Marlies Kupfermantel und die vierzehn Jahre bei Herrn Brandstetter

Marlies Kupfermantel und die fünfzehn Jahre bei Herrn Brandstetter

Es war Viertel nach elf, Dienstagabend, Reihenhaussiedlung am Rand von Aschaffenburg. Frank Brandstetter stand in der Küche und presste sich ein Papiertuch mit Franzbranntwein gegen den Handrücken, wo drei frische Kratzer bluteten.

„Sabine, so kann das nicht weitergehen", sagte er zu seiner Frau. „Die Katze wird eh nicht mehr lange machen. Und ich, ehrlich gesagt, ich hab die Schnauze voll von ihrem Gebrüll um Mitternacht."

„Und was schlägst du vor, Frank?" Sabine wischte sich über die Augen. „Sie ist fünfzehn Jahre bei uns."

„Eben. Fünfzehn Jahre, das ist genug. Ich hab neulich gelesen, alte Katzen suchen sich instinktiv einen ruhigen Ort zum Sterben. Also machen wir's ihr leicht: wir lassen sie raus, sie sucht sich ihren Platz, fertig. Für sie ist das besser als hier drin zu vegetieren."

„Du willst sie aussetzen? Marlies kann kaum noch auf die Couch springen."

„Was soll die Diskussion. Wir kommen nicht mal in den Skiurlaub, weil wegen der Katze keiner Zeit hat, wir müssten sie in die Pension bringen, und die kostet vierzig Euro die Nacht. Der Tierarzt selbst hat gesagt, jede Autofahrt ist für sie Stress pur. Also, was ist optimaler als das hier?"

Auf dem Küchenboden lag Marlies, eine getigerte Kätzin mit trübem linken Auge, und sah abwechselnd zu Sabine und zu Frank, als versuchte sie zu verstehen, was die beiden diesmal vorhatten.

„Du selbst bist doch schuld", murmelte Sabine. „Du haust ihr mit dem Pantoffel hinterher und packst sie am Nackenfell, um sie auf den Balkon zu sperren."

„Weil sie nachts schreit! Ich krieg kein Auge zu deswegen!"

Sabine drehte sich weg, damit er die Tränen nicht sah. Frank nutzte die Pause nicht zum Trösten, sondern zum Nachlegen:

„Also gut, Sabine. Entscheide dich: entweder die Katze geht raus, oder ich pack meine Sachen."

Vier Tage später fuhr Frank mit dem Golf nach Frankfurt, wo seine Schwester wohnte — angeblich, um ihr eine alte Anrichte vorbeizubringen, die im Kofferraum lag. Die Transportbox mit Marlies stand daneben, als hätte er sie schon den ganzen Tag mitgeschleppt und nur auf eine Gelegenheit gewartet. In einer Seitenstraße im Nordend, wo gerade ein Umzugswagen die Einfahrt zur Tiefgarage blockierte, hielt er kurz, öffnete die Box zwischen den Mülltonnen und kippte Marlies förmlich heraus. Eine alte Wolldecke mit Mottenlöchern, die Sabine ohnehin hatte entsorgen wollen, warf er hinterher. Dann fuhr er weiter, als wäre nichts gewesen.

Marlies hätte schreien wollen. Laut, bis die Stimme versagt. Aber sie blieb still und sah nur dem Golf hinterher, der um die Ecke bog, ohne dass eine Bremsleuchte noch einmal aufflammte. Sie zog sich auf die löchrige Decke zurück, die Beine unter dem Leib eingeknickt, das trübe Auge der Straße zugewandt, das gesunde zur Ecke, hinter der der Wagen verschwunden war. Dort blieb sie liegen, bis die Dämmerung kam und die Kälte durch die Decke kroch.

*

„Autsch!" Nele Vogler sprang einen Schritt zurück und leuchtete mit dem Handy auf den Boden.

