Wismut im Brunnenwasser

Ich arbeite seit elf Jahren als Geologin am Landesamt für Umwelt in Dresden. Mein Schreibtisch steht im dritten Stock, und wenn ich das Fenster öffne, höre ich die Straßenbahn an der Haltestelle vor dem Behördenzentrum quietschen. Normalerweise geht es in meinem Job um Karten, Proben, Messprotokolle. Um langweilige, graue Routine. Aber vor drei Monaten lag auf meinem Tisch ein Befund, bei dem ich den Kaffee habe kalt werden lassen.

Es ging um einen stillgelegten Bergwerksstollen bei Johanngeorgenstadt im Erzgebirge. Die Grube war seit den neunziger Jahren geflutet, das Wasser stand meterhoch in den alten Schächten. Seit Jahrzehnten sickerte von dort belastetes Grundwasser in die umliegenden Bäche. Nichts Dramatisches, keine Schlagzeile, aber wer dort einen Brunnen hatte, bekam vom Gesundheitsamt regelmäßig Besuch. Das Wasser roch nach altem Eisen, schmeckte metallisch. Die Leute gewöhnten sich daran. Manche hatten schon vergessen, warum sie eigentlich Mineralwasser in Flaschen kauften.

Der Befund, der auf meinem Tisch lag, stammte von einem privaten Labor aus Chemnitz. Jemand hatte Proben aus dem gefluteten Stollen genommen und darin Bakterien gefunden, die Uran umwandeln. Nicht filtern, nicht verdünnen — tatsächlich chemisch verändern. Das Labor schrieb, die Mikroben hätten in ihren Testreihen fast das gesamte gelöste Uran aus dem Wasser geholt. Ich habe den Brief zweimal gelesen und dann meinen Vorgesetzten angerufen, obwohl es Freitagnachmittag war und ich eigentlich früher gehen wollte.

Mein Vorgesetzter, Herr Dr. Weidemann, ist ein Mann, der bei jedem neuen Vorschlag zuerst an die Kosten denkt. Er saß in seinem Büro, die Jalousien halb heruntergelassen, und klopfte mit einem Kugelschreiber auf den Rand seines Terminkalenders, während ich redete. Als ich fertig war, sagte er: „Wir haben im November das Sanierungsbudget für den ganzen Bezirk um zwanzig Prozent gekürzt bekommen. Und Sie erzählen mir von Bakterien.“

„Deshalb ist es günstig“, sagte ich. „Keine Pumpen, keine Chemikalien. Nur eine Probenreihe vor Ort.“

„Haben Sie eine Ahnung, was auf meinem Tisch noch liegt? Die Firma Rauter-Umwelttechnik aus Chemnitz bewirbt sich seit Monaten um genau diesen Sanierungsauftrag. Konventionell, mit Pumpstation. Die haben gute Kontakte ins Ministerium. Wenn ich denen jetzt sage, wir experimentieren erst mal mit Mikroben, lachen die mich aus.“

„Geben Sie mir sechs Wochen. Aus dem Monitoring-Topf, es ist sowieso Untersuchungsgebiet. Kostet Sie nichts.“

Er sah mich lange an. „Sechs Wochen. Und wenn es nichts wird, reden wir nie wieder darüber.“

Ich fuhr also im Oktober nach Johanngeorgenstadt. Der Ort liegt im Wald, die Häuser ducken sich zwischen die Hänge, und morgens hängt der Nebel so tief, dass man die Kirchturmspitze nicht sieht. An der ehemaligen Grube stand noch das alte Fördergerüst, schwarz und nass vom Regen. Daneben ein Container, in dem früher die Kumpel ihre Sachen umgezogen hatten. Ich hatte eine Kollegin dabei, Frau Dr. Lorenz, Mikrobiologin von der TU Freiberg. Sie war Mitte fünfzig, trug Gummistiefel, die aussahen, als hätten sie schon mehrere Bergwerke überlebt, und redete beim Gehen fast ununterbrochen über Redoxpotenziale. Ich mochte sie sofort.

Wir entnahmen Wasserproben aus drei verschiedenen Tiefen. Das Wasser war klar, aber kalt genug, dass mir die Finger in den Handschuhen taub wurden. Auf dem Rückweg blieb Frau Lorenz an einem rostigen Rohr stehen, aus dem ein dünner Strahl auf den Boden tropfte.

„Hier“, sagte sie, „genau hier haben Sie Ihre Bakterien. Die mögen es, wenn es eng ist und wenig Sauerstoff gibt.“

Ich notierte die Messwerte in ein Heft, dessen Deckel sich vom Regen wellte. In der Ferne bellte ein Hund aus einem der umliegenden Gehöfte. Ein einzelner Ruf, der im Wald verhallte.

Zwei Wochen später kam der erste Rückschlag. Die Werte aus der obersten Probentiefe waren widersprüchlich — an einem Tag kaum Uranrückgang, am nächsten ein Ausschlag, der so hoch war, dass Frau Lorenz zuerst an einen Messfehler glaubte. Wir fuhren noch einmal raus, zogen Proben nach, und diesmal stimmte gar nichts mehr zusammen. Ich saß abends am Küchentisch über den Zahlenreihen und konnte keinen Zusammenhang finden. Vielleicht hatte sich die Sonde verschoben. Vielleicht war die erste Messreihe ein Zufallstreffer gewesen, ein statistisches Rauschen, das ich zu einer Entdeckung aufgeblasen hatte. Ich rief Frau Lorenz um halb elf abends an.

„Vielleicht bilden wir uns das nur ein“, sagte ich. „Vielleicht ist da gar kein Effekt.“

„Vielleicht“, sagte sie. „Oder die Sensorik sitzt zu nah am Zulauf und misst frisches Grubenwasser statt der Zone, in der die Bakterien arbeiten. Wir müssen die Messstellen verlegen. Das kostet uns zwei, drei Wochen.“

Zwei, drei Wochen, die ich nicht hatte. Als ich das Weidemann am nächsten Morgen sagte, legte er den Stift weg, was er sonst nie tat.

„Sechs Wochen waren die Abmachung“, sagte er. „Rauter-Umwelttechnik hat gestern ihr Angebot nachgebessert. Das Ministerium tagt in vier Wochen. Wenn ich bis dahin keine belastbaren Zahlen habe, ist die Sache erledigt, und zwar endgültig, mit Pumpstation und Betonsockel über dem Stollen.“

Ich fragte ihn, ob er mir wenigstens die vier Wochen ganz gebe, ohne Zwischenbericht, ohne dass er mir über die Schulter schaut. Er schwieg lange. Dann sagte er: „Vier Wochen. Aber wenn Sie mir am Ende nichts vorlegen können, das auch vor Rauters Anwälten hält, trage ich das aus. Nicht Sie.“

Ich verstand, was das bedeutete. Wenn ich mich irrte, würde er es sein, der vor der Ministeriumsrunde stand und ein gescheitertes Experiment verteidigen musste, das er selbst freigegeben hatte.

Wir verlegten die Messstellen tiefer in den Stollen, dorthin, wo kaum noch Licht und Sauerstoff hinkamen. Frau Lorenz bestand darauf, die alten Proben noch einmal im Labor nachzuprüfen, Schicht für Schicht. Ich fuhr in dieser Zeit fast jeden zweiten Tag nach Johanngeorgenstadt, allein, mit dem Dienstwagen, und stand oft eine Stunde am Fördergerüst, ohne dass es etwas zu messen gab, nur um zu sehen, ob sich am Wasserspiegel etwas veränderte.

Kurz vor Weihnachten kam der überarbeitete Zwischenbericht. Die neuen Messstellen zeigten einen klaren, wiederholbaren Rückgang der Uranwerte. Kein Ausreißer mehr, sondern eine Kurve, die sich über drei Wochen stabil nach unten bewegte. Ich legte den Bericht auf Weidemanns Schreibtisch. Er trug eine Lesebrille, die auf der Nasenspitze saß, und sagte: „Das reicht noch nicht fürs Ministerium.“

„Ich weiß“, sagte ich.

„Aber es ist ein Anfang, mit dem ich vor Rauter bestehen kann.“

Das war das netteste, was ich je von ihm gehört hatte.

