Zwei schwarze Katzen und ein Umschlag mit vier Fahrkarten nach Rostock

Noch neun Minuten bis zur Abfahrt, und Tobias bereute schon, dass er Merle nicht früher am Ärmel gepackt hatte.

„Ich hab's dir gesagt, lass die Viecher in Ruhe. Jetzt verpassen wir den Zug, und der ganze Urlaub ist im Eimer."

Auf dem kleinen Platz vor dem Hauptbahnhof Leipzig tollten zwei schwarze Kätzchen zwischen den Fahrradständern herum. Geschwister, offenbar aus demselben Wurf, mit viel zu großen Ohren und Pfoten, die noch nicht zum Rest des Körpers passten. Ein Wurstverkäufer schob gerade seinen Imbisswagen vorbei, aus dem Radio drang gedämpft der Wetterbericht für die Ostseeküste — Sonne, zweiundzwanzig Grad, am Nachmittag Wind auflandig. Niemand blieb stehen. Herrenlose Katzen, dazu noch schwarze, das war hier so uninteressant wie eine Bahnhofstaube.

Immer wenn Schritte näherkamen, erstarrten die beiden und sahen mit diesem speziellen Katzenblick zu den Vorbeigehenden hoch — als würden sie darauf warten, dass endlich jemand stehenbleibt. Und wenn die Schritte wieder verklangen, im Quietschen der einfahrenden Regionalbahn untergingen, spielten sie einfach weiter. Ihre Mutter war vor acht Tagen verschwunden, nicht zurückgekommen. Seitdem mussten sie sich allein durchschlagen, zwischen Mülleimern und den Essensresten vom Grillstand am Bahnhofsvorplatz.

Und die Leute — die Leute kannten sie ja. „Fass die nicht an, die bringen Unglück." Das hatte eine alte Frau ihrem Enkel zugezischt, ihn hastig weggezogen. Eine junge Mutter hatte ihrem Sohn auf die ausgestreckte Hand geklopft. Manche machten einen Bogen, als wäre da eine offene Kanalisation.

„Lass die in Ruhe, die bringen Unglück!", rief Tobias jetzt seiner Freundin hinterher.

Merle konnte nicht anders. Sie blieb stehen, sah den beiden Fellknäueln beim Toben zu. Stellte ihre Reisetasche ab. Ging hin. Eigene Kinder hatte sie noch keine, aber irgendetwas in ihr sagte klar und deutlich: die brauchen jemanden.

„Merle, hörst du mich überhaupt?" Lauter jetzt, genervter. Er stellte seinen Rucksack neben die Tasche und kam mit schnellen Schritten zu ihr. „Fass die bitte nicht an. Wir müssen los, sonst ist der Zug weg!"

Sie ging trotzdem hin. Streichelte erst das eine, dann das andere. Und dann — zum zweiten Mal an diesem Morgen konnte sie einfach nicht anders — nahm sie beide auf den Arm und drückte sie an sich. Sie schnurrten, kaum hörbar, aber sie schnurrten.

„Merle, was soll das? Wieso fasst du die an, weißt du nicht—"

„Was soll ich wissen?"

„Die bringen Unglück. Jetzt passiert bestimmt was Schlimmes."

„Quatsch. Katzen bringen kein Unglück. Wir Menschen machen sie unglücklich, wenn wir sie ignorieren und an so einen Aberglauben glauben."

Tobias schwieg, dann fiel ihm wieder ein: „Wir verpassen den Zug!"

„Wieso stehen wir dann noch rum? Komm."

„Mit den Katzen?", fragte er, als ihm klar wurde, dass sie die beiden nicht zurücklassen wollte.

„Mit den Katzen."

„Merle, wieso denn?"

Darauf antwortete sie gar nicht erst, schnaubte nur. Sechs Minuten bis zur Abfahrt, und Tobias bereute es schon wieder. Dann stolperte er über nichts, fiel hin, rappelte sich auf, rieb sich das Knie und warf einen misstrauischen Blick auf die beiden Kätzchen in Merles Armen. Laut sagte er nichts. Aber innerlich dachte er: Vielleicht hatte seine Oma ja recht gehabt. Die hatte ihm als Kind immer diese eine Gruselgeschichte von der schwarzen Katze erzählt, bevor er einschlafen sollte — danach hatte er oft Albträume gehabt, war schweißgebadet aufgewacht.

Aber was sollte er jetzt noch machen? Merle liebte er, wirklich sehr. Und Streit kurz vor dem lange geplanten Urlaub, das wollte er nicht. Also fügte er sich.