„Was ist los?" Timo kam mit einem Umzugskarton aus der Tiefgarage.

„Ich bin fast auf was drauf getreten." Sie richtete das Licht genauer aus — und da lag sie: eine hagere, getigerte Katze, auf einer löchrigen Decke, die Beine unter dem Körper eingeknickt, als könnte sie nicht mehr aufstehen.

Timo und Nele waren gerade erst in ihre neue Wohnung im Frankfurter Nordend eingezogen und brachten seit dem Nachmittag Kartons zum Container. Vor einer halben Stunde, beim letzten Gang, war hier noch nichts gewesen.

„Die hat da vorhin noch nicht gelegen", sagte Nele. „Vielleicht hat sie jemand aus dem Auto gesetzt, gerade eben, während wir oben waren."

Die Katze versuchte, sich aufzurichten, sackte aber sofort wieder zusammen. Die Hinterläufe trugen sie nicht.

„Siehst du das? Die kann nicht mal stehen. Und die Decke — die hat garantiert jemand mitgebracht, so was liegt nicht zufällig neben dem Container."

„Wahrscheinlich ist sie einfach alt und krank, und die Besitzer wollten sich das Theater nicht antun." Timo verzog das Gesicht. „Nele — sag jetzt nicht, du willst die mitnehmen."

„Und was schlägst du vor? Dass sie hier neben der Mülltonne verreckt? Nein. Wir nehmen sie mit. Für heute Nacht, es soll Frost geben. Morgen früh geht's zum Tierarzt."

So landete Marlies mit fünfzehn Jahren in einer fremden Altbauwohnung mit Stuckdecke, bei Menschen, die sie noch nie gesehen hatte. Sie kratzte Timo noch am selben Abend, als er wissen wollte, ob es ein Kater oder eine Kätzin war — Neugier, die sie ihm mit drei roten Streifen quittierte.

„Selber schuld", sagte Nele, während sie beobachtete, wie er auf die Kratzer pustete. „Man greift Damen nicht einfach unters Fell, um nachzuschauen."

Bei ihr dagegen blieb die Katze völlig ruhig — zwanzig Minuten lang, während Nele sie in der Küchenspüle mit lauwarmem Wasser wusch, kein einziges Fauchen.

Nachts schrie Marlies laut, aber nicht lange. Nele nahm sie sofort hoch, drückte sie an sich, strich ihr über den Kopf, bis das Zittern aufhörte. Es ging schnell, als hätte die Katze zum allerersten Mal seit Monaten gespürt: hier wird sie nicht ertragen, hier wird sie gehalten.

Der Tierarzt in der Berger Straße diagnostizierte beginnende Arthrose, leichte Unterernährung, einen entzündeten Zahn — nichts, was sich nicht behandeln ließ. „Katzen werden zwanzig, manchmal älter", sagte er, während er die Spritze aufzog. „Die hat noch ein paar gute Jahre vor sich, wenn man sich kümmert."

Einen Monat lang wollte Marlies nachts nicht allein schlafen. Timo landete regelmäßig am äußersten Bettrand, weil Nele und die Katze die Mitte beanspruchten, und er beschwerte sich nur halbherzig, denn die Katze mochte schlechte Laune nicht — und ihre Krallen waren immer noch scharf.

„Guck mal, sie ist schon viel beweglicher", freute sich Nele eines Abends, als Marlies in eine umgekippte Rewe-Tüte kletterte und sich hineinlegte.

„Gut. Dann wird's Zeit, ihr ein neues Zuhause zu suchen. Sie wohnt jetzt schon einen Monat bei uns zur Untermiete." Timo grinste, aber es steckte ein Fünkchen Ernst darin.

„Vielleicht… guck sie dir doch an, wie gut es ihr bei uns geht. Ich hab ihr sogar schon einen Namen gegeben. Marlies. Passt doch."

„Nele. Du hast versprochen, das ist nur vorübergehend."

