# Der Mann mit fünfzehn Hunden

Es begann mit einem verregneten Dienstagabend auf der A7 bei Würzburg. Ich fuhr von einem Termin in Nürnberg zurück nach Hause, der Regen trommelte auf das Dach meines Wagens, und die Scheinwerfer schnitten zwei gelbe Kegel in die Dunkelheit. Plötzlich sah ich etwas Kleines, Dunkles am Fahrbahnrand. Ein Hundewelpe, höchstens drei Monate alt, durchnässt bis auf die Knochen, zitternd.

Ich bremste und stieg aus.

Das Tier saß einfach da und sah mich an, als hätte es auf genau diesen Moment gewartet. Ich hob es auf, wickelte es in meine Jacke und legte es auf den Beifahrersitz. Es roch nach nassem Fell und Straße. Auf dem Heimweg überlegte ich die ganze Zeit, wo ich es abgeben könnte. Ein Tierheim in der Nähe, irgendeine Anzeige im Internet. Es blieb über Nacht, dann noch eine, noch eine dritte. Nach zwei Wochen hatte ich einen Namen für ihn – Arko – und die Gewissheit, dass er nirgendwo mehr hinging.

Damals dachte ich, das sei eine einmalige Sache gewesen. Ein Impuls, ein Glücksfall. Heute weiß ich: Es war ein Wendepunkt, den ich nur nicht als solchen erkannte.

Vor Arko bestand mein Leben aus Zahlen. Umsatz, Rendite, Beteiligungen. Ich hatte eine Kette von Autowerkstätten in Nordbayern aufgebaut, zwölf Standorte von Bamberg bis Regensburg. Mein Fuhrpark umfasste zeitweise ein Dutzend Fahrzeuge – einen Porsche für die schnellen Fahrten, einen alten Mercedes für den Sonntag, einen Pick-up für die Baustellenbesuche. Jeden Morgen stand ich in meiner Tiefgarage und überlegte, welcher Schlüssel zu meiner Stimmung passte.

Und dann kam ein Welpe, den ich auf einer Landstraße auflas, und plötzlich erschien mir diese morgendliche Schlüsselwahl lächerlich.

Der zweite Hund fand mich im Winter. Eine Hündin, irgendwo in einem Industriegebiet in der Nähe von Schweinfurt ausgesetzt, fast verhungert. Ich hatte von ihr durch einen meiner Meister gehört, der dort in der Nähe wohnte. Ich fuhr hin, fand sie hinter einem Container, nahm sie mit. Sie bekam den Namen Lotta.

Der dritte war ein Rüde, den jemand an einem Rastplatz an der A3 angebunden hatte. Der vierte kam aus einer überfüllten Tötungsstation in Rumänien, der Kontakt lief über eine Tierschutzorganisation in Frankfurt. Der fünfte saß vor dem Einkaufszentrum in der Nähe meines Büros, ein alter, blinder Terrier, der einfach übrig geblieben war.

So ging das weiter. Nach drei Jahren lebten in meinem Haus am Stadtrand von Würzburg sechs Hunde. Nach fünf Jahren waren es elf. Heute, wenn ich ehrlich rechne, sind es fünfzehn.

Meine Werkstattmanager sagten nichts. Zumindest nicht direkt. Aber ich sah ihre Gesichter, wenn während einer Besprechung mein Handy klingelte und ich wegen eines kranken Hundes mitten im Satz aufstand und ging. Ich spürte das Schweigen, wenn ich freitags um vier alles stehen und liegen ließ, weil ich die Hunde füttern musste. Ich bemerkte, wie mein Assistent, ein junger Mann aus München, die Augen verdrehte, wenn ich zum dritten Mal in einer Woche eine Tierarztrechnung bar bezahlte.

„Du kannst doch nicht dein ganzes Leben für diese Tiere aufgeben“, sagte meine Schwester Carola bei einem Familienessen.

„Ich gebe nichts auf“, antwortete ich. „Ich habe nur entdeckt, was wirklich zählt.“

Meine Schwester arbeitet in der Verwaltung beim Landratsamt, sie hat zwei Kinder und ein Reihenhaus in Veitshöchheim. Für sie war ich schon immer der, der zu viel wollte. Erst zu viel Geld, dann zu viele Hunde. Sie verstand nie, dass es nicht um das Wollen ging. Es ging um etwas anderes.

