – „Ich weiß, Rosemarie. Wir haben das besprochen." – „Ja." Ein kurzes Nicken. Sie trank einen Schluck Tee, rascher als nötig.
Am Abend, als Lotte schlief und Rosemarie gegangen war, stand Mira am Spülbecken und wusch das Geschirr. Zwei Stück Kuchen waren übrig, sie stellte sie in den Kühlschrank. Das Geschirrtuch mit den Hähnen hing über der Stuhllehne.
Sie trocknete sich die Hände ab und trat vor den Spiegel im Flur. Silberne Ohrringe mit Mondsteinen. Ungeschminktes Gesicht. Dunkle Ringe unter den Augen, weil Lotte gestern um drei aufgewacht war und bis fünf nicht mehr einschlafen wollte. Aber im Spiegel war noch etwas anderes zu sehen. Etwas, das vorher nicht da gewesen war.
Oben im Schrank, hinter dem Stapel Bettwäsche, war jetzt Platz. Keine Schachtel mehr.
Mira löschte das Licht im Flur und ging noch einmal nach Lotte sehen. Sie schlief, den roten Bauklotz mit beiden Händen umklammert, den neuen, von der Oma. Mira zog die Decke bis ans Kinn, blieb einen Moment stehen und hörte dem Atem zu. Gleichmäßig, ruhig, ein leiser Rhythmus im dunklen Zimmer. Draußen begann es zu regnen, ganz leicht, die Tropfen tickten gegen das Fensterbrett.