„Du bist ein furchtbarer Erbsenzähler, Timo."

Einen Halter zu finden war schwerer als gedacht. Kein Anruf, keine Nachricht auf die Kleinanzeige. Also strich Nele das Alter aus dem Inserat und fotografierte nur das gesunde rechte Auge, von der Seite, sodass das trübe linke im Schatten blieb. Danach klingelte das Telefon ständig.

Doch sobald die Interessenten vor Marlies standen, wich die Begeisterung einem betretenen Schweigen.

„Sie sagten nicht, dass sie so alt ist. Auf dem Foto dachte ich, drei, vier Jahre. Das sind doch mindestens fünfzehn?"

„Der Tierarzt schätzt fünfzehn, ja", antwortete Nele. „Aber ist das für eine Katze wirklich viel? Manche werden zwanzig."

„Warum liegt sie die ganze Zeit nur rum?"

„Sie hat leichte Arthrose. Aber sie ist wirklich lieb und verschmust."

„Nein danke, so eine Katze wollen wir nicht", sagte die Frau trocken und ging.

Drei-, viermal wiederholte sich das. Beim letzten Mal kamen zwei Rentner, Herr und Frau Ostermeier.

„Sie ist ja hübsch anzusehen. Aber fünfzehn Jahre, oder? Sowas Altes, das lohnt sich für uns nicht mehr. Da hat sie ja bald Diabetes und was weiß ich."

Nele öffnete schon den Mund, um zu widersprechen, doch Timo kam ihr zuvor. Er hielt seine zerkratzten Hände hoch.

„Wissen Sie was, Sie haben völlig recht. Die kratzt nämlich auch noch, und nachts brüllt sie, dass die Nachbarn fast die Polizei gerufen hätten."

Die Ostermeiers gingen fluchtartig. Als die Tür ins Schloss fiel, sah Nele ihren Mann fassungslos an.

„Warum hast du die verscheucht? Vielleicht hätte ich sie überreden können."

„Ich hab in ihre Augen geschaut, als sie ,lohnt sich nicht mehr' gesagt hat. Genau so hat mein Opa geguckt, kurz bevor sie ihn ins Heim abgeschoben haben. Ich lass die Marlies da nicht reinlaufen, egal wie überzeugend du redest."

Nele sagte nichts mehr. Sie sah zu Marlies hinüber, die reglos in ihrem Körbchen lag, die Ohren leicht gedreht, als würde sie jedes Wort verstehen.

„Dann bleibt sie eben", sagte Nele schließlich leise. „Aber dann bleibt sie richtig. Kein Inserat mehr, kein Vielleicht."

Timo hob Marlies hoch — sie kratzte ihn diesmal nicht — und trug sie ins Schlafzimmer, legte sie mitten aufs Bett und legte sich selbst an den äußersten Rand.

Von da an gab es keine Anzeigen mehr. Marlies blieb.

Ein Jahr später, an einem regnerischen Novembernachmittag, saß Marlies auf der Fensterbank im Nordend und beobachtete den Regen an der Scheibe. Nele kam mit dem Telefon in der Hand aus der Küche, das Gesicht seltsam angespannt.

„Das war die Nachbarin von der alten Adresse", sagte sie zu Timo. „Frank Brandstetter hat sich vor ein paar Wochen wieder eine Katze aus dem Tierheim geholt. Junges Tier. Nach zwei Wochen hat er sie zurückgebracht, er kam nicht klar."

Timo sagte nichts dazu. Er setzte sich auf die Fensterbank neben Marlies, die sich sofort an seinen Oberschenkel drückte, und kraulte ihr die Stelle hinterm Ohr, die sie am liebsten mochte. Draußen fuhr ein Bus vorbei, die Scheiben beschlagen vom Regen, und Marlies schloss ihr gesundes rechtes Auge, während das trübe linke offen blieb, als hielte es Wache.

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Uniad
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