Ich bin Krankenschwester im Klinikum Ingolstadt, dritter Stock, Innere Medizin. Zwölf Jahre mache ich das jetzt, und man glaubt gar nicht, was man in einem Vierbettzimmer so alles mitbekommt, wenn Besuchszeit ist und die Vorhänge nur halb zugezogen sind.
Frau Reinke lag bei uns auf Zimmer 314, wegen ihrer Hüfte, sechster Tag nach der OP. Eine zähe Frau, siebzig, mit Händen, die aussahen, als hätten sie fünfzig Jahre lang irgendwas repariert. Was auch stimmte – ihr gehörte, beziehungsweise hatte ihr mal gehört, eine Autowerkstatt draußen in Manching, gegründet mit ihrem Mann, der schon zehn Jahre tot war. Den Laden führte inzwischen ihr Schwiegersohn, Volker, verheiratet mit ihrer Tochter Bettina.
An dem Mittwoch, ich hatte Frühschicht, kam Volker zu Besuch. Blauer Blaumann noch an, roch nach Bremsenreiniger, hatte einen Aktenordner unterm Arm. Ich war gerade dabei, der Bettnachbarin von Frau Reinke die Infusion zu wechseln, tat also, als wäre ich beschäftigt – man lernt das, sich unsichtbar zu machen, wenn man in dem Job zwölf Jahre steht.
„Ich brauch deine Unterschrift, Mama", sagte er. Legte den Ordner auf die Bettdecke, klappte ihn auf. „Wegen der Übertragung. Der Notar braucht das bis Freitag, sonst verschiebt sich der ganze Kredit."
Frau Reinke, noch mit dem Schmerzkatheter im Rücken, blätterte. Ich sah ihre Finger auf dem Papier, wie sie über eine Zeile fuhren, zweimal.
„Das ist die Werkstatt", sagte sie. Keine Frage.
„Ist doch mit dir abgesprochen gewesen. Im Frühjahr schon." Er klopfte mit dem Kugelschreiber gegen den Rand. „Bettina und ich, wir zahlen dir ja was, das weißt du."
„Dreihundert Euro im Monat", sagte sie. „Seit vier Jahren dreihundert Euro. Die Werkstatt ist zweihundertvierzigtausend wert, hat der Steuerberater gesagt."
„Jetzt fang nicht an mit Rechnen, du liegst frisch operiert im Bett." Seine Stimme wurde lauter, dann leiser, als er merkte, dass die Nachbarin zuhörte. „Ich muss die Werkstatt auf mich haben, wegen der Bank. Sonst kriegen wir den Kredit für die neue Hebebühne nicht."
Ich hab in der Zeit die Infusion fertig gemacht, den Schlauch entlüftet, alles ganz normal, aber mit einem Ohr war ich die ganze Zeit bei den beiden. Draußen auf dem Flur lief der Fernseher im Aufenthaltsraum, irgendeine Vorabendserie, und durchs Fenster kam der Geruch von der Kantine rauf, Montagsgulasch, obwohl Mittwoch war – die machen das da im Wochenrhythmus versetzt, keine Ahnung warum.
Frau Reinke hat den Stift nicht angefasst. Sie hat den Ordner zugeklappt, mit beiden Händen, und die Handflächen noch einen Moment draufgelegt, so wie man einen Deckel festhält, damit nichts mehr rauskommt.
„Freitag ist noch Zeit", sagte sie. „Ich hab Schmerzmittel intus, Volker. Ich unterschreib jetzt gar nichts."
Er ist dann gegangen, den Ordner hat er dagelassen, auf dem Nachtschrank, zwischen der Wasserkaraffe und einem Fotoalbum, das ihre Tochter mitgebracht hatte. Ich hab noch gedacht: der kommt wieder, und zwar bald.
Kam er auch. Donnerstagmorgen, kurz vor der Visite. Ich war grad im Zimmer, um Blutdruck zu messen, die Manschette schon an ihrem Arm. Diesmal war Bettina dabei, die Tochter, mit einer Tüte Weintrauben, die sie erst gar nicht rausholte.
„Mama, sei doch vernünftig", sagte Bettina. „Volker hat mit der Bank telefoniert, die drängen. Wenn das bis Freitag nicht steht, ist der ganze Termin für die Hebebühne weg, und dann müssen wir das Geld für die Anzahlung zurückzahlen, das haben wir schon angelegt."
„Ihr habt Geld angelegt für eine Werkstatt, die noch nicht euch gehört", sagte Frau Reinke. Ganz ruhig, während ich ihr die Manschette abnahm. Hundertfünfundvierzig zu neunzig, notierte ich, ein bisschen hoch für den Tag sechs nach OP, aber bei der Aufregung kein Wunder.
„Sie gehört doch praktisch uns", sagte Volker von der Tür her, er war stehen geblieben, den Ordner wieder unterm Arm. „Wer arbeitet da jeden Tag, seit sechs Jahren? Ich. Wer hat die Kundenkartei digitalisiert, den zweiten Prüfstand eingebaut? Ich. Du sitzt zu Hause und kassierst."