„Warten Sie, warten Sie!", rief er, als die Zugbegleiterin schon die Tür schließen wollte.

„Was'n los?"

„Wir haben Tickets für den Zug!"

„Zeigen."

„Was zeigen?", verstand Tobias nicht sofort.

„Na Ihre Fahrkarten."

Er stellte Tasche und Rucksack auf den Bahnsteig und wühlte darin herum. Nach einer Minute gab die Frau auf: „Gut, steigen Sie ein, ich kontrolliere später. Wir müssen los. Wissen Sie noch, welche Plätze?"

„Ja."

Sie ließ die beiden einsteigen, schmunzelte über die Kätzchen, schloss die Tür, der Zug ruckte an.

„Siehst du, wir haben ihn doch gekriegt", sagte Merle, als sie ihr Abteil betraten.

„Hätten aber auch nicht", brummte Tobias, doch als sich ihre Blicke trafen, ließ er es gut sein. Ehrlich gesagt war er froh, dass sie den Zug erwischt hatten und jetzt ohne weiteres Theater bis nach Warnemünde durchfahren konnten. Er hatte extra das ganze Vierer-Abteil gebucht, damit sie nicht neben irgendeinem Dauerredner oder — noch schlimmer — einem Betrunkenen sitzen mussten.

Nach einer halben Stunde klopfte es. Die Zugbegleiterin, jetzt lächelnd.

„So, jetzt aber."

„Was jetzt?", fragte Tobias und stieß sich beim Aufstehen von der unteren Liege den Kopf an der oberen.

„Na Ihre Fahrkarten. Oder dachten Sie, ich hab Sie vergessen?"

„Ach, entschuldigen Sie! Moment."

„Sie haben das ganze Abteil gebucht?"

„Ja", murmelte Tobias verlegen, weil er ahnte, was die Frau sich bei zwei jungen Leuten und einem Vierer-Abteil dachte.

„Dann brauche ich alle vier Tickets."

Er griff nach dem Rucksack und kramte. „Moment, die sind gleich da. Wo sind die bloß…"

Nach fünf Minuten lächelte die Zugbegleiterin nicht mehr, Tobias war knallrot vor Anstrengung, und Merle blinzelte verwirrt. Hatte er sie wirklich vergessen? Sie rief sich den Morgen ins Gedächtnis: die Diele, der weiße Briefumschlag auf der Kommode, Tobias, der ihn in die Hand nahm. Nein, vergessen hatte er ihn nicht. Sie hatte genau gesehen, wie er ihn eingesteckt hatte. Warum fand er ihn dann nicht?

„Merle, weißt du zufällig, wo die Tickets sind?"

„Du hattest sie doch von der Kommode!"

„Schau bitte mal in deiner Tasche nach. Falls ich sie dir gegeben hab. Kommt ja vor."

Merle seufzte, kramte in ihrer Handtasche — Ausweis, Feuchttücher, Kosmetiktäschchen, Ladekabel, Kopfhörer, Kaugummi, Sonnenbrille, ein Notizbuch mit Kugelschreiber und noch einiges mehr. Tobias kippte währenddessen den kompletten Inhalt seines Rucksacks auf die Liege und ging dann zur Tasche über.

„Gut, ich komme in fünf Minuten wieder", sagte die Zugbegleiterin und verschwand in den Gang. „Ich hoffe für Sie, Sie finden die Tickets."

Kaum war sie weg, fing Tobias an zu schimpfen.

„Ich hab's ja gesagt, man fasst keine schwarzen Katzen an. Jetzt schmeißen die uns an der nächsten Station raus, wie Schwarzfahrer, und aus Rostock wird nichts."

„Tobi, hör auf mit dem Unsinn. Was haben die Katzen mit den Tickets zu tun? Hast du in der Tasche wirklich richtig geschaut?"

„Kann ich da gar nicht reingesteckt haben. Bei mir kommt alles Wichtige immer in den Rucksack."

Er schob die geöffnete Tasche unter die Liege und wandte sich wieder dem Rucksack zu, drehte ihn auf links, tastete jede Naht ab. Vielleicht ein Loch, durch das die Tickets rausgerutscht waren?

Als die Zugbegleiterin zurückkam, zuckte Tobias zusammen und sah sie mit Hundeblick an.

„Wir haben die Tickets wohl zu Hause vergessen. Lässt sich das nicht irgendwie regeln?"

„Wollen Sie mir was zustecken? Mir?"

„Nein, nein", stotterte er. „Aber überlegen Sie doch — wir hätten uns kaum in ein fremdes Abteil gesetzt. Wir haben die Karten definitiv gekauft, nur irgendwo verlegt. Haben Sie ein bisschen Verständnis."