Der Wendepunkt kam im vergangenen Frühjahr. Mit fünfzehn Hunden war mein Haus zu klein geworden, also plante ich, ein Grundstück am Rand des Gramschatzer Waldes zu kaufen und dort ein richtiges Tierheim zu bauen. Nicht irgendein Tierheim – eine Einrichtung mit Auslauf, mit beheizten Schlafplätzen, mit einer stationären Tierarztpraxis. Ich hatte einen Architekten beauftragt, zwei Angebote von Bauunternehmen lagen auf meinem Schreibtisch.

Eines Abends saß ich mit Carola beim Italiener in der Alten Mainbrückengegend. Wir aßen Steinpilzrisotto, tranken noch einen Primitivo, und irgendwann erzählte ich ihr von dem Projekt. Ich erwartete Einwände, Kommentare, das Übliche. Stattdessen zog sie ihr Handy aus der Handtasche, legte es auf den Tisch und sah mich an.

„Du unterschreibst das nicht ohne notarielle Beratung“, sagte sie.

„Es ist mein Geld“, erwiderte ich.

„Es ist auch mein Geld. Vergiss nicht, wer im Vorstand deiner Stiftung sitzt.“

Der Satz saß, weil er stimmte. Als ich die Stiftung vor fünf Jahren gründete, hatte ich Carola als zweites Vorstandsmitglied eingesetzt, auf Wunsch unserer Mutter, die kurz vor ihrem Tod darauf bestanden hatte, dass „die Familie zusammenbleibt, egal was du mit deinem Geld anstellst“. Ein formaler Akt, dachte ich damals. Eine Unterschrift, die nie etwas bedeuten würde. Ich hatte es fast vergessen.

„Du willst Millionen für ein Hundeprojekt ausgeben“, fuhr sie fort. „Du bist nicht mehr zurechnungsfähig. Jeder im Ort redet über dich. Der verrückte Autohändler, der mit seinen Hunden im Schlafzimmer schläft. Als Vorstandsmitglied kann ich das Grundstücksgeschäft blockieren, und das werde ich auch tun.“

Ich sagte nichts. Ich legte meine Serviette auf den Tisch, zahlte und ging.

Eine Woche später lag in meinem Briefkasten ein Schreiben von Carolas Anwaltsbüro. Sie beantragte als Vorstandsmitglied eine vorläufige Verfügungssperre über das Stiftungsvermögen, dazu eine Vormundschaftsanfrage wegen „erkennbarer Verschwendungssucht“. Das Wort traf mich wie ein Schlag.

Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht. Arko lag neben meinem Bett, wie immer. Ich spürte seinen warmen Rücken an meiner Hand. Um drei Uhr morgens stand ich auf, zog mir meine alte Jacke über und ging in den Hof. Die anderen Hunde hoben die Köpfe, einer fing leise an zu winseln. Ich öffnete das Tor und trat hinaus in die kalte Frühlingsluft.

Ich ging zurück ins Haus, in mein Arbeitszimmer, und holte aus dem untersten Schubfach die alte Gründungsmappe der Stiftung hervor, die ich seit Jahren nicht mehr aufgeschlagen hatte. Zwischen den Papieren fand ich die Satzung mit der Klausel, die Behnsen damals eingefügt hatte: Vorstandsmitglieder könnten mit einfacher Mehrheit der übrigen Mitglieder abberufen werden, wenn sie „gegen den Stiftungszweck handeln“. Ich hatte diesen Satz nie gebraucht. Ich legte die Mappe auf den Küchentisch, stellte den Wecker auf sieben und schrieb mir auf einen Zettel: *Behnsen anrufen. Vorstand.*

Am nächsten Morgen fuhr ich in eine kleine Kanzlei in der Innenstadt von Würzburg, die auf Stiftungs- und Erbrecht spezialisiert war. Der Anwalt hieß Behnsen, ein älterer Mann mit bräunlicher Ledertasche und ruhigem Blick hinter schmalen Brillengläsern. Ich legte ihm die Mappe und das Schreiben meiner Schwester auf den Tisch. Er las beides, dann faltete er die Hände.

„Was wollen Sie?“, fragte er.

