Die lavendelblaue Wolle und eine Karte aus Bayern

Ich arbeite seit elf Jahren im Wollgeschäft „Strickstube“ in der Kölner Südstadt. Zwischen Regalen voller Merinowolle, Bambusnadeln und Heften mit Mustern aus den Achtzigern habe ich schon viele Menschen gesehen. Aber die Frau mit dem grauen Dutt und der abgewetzten Handtasche vergesse ich nicht.

Es war ein Dienstag im März, kurz vor Ladenschluss. Draußen nieselte es, die Scheinwerfer der Linie 12 spiegelten sich auf dem Asphalt der Luxemburger Straße. Ich wollte gerade die Kasse zählen, als die Türglocke bimmelte. Zwei Mal, kurz hintereinander – die Glocke hängt schief, das sagt sie jedem Kunden auf ihre Art.

Die Frau blieb erst an der Schwelle stehen, als müsste sie sich orientieren. Ihr Mantel war ordentlich, aber an den Ärmeln dünn gescheuert. Sie trug diese flachen Schuhe, die ältere Frauen für den Rücken kaufen. Und sie hielt eine Wollprobe in der Hand, eingeschweißt in einen Klarsichtumschlag, als wäre es ein Beweisstück.

„Entschuldigung“, sagte sie, und ihre Stimme war leiser, als man es bei einer Frage erwartet. „Ich suche genau diese Farbe. Lavendelblau. Aber nicht zu hell. Eher wie der Himmel über Helsinki im Juli.“

Ich musste kurz lächeln, weil das so ein Satz war, den einem keiner beibringt. Sie merkte es und fügte hinzu: „Mein Mann hat immer über uns gescherzt. Dass Finnen einen Himmel haben, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt, nur Erinnerungen an ihn.“

Ich nickte und suchte das Regal durch. Dabei beobachtete ich sie aus den Augenwinkeln: wie sie zögernd das Holzbord berührte, als wären die Garnrollen etwas, wozu man erst Erlaubnis braucht. Am Ende legte ich ihr drei Knäuel hin. Sieben Euro neunzig das Stück, warmes Blau, ganz ruhig.

„Das ist es“, stellte sie fest, ohne den Blick vom Garn zu nehmen. „Mein Sohn wird denken, ich bin verrückt.“

Ich hatte an diesem Abend eigentlich noch vor, zur Apotheke zu kommen, bevor sie schließt – mein Mann wartete mit einer angehenden Stirnhöhlenentzündung zu Hause. Aber ich blieb. Weil diese Frau sich nicht entscheiden konnte, ob sie mir erzählen wollte, warum sie hier stand.

Manchmal warten Kunden, bis der Laden leer ist, weil die Geschichte nicht zu viel Publikum verträgt. So war es bei ihr.

Sie hieß Aino, das erfuhr ich später. Vor drei Monaten hatte ihr Sohn in Bayern geheiratet, in einem Ort in der Nähe vom Starnberger See. Sie war nicht eingeladen gewesen.

Nicht aus Bosheit, sagte sie. Sondern weil die Brauteltern Ärzte waren. Ein Architekturbüro in München. Ein Ferienhaus in Ligurien. Und Aino stand in Helsinki in einer Änderungsschneiderei, sechs Tage die Woche, Saum kürzen, Reißverschlüsse tauschen, Futter flicken.

Ihr Sohn hatte am Telefon gesagt: „Mama, das wird dir dort nicht gefallen. Das ist eine andere Welt.“ Als ob eine andere Welt ein Ort wäre, an dem man seine Mutter an der Tür abgibt wie einen Mantel.

Aino erzählte mir das, während ihre Finger über das Etikett am Knäuel strichen. Nicht weinerlich. Sondern in diesem Ton, den man hat, wenn man einen Schlag noch nicht ganz verortet hat.

„Wissen Sie“, sagte sie, „das Schlimmste war nicht, dass ich nicht dabei war. Das Schlimmste war, dass er glaubte, ich würde es nicht verstehen. Dass ich zu einfach sei, um zu merken, dass er sich für mich schämt.“

Draußen fuhr die Bahn vorbei, das Scheppern füllte den Laden. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, also fragte ich, ob sie einen Tee möchte. Hinten im Pausenraum steht eine Thermoskanne, die ich jeden Morgen neu fülle. Sie schüttelte den Kopf, aber ihre Schultern entspannten sich ein wenig.

Dann erzählte sie von dem Paket.

Eine Woche nach der Hochzeit hatte es vor ihrer Wohnungstür gelegen. Braunes Packpapier, eine eingedellte Ecke, Briefmarken mit bayrischen Motiven. Absenderin: Ingrid, die Mutter der Braut.

Ich hörte zu, wie Aino beschrieb, wie sie das Paket auf den Küchentisch gelegt hatte. Wie sie es mit der Küchenschere öffnete, neben der noch der Teller mit den Zimtbrötchen stand. Wie unter dem Seidenpapier ein Schultertuch lag, altrosa, mit einem Lochmuster, das ihre eigene Mutter aus einem Strickbuch von 1962 kannte.

Das Muster hieß „Hochzeitswellen“. Aino sagte den Namen so, als wäre er ein Passwort, das man nur mit anderen Stickerinnen teilt.

Unter dem Tuch lag ein Brief. Auf Englisch. Aino hatte in der Schule Finnisch und Schwedisch gelernt, das Englisch der Enkelin aus dem dritten Stock half nur bedingt weiter. Also brachte sie den Brief zu ihrer Nachbarin, deren Enkelin im Schulbus übersetzte.

