Renate Brummer kannte ihre Nachbarn nach neun Jahren im Aufgang der Kastanienallee 14 in Leipzig-Connewitz besser, als ihr manchmal lieb war. Sie arbeitete im Erdgeschoss, kümmerte sich um die Postverteilung, wenn der Zusteller mal wieder falsch einsortierte, und trank ihren Kaffee immer mit der Wohnungstür einen Spalt offen, weil die Heizung im Hausflur besser zog. So bekam sie mit, wer wann nach Hause kam, wer sich stritt, wer versöhnte.
Im dritten Stock wohnten die Vogts. Katrin, achtunddreißig, Zahnarzthelferin mit einem Pferdeschwanz, der ihr bis zur Hüfte reichte, und Sören, drei Jahre älter, Kfz-Meister mit eigener Werkstatt draußen in Markkleeberg. Zwei Jahre verheiratet, kinderlos noch, Renate hatte ihnen zur Hochzeit sogar einen Gugelhupf gebacken. Ein hübsches Paar, dachte man, wenn man sie sonntags Arm in Arm zum Bäcker gehen sah.
An einem Dienstag im Mai hörte Renate, wie im dritten Stock eine Tür zugeschlagen wurde – so laut, dass ihr eigener Wellensittich aufgeregt zu pfeifen begann. Katrin stand fünf Minuten später unten am Briefkasten, die Augen gerötet, Handy in der Hand wie eine Waffe, die sie nicht abfeuern konnte.
„Alles gut bei euch?", fragte Renate, mehr aus Höflichkeit als aus echter Neugier.
„Alles bestens", sagte Katrin und ging zurück nach oben, ohne die Post mitzunehmen.
Mehr bekam Renate an diesem Abend nicht mit, und was danach geschah, kannte sie später nur aus den Erzählungen, die Katrin ihr nach und nach anvertraute – manchmal beim Blumengießen im Hof, manchmal am Briefkasten, in Bruchstücken, wie man ein Geständnis eben preisgibt, wenn man es selbst noch sortiert.
Katrin hatte Sören beim Telefonieren erwischt. Er stand auf dem Balkon, die Terrassentür nur angelehnt, und sagte Dinge wie „Mausibär" und „mein Schnuckelchen" in einem Ton, den er seiner Frau seit Monaten nicht mehr gegönnt hatte. Als Katrin die Tür aufriss, legte er hastig auf.
„Wer war das?"
„Eine Kundin. Wegen dem Auspuff."
„Aha. Ich dachte, du sprichst mit dem Weihnachtsmann, so viele Kosenamen."
„Bildest du dir ein."
Er ging in die Küche, holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, als wäre nichts gewesen. Katrin blieb auf dem Balkon stehen und starrte auf den Parkplatz der Werkstatt, den man von hier aus sehen konnte, wenn man sich weit genug vorbeugte.
Sie war keine Frau, die einfach zusah. Mit achtunddreißig hatte sie sich ihre Figur erhalten, joggte dreimal die Woche an der Weißen Elster, hatte gerade erst eine neue Frisur beim teuersten Salon in der Karl-Liebknecht-Straße machen lassen. Was fehlte ihm? Sie rief ihre alte Studienfreundin Bianca an, die zufällig in Sörens Werkstatt als Bürokraft aushalf.
„Bianca, sag mal, wer ist diese Neue bei euch?"
„Meinst du Franziska? Die macht seit letztem Herbst die Buchhaltung, ist also schon ne Weile dabei. Wieso?"
„Nur so. Wie sieht sie aus?"
„Ganz hübsch, ehrlich gesagt. Immer aufgetakelt, hohe Schuhe in der Werkstatt, was total unpraktisch ist. Redet kaum mit uns anderen, aber mit Sören steckt sie öfter zusammen, wegen der Rechnungen, sagt sie."
„Ach, nichts weiter. Sören hat sie mal erwähnt."