„Ich kassier dreihundert Euro und lass euch den Rest", sagte sie. „Das war die Abmachung mit deinem Schwiegervater, als er noch gelebt hat. Solange ich lebe, gehört mir der Grund unter der Halle. Das steht im Grundbuch, Volker, das steht nicht in deinem Ordner."
Da ist was in seinem Gesicht passiert, das ich in zwölf Jahren schon öfter gesehen hab bei Angehörigen, die was wollen und es nicht kriegen. Er hat den Ordner auf den Tisch geknallt, nicht laut, aber so, dass die Wasserkaraffe wackelte.
„Wenn du nicht unterschreibst, überlegen wir uns, ob wir dich nach der Reha noch bei uns aufnehmen. Bettina kann nicht die ganze Pflege allein stemmen, das weißt du."
Bettina hat nichts gesagt. Hat nur die Trauben in der Tüte gedreht, so dass die Plastikfolie knisterte. Ich hab in dem Moment die Manschette weggeräumt und bin eigentlich fertig gewesen mit meiner Arbeit im Zimmer, aber ich bin noch geblieben, hab am Waschbecken irgendwas sortiert, was gar nicht sortiert werden musste.
Frau Reinke hat zu ihrer Tochter geschaut, nicht zu Volker.
„Dann komm ich eben nicht zu euch. Ich hab noch mein Haus in Manching, direkt neben der Werkstatt. Da wohne ich seit einundvierzig Jahren, das brauch ich von keinem geschenkt."
Sie hat dann nach der Klingel gegriffen und der Stationssekretärin gesagt, sie möchte einen Anwalt sprechen, sobald sie wieder laufen kann, wegen einer Vollmacht, die sie ändern will. Volker ist mit hochrotem Kopf raus, den Ordner hat er diesmal mitgenommen.
Ich hab die beiden dann fast zwei Wochen nicht mehr zusammen gesehen. Frau Reinke kam in die Reha nach Bad Gögging, das erfuhr ich, weil sie mir zum Abschied noch die Hand gegeben hat und gesagt hat, sie sei froh, dass ich nie was gesagt hätte, aber alles gehört hätte. „Man merkt, wenn jemand zuhört, ohne sich einzumischen", hat sie gesagt. Das hab ich mir gemerkt, weil das eigentlich das größte Kompliment ist, das man in dem Job kriegen kann.
Eine Anwältin aus Ingolstadt hat sie sich noch während der Reha genommen, das erzählte mir Frau Reinke selbst, Wochen später, als sie zur Kontrolle wieder bei uns auf der Station war, diesmal ambulant, nur für ein Röntgenbild der Hüfte. Sie saß im Rollstuhl vor dem Wartebereich, den Mantel noch an, und erzählte es mir, während wir auf den Aufruf warteten, so beiläufig, als ginge es um Rezepte.
„Ich hab ihm geschrieben, dass die Nutzung der Halle zum Jahresende endet. Drei Monate Frist, das reicht." Sie klopfte mit dem Finger auf die Armlehne. „Und einen Gutachter hab ich auch bestellt. Zweihundertvierzigtausend, hat er bestätigt, keinen Cent weniger. Entweder er kauft mir das ab, mit seinem eigenen Kredit, ohne dass ich für seine Hebebühne mit meinem Namen geradestehe – oder er räumt."
„Und die Bank?", fragte ich, weil ich es wissen wollte, nicht weil es meine Sache war.
„Die Bank hat ihm ohne mich als Bürgin nichts gegeben. Gar nichts." Sie sagte es ohne jede Genugtuung in der Stimme, eher wie einen Befund, den man vorliest.
Das Röntgenbild dauerte an dem Tag nicht lange, und als sie wieder rauskam, saß ihre Tochter im Wartebereich, ohne Volker. Bettina hatte eine Thermoskanne dabei und zwei Becher, und während ich am Empfang was eintrug, sah ich, wie sie ihrer Mutter einen davon reichte und wie Frau Reinke ihn mit beiden Händen umschloss, bevor sie trank.
Im Oktober, gut zwei Monate nach der OP, war ich mit meinem Mann zum Reifenwechsel in Manching, ganz zufällig, wir wohnen da in der Nähe. Nicht bei Reinkes Werkstatt, bei einer anderen, aber ich bin danach noch am alten Firmenschild vorbeigefahren, aus reiner Neugier. Da stand ein neues Schild dran, frisch lackiert: „Reinke Kfz-Technik – Inhaberin U. Reinke". Kein Volker mehr drauf, kein Bettina.
Durch die offene Hallentür sah ich einen Mann Anfang vierzig, den ich nicht kannte, wie er mit einer Kundin am Tresen stand und einen Ordner aufschlug, denselben Griff fast wie Volker damals, nur ruhiger. Frau Reinke stand daneben, in einer Strickjacke, und zeigte mit dem Finger auf eine Zeile im Vertrag, bevor sie ihm den Stift reichte.
Volker, hörte ich später über den Steuerberater meiner Schwägerin, arbeitet jetzt bei einer Werkstattkette in Neuburg, angestellt, mit festem Gehalt, ohne eigenen Schlüssel für irgendeine Halle.
