Der Kassenbon aus der Apotheke in Lindenberg

Ich stehe seit elf Jahren an der Kasse im Rewe in der Gartenstraße, und man glaubt gar nicht, was man da alles mitbekommt. Diese Geschichte hier – die geht mir seit Wochen nicht aus dem Kopf, und ich war noch nicht mal richtig beteiligt. Nur zufällig dabei.

Es war ein Donnerstagabend im März, kurz vor Ladenschluss, ich hatte schon die Zeitschriften am Kassenband sortiert, weil um zwanzig Uhr eh keiner mehr kommt. Dann kam Frau Reinholz. Sabine Reinholz, kenn ich schon lange, kauft immer bei mir, weil die andere Kasse ihr zu langsam ist. Mitte vierzig, Physiotherapeutin, hat eine kleine Praxis am Marktplatz. Ihr Mann Dirk holt sie manchmal ab, immer im selben grauen Passat, immer mit Motor an, weil er nicht warten mag.

Diesmal kam sie allein, zu Fuß, und sie hatte diesen Ausdruck im Gesicht, den man nach elf Jahren an der Kasse erkennt, ohne dass die Person auch nur ein Wort sagt. Sie legte ihre Sachen aufs Band – Vollkornbrot, Käse, eine Flasche Spätburgunder – und dann, während ich die Waren einscannte, holte sie ihr Portemonnaie raus, und aus dem Portemonnaie fiel ein Zettel. Ein Kassenbon. Ich hab ihn aufgehoben, wollte ihn ihr geben, und dabei fiel mein Blick drauf, ganz kurz, weil er offen auf dem Band lag.

Apotheke am Lindenberg. Rechnung für eine private Verordnung, dreihundertvierzig Euro. Name auf dem Rezept: nicht Dirk Reinholz. Eine Frau. Andere Adresse, andere Stadt, Ravensburg stand da.

Ich hab nichts gesagt, das ist nicht meine Aufgabe, ich hab ihr bloß den Zettel gereicht. Aber sie hat gesehen, dass ich ihn gesehen habe. Man merkt sowas. Ihre Hand hat kurz gezittert, als sie den Bon wieder ins Portemonnaie gesteckt hat, und dann hat sie bezahlt, ganz normal, mit Karte, PIN eingegeben, und ist raus.

Ich hab das erst mal vergessen, so gut man das eben vergisst. Zwei Wochen später kam sie wieder, diesmal mit ihrer Schwester, und ich hab aufgeschnappt, was sie sich erzählt haben, während sie an mir vorbei zum Regal mit den Konserven gingen. Nicht dass ich lauschen wollte, aber die Gänge bei uns sind schmal, und ich hatte gerade Pause und stand da mit meinem Kaffee.

Die Schwester fragte: „Und was hast du jetzt gemacht?" Und Sabine, ganz ruhig, ohne Drama in der Stimme, hat gesagt: „Ich hab erst mal geschwiegen. Aber dann hab ich mir überlegt, was mich eigentlich stört. Nicht die Frau in Ravensburg. Das war’s nicht, worüber ich nachgedacht hab."

Die Schwester: „Sondern?"

„Dass er seit sieben Jahren sagt, wir hätten kein Geld für die Praxisrenovierung. Dass ich mir die neue Behandlungsliege selber ansparen musste, vierzehn Monate lang, zwanzig Euro hier, dreißig da aus der Haushaltskasse. Und er hat für die andere dreihundertvierzig Euro einer Apotheke gegeben, ohne mit der Wimper zu zucken."

Ich hab meinen Kaffee ausgetrunken und bin zurück an die Kasse, aber die Sache mit der Praxisrenovierung, die ist mir hängen geblieben. Weil ich wusste, was das für eine Frau wie Sabine bedeutet – die steht den ganzen Tag über Patienten gebeugt, hat Rückenschmerzen selbst, und spart sich das Geld für ihr Arbeitsgerät vom Munde ab, während ihr Mann für eine Fremde in Ravensburg Rechnungen begleicht, ohne zu fragen.

Vier Wochen danach – ich weiß das noch genau, weil an dem Tag die neue Lieferung Spargel kam und wir alles umräumen mussten – stand Dirk Reinholz plötzlich bei mir an der Kasse. Allein, ohne Sabine, was ungewöhnlich war. Er kaufte Blumen, die wir eigentlich nicht führen, aber irgendein Lieferant hatte sie reingebracht, Tulpen, gelbe. Er wirkte nervös, hat zweimal nach seinem Handy gegriffen und wieder eingesteckt.

„Ist Sabine noch in der Praxis?", hat er mich gefragt, so als würde ich das wissen. Ich hab bloß mit den Schultern gezuckt. Er ist dann Richtung Marktplatz gegangen, mit den Tulpen.

Was danach passiert ist, hab ich nicht selbst gesehen. Aber Frau Kessler von der Bäckerei nebenan, die hat's mir erzählt, weil sie zufällig aus dem Fenster geschaut hat, als Dirk vor der Praxis stand. Die Tür war zu, abgeschlossen, mitten am Nachmittag, wo sie eigentlich noch offen haben müsste. Er hat geklopft, hat gewartet, ist dann ums Haus gegangen zum Hintereingang.

Frau Kessler sagt, nach einer Weile kam Sabine zur Vordertür, hat aufgemacht, aber nur einen Spalt. Sie hat ihm einen Umschlag gegeben. Durch die Türspalte, nicht mal richtig hereingebeten. Dirk stand da mit seinen Tulpen, die er ihr gar nicht mehr anbieten konnte, weil er die eine Hand für den Umschlag brauchte, und die Tür ging wieder zu.

Ich hab Sabine seitdem noch zweimal bei uns gesehen. Einmal kaufte sie nur das Nötigste, kein Wein mehr im Einkaufswagen, dafür eine Packung Umzugskartons, die wir extra für Kunden bestellen. Sie hat mir erzählt – wir kennen uns ja mittlerweile, elf Jahre Kasse schaffen sowas – dass sie die Praxisräume komplett neu gemietet hat, allein, unter ihrem eigenen Namen, mit einem Kredit von der Sparkasse Lindenberg. Vierundzwanzigtausend Euro Kredit, auf sieben Jahre. Der Umschlag, den sie Dirk gegeben hatte: die unterschriebene Trennungsvereinbarung und ein Kontoauszug – Nachweis, dass sie das gemeinsame Sparkonto, auf das sie all die Jahre für die Behandlungsliege eingezahlt hatte, aufgelöst und komplett auf ihr neues Praxiskonto überwiesen hatte. Zwölftausenddreihundert Euro. Ihr Geld, ihre Ansparungen, ihr Name drauf.

Das zweite Mal, als ich sie sah, war letzten Monat. Sie kam mit einer neuen Behandlungsliege-Rechnung im Portemonnaie, das hat sie mir gezeigt, fast stolz, als wäre es ein Beweisstück. Bezahlt, komplett, aus eigener Tasche, ohne dass sie vierzehn Monate warten musste.

Was aus Dirk geworden ist, weiß ich nicht genau. Frau Kessler meint, er wohnt jetzt zur Untermiete bei einem Kollegen in Wangen, weil die Wohnung, die auf Sabines Namen läuft, ihm nicht mehr zusteht. Vor ein paar Tagen erzählte mir eine Kundin, die zufällig in der Apotheke am Lindenberg arbeitet, dass die Frau aus Ravensburg auch nicht mehr auftaucht – ob das mit der Trennung zusammenhängt oder nicht, weiß ich nicht, das geht mich auch nichts an.

Ich weiß nur, dass Sabine Reinholz jetzt immer bar bezahlt, in Ruhe an meiner Kasse steht, und dass sie sich letzte Woche zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Flasche Spätburgunder gekauft hat – für sich allein, wie sie sagte, weil sie sich das jetzt leisten kann, ohne zu rechnen.

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