„Ohne Fahrkarte darf ich Sie nicht mitfahren lassen, tut mir leid. Wenn wir den nächsten Halt erreichen, hole ich Sie ab und bringe Sie zum Ausstieg." Sie schüttelte den Kopf. „Hätte ich mal gleich kontrolliert, ob Sie überhaupt Tickets dabeihaben. Stecken Sie sich sowas doch in die Innentasche, dann verliert man's nicht."

Innentasche! Tobias griff nach dem Rucksack, riss den Reißverschluss der Innentasche auf, an die er komplett vergessen hatte, und fuhr mit der Hand hinein. Nichts.

„Na gut, packen Sie erst mal Ihre Sachen zusammen", sagte die Zugbegleiterin und deutete auf die Haufen aus Kleidung und Krimskrams auf den Liegen, bevor sie die Abteiltür hinter sich zuzog.

Tobias warf den beiden schwarzen Kätzchen einen Blick zu. Die spürten wohl, dass gerade Ärger in der Luft lag, und verkrochen sich hinter Merles Rücken.

„Denk nicht mal dran, denen was in die Schuhe zu schieben. Gib lieber zu, dass du die Karten zu Hause liegen gelassen hast."

„Nein, ich weiß genau, dass ich sie eingesteckt hab."

„Wenn du sie eingesteckt hast, dann zeig sie mir."

Tobias merkte, dass sie ihn mit den eigenen Worten der Zugbegleiterin aufzog, und ließ es dabei bewenden. Die Katzen, als sie merkten, dass das Gewitter vorübergezogen war, fingen wieder an zu spielen.

„Ausgerechnet jetzt", brummte Tobias.

„Nicht meckern. Das sind Babys. Würdest du deine eigenen Kinder so anfahren?"

Tobias schwieg wieder und packte seine Sachen zurück in den Rucksack. Merle stopfte ihre Dinge wieder in die Handtasche. Die Katzen trieben derweil richtig Schindluder: Eines flüchtete vor dem anderen und sprang in die noch offene Tasche, das zweite hinterher. Es begann eine regelrechte Rauferei da drin.

„Merle, hol die da raus!"

„Lass sie."

„Da sind Sachen drin."

„Keine Sorge, ich hab sie gefüttert, die fressen nichts an."

„Fressen nicht, aber kaputt machen können sie's trotzdem."

Tobias bückte sich, zog die Tasche unter der Liege hervor — und erstarrte. Die beiden Katzen zerrten fauchend an einem weißen Umschlag, jede mit den Zähnen an einer Seite.

„Das ist doch… Nicht zu fassen!"

Er entwand den beiden mühsam den Umschlag, spähte hinein und atmete auf.

„Da sind sie, unsere Tickets! Merle, gefunden!"

„Gott sei Dank."

In diesem Moment kam die Zugbegleiterin wieder herein.

„So, dann bitte aussteigen."

„Wir bleiben!", grinste Tobias.

„Wie bitte?"

„Hier, die Tickets."

Die Frau prüfte die Fahrkarten lange, fand aber nichts zu beanstanden. Außer vielleicht:

„Was sind denn das für komische Löcher da?"

„Ach, das… Das waren unsere beiden hier."

Die Zugbegleiterin lächelte. Kannte sie. Ihre eigenen Kater hatten ihr mal den Personalausweis zerkaut, musste sie neu beantragen bei der Stadtverwaltung, drei Wochen Wartezeit.

„Na gut. Gute Fahrt noch!" Sie lächelte und verschwand.

Merle legte die Arme um Tobias.

„Na siehst du, schwarze Katzen bringen Glück."

„Jetzt glaub ich's auch", lachte er.

„Behalten wir die?"

„Auf jeden Fall."

Als sie am Nachmittag in Rostock Hauptbahnhof ausstiegen, saß Merle mit den beiden Kätzchen in einer Transportbox aus dem nächsten Zoofachgeschäft, die sie extra während des Umstiegs in Berlin gekauft hatte — vierunddreißig Euro neunzig, mit Netzfenster, damit die beiden während der Weiterfahrt zur Ostsee nicht durchdrehten. Tobias hatte im Internet schon den Tierarzt in Warnemünde herausgesucht, für den ersten Check am Montag. Die Katze mit dem weißen Fleck an der Pfote nannten sie Krümel, die andere Ruß. Und als sie abends auf der Hotelterrasse saßen, Ostseewind im Gesicht, Krümel schlafend auf Merles Schoß, sagte Tobias nur: „Gut, dass du dich nicht hast abhalten lassen."

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: