Ich erinnere mich an diesen Moment, als wäre er ein Filmriss in meinem sonst so kontrollierten Leben. Es war auf der Hanseatischen Wohltätigkeitsgala im Hotel Atlantic, der Regen schlug gegen die Fenster zur Alster hin, und der Geruch von teurem Parfüm vermischte sich mit dem von altem Geld. Ich stand im abgedunkelten Korridor, sprach leise mit Enzo über die nächste Containerlieferung, als ich hastige Schritte hörte, eine lallende Männerstimme, und dann spürte ich, wie eine Frau meine Revers packte und ihre Lippen auf meine presste.
Mein erster Impuls war Abwehr. Aber der Schreck wich einer seltsamen Wachsamkeit, denn ich spürte ihr Zittern, den panischen Herzschlag, der sich durch den Stoff übertrug. Hinter ihr erkannte ich einen Mann im schlecht sitzenden Anzug, der abrupt stehen blieb und uns mit offenem Mund musterte, als sähe er einen Geist. Ich verstand sofort: Sie brauchte eine Fluchtmöglichkeit vor einem Aufdringlichen. Also legte ich meine Hand in ihren Nacken, zog sie enger und erwiderte den Kuss so überzeugend, dass der andere rückwärts stolperte und durch die Tür verschwand.
Ich ließ sie los. Sie wich zurück, keuchte, murmelte eine Entschuldigung. Ihr Kleid spannte an der Schulter – geliehen oder aus einem Secondhand-Laden, das war deutlich. Ein kleiner Diamantohrring schwang bei jeder Bewegung. Sie hatte keinen Schimmer, wer ich war. Ich gab meinen Männern ein Zeichen, die Waffen zu senken, wischte mit dem Taschentuch den Lippenstift von meinem Mundwinkel und sah ihr nach, wie sie den Gang hinunterhastete. Ich dachte, diese skurrile Begegnung würde sich in nichts auflösen.
Drei Tage später knallte Enzo ein Foto auf meinen Mahagonischreibtisch: genau dieser Kuss, aufgenommen mit einem billigen Telefon aus einem toten Winkel. Der Fotograf arbeitete für Viktor Brandt, den Pate des St. Pauli-Syndikats, der seit Monaten eine Schwäche bei mir suchte. Jetzt glaubte ganz Hamburg, dass diese Frau meine Geliebte war. Ihr Name: Mara Lindner, 27, Steuerfachangestellte bei einer kleinen Kanzlei in Winterhude. Ein Niemand ohne jede Verbindung zur Unterwelt, der plötzlich auf jeder Abschussliste stand.
Noch am selben Abend ließ ich sie abholen. Der Maybach parkte in der Tiefgarage ihres Bürokomplexes, der Regen trommelte auf das Blech. Sie stieg ein, blass, die Hände zu Fäusten geballt, aber mit einer Haltung, die mich überraschte. Ich erklärte ihr die Lage: Brandt würde sie entführen, foltern und die Überreste in den Elbe fließen lassen, nur um mich unter Druck zu setzen. Es gab nur einen Ausweg: Sie musste öffentlich meine Verlobte spielen, auf mein Anwesen nach Blankenese ziehen und sich in den nächsten Wochen als die wichtigste Frau an meiner Seite zeigen, während ich Brandts Organisation zerschlug.
Sie schluckte schwer, ihre Finger gruben sich in das Leder des Sitzes. Dann nickte sie. „Also gut“, brachte sie hervor. Ihre Stimme klang dünn, aber da war mehr Mut als bei so manchem meiner Capos. Ich legte meine Hand auf ihre eiskalten Finger. „Dann fahren wir.“
Die folgenden zwei Wochen waren eine Inszenierung aus Seide und Diamanten. Ich kaufte ihr Kleider, die sie wie eine fremde Haut trug, und wir besuchten den Übersee-Club, verbotene Spielhallen im Karoviertel und exklusive Vernissagen. Immer mit dem Arm um ihre Taille, mit leisen Sätzen in einer Sprache, die sie nicht verstand, nur um die Illusion von Leidenschaft zu nähren. Anfangs war es reine Kalkulation. Doch nachts, wenn ich vor der Tür ihres Gästezimmers stand und ihren gleichmäßigen Atemzügen lauschte, ertappte ich mich bei dem Wunsch, sie würde nie wieder gehen. Der Fliedergeruch ihres Parfüms blieb an meinen Hemden hängen.
