Kabel an der Laterne

In Wernigerode schneit es seit dem Morgen. Nicht dieser nasse Matsch, der sofort zergeht — nein, trockener, knirschender Schnee, wie man ihn im Harz Ende Januar kennt. Petra stand in der Küche und schälte Kartoffeln, als ihre Nachbarin Miriam gegen die Terrassentür hämmerte.

„Dein Kater hängt am Laternenmast", rief Miriam, noch bevor Petra ganz geöffnet hatte. „Er hängt da wirklich fest."

Petra wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Wovon redest du?"

„Dein Kater. Der schwarze. Er hängt am Straßenlaternenmast, ganz oben, und kommt nicht mehr runter."

Zuerst dachte Petra an einen schlechten Scherz. Draußen waren minus zehn Grad, ihr Kater Rocky lag um diese Zeit sonst immer auf der Heizung und rührte sich nicht. Aber als sie in den Flur blickte, war die Katzenklappe offen und Rocky tatsächlich nicht auf seinem Platz.

Sie zog die gefütterte Winterjacke über, schlüpfte in die Stiefel und rannte Miriam hinterher, die schon vornweg zur Straße lief. Der Mast stand an der Ecke, gute sechs Meter hoch. Und da oben, direkt neben dem Leuchtkörper, hing ein schwarzes Bündel. Es war Rocky. Er hatte sich mit dem Brustkorb in einer Halterung verklemmt und baumelte reglos, nur der Schwanz zuckte ab und zu.

„Rocky!", rief Petra. „Was machst du da oben?"

Der Kater antwortete mit einem klagenden Miauen, das Petra bis in die Fingerspitzen fuhr.

Miriam hatte schon ihr Handy in der Hand. „Ich ruf die Stadtwerke an."

Beim nächsten Häuserblock kam der junge Mann von gegenüber vorbei, David, der bei der Post arbeitete und gerade Mittagspause machte.

„David, kannst du da raufklettern?", fragte Petra und deutete auf den Mast.

David trat zwei Schritte zurück, schob die Mütze hoch und betrachtete die Laterne. Dann schüttelte er den Kopf.

„Da oben laufen 230 Volt drüber. Und bei dem Schnee rutscht man auf dem Aluminium ab wie auf Eis. Das schaffst du nicht mal mit Steigeisen." Er zögerte kurz. „Ich könnte meinen Bruder anrufen, der arbeitet bei den Stadtwerken."

„Ja", sagte Petra, „bitte."

Miriam hatte bereits die Störungsstelle dran. Man hörte sie durch das Freisprechen: „Wir sind nicht für Tiere zuständig. Wenden Sie sich an die Feuerwehr."

Bei der Feuerwehr hieß es: „Wir retten Menschen, keine Haustiere. Wenn der Kater von allein runterkommt, ist das nicht unser Einsatz. Leitern dürfen wir dafür nicht ausrücken."

Miriam legte auf. In dem Moment kam der Kater erneut ins Rutschen, versuchte sich mit den Vorderpfoten an der Leuchte festzuhalten und schrie dabei so, dass es einem durch die Jacke ging.

„Wie lange hängt der da schon?", fragte Miriam.

Petra schluckte. „Ich hab ihn heute Morgen um acht rausgelassen. Danach hab ich ihn nicht mehr gesehen."

Das waren fast drei Stunden. Drei Stunden in der Eiseskälte, an einem Strommast, eingeklemmt. Petra spürte, wie ihr übel wurde.

Miriam tippte auf ihrem Handy herum. „Moment. Ich hab da was gesehen, auf dem schwarzen Brett im Edeka. Jemand, der Tierschutz-Notfälle macht. Der hatte eine Anzeige — Höhenrettung für Katzen."

Sie fand die Nummer tatsächlich. Ein Mann meldete sich nach dem dritten Klingeln.

„Tiernotruf Harz, mein Name ist Stefan. Was ist passiert?"

Miriam erklärte die Lage so kurz und präzise sie konnte. Straßenlaterne, Kater eingeklemmt, seit Stunden, minus zehn Grad, Feuerwehr kommt nicht.

„Wo genau sind Sie?", fragte Stefan.

„Wernigerode, Lüttgenfeldstraße. Aber wir sind direkt am Rand, Richtung Silstedt, das ist fast schon Feldlage."