„Ich will, dass die Hunde versorgt sind“, sagte ich. „Für immer. Egal was mit mir passiert. Und ich will meine Schwester aus dem Vorstand.“

Er sah mich lange an, dann nickte er ganz knapp. „Die Klausel trägt das. Wir berufen ein außerordentliches Kuratoriumstreffen ein, entfernen Ihre Schwester wegen Zweckwidrigkeit und setzen einen unabhängigen Testamentsvollstrecker als drittes Mitglied ein. Den Vormundschaftsantrag klären wir separat vor Gericht.“

Ich beauftragte ihn mit der kompletten Umstrukturierung. Der Prozess zog sich über den Sommer. Carola kämpfte mit allen Mitteln – Anhörungen, medizinische Gutachten, sogar ein Termin beim Betreuungsgericht in der Sanderglacisstraße. Sie behauptete, ich sei nicht geschäftsfähig, ich würde mein gesamtes Vermögen in ein romantisches Hirngespinst stecken.

Irgendwann bat ich um ein Gespräch mit ihr. Nicht in einer Kanzlei, nicht bei Gericht. An einem neutralen Ort, einem Café in der Nähe des Residenzplatzes. Sie hatte sich verändert in diesen Monaten. Ihre Gesichtshaut wirkte straff, als läge eine dünne Schicht aus Anspannung darüber.

„Ich verstehe, was du tun willst“, sagte sie. „Du willst dein Erbe in etwas stecken, das dir ein gutes Gewissen gibt. Aber ich habe auch ein Recht auf meinen Anteil. Mama hätte gewollt, dass wir einander unterstützen.“

Ich trank einen Schluck von meinem Wasser und ließ das Glas dann in der Hand.

„Du hast nie einen der Hunde besucht“, sagte ich. „Nicht einen einzigen in all den Jahren. Du rufst zweimal im Jahr an, wenn du etwas von mir willst. Und jetzt sitzt du in einem Vorstand, den du nie ernst genommen hast, und sprichst über Mamas Willen?“

Ihre Finger umklammerten ihre Handtasche. Sie stand auf, ohne ein weiteres Wort. Ich sah ihr nach, wie sie durch die Tür ging, an einer der Brunnenfiguren vorbei, und dachte an den Tag, an dem sie mir als Kind geholfen hatte, mein erstes Fahrrad zu reparieren. An die grüne Klingel daran, die nie richtig funktionierte. Das war vierzig Jahre her.

Der Bescheid vom Gericht kam im Oktober. Attest über die volle Geschäftsfähigkeit. Abweisung sämtlicher Anträge meiner Schwester, Bestätigung ihrer Abberufung aus dem Vorstand. Ich hatte nie an mir gezweifelt, aber dieser Brief war trotzdem eine Erleichterung, wie ein Stück Papier, das einem erlaubt, weiter zu leben, wie man es für richtig hält. Ich las ihn zweimal, legte ihn auf den Küchentisch, und Arko kam heran und legte seine Schnauze auf meine Knie. Ich kraulte ihm die Ohren.

Das Grundstück kaufte ich selbstverständlich. Das Tierheim ist fast fertig, die Stiftung ist abgesichert, Behnsen sitzt jetzt selbst im Kuratorium. Carola bekommt ihren gesetzlichen Erbanteil, keinen Cent mehr aus der Stiftung. Sie hat seit dem Termin im Café nicht wieder angerufen.

Letzte Woche, beim ersten Schnee, stand ich früh am Morgen im neuen Auslauf und sah zu, wie die Hunde durch den aufgewirbelten Pulver tollten. Arko, schon etwas steif in den Gelenken, hielt sich dicht bei mir. Lotta rannte vorneweg, der blinde Terrier watschelte träge in der Mitte, ein junger Schäferhund-Mix sprang über eine Bank. Der Schnee dämpfte jedes Geräusch.

Ich zog den Schlüssel für das Haupttor aus meiner Jackentasche, schloss auf und ließ die Tiere in den überdachten Innenbereich zurück. Dann setzte ich mich auf die Stufe vor dem Eingang und sah in den Himmel, der über den Weinhängen gegenüber heller wurde.

Neben mir lag die notariell beglaubigte Urkunde über die Stiftung, die ich am Vortag abgeholt hatte. Ein schwerer Umschlag, in dem mein ganzes bisheriges Leben auf wenigen Seiten zusammengefasst war. Ich wog ihn in der Hand, schob ihn dann in die Innentasche meiner Jacke.

Arko drückte seine Schnauze gegen mein Knie, und ich blieb sitzen, bis der letzte Stern über den Weinbergen verblasst war.

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