Der Kaffee in Meike Brandners Becher war längst kalt geworden, aber sie merkte es nicht. Ihr Blick klebte am Handydisplay, an drei Wörtern und drei Emojis, die ihr Neffe Tobias um 23:47 Uhr an die Familiengruppe geschickt hatte: „so cute🥰😚😘" – dazu ein Foto, das man in dieser Auflösung kaum erkennen konnte. Ein verschwommener Ausschnitt, ein Arm, ein Lächeln, das nicht ihrer Schwester gehörte.
Sie saß in ihrer Küche in Leipzig-Connewitz, die Heizung tickte, draußen regnete es gegen die Fensterscheibe, und sie drehte das Telefon zwischen den Fingern, als könnte sie es dazu bringen, mehr preiszugeben. Ihre Schwester Bianka war seit vier Monaten mit Tobias' Vater Ralf zusammen – vier Monate, die Meike als Waffenstillstand empfunden hatte, brüchig, aber tragfähig. Ralf hatte seine Frau vor zwei Jahren verloren, Bianka ihren Mann vor drei. Zwei Familien, die versuchten, sich zu einem Ganzen zusammenzusetzen, mit einem sechzehnjährigen Tobias und einer vierzehnjährigen Lotte als Bruchkanten.
Meike rief nicht sofort an. Sie stand auf, kippte den kalten Kaffee ins Spülbecken, schrubbte die Tasse, obwohl da nichts mehr dranklebte. Dann tippte sie Biankas Nummer, hörte es dreimal klingeln, legte auf, bevor jemand ranging. Um 23:58 Uhr schrieb sie stattdessen: „Ruf mich morgen früh an, bevor du zur Arbeit fährst. Wichtig." Sie schickte es ab und starrte danach zwanzig Minuten auf den Bildschirm, ohne dass sich etwas bewegte.
Um kurz vor sieben rief Bianka zurück. Meike stand mit dem Handy am Ohr in der Küche, den Kühlschrank offen, die Milch schon in der Hand, und sagte nur: „Ich schick dir was. Ruf mich an, wenn du's gesehen hast." Sie schickte den Screenshot. Es dauerte vier Minuten, dann klingelte es wieder.
„Was soll das sein?", fragte Bianka, und im Hintergrund hörte man die Kaffeemaschine der Schwester zischen.
„Guck's dir genau an. Das Gesicht unten im Bild."
Stille in der Leitung, dann: „Das ist unscharf, Meike, das könnte alles sein."
„Es ist eine Frau. Und die trägt kein Schuluniform-Alter."
„Du meinst, Tobias schickt Nacktfotos von einer Kollegin in unsere Familiengruppe? Bist du noch ganz bei Trost?"
„Ich sag ja nicht, was es ist. Ich frag, was es ist."
Bianka legte auf, ohne sich zu verabschieden. Meike fuhr trotzdem los, direkt nach der Arbeit, ohne vorher anzurufen. Die Wohnung lag im dritten Stock eines Altbaus in der Karl-Liebknecht-Straße. Als Bianka die Tür öffnete, roch es nach Toast und nach dem Parfüm, das sie seit dem Tod ihres Mannes wieder trug. Sie hatte die Arme verschränkt, noch bevor Meike ein Wort gesagt hatte.
„Du hättest anrufen können statt herzufahren wie die Kripo."
„Ich wollte es dir ins Gesicht sagen können." Meike hielt ihr das Handy hin.
Bianka nahm es nicht. „Ich hab schon mit Ralf gesprochen, während du unterwegs warst. Das ist Jule, seine Kollegin. War letzte Woche zum Grillabend hier, mit Tochter und Katze im Schlepptau."
„Und warum schreibt Tobias das um halb zwölf nachts an die ganze Familie?"
„Weil er sechzehn ist und dachte, ein Katzenfoto wäre witzig." Bianka ließ die Arme sinken, aber ihre Stimme blieb hart. „Du hast aus einem Kätzchen eine Affäre gemacht, Meike. Und dann bist du losgefahren, statt mir einfach zu vertrauen."
„Ich wollte es sehen. Selbst."
„Nein. Du wolltest recht haben." Bianka nahm ihr jetzt doch das Handy ab, zoomte hinein, drehte den Bildschirm zu Meike. Zwischen den Pixeln, unten am Rand, ein graugetigertes Fell, zusammengerollt auf einem Sofakissen. Kein Gesicht. Nie eins gewesen.
Meike starrte auf das Bild, dann auf ihre Schwester. „Das ändert nichts daran, dass du seit vier Monaten kaum schläfst, wenn Ralf mal einen Abend länger arbeitet. Das hab ich auch gesehen, Bianka. Das war nicht nur das Foto."
Bianka wollte etwas erwidern, hielt inne. Die Hand mit dem Handy sank herunter. „Das ist was anderes."
„Ist es nicht. Du hast Angst, dass er geht. Ich hab Angst, dass du wieder zusammenbrichst, wenn er's tut. Wir haben beide dasselbe Problem, nur du versteckst es besser."
Es blieb eine Weile still zwischen ihnen, nur das Ticken der Heizung, das Tropfen der Kaffeemaschine, die noch nachlief. Bianka setzte sich an den Tisch, auf dem die Toastkrümel von Tobias' Frühstück lagen, wischte sie mit der flachen Hand in die andere und stand wieder auf, um sie in den Mülleimer zu klopfen.
„Ralf hat mich gestern Abend gefragt, ob wir zusammenziehen. Alle vier. Ich hab noch nicht geantwortet."
Meike setzte sich, ohne gefragt zu werden. „Und was hast du vor?"
„Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich's nicht wissen will, weil meine Schwester mir seit vier Monaten mit einem Katzenfoto in der Tasche hinterherläuft und wartet, dass es schiefgeht."
„Das ist nicht fair."
„Ist es nicht. Aber es stimmt trotzdem." Bianka stellte zwei Tassen auf den Tisch, schenkte Kaffee ein, ihre eigene Tasse, eine zweite für Meike, ohne zu fragen, ob sie wollte. „Du fährst jetzt nach Hause. Und wenn ich mich entschieden habe, sag ich's dir. Nicht anders rum."
Meike nickte nicht, sagte nichts Versöhnliches. Sie trank den Kaffee, der zu stark war, stellte die Tasse ab und stand auf. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Wenn du zusagst – ich helf beim Umzug. Auch wenn's mir nicht leichtfällt."
„Das reicht mir erstmal", sagte Bianka und schloss die Tür, bevor Meike im Treppenhaus verschwunden war.