„Ich bin gerade in Wernigerode", sagte Stefan. „In zwanzig Minuten bin ich da. Der Einsatz kostet neunzig Euro, auch wenn es nicht gelingt, ist das mit der Anfahrt drin. Einverstanden?"

„Ja", sagte Miriam ohne zu zögern. „Kommen Sie."

David, der das Gespräch mitbekommen hatte, zog seine Handschuhe aus und drückte sie Miriam in die Hand. „Falls er sie braucht. Ich muss zurück zur Arbeit. Sagt Bescheid, wenn ich was tun soll."

Stefan traf achtzehn Minuten später ein. Er fuhr einen alten weißen Transporter mit einer Leiter auf dem Dach, die aussah, als stamme sie eher aus dem Baumarkt als aus dem Einsatzfahrzeug. Er stieg aus, ein kräftiger Mann um die vierzig mit kurzgeschorenem Haar und einer dicken Winterjacke. Aus dem Transporter zog er ein Klettergurtzeug, ein Seil und einen Rucksack.

„Wo ist der Patient?", fragte er.

Während er auf den Mast zuging, wanderten seine Augen an der Laterne hinauf. Der Kater hing immer noch genau in derselben Haltung.

„Der hängt da böse", murmelte Stefan. Er zog die Handschuhe fester, hängte das Gurtzeug um und legte die Leiter an den Mast. „Wenn ich da oben bin, ruhig bleiben. Keine plötzlichen Rufe. Der Kater hat genug Adrenalin."

Petra presste die Fäuste in die Taschen und sagte nichts mehr.

Stefan kletterte ohne Eile. Oben angekommen, verkeilte er die Beine am Mast und zog die Isolationshandschuhe über. Dann legte er beide Hände um Rockys Brustkorb.

Von unten sah man nur, wie er den Kater vorsichtig drehte, erst nach links, dann wieder zurück. Nichts bewegte sich.

„Sie stecken fest", rief Stefan herunter. „Die Rippen haben sich unter dem Haken verhakt. Der Isolator versperrt den Weg. Ich brauch ein Werkzeug."

Er ließ sich am Seil wieder hinunter, holte einen kleinen Bolzenschneider aus dem Wagen und stieg erneut hinauf. Diesmal dauerte es keine fünf Minuten. Man hörte ein kurzes, metallisches Klicken, dann ein letztes verzweifeltes Miauen — und Stefan hielt Rocky mit beiden Händen um den Körper.

„Ich hab ihn."

Eine Viertelstunde später stand Rocky, in eine Decke gewickelt, in Petras Armen. Er zitterte am ganzen Leib und ließ alles mit sich geschehen. Seine Pfoten fühlten sich an wie kleine Eiswürfel.

„Er war unterkühlt", sagte Stefan und zog seine Kletterhandschuhe aus. „Die Pfoten müssen langsam aufgewärmt werden, bloß nicht reiben. Und lassen Sie ihn gleich beim Tierarzt durchchecken — so ein Hängen über Stunden kann den Brustkorb quetschen."

Petra drückte den Kater noch fester an sich. „Danke", sagte sie mit rauer Stimme. „Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte."

„Macht dann neunzig Euro bitte", sagte Stefan.

Petra stand einen Moment reglos da, die Hand auf Rockys Rücken. Dann geschah etwas, das Miriam später nicht mehr genau erklären konnte: Petras Gesicht schloss sich, als hätte jemand einen Vorhang zugezogen.

„Neunzig Euro?", wiederholte sie.

„So war es am Telefon besprochen."

„Ich habe mit niemandem telefoniert", sagte Petra. Ihre Stimme klang plötzlich hart. „Nicht ich habe Sie angerufen. Ich habe mit Ihnen keine Vereinbarung getroffen."

Miriam, die daneben stand, wurde blass. „Petra …?"

Petra zog die Decke enger um Rocky und wandte sich zum Gehen. „Für ein bisschen Klettern neunzig Euro verlangen. Das ist doch nicht Ihr Ernst."

Stefan sah ihr nach, die Leiter noch halb auf den Transporter gelegt. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn wieder und wandte sich ab. Sein Kiefer arbeitete, als schlucke er etwas Bitteres hinunter.

„Warten Sie", sagte Miriam zu Stefan. Sie zog ihren Geldbeutel aus der Jackentasche, holte zwei Scheine heraus und drückte sie ihm in die Hand. „Ich hab Sie gerufen. Also zahle ich."

Stefan schüttelte den Kopf. „Das ist nicht nötig."