Im Januar schneite es. Der Weg zur Grube war nur noch mit einem geliehenen Allradfahrzeug vom Bauhof zu befahren. Ich saß am Steuer, Frau Lorenz neben mir, auf dem Rücksitz ein Kasten mit Probenflaschen. Die Scheibenwischer kämpften gegen den Schneematsch. Als wir am Stollen ankamen, fiel mir auf, dass die Sonne tief über dem Wald stand, als wäre es schon Abend, obwohl es erst Mittag war. Am Rand des Geländes stand ein Lastwagen mit dem Logo von Rauter-Umwelttechnik — ein Vermessungstrupp, der schon einmal die Zufahrt für schwere Geräte auslotete, für den Fall, dass das Ministerium sich anders entschied.

Wir nahmen Proben aus der gleichen Tiefe wie immer. Doch als wir die Werte vor Ort grob prüften, trauten wir unseren Augen nicht. Der Gehalt an gelöstem Uran war gegenüber dem Vormonat noch einmal deutlich runtergegangen.

Frau Lorenz tippte auf das Display.

„Das sind über neunzig Prozent“, sagte sie. „In einem offenen System. Das hätte ich so schnell nicht erwartet.“

Ich schwieg. Es war dieser Moment, in dem man als Wissenschaftlerin nicht zu schnell glauben darf, was man sieht. Man will jubeln, und gleichzeitig denkt man an alle Fehlerquellen: an die Kalibrierung, an die Temperatur, an die Jahreszeit. Aber ich habe auch an das Dorf gedacht. An die Leute, die ihr Wasser in Flaschen kauften. An den Lastwagen am Rand des Geländes, der noch da stand, als wir wegfuhren.

Der Ministeriumstermin war auf den folgenden Donnerstag angesetzt, drei Tage später als ursprünglich geplant. Ich hatte also ein Wochenende, um aus einer Messreihe, die noch keine drei Wochen alt war, einen Bericht zu schreiben, der belastbar genug war, um gegen ein Angebot mit Festpreis und Garantiezeit zu bestehen. Samstagnacht saß ich noch um zwei Uhr am Küchentisch, verglich die alten fehlerhaften Werte mit den neuen, schrieb Fußnote um Fußnote, um jeden möglichen Einwand vorwegzunehmen, den ein Anwalt von Rauter finden könnte. Ich dachte daran, dass ich mit meinem Namen unter diesem Bericht stand, und dass Weidemann, wenn es schiefging, seinen Kopf dafür hinhalten würde, weil er mir die vier Wochen gegeben hatte.

Am Montag darauf legte ich Weidemann den fertigen Bericht vor, zwei Seiten, sachlich, ohne Übertreibung, aber mit der Messkurve als Anhang und jeder Rohdatenspalte offen zugänglich. In der letzten Zeile stand ein Satz, den ich nie vergessen werde: „Das Verfahren hat das Potenzial, die Sanierung uraniumbelasteter Grundwässer grundlegend zu verändern — nicht nur in Sachsen, sondern überall dort, wo der Bergbau tiefe Wunden hinterlassen hat.“

Weidemann las die zwei Seiten zweimal. Dann nahm er den Stift, hielt einen Moment inne, als wöge er ab, was es ihn kosten würde, wenn ich mich irrte, und unterschrieb.

„Ich hoffe, Sie haben recht“, sagte er. „Denn am Donnerstag sitze ich Rauters Anwälten gegenüber, nicht Sie.“

„Ich weiß“, sagte ich.

Am Donnerstag saß ich im Vorzimmer des Ministeriums, während Weidemann drinnen den Bericht verteidigte. Nach vierzig Minuten kam er heraus, die Krawatte leicht gelockert, und sagte nur: „Pilotstrecke bleibt. Kein Betonsockel. Rauter kriegt den Zuschlag für die konventionelle Sanierung im Nachbarrevier, das reicht denen offenbar.“

Draußen brannte das rote Backsteingebäude des Landesamts in der Wintersonne, als wir zurückkamen. Die Fußgängerampel sprang auf Grün. Ich blieb trotzdem stehen und sah zurück zum Fenster im dritten Stock. Es war geschlossen, wie immer. Aber ich wusste, was drinnen auf seinen Weg ging: drei Wochen Zweifel, ein Lastwagen, der wieder abgezogen war, und ein stillgelegtes Bergwerk, in dem Bakterien, die niemand sehen kann, weiterhin, unbeachtet und beharrlich, ihre Arbeit taten.

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