Der Knall kam mit Enzos abgefangener Nachricht: Mein Stellvertreter Hartmann fütterte Brandt mit Schiffsplänen und Wachrotationen. Der Verräter saß mitten in meinem Haus. Ich beschloss, beide bei einer diamantenen Auktion im Empire Riverside zu stellen, und Mara musste dabei sein – als Köder, aber auch mit einer kleinen Walther PPK in einem Halfter am Oberschenkel, deren Gewicht sie seltsam zu beruhigen schien.
Das Hotel erstrahlte in protzigem Glanz. Kronleuchter warfen Lichtkaskaden auf die Vitrinen. Als wir eintraten, fiel jede Aufmerksamkeit auf uns. Viktor Brandt taxierte Maras Hüfte mit einer Unverfrorenheit, die mir die Kiefermuskeln spannte. Hartmann stand neben ihm, das Gesicht eine wächserne Maske, die Finger zuckten unruhig am Revers.
Ich trat direkt auf sie zu. „Viktor, meine Verlobte Mara.“ Hartmann wurde noch blasser. Ich wandte mich an ihn: „Hol der Dame doch einen Champagner.“ Es war die Aufforderung zur Flucht, und er begriff. Seine Hand fuhr unter das Jackett, riss eine Pistole hervor – und richtete sie nicht auf mich, sondern auf Mara. „Keinen Schritt!“ Seine Stimme überschlug sich. Meine Männer zögerten.
Ich stand wie versteinert, jede Sehne gespannt bis zum Zerreißen. Da tat sie das Unerwartete. Sie ließ sich fallen, einfach so, als kappte jemand die Fäden einer Marionette. Hartmann taumelte, sein Griff löste sich. Ihre Hand schoss in den Schlitz, zog die Walther, der Lauf zeigte nach oben, und der Knall zerschmetterte seine Schulter. Er schrie auf, die Waffe polterte zu Boden. Im selben Bruchteil einer Sekunde riss ich meine Pistole hoch und feuerte. Viktor Brandt sackte lautlos zusammen.
Chaos brach aus. Ich packte Mara, zog sie hinter eine massive Säule, während Gäste kreischten und Scherben von den Leuchtern regneten. Meine Hände tasteten sie ab, fanden kein Blut. „Du verrückte, mutige Närrin“, presste ich hervor. Sie atmete schwer, ihre Finger krallten sich in mein Hemd. Dann küsste ich sie – nicht für eine Kamera, nicht als Spiel, sondern weil in mir etwas aufbrach, das ich nie gekannt hatte.
Als die Sirenen der Wasserschutzpolizei vom Hafen herüberheulten, bot ich ihr die Freiheit an. Ein neuer Pass, ein neuer Name, ein Ticket über den Atlantik. Sie sah mich lange an, dann wischte sie mit dem Daumen über die Brandnarbe an meinem Kiefer – ein Souvenir aus einer Hafenschlägerei vor elf Jahren. „Ich renne nicht weg, Konstantin“, sagte sie. „Das war nie eine Option.“ Und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Ein Jahr später, in einer verregneten Oktobernacht, durchwühlte Mara meine Schreibtischschubladen nach Briefmarken. Dabei entdeckte sie ein vergilbtes Bankformular: Seit dem Morgen nach der Gala hatte ich monatlich 4.200 Euro an ein Pflegeheim in Wedel überwiesen – anonym, auf das Konto, das ihre Mutter seit sieben Jahren versorgte. Mara sagte kein Wort. Sie legte den Beleg neben meine Hand und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Draußen schrie eine Möwe, und der Regen trommelte gegen das Fenster.