Katrin legte auf und öffnete Instagram. Franziska Reuter, so hieß sie – der Nachname stand im Impressum der Werkstatt-Website unter „Rechnungswesen". Ihr Profil war öffentlich, voller Fotos am Cospudener See, in engen Kleidern, mit Sonnenbrille auf dem Kopf. Verheiratet war sie auch – ein gewisser Matthias tauchte auf mehreren Bildern auf, ein drahtiger Typ mit Vollbart, der aussah, als würde er im Fitnessstudio wohnen. Katrin merkte sich sein Gesicht, machte einen Screenshot seines Profils. Für alle Fälle.
In den Wochen danach beobachtete sie Sören genauer, als sie es sich selbst eingestehen wollte. Er duschte häufiger vor dem Abendessen, roch nach einem Parfüm, das nicht seines war, tippte Nachrichten mit einer Hand, während die andere das Handy vor ihr abschirmte. Sie sagte nichts, sammelte nur, wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte: nie im Affekt handeln, erst die Fakten.
Eines Abends, beim Abendessen, Nudeln mit Pesto, vibrierte sein Handy auf dem Tisch. Er nahm es mit ins Bad, „kurz duschen", sagte er. Katrin stellte sich vor die Tür.
„Franzi, ich schaff's heute wirklich nicht, ich hab Katrin versprochen, mit ihr ins Kino zu gehen … Nein, Schätzchen, ich mach's wieder gut, versprochen …"
Ihr wurde schlecht. Nicht vor Wut – vor Ekel, so plötzlich und körperlich, dass sie sich am Türrahmen festhalten musste. Sie ging in die Küche, drehte den Wasserhahn auf und hielt die Handgelenke unter das kalte Wasser, bis der Ekel etwas nachließ, bis ihre Finger wieder gehorchten.
Sie sagte an diesem Abend nichts. Stattdessen kochte sie einen Plan aus, kalt und genau.
„Sören, ich muss übers Wochenende zu meiner Schwester nach Halle. Sie renoviert die Küche und braucht Hilfe."
Seine Augen leuchteten auf, kaum verhohlen. „Klar, fahr nur, Familie geht vor."
Freitagmorgen packte sie eine Tasche, verabschiedete sich, fuhr tatsächlich erst zur Arbeit in die Zahnarztpraxis am Connewitzer Kreuz. Nach Feierabend besuchte sie ihre Mutter, aß eine Scheibe Streuselkuchen, erzählte von einem angeblichen Streit mit Sören wegen der Urlaubsplanung. Dann fuhr sie zurück, parkte den Wagen zwei Straßen weiter, damit niemand ihn erkannte, und ging zu Fuß zurück zur Kastanienallee.
Licht im dritten Stock. Und da, auf dem Balkon, eine schlanke Frau mit einer Zigarette – dieselbe Menthol-Marke, die auf einem von Franziskas Fotos im Bildhintergrund gelegen hatte, dasselbe helle Haar zum Dutt gebunden, wie Katrin es von den Instagram-Bildern kannte. Sie ging näher an die Hecke gegenüber heran, bis sie unten am Klingelschild nachsehen konnte, ob eine dritte Person im Haus war, die es sein könnte. Niemand sonst. Katrin fotografierte die Frau mit dem Handy, nahm ein kurzes Video auf. Ihre Hände zitterten dabei, aber sie drückte trotzdem ab.
Sie suchte den Screenshot mit Matthias' Nummer heraus und wählte.
„Hallo?"
„Guten Abend, spreche ich mit Matthias Reuter? Sie kennen mich nicht. Aber mein Mann kennt Ihre Frau sehr gut. Und die beiden sind gerade zusammen in meiner Wohnung."
Eine Pause, dann eine Stimme, die plötzlich ganz ruhig klang, viel zu ruhig. „Geben Sie mir die Adresse."
