Als Ingrid Wallner an diesem Dienstag im September zum dritten Mal denselben Satz auf der Rezeptzettel-Rückseite las, ohne ihn zu verstehen, legte sie den Stift weg und schaute aus dem Küchenfenster. Drüben, auf dem Balkon des Nachbarhauses in der Bäckergasse in Regensburg, klopfte Herr Brenner den Teppich aus, so wie er es seit fünfunddreißig Jahren jeden Dienstag tat. Der Geruch von frischem Brot zog aus der Bäckerei im Erdgeschoss bis in den dritten Stock. Ingrid war einundsiebzig, hatte vierzig Jahre lang die Buchhaltung einer Fahrradwerkstatt geführt, und heute konnte sie sich nicht mehr erinnern, ob sie das Geld für die Nachbarschaftshilfe schon überwiesen hatte.
Ihr Sohn Matthias kam donnerstags immer um kurz nach sechs, gleich nach der Arbeit, roch nach dem Desinfektionsmittel aus der Zahnarztpraxis, wo er als Techniker arbeitete, und stellte seine Tasche immer an dieselbe Stelle neben der Garderobe. An diesem Donnerstag fand er seine Mutter am Küchentisch, vor sich einen Stapel Rechnungen, die sie dreimal sortiert und wieder durcheinandergebracht hatte.
„Du hast schon wieder vergessen, den Herd auszumachen", sagte er, und es klang schärfer, als er wollte. Die Platte war noch warm gewesen, als er die Wohnung betrat, der Topf mit der Suppe fast leer gekocht.
Ingrid antwortete nicht sofort. Sie strich mit dem Daumen über den Rand einer Rechnung, glättete eine Ecke, die schon glatt war. „Ich weiß", sagte sie dann. „Ich weiß, Matthias."
Er setzte sich ihr gegenüber, rieb sich die Schläfen. Seit drei Monaten war das so: Termine, die verschwanden, Namen, die sich verhedderten, der Schlüssel zur Werkstatt seines Vaters, den sie zwei Wochen lang gesucht hatten, bis er in der Kühlschranktür lag, zwischen den Marmeladengläsern. Die Werkstatt gehörte offiziell noch Ingrid – ihr verstorbener Mann hatte sie vor zwanzig Jahren aufgebaut, und seit seinem Tod führte ein Geselle namens Reik den Betrieb weiter, zahlte Pacht, während Ingrid formell die Papiere unterschrieb. Jetzt, dachte Matthias, würde bald jemand anders unterschreiben müssen.
„Mama, wir müssen über eine Betreuung reden. Über jemanden, der tagsüber da ist."
„Ich brauche keine Betreuung." Ihre Stimme wurde fest, fast die alte Stimme, mit der sie früher Lieferanten am Telefon zurechtgewiesen hatte, wenn eine Rechnung nicht stimmte. „Ich habe vierzig Jahre lang die Zahlen für die Werkstatt geführt. Ich habe dich großgezogen, allein, nachdem dein Vater krank wurde. Ich habe nie jemanden gebraucht, der mir sagt, wann ich den Herd ausmache."
„Das ist doch nicht das Thema."
„Doch. Genau das ist das Thema." Sie stand auf, zu schnell, hielt sich kurz an der Stuhllehne fest. „Du kommst hierher, guckst auf die Uhr, seufzt, wenn ich einen Satz zweimal sage. Ich sehe das, Matthias. Ich bin vergesslich, ich bin nicht blind."
Er schwieg. Draußen bellte der Hund der Familie Özdemir aus dem zweiten Stock, wie jeden Abend um diese Zeit, wenn der Müllwagen um die Ecke bog. Ingrid ging zum Fenster, drehte den Rücken zu ihm.
„Weißt du, was ich mich frage", sagte sie leiser. „Ob du dich erinnerst, wie ich dich um vier Uhr morgens zum Bahnhof gefahren habe, als du zur Bundeswehr musstest. Wie ich zwei Jobs hatte, damit du studieren konntest, obwohl die Werkstatt kaum was abwarf. Das war nie zu viel Mühe. Aber jetzt, wenn ich einen Satz zweimal frage, dann ist es zu viel."
Matthias' Handy vibrierte auf dem Tisch – eine Nachricht von seiner Frau, wegen des Abendessens. Er ignorierte es.
„Ich seufze nicht, weil es mir zu viel ist. Ich seufze, weil ich Angst habe." Er sagte es leiser, als er wollte, aber sie hörte es. „Letzte Woche warst du fast eine Stunde weg. Ich hab dich am Neupfarrplatz gefunden, du wusstest nicht mehr, wo die Straßenbahn hinfährt. Ich hab da gestanden und – ich wusste nicht, was ich tun soll, Mama. Das war's. Nicht Ärger. Angst."
Ingrid drehte sich nicht um. Ihre Schultern sackten ein Stück, als hätte jemand ihr etwas von den Armen genommen, das sie lange getragen hatte.
Am nächsten Tag brachte Matthias einen Termin mit, bei einem Neurologen in der Ostenallee, ohne vorher zu fragen, ob sie überhaupt wollte. Es kam zum Streit, kurz und laut, dann setzte sie sich doch ins Auto. Der Arzt sprach von leichter kognitiver Beeinträchtigung, von Tests, die man wiederholen müsse, von nichts, was man heute schon sicher sagen könne. Auf dem Rückweg schwiegen sie beide, bis Ingrid plötzlich sagte: „Halt kurz an der Werkstatt."
Reik stand draußen, wischte sich die Hände an einem Lappen ab, als sie ankamen. Er hatte Ingrids Handschrift auf jeder Quittung der letzten zwanzig Jahre gesehen und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, als sie ihn fragte, ob die Miete für den Monat schon bezahlt sei – sie selbst hatte die Überweisung vor drei Tagen abgeschickt.
„Frau Wallner", sagte er vorsichtig, „soll ich Ihnen was zu trinken holen?"
Sie schaute auf das Schild über der Tür, das ihr Mann selbst gemalt hatte, die Farbe schon abblätternd. „Nein, Reik. Ich wollte nur mal wieder den Geruch von Öl und Gummi riechen." Sie lachte kurz, ein trockenes Geräusch. „Klingt komisch, oder?"
„Klingt nach Ihnen", sagte Reik.
In den folgenden Wochen kam eine Pflegekraft dreimal die Woche vormittags, eine Frau namens Semra, die geduldig war und Ingrid nie korrigierte, sondern einfach die Sätze zu Ende sprach, wenn sie stockten. Matthias richtete auf dem Handy seiner Mutter eine App ein, die ihn benachrichtigte, wenn sie den Kreis um den Wohnblock verließ – Ingrid hatte lange geschimpft, dass das eine Fußfessel sei, dann irgendwann aufgehört, darüber zu reden.
Der eigentliche Bruch kam im November, an einem Sonntag, an dem Ingrid zum Mittagessen zu Matthias und seiner Frau Carolin eingeladen war. Sie kam anderthalb Stunden zu spät, ohne Mantel bei sechs Grad, die Handtasche fehlte. Als Matthias sie fand, saß sie auf einer Bank am Donauufer, ruhig, als hätte sie dort verabredet auf jemanden gewartet.
„Ich hab gedacht, ich treff deinen Vater hier", sagte sie, und ihre Augen waren klar, nur die Worte falsch verortet in der Zeit. „Wir haben uns hier immer getroffen, nach der Arbeit."
Matthias setzte sich neben sie, nahm seine Jacke ab, legte sie ihr um die Schultern. Er sagte nichts von der Uhrzeit, nichts vom Termin, der geplatzt war. Er saß einfach da, bis sie von selbst aufstand.
An diesem Abend, nachdem er sie nach Hause gebracht hatte, saß er lange im Auto vor dem Haus in der Bäckergasse. Dann rief er einen Notar an, den ein Kollege ihm empfohlen hatte, und vereinbarte einen Termin – nicht um seiner Mutter etwas wegzunehmen, sondern um mit ihr gemeinsam, solange es noch ging, eine Vorsorgevollmacht aufzusetzen. Er wollte, dass sie selbst bestimmte, wer für sie sprach, wenn sie es eines Tages nicht mehr konnte.
Ingrid saß dem Notar gegenüber, die Hände gefaltet auf dem Tisch, und als er fragte, wen sie als Bevollmächtigten wünsche, antwortete sie ohne Zögern: „Meinen Sohn. Aber ich will, dass in dem Papier steht, dass die Werkstatt weiterläuft, wie sie ist. Reik soll sie führen, solange er will. Das war der Wunsch meines Mannes, und es ist meiner."
Der Notar schrieb es auf. Matthias unterschrieb neben ihr, seine Hand zitterte leicht, ihre nicht.
Im Frühjahr darauf, an einem Samstag, brachte Matthias sie noch einmal zur Werkstatt, ohne besonderen Anlass. Sie stand lange vor dem Schild, das Reik hatte neu streichen lassen, dieselben Buchstaben, dieselbe Farbe wie vor zwanzig Jahren. Semra hielt ihre Handtasche, während Ingrid mit der flachen Hand über die Tür strich, dort, wo einst ihr Mann täglich hindurchgegangen war.
„Es riecht noch genauso", sagte sie.
Reik trat aus der Tür, wischte die Hände am Lappen ab, wie immer. „Kaffee, Frau Wallner?"
„Gern", sagte sie und ging hinein, langsamer als früher, aber aus eigenem Antrieb, und niemand drängte sie.