„Doch", sagte Miriam. „Ich möcht nicht, dass so ein Tag für Sie schlecht ausgeht."

Er steckte das Geld in die Brusttasche, ohne nachzuzählen, und klappte die Leiter aufs Dach. „Wissen Sie, das ist der erste Einsatz in diesem Jahr, bei dem ich das Gefühl hatte, dass es sich lohnt." Er zog die Mundwinkel schief, aber es sah müde aus. „Ich mein, ich mag meinen Job. Aber ohne das Geld kann ich morgen nicht mehr hinfahren. Der Diesel, das Material, die Versicherung — das kostet."

„Ich weiß", sagte Miriam. „Ich hab einen Bruder, der als Schreiner selbstständig ist. Der erzählt mir dasselbe."

Stefan stieg in den Wagen. Bevor er die Tür zuzog, beugte er sich noch einmal heraus. „Wenn sich der Kater komisch verhält — Fressunlust, unsicherer Gang, Atem, der rasselt —, sofort in die Klinik. Nicht erst am Montag."

„Mach ich", sagte Miriam.

Am selben Abend schrieb Petra ihr über WhatsApp, Rocky sei beim Tierarzt gewesen, es gebe nur eine leichte Muskelzerrung, nichts gebrochen, und jetzt liege er in der Küche neben der Heizung, die drei Pfoten von sich gestreckt. Kein Wort über Stefan. Kein Wort über die neunzig Euro.

Vier Tage später, als Miriam von der Spätschicht in der Bäckerei nach Hause kam, lag ein Umschlag auf der Fußmatte. Kein Absender. Sie öffnete ihn im Flurlicht: vierzig Euro in Scheinen und ein Zettel: „Für die Hälfte vom Einsatz. Danke. P."

Miriam drehte den Umschlag lange zwischen den Fingern. Vierzig, nicht neunzig. Genug, um zu zeigen, dass es Petra nicht kaltließ. Zu wenig, um zu sagen, warum sie am Mast so hart geworden war.

Erst im März, als sie zusammen Petras Hochbeet umgruben, kam es zur Sprache. Petra hielt inne, die Schaufel im Boden, und sagte, ohne aufzusehen: „Mein Mann ist vor sechs Jahren beim Klettern abgestürzt. Am Bruchberg. Als der Mann am Telefon 'Notruf' sagte und Geld wollte, noch bevor Rocky überhaupt unten war — da hab ich nur noch das gehört. Geld. Für einen Menschen, der in Gefahr schwebt. Das hat mir die Sicherung durchgehauen. Ich weiß, es war nicht fair. Der Mann konnte ja nichts dafür."

Miriam sagte nichts, drehte nur die nächste Scholle um. Manche Dinge musste man nicht kommentieren, nur hören lassen.

Ein halbes Jahr später, im Juni, kam Petra mit einem Korb Erdbeeren herüber. Sie stand vor der Tür, trat von einem Fuß auf den anderen, und sagte, sie habe gehört, dass Miriam mit dem Laufen angefangen habe, und ob sie im August zum Brockenlauf nach Schierke mitkommen wolle. Miriam lachte und sagte, sie schaffe noch keine fünf Kilometer. Da hielt Petra den Korb mit beiden Händen vor sich und antwortete: „Dann laufen wir eben die fünf zusammen."

Im November darauf starb Rocky. Er war vierzehn geworden. Petra vergrub ihn im Garten unter dem Holunder und telefonierte danach zwei Stunden mit Miriam, ohne dass das Wort noch einmal fiel. Aber als Miriam im Frühjahr einen neuen Zaun setzte, stand Petra jeden Abend nach der Arbeit mit dem Spaten da, und die Hündin, die Miriam aus dem Tierheim geholt hatte, lag daneben auf der Wiese und beobachtete, wie die zwei Frauen die Pfosten einzementierten. Wenn sie redeten, dann über den Frost, der kommen sollte, und über das richtige Hundefutter. Das andere verstand sich ohne Worte.

Im Winter darauf, als der erste Schnee fiel, brachte Miriam eine Thermoskanne Tee zu Petras Haustür, einfach so, ohne Anlass. Sie setzten sich auf die Bank unter dem Vordach, die Tassen in beiden Händen, und sahen zur Straßenecke hinüber, wo die Laterne mit dem neuen Isolator, den die Stadtwerke im Frühjahr angebracht hatten, ruhig durch den fallenden Schnee leuchtete.

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