Zehn Minuten später stand er da, in Jogginghose und Jacke übereinander geworfen, das Gesicht wie aus Stein gehauen. Katrin hatte einen Zweitschlüssel dabei.
„Wir gehen jetzt zusammen rauf", sagte sie. „Und dann sehen wir uns das Ganze mal genauer an."
Sie schlossen leise auf. Kein Ton aus der Wohnung außer leiser Musik aus dem Schlafzimmer. Katrin stieß die Tür auf.
„Na, ihr zwei Turteltäubchen – noch am Trainieren?"
Sören fuhr hoch, Franziska schrie kurz auf und zerrte die Bettdecke über sich.
„Katrin! Was – was machst du hier?"
„Ich wohne hier, falls du's vergessen hast. Und du" – sie deutete auf Franziska – „du verschwindest sofort aus meiner Wohnung."
Franziska wickelte sich hastig in ein Laken und stolperte auf Matthias zu. „Matze, bitte, ich weiß nicht, was in mich gefahren ist –"
Er sagte kein Wort. Er drehte sich um und ging in die Küche, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Katrin folgte ihm auf zittrigen Beinen, öffnete den Kühlschrank, weil ihre Hände etwas zu tun brauchten, holte eine Flasche Grauburgunder heraus, kramte nach zwei Gläsern. Ihr fielen dabei fast beide aus der Hand. Sie schenkte trotzdem ein, reichte ihm eins. Er trank es in einem Zug leer.
„Und jetzt?", fragte er, die Stimme rau.
„Ich lass mich scheiden. Die Wohnung gehört mir – geerbt von meiner Oma, steht nur auf meinem Namen. Er nimmt seinen Wagen und seine Klamotten, mehr nicht."
Sören kam aus dem Schlafzimmer, Hemd halb zugeknöpft. „Katrin, sei doch nicht gleich so radikal. Jeder macht mal einen Fehler."
„Geh einfach. Ich verzeih so was nicht. Das war keine Verwechslung, das war eine Entscheidung."
Franziska erschien nun ebenfalls, Haare zerzaust, Wimperntusche in dünnen Streifen über die Wangen gelaufen. Von der Instagram-Schönheit war wenig übrig.
„Pack deine Sachen aus meinem Bad und verschwinde", sagte Katrin. „Sonst rede ich mich noch um Kopf und Kragen."
Sören warf ein paar Sachen in eine Sporttasche und ging mit Franziska. Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Katrin blieb allein in der Küche zurück, das leere Glas noch in der Hand, und merkte, dass ihr die Beine zitterten, jetzt erst, wo niemand mehr zusah. Sie setzte sich an den Küchentisch und starrte eine Weile auf die Tischplatte, auf einen Fleck von altem Kaffee, den sie nie richtig weggewischt hatte.
Matthias war noch da. Er stand unschlüssig im Türrahmen, die Jacke noch an, als wüsste er nicht, ob er gehen oder bleiben sollte.
„Ich sollte wohl auch verschwinden", sagte er.
„Setz dich hin", sagte Katrin, ohne aufzublicken. „Ich hab keine Kraft mehr, heute noch allein zu sein, und du siehst auch nicht so aus, als würdest du gerade gern allein sein."
Sie schenkte ihm ein zweites Glas ein, sich selbst auch, mehr aus Verlegenheit als aus Lust am Trinken. Die ersten Minuten sprachen sie kaum, saßen einfach da, während draußen ein Auto vorbeifuhr und die Scheinwerfer kurz über die Küchendecke wanderten. Erst nach und nach, über die Flasche hinweg, kamen die Sätze – erst abgehackt, dann zusammenhängender: wie lange er schon geahnt hatte, dass etwas nicht stimmte; wie Katrin sich seit Monaten fragte, ob sie sich das alles nur einbildete.
„Nie hätte ich gedacht, dass ich mal so dasitze", murmelte er irgendwann.
