Warum ich ging, bevor sie mich rauswerfen konnte

Ich heiße Jonas Berger, ich bin achtundzwanzig, und ich erzähle das hier zum ersten Mal so, wie es wirklich war – nicht so, wie es später in den Akten stand.

Ich habe Renate vor sechs Jahren kennengelernt, in einem Yogastudio in Freiburg, in dem ich als Aushilfe unterrichtete, weil mein eigentlicher Job als Physiotherapeut kaum die Miete deckte. Sie war neunundfünfzig, ich neunundzwanzig – ja, ich weiß, wie das aussieht. Sie kam jeden Dienstag um achtzehn Uhr, hinten links, immer dieselbe Matte, dunkelblau mit einem Riss an der Ecke. Sie hatte gerade ihren Mann verloren, sprach kaum, aber wenn sie lachte, dann richtig. Ich mochte, dass sie nicht so tat, als wäre alles in Ordnung.

Die Leute in meinem Umfeld haben sofort die Augenbrauen hochgezogen. Mein Bruder hat mich gefragt, ob ich noch ganz bei mir sei. Aber ich habe mich nicht für ihr Geld interessiert – sie hatte eine Wohnung in der Freiburger Altstadt, geerbt, ein Ferienhaus an der Ostsee bei Zingst, zwei Sparkonten. Ich wusste davon, klar, aber ich habe nie danach gefragt. Ich habe gekocht, ich habe ihr den Rücken massiert, wenn die alten Bandscheibenprobleme kamen, ich habe sie „meine Kleine" genannt, weil sie so winzig neben mir wirkte, wenn wir zusammen auf dem Sofa saßen und die Tagesschau liefen ließen, ohne wirklich hinzuschauen.

Was keiner weiß: Ich hatte selbst Angst vorm Schlafen. Seit einem Unfall mit neunzehn, bei dem mein bester Freund gestorben ist, habe ich Panikattacken um drei Uhr nachts. Renate schlief schlecht, ich schlief schlecht – also habe ich angefangen, uns beiden abends einen warmen Tee zu machen, Kamille mit Honig, manchmal ein paar Tropfen von einem pflanzlichen Beruhigungsmittel aus der Apotheke am Augustinerplatz, das mir mein Hausarzt mal empfohlen hatte. Baldrian-Melisse-Tropfen, rezeptfrei, in jeder Drogerie zu haben. Ich dachte, ich tue etwas Gutes. Für uns beide.

Die Nacht, in der alles kippte, war ein Mittwoch im Oktober. Ich hatte den Tee wie immer vorbereitet, war aber noch mal in die Küche gegangen, weil ich vergessen hatte, die Herdplatte auszuschalten. Als ich zurückkam, stand Renate im Flur, in ihrem grauen Bademantel, und beobachtete mich durch den Türspalt. Sie hat nichts gesagt. Am nächsten Morgen war der Tee weg – nicht getrunken, einfach weg. Ich dachte, sie hätte ihn ausgeschüttet, weil er kalt geworden war.

Drei Tage später kam sie abends nach Hause mit einer Mappe unter dem Arm. Beige, mit einem Anwaltslogo auf dem Rücken – Kanzlei Hoffmann & Vogt, das kannte ich, die hatten ihr Büro über der Bäckerei in der Kaiserstraße. Sie legte die Mappe auf den Küchentisch, zwischen uns, und sagte, sie habe die Tropfen untersuchen lassen. Ich habe versucht zu erklären: dass es rezeptfrei war, dass ich selbst davon genommen hatte, dass ich es nie – nie – heimlich getan hätte, um sie ruhigzustellen. Aber sie hat mir nicht mehr zugehört. Sie hat gesagt, ich hätte ihr die Wahl genommen, weil ich die Menge nie mit ihr abgesprochen hatte. Und da hatte sie recht. Das war mein Fehler – nicht die Absicht, sondern dass ich sie nie gefragt habe. Ich habe angenommen, ich wüsste, was gut für sie ist. So wie meine Mutter das immer für mich entschieden hat, und ich es nie gemerkt habe, wie sehr mich das wütend gemacht hat, bis ich es selbst tat.

Ich habe an dem Abend nicht widersprochen, als sie sagte, ich solle bis zum Wochenende ausziehen. Ich hätte kämpfen können. Ich hatte kein Beweismaterial gegen mich außer einer halbleeren Flasche und meiner eigenen Erklärung, die glaubwürdig war, wenn man mir zuhören wollte. Aber sie wollte nicht mehr. Und ehrlich – ich war selbst nicht sicher, ob ich mir noch traute.

Am Freitagabend saß ich mit meinem Koffer im Treppenhaus der Altbauwohnung in der Gerberau, und Renate stand in der Tür, ihre Anwältin, eine Frau namens Frau Dr. Lindemann, telefonisch erreichbar, die Papiere schon unterschriftsreif auf dem Flurtisch. Zwölftausendeuro hatte ich in den sechs Jahren nie von ihr verlangt, keinen Cent, und sie hat mir am Ende trotzdem zweitausend überwiesen, „für den Übergang", stand in der Betreffzeile. Ich habe das Geld drei Wochen liegen lassen, bevor ich es angerührt habe, weil es sich anfühlte wie eine Abfindung für etwas, das ich nicht getan hatte glauben wollen, dass ich es getan hätte.

Was ich bis heute nicht verstehe: dass sechs Jahre in einer einzigen Nacht am Türspalt entschieden wurden. Ich habe später gehört, dass sie die Wohnung in der Altstadt verkauft hat und ganz nach Zingst gezogen ist. Dass sie jetzt Yogakurse für Frauen über fünfzig gibt. Gut für sie, ehrlich. Ich unterrichte immer noch dienstags, aber in einem anderen Studio, am Stadtrand, wo mich niemand fragt, warum ich mit neunundzwanzig schon so vorsichtig bin, wenn eine Frau mir einen Tee anbietet.

Ich habe angefangen, in Therapie zu gehen, letzten Winter, wegen der Panikattacken, die immer noch kommen, um drei, manchmal um vier. Meine Therapeutin hat mich gefragt, ob ich Renate hasse. Ich habe lange überlegt. Ich glaube nicht. Ich glaube, ich habe verstanden, was Kontrolle bedeutet, weil ich selbst welche ausgeübt habe, ohne es so nennen zu wollen. Fürsorge ohne Zustimmung ist trotzdem eine Art, jemandem etwas wegzunehmen – auch wenn man es Liebe nennt und nachts Kamillentee dazu kocht.

Manchmal, wenn ich an der Ampel am Augustinerplatz stehe, an der Apotheke vorbei, in der ich die Tropfen gekauft habe, denke ich an den Türspalt und an ihr Gesicht dahinter. Ich habe nie gefragt, wie lange sie schon dort gestanden hatte, bevor ich mich umgedreht habe.

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