Ich lehnte am Regal und spürte, wie meine Füße vom Tag schmerzten. Aber ich dachte: Diese Frau kauft drei Knäuel Wolle, um einer Frau einen Schal zu stricken, die sie noch nie gesehen hat. Und diese andere Frau hat ihr ein Tuch geschickt, weil ihr Sohn nicht den Mut hatte, seine Mutter mitzunehmen.

„Was stand in dem Brief?“, wollte ich wissen.

Aino zog die Schultern hoch. „Dass sie es bedauert. Dass sie selbst seit vierzig Jahren strickt und niemanden zum Reden darüber hat. Dass ihr Mann es für Zeitverschwendung hält und ihre Tochter sich nicht dafür interessiert. Dass das Gästezimmer im Sommer frei ist und der Garten voller Rosen steht.“ Sie machte eine Pause. Dann: „Ich habe geweint. Nicht wegen meinem Sohn. Sondern weil ich verstanden habe, dass es im Starnberger Raum eine Frau gibt, die abends mit dem Wollknäuel auf dem Schoß sitzt und sich fragt, ob das alles war.“

Ich bin keine Therapeutin. Ich verkaufe Wolle. Aber in diesem Moment dachte ich, dass es manchmal mehr wert ist, wenn dir jemand das Regal mit der richtigen Farbe zeigt, als wenn dir jemand sagt, du sollst dich nicht so anstellen.

Sie kaufte die drei Knäuel. Und dann, während ich die Karte durchzog, passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

Aino legte ihre Hand auf den Tresen, genau auf den Platz, wo eben noch die Wolle gelegen hatte. „Darf ich Sie was fragen?“, sagte sie. „Würden Sie diesen Schal anfangen? Ich meine, die erste Reihe. Dass jemand hier in Deutschland die ersten Maschen anschlägt, bevor ich ihn mit nach Helsinki nehme. Als Anfang.“

Ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Meine Hand lag noch auf dem Kartenlesegerät. Draußen fuhr die nächste Bahn vorbei, die Scheiben vibrierten leicht.

„Warum ich?“, fragte ich.

„Weil Sie mir zugehört haben“, sagte sie. „Mein Sohn hat mir am Telefon viermal dasselbe erklärt, aber nicht ein einziges Mal gefragt, wie es mir geht. Sie haben eine Viertelstunde lang nur genickt, und ich habe mich zum ersten Mal seit Wochen nicht unsichtbar gefühlt.“

Ich hätte heimfahren müssen. Mein Mann, die Stirnhöhlen, die Apotheke. Aber ich nahm das erste Knäuel, zog die Banderole ab und griff zur Nadelstärke vier.

Der erste Anschlag passierte still. Ich zählte im Kopf mit, während Aino zusah. 112 Maschen für eine Breite von etwa vierzig Zentimetern. Ihre Hände hatte sie über der Tasche gefaltet, wie beim Gebet, aber den Kopf hielt sie leicht schief, als würde sie einer Melodie zuhören.

Als ich ihr die begonnene Arbeit über den Tresen reichte, hielt sie sie einen Moment mit beiden Händen fest. Die Nadelspitze ragte aus dem Maschenanschlag hervor wie der Anfang eines Satzes, den noch jemand nachsprechen muss.

„Jetzt fahre ich nach Hause“, sagte sie, und zum ersten Mal war ihre Stimme fest. „Und wenn mein Sohn fragt, was ich da stricke, sage ich ihm: einen Grund, dich zu besuchen.“

Ich glaubte ihr sofort.

In der folgenden Woche sah ich sie nicht. Aber am Mittwoch darauf kam ein Brief in den Laden. Adressiert an die „Strickstube, z. Hd. der netten Frau mit der schiefen Türglocke“, wie auf dem Umschlag stand. Der Postbote hatte gelacht, als er ihn abgab.

Drinnen lag eine Karte. Ein Foto vom Starnberger See, aufgenommen im Morgennebel. Und darunter, in einer kleinen, etwas nach rechts kippenden Handschrift:

*Liebe Frau Lehmann, ich habe die erste Reihe fertig. Meine Schwiegermutter hat mir dabei zugesehen, wie man einem Vogel beim Nestbau zusieht. Sie sagt, Sie hätten die Maschen zu fest angeschlagen. Sie sagt aber auch, dass man bei einem guten Anfang zuerst an das Ende denken muss. Genau das tue ich. Danke. Aino*

Ich stand im Laden, zwischen zwei Kundinnen, die über den Preis einer Alpakawolle diskutierten, und drückte die Karte gegen meine Brust. Dabei spürte ich den Stoff meiner Schürze, die kleine Sicherheitsnadel oben rechts, die ich seit Jahren nicht mehr befestigt hatte.

Am Abend erzählte ich meinem Mann davon. Er lag mit Tee auf dem Sofa und nickte, wie man bei Geschichten nickt, die man nicht ganz versteht, von denen man aber spürt, dass sie jemandem das Atmen leichter gemacht haben.

Ich aber konnte den Gedanken nicht loswerden: Es gibt Söhne, die ihren Müttern fremd werden. Und dann gibt es Fremde, die einander in einem Wollgeschäft in Köln über drei Knäuel Lavendelblau näherkommen, als es manchen Familien in einem ganzen Leben gelingt.

Aino hat mich nicht mehr besucht. Aber ich denke oft an sie, wenn ich die Kasse zähle und die Bahn draußen vorbeifährt. Und manchmal, wenn eine Kundin nach einer Farbe sucht, die es so nicht gibt, sage ich: „Meinen Sie dieses Blau? Wie der Himmel über Helsinki im Juli?“

Dann weiß ich, dass ich die Richtige getroffen habe, noch bevor sie den Kopf zum Nicken senkt.

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Uniad
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