„Willkommen im Club." Sie drehte ihr Glas zwischen den Fingern, ohne zu trinken. „Was hat ihr eigentlich gefehlt? Wollte sie den Mond vom Himmel?"
Gegen Mitternacht, nach der zweiten Flasche, war aus der Fassungslosigkeit eine Art brüchiger Galgenhumor geworden – kein Lachen aus Leichtigkeit, sondern das nervöse Lachen zweier Menschen, die sonst hätten weinen müssen und keine Kraft mehr dazu hatten.
„Bleib hier, du fährst in dem Zustand keinen Meter mehr", sagte Katrin schließlich und zog eine Decke aus dem Schrank für die Couch. Er schlief fast sofort ein. Sie stand noch eine Weile am Fenster, sah runter auf die leere Straße, wo die Straßenlaterne flackerte, und wunderte sich über sich selbst: Vor zwölf Stunden war ihr Mann noch ihr Mann gewesen, und jetzt lag ein fremder Mann auf ihrer Couch, den sie nicht einfach wegschicken wollte. Sie fand keine Erklärung dafür, nur die nüchterne Feststellung, dass sie zum ersten Mal seit Wochen nicht allein mit ihrer Wut in dieser Wohnung war. Dann ging sie schlafen.
Der Morgen danach war weniger amüsant – Kopfschmerzen, trockener Mund, aber wenigstens Samstag. Sie machte Rührei, mehr aus Gewohnheit als aus Gastfreundschaft, und Matthias aß es mit Heißhunger, als hätte er seit Tagen nichts richtig gegessen.
„Sag mal, hast du heute Abend schon was vor?", fragte er schließlich, während er sein Geschirr in die Spüle stellte. „Wir Leidensgenossen sollten vielleicht zusammenhalten. Muss ja nicht gleich was Großes sein."
Katrin überlegte einen Moment zu lange, bevor sie antwortete. „Vielleicht", sagte sie. „Ruf mich einfach an."
Die Scheidung ging schnell, ohne Kinder, ohne größeres Vermögen zum Aufteilen. Katrin ließ das Schloss der Wohnungstür austauschen, packte Sörens restliche Sachen in Kartons und stellte sie vor die Tür. Er holte sie wortlos ab. Franziska zog, wie Matthias vermutet hatte, zurück zu ihren Eltern nach Grimma.
Mit Matthias entwickelte sich in den folgenden Monaten etwas Vorsichtiges, das erst spät einen Namen bekam. Sie trafen sich zunächst nur zum Reden, tauschten Nummern von Anwälten aus, riefen sich an, wenn einer der Scheidungstermine besonders zermürbend gewesen war. Erst im August, nach einem gemeinsamen Abend am Cospudener See, an dem keiner von beiden noch über Sören oder Franziska sprach, gestand Katrin sich ein, dass sie sich auf seine Anrufe freute.
Drei Monate nach jener Nacht saß Katrin an einem Sonntagabend im September auf ihrem Balkon, eine Decke über den Knien, und wartete auf Matthias, der von der Arbeit kam. Er hatte inzwischen einen Schlüssel. Auf dem Küchentisch lag eine braune Mappe – die Scheidungspapiere, endgültig unterschrieben, dazu ein Kontoauszug: Die gemeinsame Ehewohnung, geschätzter Wert einhundertneunzigtausend Euro, war nun allein auf ihren Namen eingetragen, im Grundbuchamt Leipzig bestätigt vor elf Wochen. Kein Cent ging an Sören.
Renate unten im Erdgeschoss hatte längst aufgehört zu fragen, wie es den Vogts – oder was von ihnen übrig war – so ging; die Erklärungen, die sie über die Monate zusammengetragen hatte, reichten ihr, um sich den Rest selbst zu denken. Katrin faltete die Mappe zu, legte sie in die Schublade zurück und stellte den Wasserkocher an, zwei Tassen, wie jeden Abend jetzt.
